Jeden Tag treffen wir unzählige Entscheidungen. Über die Jahre habe ich mir eine Handvoll Prinzipien angeeignet, die mir dabei helfen, die richtigen zu treffen.
Diese Folge ist ein Auszug aus meinem persönlichen Repertoire. Kein Anspruch auf Vollständigkeit – aber vielleicht ist das eine oder andere Prinzip auch für dich dabei.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Geh den ersten Schritt. „Go First“ heißt: Warte nicht auf andere. Wenn du etwas machen willst oder jemanden spannend findest, sei der Erste, der handelt.
- Hell Yeah or No. Wenn du dich nicht klar entscheiden kannst, ist es ein Nein. So hältst du Mittelmäßigkeit aus deinem Kalender und deinem Leben fern.
- Fang lieber unfertig an, als perfekt zu zögern. Der erste Entwurf ist immer schlecht. Qualität entsteht durch Iteration, nicht durch Perfektionismus.
- Gewinne den Morgen. Investiere zuerst in dich selbst. Wer den Morgen gewinnt, gewinnt den Tag – ohne Druck am Abend.
- Schreib es auf, du wirst es vergessen. Dein Gehirn ist zum Denken da, nicht zum Speichern. Ein Second Brain hält jede Idee fest.
Die 10 Prinzipien im Detail
- Go First. Wenn du etwas machen möchtest, warte nicht auf andere. In meinem Sport-Leistungskurs hat unser Lehrer gefragt, wer den Hamburg-Marathon läuft. Ich war der Einzige, der sich gemeldet hat – niemand ist nachgezogen. Ich bin ihn trotzdem gelaufen, mit achtzehn Jahren, und zehre bis heute davon. Das Prinzip gilt auch für Menschen: Wenn du auf jemanden triffst, den du spannend findest, mach den ersten Schritt und sprich die Person an. Du wirst dir selbst dafür danken.
- Hell Yeah or No. Das Prinzip stammt vom Unternehmer Derek Sivers. Wenn du dich nicht klar entscheiden kannst, ist es ein Nein. Früh in der Karriere solltest du zu vielem Ja sagen und viel lernen. Doch irgendwann flacht die Lernkurve ab, und Zeit wird das kostbarste Gut. Bei Büchern, Vorträgen oder Kooperationen gilt für mich: Wenn es mich nicht wirklich begeistert, ist es ein Nein. So ziehst du keine mittelmäßigen Dinge in dein Leben.
- Lieber unfertig anfangen als perfekt zögern. Bei meiner Masterarbeit bin ich mit perfektionistischer Brille rangegangen und habe an jedem Satz endlos gefeilt. Am Ende bin ich auf die Schnauze gefallen. Heute weiß ich: Der erste Entwurf ist immer schlecht, und das ist okay. Perfektion kommt durch Iteration – egal ob Newsletter, Podcast-Skript oder Bewerbung. Gesunder Pragmatismus schlägt Perfektionismus.
- Win the Morning. Der Gedanke kommt für mich aus der Geldanlage: Investiere zuerst in dich selbst. Statt am Morgen sofort zu konsumieren, tue als Erstes etwas für dich. Wenn ich meine Morgenroutine gemacht habe, habe ich um acht Uhr schon gewonnen. Dann muss ich am Abend nichts mehr erzwingen.
- Schreib es auf. Dein Gehirn ist zum Denken da, nicht zum Speichern von Ideen. Die Fritz-Kola-Gründer Mirco Wolf Wiegert und Lorenz Hampl haben schon im Studium ein „Ideenheft“ geführt und jede Inspiration festgehalten – der Grundstein für ihr Unternehmen. Genau dafür nutze ich heute mein Second Brain. In der Podcast-Folge 78 habe ich das Prinzip ausführlich beschrieben. Wichtig ist nur: Halte fest, was dich begeistert, an einem Ort, an dem du es wiederfindest.
