„Wie finde ich meine Berufung? Welcher Job macht mich glücklich? Was ist meine wahre Leidenschaft?“ Diese Fragen sind gerade überall. Und sie klingen nach den richtigen Fragen. Genau das ist das Problem.
In dieser Folge drehe ich den Spieß um. Statt der „einen Berufung“ hinterherzujagen, schauen wir, warum Können vor Leidenschaft kommt – und warum die Suche selbst dich oft frustriert zurücklässt, statt dich weiterzubringen.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- „Folge deiner Leidenschaft“ ist ein schlechter Ratschlag. Eine leidenschaftszentrierte Karriereplanung macht selten glücklich.
- Leidenschaft ist eine Folge, kein Startpunkt. Du suchst nicht zuerst deine Berufung – du wirst in etwas so gut, dass es zur Berufung wird.
- Craftsman Mindset statt Passion Mindset: Frag nicht, was die Welt dir bieten kann, sondern was du beitragen kannst. Werde so gut, dass man dich nicht ignorieren kann.
- Karrierekapital ist die Währung: seltene und wertvolle Fähigkeiten, die du gegen einen besseren Job eintauschst.
- Kontrolle über das Was und Wie deiner Arbeit ist einer der stärksten Hebel für Zufriedenheit – aber erst, wenn du genug Karrierekapital aufgebaut hast.
- Die berufliche Mission kommt zum Schluss: erst meistern, dann mit kleinen Wetten (Little Bets) testen, wohin sie führt.
Berufung finden im Detail
Die ganze Folge baut auf einem Buch auf, das aus meiner Sicht ein Pflichtwerk zur Karriereentwicklung ist: „So Good They Can’t Ignore You“ von Cal Newport, im Deutschen „Die Traumjoblüge“. Newport geht das Thema sehr analytisch und systematisch an – und stellt die Berufungssuche radikal in Frage.
Suche nicht nach deiner Berufung. Newport eröffnet mit einem Beispiel über Steve Jobs. Jobs riet in einer berühmten Rede: „Folge dem, was du liebst.“ Doch schaut man auf seine eigene Karriere, ist er selbst nie seiner ursprünglichen Leidenschaft gefolgt. Wäre er das, wäre er vermutlich Yogalehrer geworden – in seiner frühen, spirituell geprägten Zeit lag das viel näher. Sein Einstieg in die Computerbranche war eher Zufall. Newport verweist außerdem auf eine Studie: Je länger Menschen in ihrem Job arbeiteten, desto eher bezeichneten sie ihn als Berufung. Die glücklichsten Mitarbeiter waren nicht die, die ihrer Leidenschaft gefolgt sind, sondern die, die lange genug dabei blieben, um richtig gut zu werden. Die Schlussfolgerung: Leidenschaft und Berufung sind eine Folge der Arbeit – nicht ihr Startpunkt.
Craftsman Mindset statt Passion Mindset. Newports zentrale Aussage: Niemand schuldet dir eine großartige Karriere – du musst sie dir verdienen. Das Passion Mindset fragt: Was kann mir die Karrierewelt bieten? Das Craftsman Mindset dreht das um: Was kann ich der Welt liefern? Welche Fähigkeiten kann ich mir aneignen, die allgemein als wertvoll gelten? Daraus folgt der Buchtitel: Werde so gut, dass man dich nicht ignorieren kann.
Baue Karrierekapital auf. Newports Messgröße heißt Career Capital. Es geht darum, im Laufe deiner Laufbahn so viel davon wie möglich anzuhäufen – seltene, wertvolle Fähigkeiten, die du gegen einen besseren Job eintauschen kannst. Wichtig: Mit manchen Jobs sammelst du deutlich mehr Karrierekapital als mit anderen. Newport nennt drei Ausschlusskriterien. Erstens: Der Job bietet kaum Möglichkeiten, dich durch wertvolle Fähigkeiten zu profilieren – das, was du dort lernst, ist banal und schnell kopierbar. Zweitens: Der Job konzentriert sich auf etwas Nutzloses oder etwas, das der Welt schadet und deinen Werten widerspricht. Drittens: Der Job zwingt dich, mit Menschen zu arbeiten, die du nicht magst. Trifft einer dieser Punkte zu, solltest du eine Veränderung ernsthaft prüfen.