- Fokussiere High-Leverage-Aktivitäten. Frag dich: Womit habe ich den größten Hebel? Ein 60-minütiges Telefonat mit einem Berufseinsteiger kann seine ganze Laufbahn positiv beeinflussen – ein enormer Hebel. Ein Newsletter oder eine Podcast-Folge erreicht Tausende und hat langfristig Bestand. Buchhaltung und Ablage haben diesen Hebel nicht. Für Führungskräfte ist das die zentrale Kompetenz: Mitarbeiter richtig einsetzen, ihre Stärken nutzen, sie entwickeln.
- Sei dir deiner eigenen Inkompetenz bewusst. Eine der größten Gefahren ist der Glaube, man hätte die Welt verstanden. Früher dachten Menschen, die Erde sei eine Scheibe – der Stand der Wissenschaft ihrer Zeit. Auch heute werden viele unserer Glaubenssätze irgendwann über Bord geworfen. Der Sockel unserer Kompetenz ist winzig. Deshalb: Bleib neugierig, stell Dinge in Frage, hör zu. Selbst ein Krebsforscher, der sein Leben einem winzigen Feld widmet, spürt, wie viel er noch nicht durchdrungen hat.
- Exponentielles Wachstum, getragen von Konstanz. Wir unterschätzen exponentielles Wachstum maßlos. Konstanz ist wichtiger als Anstrengung. Ich muss kein Buch in einer Woche verschlingen – fünf Seiten pro Tag reichen. Über einen langen Zeitraum haben kleine, konstante Schritte eine riesige Wirkung. Die Zeit macht den Rest.
- Resistance ist der Feind. Steven Pressfield beschreibt Resistance als unsichtbare Kraft, die dich davon abhält, das Wichtige zu tun. Du willst dich hinsetzen und konzentrieren, plötzlich willst du die Spülmaschine ausräumen oder Freunde rufen an. Das ist Resistance. Sie verschwindet nie – es geht darum, besser mit ihr umzugehen. Das Marshmallow-Experiment zeigt: Kinder, die dem Widerstand standhielten, waren später erfolgreicher, zufriedener und gesünder.
- Everything is figureoutable. Eines meiner ersten Sachbücher trug den Titel „Alles ist erreichbar“ – der Titel ist hängengeblieben, auch wenn ich das Buch nicht empfehlen würde. Es geht nicht darum, ob ich etwas kann, sondern was ich tun muss, um es umzusetzen. Immer wieder habe ich Dinge gemacht, die andere für unmöglich hielten. Lass dich nicht von hohen Zielen abschrecken – es gibt immer einen Weg. Frag oft jemanden, der den Prozess schon gemeistert hat, und plötzlich wirkt es gar nicht mehr so kompliziert.
Viele dieser Prinzipien greifen ineinander und kreisen um dieselbe Frage: Wie triffst du bessere Entscheidungen? Wenn dich das Thema packt, hör dir auch die Folge über Ideen, die dein Leben verändern an. Wie du Probleme von Grund auf durchdenkst, statt Annahmen zu übernehmen, zeigt First Principles Thinking. Und warum Konstanz jede Anstrengung schlägt, vertiefe ich in der Folge über langfristig denken.
Häufige Fragen zu Lebensprinzipien
Was sind Lebensprinzipien? Lebensprinzipien sind persönliche Leitsätze, die dir helfen, im Alltag schneller die richtigen Entscheidungen zu treffen. Sie funktionieren wie mentale Modelle: Du musst nicht jede Situation neu bewerten, sondern greifst auf eine bewährte Regel zurück.
Was bedeutet „Hell Yeah or No“? Das Prinzip stammt von Derek Sivers und besagt: Wenn du bei einer Entscheidung nicht klar begeistert bist, ist die Antwort automatisch Nein. So schützt du deine Zeit und hältst Mittelmäßiges aus deinem Leben fern.
Was ist mit „Resistance“ gemeint? Resistance ist die innere Kraft, die dich davon abhält, das Wichtige zu tun – Prokrastination, Ablenkung, plötzliche Nebentätigkeiten. Der Begriff stammt von Steven Pressfield. Sie verschwindet nie ganz, aber du kannst lernen, besser mit ihr umzugehen.
Wie fange ich an, eigene Lebensprinzipien zu entwickeln? Achte darauf, welche Leitsätze dir in schwierigen Momenten wirklich helfen, und halte sie schriftlich fest. Fang mit ein bis zwei Prinzipien an, wende sie bewusst an und verfeinere sie über die Zeit.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- Steven Pressfield – The War of Art: Ein Klassiker über „Resistance“ – die unsichtbare Kraft, die kreative und wichtige Arbeit blockiert – und wie du sie überwindest.
- Ray Dalio – Principles: wie klare, aufgeschriebene Prinzipien zu besseren Entscheidungen führen – eine der Inspirationen hinter diesen Leitsätzen.
- Marie Forleo – Everything Is Figureoutable: die Grundhaltung hinter dem Prinzip, dass sich fast alles lösen lässt, wenn du es wirklich willst.
- Tim Schmaddebeck – No Zero Days: Mein Buch über Konstanz, kleine tägliche Schritte und das Prinzip, keinen Tag ganz verstreichen zu lassen.
Weitere Titel dazu findest du in meinen Buchempfehlungen zum Thema Mindset.
Diese Folge gehört zum Thema Persönlichkeit.
Transkript
Täglich müssen wir unzählige Entscheidungen treffen. Im Laufe der Zeit habe ich mir diverse unterschiedliche Prinzipien angeeignet – im Englischen auch „mental models“ genannt – mit dem Ziel, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Zehn davon möchte ich in dieser Folge mit dir teilen. Das erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit, aber es ist ein Auszug der Prinzipien, die mir dabei helfen. Vielleicht ist das eine oder andere auch für dich dabei.
Fangen wir mit dem ersten Prinzip an: „Go First“. Ich weiß gar nicht mehr, wo ich das erste Mal davon gehört habe, aber ich habe mich direkt angesprochen gefühlt. Es hat zwei Facetten. Die erste: Wenn du etwas machen möchtest, dann warte nicht auf andere.
Das erinnert mich an meine Schulzeit. Ich hatte damals Sport-Leistungskurs, und unser Lehrer war sehr ambitioniert. Er sagte: In Hamburg gibt es jedes Jahr den Hamburg-Marathon – wer von euch hat Lust, im Rahmen dieses Kurses daran teilzunehmen? Wir waren knapp zwanzig Personen. Mich hat diese Idee angefixt, obwohl die Hürde riesig war. Ich war noch nie einen Marathon gelaufen, war zwar sportlich, aber nicht dafür trainiert. Am Ende war ich der Einzige, der sich gemeldet hat. Kein anderer ist nachgezogen – aber das war mir egal. Ich habe diesen ersten Schritt gemacht. Für mich mit achtzehn Jahren einen Marathon zu laufen, war ein unglaublich spannendes Erlebnis, von dem ich heute noch zehre.
„Go First“ hat für mich noch eine zweite Perspektive, und die merke ich vor allem auf LinkedIn. Es gibt so viele spannende Persönlichkeiten. Früher hätte ich niemals den ersten Schritt gemacht, um diese Leute kennenzulernen. Doch oft ist es so: Es gibt andere Menschen, die genauso denken wie du, oder deren Projekte du spannend findest – aber man geht diesen ersten Schritt nicht. Wenn du diese erste Hürde überwindest, merkst du meistens, wie leicht man ins Gespräch kommt und wie begeistert die Leute sind, dass man sie angesprochen hat. Also: Wenn du auf eine Person triffst, die du spannend findest, mach den ersten Schritt und sprich sie an. Du wirst dir selbst dafür danken. Proaktiv zu sein und wirklich den ersten Schritt zu tun, ist ein ganz wichtiges Prinzip für mich.
Prinzip Nummer zwei: „Hell Yeah or No“. Vielleicht hast du das schon mal gehört – es kommt vom Unternehmer Derek Sivers. Es heißt: Wenn du dich nicht entscheiden kannst, dann ist es ein Nein. Aus meiner Erfahrung gibt es zwei Phasen beim Ja- und Nein-Sagen. Relativ früh in der Karriere würde ich jedem empfehlen, zu allen Möglichkeiten Ja zu sagen, besonders zu Projekten und Themen, die du noch nicht kennst. Du kannst unglaublich viel dabei lernen. Doch irgendwann flacht die Lernkurve ab, und es geht mehr um Tiefe. Dann wird es spannender, Nein zu sagen. In dieser Situation befinde ich mich heute. Zeit ist unfassbar kostbar und begrenzt.