Erstklassige Fähigkeiten brauchen bewusstes Training. Wie wirst du so gut? Über bewusstes Lernen – im Original „Deliberate Practice“. Das Prinzip stammt aus der Expertiseforschung von Anders Ericsson. Sein Punkt: Dein Bestes zu geben reicht nicht aus. Erfahrung kommt nicht von allein. Du musst gezielt trainieren, Wissen aufbauen, deine Branche wirklich kennenlernen, deine Systeme verbessern – erst dann folgen Ergebnisse. Das ist eine lebenslange Aufgabe.
Gewinne Kontrolle – aber zur richtigen Zeit. Newports dritter Punkt ist die Bedeutung von Kontrolle: Autonomie und Freiheitsgrade darüber, was du tust und wie du es tust. Mehr Kontrolle erhöht automatisch Zufriedenheit, Engagement und Sinn. Viele ambitionierte Ingenieure wünschen sich genau das. Es gibt aber zwei Fallen. Erstens: Kontrolle macht süchtig – manche kündigen vorschnell, um sofort volle Autonomie zu haben. Ich habe Leute getroffen, die ihren Job hinwarfen und etwa Fitnesstrainer wurden – nur um festzustellen, dass sie in diesem Feld noch gar kein Karrierekapital aufgebaut hatten. Zweitens: Kontrolle passiert nicht von allein. Sobald du wertvoll genug bist, musst du sie aktiv einfordern und deine nächsten Schritte selbst vorantreiben. Erst Karrierekapital aufbauen, dann sukzessive Freiheitsgrade gewinnen.
Entwickle deine berufliche Mission – als Letztes. Wichtig: berufliche Mission nicht mit Berufung und Leidenschaft verwechseln. Eine Mission ist klar und motivierend, aber schwer zu finden – und sie folgt erst, nachdem du Expertise erlangt hast. Wenn du ein Feld gemeistert hast und kaum noch blinde Flecken hast, kannst du die Frage angehen, worauf du das Gelernte ausrichtest. Newport empfiehlt die Little-Bets-Strategie: keine Theorie am Schreibtisch, sondern kleine, marktorientierte Projekte starten und testen, wo du den größten Impact leistest. Je mehr Expertise du hast, desto griffiger und motivierender wird deine Mission. Eine zu allgemeine Überschrift wie „Digitalisierung vorantreiben“ ist alles und nichts zugleich.
Kurz: Sei nicht besessen davon, deine wahre Berufung zu finden. Arbeite stattdessen daran, seltene und wertvolle Fähigkeiten zu entwickeln, baue Karrierekapital auf, investiere es klug in mehr Kontrolle – und entwickle daraus eine übergeordnete berufliche Mission. Diese Philosophie klingt erstmal weniger sexy als „alles hinschmeißen und der Berufung folgen“. Aber sie ist nachhaltig. Und es gibt sehr wenige Beispiele, bei denen der andere Weg wirklich gelingt.
Wer mit der Berufungsfrage hadert, fragt oft eigentlich nach mehr Erfüllung im Job – und merkt schnell, dass die nicht einfach gefunden, sondern aufgebaut wird, etwa indem du dir deinen Traumjob selbst schaffst. Bevor du loslegst, lohnt der ehrliche Blick, ob du gerade den falschen Berg besteigst. Und wenn der Alltag sich leer anfühlt, hilft die Folge über Monotonie im Job, bevor du deinen Berufsweg neu sortierst.
Häufige Fragen zur Berufung
Sollte ich meine Berufung suchen? Nein – zumindest nicht als ersten Schritt. „Folge deiner Leidenschaft“ ist laut Cal Newport ein schlechter Rat. Die glücklichsten Menschen sind nicht die, die einer vorab gefundenen Leidenschaft gefolgt sind, sondern die, die lange genug in einem Feld geblieben sind, um darin richtig gut zu werden. Berufung ist eine Folge von Können, nicht dessen Voraussetzung.
Wie finde ich heraus, was ich beruflich machen soll? Statt am Schreibtisch über die „eine“ Bestimmung zu grübeln, baust du erst seltene und wertvolle Fähigkeiten auf. Dann testest du mit kleinen, konkreten Projekten (Little Bets), wo du den größten Impact hast. Klarheit über die Richtung entsteht durch Tun und wachsende Expertise, nicht durch reines Nachdenken.