Bei der Buchauswahl zum Beispiel: Wenn mich ein Buch nicht in dem Moment richtig begeistert, dann ist es ein Nein, und ich lese es nicht. Es gibt so viele Bücher, und die Zeit ist zu kostbar für ein mittelmäßiges Buch. Wenn du dich nicht wirklich entscheiden kannst, ob du es lesen sollst, dann ist es kein „Hell Yeah“ – also ein Nein. Das gilt auch beruflich. Wenn mich ein Vortrag, ein Workshop oder eine Zusammenarbeit nicht wirklich begeistert, dann ist es ein Nein. Sonst raubt es mir aus Opportunitätskostensicht zu viel Zeit für die Dinge, die mich wirklich begeistern.
Wenn man dieses Prinzip nicht verfolgt, läuft man Gefahr, viele mittelmäßige Dinge in den Kalender zu ziehen. Vielleicht kennst du das vom Shopping: Jeder hat Kleidungsstücke im Schrank, die so mittelmäßig sind, dass man sie nie trägt. Man hat sie gekauft, weil sie ganz okay aussahen – aber es war kein „Hell Yeah“. Genauso bei Filmen, Restaurants und vielen Dingen im Privatleben. Dieses Prinzip hilft mir, Mittelmäßigkeit aus dem Leben fernzuhalten.
Punkt Nummer drei ist ein unglaublich wichtiges Prinzip für mich: Fang lieber unfertig an, als perfekt zu zögern. Ich habe mir dadurch eine Art Pragmatismus antrainiert. Ich erzähle kurz die Story zu meiner Masterarbeit. Damals dachte ich: Ich werde mit dieser Arbeit richtig überzeugen. Ich bin mit einer perfektionistischen Brille rangegangen und habe mich verrückt gemacht. Ich habe Bücher ohne Ende gewälzt und an jedem Satz endlos gefeilt, um die perfekte Formulierung zu finden. Spannenderweise habe ich nicht mit meinem Erstprüfer gesprochen, weil ich das Gefühl hatte, negativ aufzufallen, wenn ich ständig Fragen stelle. Am Ende bin ich auf die Schnauze gefallen, weil ich viel zu hohe Erwartungen hatte. Ich dachte, ich rocke das mit Neunzig zu null – so war es definitiv nicht. Das ist eines meiner größten Learnings: Das mache ich nie wieder.
Heute mache ich es viel pragmatischer, mit einem Prinzip, das ich überall nutze – ob ich einen Newsletter schreibe, eine Podcast-Folge vorbereite oder LinkedIn-Beiträge verfasse: „Shitty first draft“. Der erste Entwurf ist immer schlecht, und es macht keinen Sinn, gleich mit Perfektion ranzugehen. Perfektion kommt durch Iteration. Bei meiner Masterarbeit würde ich mir heute zehn Fragen überlegen, die ich meinem Dozenten stelle, und diese pragmatisch beantworten. Damals habe ich unzählige Stunden in den Theorieteil gesteckt, den am Ende kaum jemand länger als ein paar Minuten liest. Gesunder Pragmatismus prägt heute meinen Alltag. Es geht darum, etwas zu schaffen – und das gelingt durch Iteration, nicht durch Perfektion. Perfektion wird völlig überbewertet und ist höchstens ein langfristiges Ziel.
Prinzip Nummer vier habe ich in Folge fünf schon ausführlich besprochen: „Win the Morning, win the day“. Spannenderweise kommt der Gedanke für mich aus dem Bereich der Geldanlage. Dort gibt es ein einfaches Prinzip: Investiere zuerst in dich selbst. Wenn du am Anfang des Monats dein Gehalt bekommst, kannst du es sofort konsumieren – oder du legst als Allererstes etwas zur Seite und sparst. Genau das mache ich mit meiner Morgenroutine. Wichtig: Du musst kein Morgenmensch sein. Es geht rein um das Prinzip, gleich morgens etwas für dich selbst zu tun. Wenn ich um acht Uhr schon gelesen und etwas für meine Gesundheit, mein Wohlbefinden, meine Fitness und meine persönliche Entwicklung getan habe, dann habe ich den Morgen gewonnen – und damit automatisch den Tag. Dann muss ich um achtzehn Uhr nichts mehr erzwingen.
Punkt Nummer fünf: „Write it down“ – schreib es auf, du wirst es vergessen. Ich habe in unzähligen Momenten gedacht: Das vergesse ich nicht. Und jedes Mal habe ich es doch vergessen. Es kann ein kleiner Gedanke sein, eine Idee, etwas, das ich gelesen habe. Wenn ich es nicht festhalte, ist es weg.
Geprägt hat mich eine Geschichte aus meinem Studium über die Fritz-Kola-Gründer. Fritz-Kola ist heute ein großes, international tätiges Unternehmen. Die beiden Gründer, Mirco Wolf Wiegert und Lorenz Hampl, stammen aus Hamburg und haben an derselben Uni studiert wie ich. Schon während des Studiums sagten sie sich: Wir wollen etwas Selbstständiges machen, wir wissen nur noch nicht was. Also fingen sie an, ein kleines Buch mit Ideen zu füllen – ihr „Ideenheft“. Sie schrieben alles auf, was ihnen auffiel, jede kleinste Inspiration, jeden noch so flüchtigen Gedanken. Diese Geschichte kannst du auf der Seite von Fritz-Kola nachlesen. Für die beiden war das Ideenheft der Grundstein ihres unternehmerischen Weges.
In der Podcast-Folge 78 habe ich schon einmal vom „Second Brain“ gesprochen. Das Gehirn ist zum Denken da, nicht zum Speichern – „your brain is for having ideas, not holding them“. Genau dafür habe ich mir ein Second Brain aufgebaut. Es ist für mich viel mehr als ein Ideenheft, aber es schließt es ein. Ich halte alle Möglichkeiten fest, die vielleicht in Zukunft kommen könnten, und alles andere Spannende auch – heute digital, früher physisch. Wenn du dich selbstständig machen möchtest oder den Gedanken attraktiv findest, aber nicht weißt, womit du anfangen sollst: Führ ein Ideenheft, bau dein eigenes Second Brain auf. Es gibt keine Vorlage. Das Wichtigste ist: Wenn du etwas spannend findest, schreib es auf – gebündelt an einem Ort, an dem du es wiederfindest.
Punkt Nummer sechs ist nicht weniger wichtig: Ich versuche mich jeden Tag auf High-Leverage-Aktivitäten zu konzentrieren – Tätigkeiten mit großem Hebel. Die Frage „Womit habe ich den größten Hebel?“ ist eines der wichtigsten Themen für Führungskräfte. Das mache ich sehr ausführlich mit den Führungskräften, die ich im Leadership-Mentoring betreue. Zu verstehen, mit welchen Aktivitäten man die größte Wirkung erzielt, ist eine der wichtigsten Kompetenzen.
Ein Beispiel: Wenn ich ein sechzigminütiges Telefonat mit einem Berufseinsteiger führe, kann dieses Gespräch seine gesamte berufliche Laufbahn positiv beeinflussen. Das ist ein unglaublich großer Hebel. Ablage und Buchhaltung muss ich zwar erledigen, aber das sind operative Tätigkeiten ohne großen Hebel. Ein Telefonat, bei dem ein Berufseinsteiger grundlegende Gedanken zu seiner Führungskarriere mitnimmt und früh die richtigen Dinge umsetzt, hat langfristig positive Auswirkungen. Genauso beim Newsletter oder bei LinkedIn-Beiträgen: Da teile ich meine Ideen mit Hunderten oder Tausenden von Leuten. Das ist ein viel größerer Hebel, als wenn ich einen Menschen auf der Straße treffe. Und diese Podcast-Folge erreicht nicht nur viele Menschen, sie hat auch langfristig Bestand – du kannst sie in fünf Jahren noch hören, weil sie zeitlos ist.
Für Führungskräfte ist eines der größten Probleme, dass sie in operative Tätigkeiten verfallen. Ihr Alltag ist vom operativen Tagesgeschäft geprägt, und sie haben keinen großen Hebel. Die Frage, wie ich meine Mitarbeiter richtig einsetze und ihre Stärken nutze, hat einen unglaublich großen Hebel. Genauso Mitarbeiterentwicklung und Eins-zu-eins-Gespräche. Wenn ich in einem solchen Gespräch in die Tiefe gehe und der Person helfe, langfristige Veränderungen anzustoßen, hat das gute, langfristige Auswirkungen – für die Person, für das Team und für meine Arbeit als Führungskraft. Wenn du Führungskraft bist, sollte das unbedingt eines deiner Prinzipien sein: dich auf die Tätigkeiten mit dem größten Hebel zu fokussieren.
Punkt Nummer sieben: sich der eigenen Inkompetenz bewusst sein. Aus meiner Sicht ist es eine der größten Gefahren, zu glauben, man hätte die Welt verstanden. Das klingt vielleicht merkwürdig, ist aber so. Es gab Zeiten, da dachten die Menschen, die Erde sei eine Scheibe. Heute wissen wir, dass sie eine Kugel ist. Damals war die Scheibe der Stand der Wissenschaft. Und heute ist es genauso: Wir glauben an Dinge, und in den nächsten hunderten Jahren werden Erkenntnisse kommen, die viele unserer fundamentalen Glaubenssätze über Bord werfen.
Deshalb ist es so wichtig, sich ständig daran zu erinnern, wie klein der Sockel unserer Kompetenz ist. Es macht mich traurig, wenn ich Menschen kennenlerne, die sehr früh aufhören, neugierig und wissbegierig zu sein, die glauben, sie hätten die Welt verstanden, und in ihrem eigenen Weltbild gefangen sind. Sie nehmen sich selbst Möglichkeiten. Lebenslanges Lernen ist für viele vielleicht ein ausgelutschter Begriff, aber ein essenzieller Bestandteil. Es geht nicht darum, die eigene Inkompetenz zu überwinden, sondern sich ihrer bewusst zu sein und die Neugier zu bewahren – Dinge in Frage zu stellen, Fragen zu stellen, zuzuhören. Selbst wenn du fünfzehn, zwanzig oder dreißig Jahre in einem kleinen Ingenieursfeld aktiv bist, gibt es immer noch viele Felder neu zu entdecken. Ein Wissenschaftler, der sein ganzes Leben der Krebsforschung widmet, hat immer noch das Gefühl, inkompetent zu sein, weil es noch so viel mehr zu verstehen gibt.
Prinzip Nummer acht: Exponentielles Wachstum benötigt keinen großen Aufwand. Ich habe darüber schon in der Folge über Zinseszins der persönlichen Entwicklung gesprochen. Wir unterschätzen exponentielles Wachstum maßlos. Konstanz ist viel wichtiger als Anstrengung. Ich muss nicht Bücher ohne Ende in einer Woche lesen – es reicht, wenn ich fünf Seiten pro Tag lese. Das hat immense Auswirkungen. Es geht darum, sich in Mikroschritten fortzubewegen und die eigene Hürde nicht zu hoch zu hängen. Wenn ich an exponentielles Wachstum glaube und mir das bewusst mache, macht die Zeit den Rest. Kleine Dinge über einen langen Zeitraum haben eine riesige Wirkung. An dieses Prinzip erinnere ich mich wirklich jeden Tag.
Punkt Nummer neun: Resistance ist der größte Feind. Vielleicht kennst du aus dem Zeitmanagement das Prinzip „First things first“. Herauszufinden, was die eine wichtigste Sache ist, die ich heute machen sollte, ist gar nicht so schwer. Aber es gibt Tage, da fällt es mir unglaublich schwer, diese Dinge umzusetzen, weil sie Disziplin erfordern und ich Prokrastination überwinden muss. Wichtig ist zu verstehen: Das liegt nicht an mir persönlich. Jeder Mensch kämpft mit Widerständen.
Es gibt ein spannendes Buch dazu: „The War of Art“ von Steven Pressfield. Vielleicht nicht meine größte Buchempfehlung, aber schau dir ruhig Videos dazu an. In dem Buch geht es darum: Wenn du etwas Kreatives gestalten musst, begibst du dich in einen Kampf – und dein größter Feind ist die Resistance. Sie ist etwas Unsichtbares. Ein banales Beispiel: Wenn du deine Bachelorarbeit schreiben musst, ist das theoretisch ein kreativer Akt. Der größte Feind dabei ist die Resistance. Du willst dich hinsetzen und konzentrieren, und plötzlich denkst du: Ach, ich mache noch schnell eine Maschine Wäsche an oder räume den Geschirrspüler aus. Das ist Resistance. Genauso, wenn Freunde anrufen und fragen, ob du heute Abend mitkommst. Resistance ist alles, was dich davon abhält, die eine wichtige Sache zu erledigen. Sich dessen bewusst zu sein hilft: Immer wenn du etwas Wichtiges umsetzen willst, wird dieser Widerstand aufkommen. Er verschwindet nie. Es geht darum, besser mit ihm klarzukommen.
Hast du schon mal vom Marshmallow-Experiment gehört? Schau dir dazu ruhig ein Video an. Disziplin ist einer der wichtigsten Erfolgsfaktoren. Beim Marshmallow-Experiment werden Kinder allein in einem Raum gelassen. Die Versuchsleiterin sagt: Hier hast du ein Marshmallow. Wenn du es nicht isst, bis ich wiederkomme, bekommst du ein zweites. Dann beobachtet man, ob die Kinder das Marshmallow essen oder warten. Dieses Aushalten ist der Umgang mit Resistance. Man hat diese Kinder über Jahre weiterverfolgt: Die Kinder, die ausgehalten haben und diszipliniert waren, waren später beruflich und privat erfolgreicher, zufriedener und gesünder. Das Bewusstsein über Resistance ist ein wichtiger Schritt, um disziplinierter zu werden.
Punkt Nummer zehn: „Everything is figureoutable“. Eines meiner ersten Sachbücher hatte den Titel „Alles ist erreichbar“. Ich weiß nicht, ob ich das Buch empfehlen würde – wahrscheinlich eher nicht. Aber der Titel ist bei mir hängengeblieben. Es geht nicht darum, ob ich etwas kann, sondern was ich tun muss, um es umzusetzen. Das sollte der Fokus sein. Im Laufe meines Lebens habe ich immer wieder Dinge gemacht, die ich oder andere für unmöglich gehalten haben. Ich kann dir die Folge über David Goggins empfehlen, der das auf die Spitze treibt: wie man Grenzen überwinden kann. Lass dich nicht von hohen Zielen abschrecken – es gibt immer einen Weg. Manchmal hast du das Gefühl: Oh Gott, das ist so kompliziert. Dann frag jemanden, der den Prozess schon gemeistert hat, und du stellst fest: Ich muss nur diese fünf Punkte umsetzen, so schwer ist es gar nicht.
Das waren meine zehn Prinzipien, die ich jeden Tag lebe und die mich dabei unterstützen, die richtigen Entscheidungen zu treffen. Noch einmal zusammengefasst: Nummer eins – „Go First“, den ersten Schritt machen. Nummer zwei – „Hell Yeah or No“: Entweder du bist richtig begeistert, oder du entscheidest dich dagegen. Nummer drei – lieber unfertig anfangen als perfekt zögern: Gesunder Pragmatismus ist wertvoll, Perfektionismus oft unangebracht. Nummer vier – „Win the Morning“: erst am Morgen in sich selbst investieren. Nummer fünf – „Write it down“: Schreib es auf, du wirst es vergessen; das Fritz-Kola-Ideenheft ist mein Sinnbild. Nummer sechs – Fokus auf High-Leverage-Aktivitäten, die Tätigkeiten mit dem größten Hebel. Nummer sieben – sich der eigenen Inkompetenz bewusst sein, niemals aufhören, wissbegierig zu bleiben und zu lernen. Nummer acht – exponentielles Wachstum benötigt keinen großen Aufwand: dran bleiben. Nummer neun – Resistance ist mein größter Feind; es gibt immer etwas, das mich von den wichtigen Dingen abhalten will. Und Nummer zehn – „Everything is figureoutable“: Alles ist erreichbar, wenn du es wirklich möchtest.
Ich hoffe, die eine oder andere Inspiration war für dich dabei.