Was ist Karrierekapital? Karrierekapital sind seltene und wertvolle Fähigkeiten, die du dir über die Zeit aneignest. Es ist die Währung deiner Laufbahn: Je mehr du davon aufbaust, desto mehr kannst du es eintauschen – gegen bessere Aufgaben, mehr Kontrolle und mehr Freiheitsgrade in deiner Arbeit.
Warum sollte ich nicht einfach kündigen, um mehr Freiheit zu haben? Weil Kontrolle ohne Fundament nicht trägt. Wer vorschnell kündigt, um sofort volle Autonomie zu haben, stellt oft fest, dass er im neuen Feld noch kein Karrierekapital besitzt. Erst die Fähigkeiten aufbauen, dann Freiheitsgrade gewinnen – in dieser Reihenfolge.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- Cal Newport – So Good They Can’t Ignore You / Die Traumjoblüge: Das Buch, auf dem diese Folge aufbaut. Newport zerlegt den Rat „folge deiner Leidenschaft“ und liefert mit Craftsman Mindset, Karrierekapital, Kontrolle und beruflicher Mission ein systematisches Gegenmodell.
- Cal Newport – Deep Work: Über fokussiertes, konzentriertes Arbeiten – die praktische Grundlage, um wertvolle Fähigkeiten überhaupt aufzubauen.
- Anders Ericsson – Peak: Die Expertiseforschung hinter „Deliberate Practice“: warum bewusstes Training, nicht bloß dein Bestes zu geben, erstklassige Fähigkeiten hervorbringt.
- John Strelecky – The Big Five for Life: Steht stellvertretend für die klassische Berufungs- und Sinnsuche, deren Fragen Newport bewusst in Frage stellt.
- Simon Sinek – Start with Why: Ebenfalls Teil der Bücher rund um das eigene „Warum“, mit denen sich viele in der Zielgruppe bereits beschäftigt haben.
Mehr dazu in meinen Buchempfehlungen zu Karriere.
Diese Folge ist Teil unseres Hubs Karriere.
Transkript
Herzlich willkommen zur Podcast-Folge Nummer 90: „Die Traumjoblüge – warum du nicht nach deiner Berufung suchen solltest.“ Das Thema dieser Folge ist definitiv ein großes und wichtiges – und gerade auch sehr präsent. Ich will nicht von einem Trendthema sprechen, aber von ganz klassischen Fragen: Wie finde ich eigentlich meine Berufung? Wie finde ich mein Warum? Welcher Job macht mich glücklich? Welcher Job passt zu mir? Was will ich eigentlich machen? Was ist meine wahre Leidenschaft?
Wenn du Bücher wie „The Big Five for Life“ oder „Start with Why“ gelesen hast, dann sind diese Fragen für dich nicht neu. Im Gegenteil, du hast dich wahrscheinlich schon damit auseinandergesetzt. Ich habe oft das Gefühl, dass so gut wie jeder diese Bücher gelesen oder sich generell mit diesen Themen befasst hat. Und wenn dich das auch beschäftigt, solltest du in dieser Folge genau hinhören. Denn es geht darum, dass das keine guten Fragen sind – dass diese Fragen dich nicht weiterbringen und ihre Beantwortung gar nicht zielführend ist. Genau wie im Titel: warum du nicht nach deiner Berufung suchen solltest.
Vielleicht kennst du das: Wenn du dir diese Fragen stellst, kennst du den Frust durch stundenlanges Nachdenken – und am Ende kommt keine Antwort dabei heraus. Du kennst sicher die klassischen Lebensläufe im Berufsleben: viele Leute, die nicht wissen, was sie machen sollen, und sich dann irgendwo verlieren, eine Weltreise machen oder Ähnliches. Typisch für unsere Generation ist auch das ständige Job-Hopping. Und ein Begriff, der hier nicht fehlen darf, ist die sogenannte Quarter-Life-Crisis.
Ich möchte diese ganze Folge anhand eines Buches aufbauen, das ich vor nicht allzu langer Zeit gelesen habe und das eine absolute Empfehlung ist – aus meiner Sicht ein definitives Pflichtwerk im Hinblick auf die Karriereentwicklung. Das Buch ist „So Good They Can’t Ignore You“ von Cal Newport, im Deutschen „Die Traumjoblüge – Warum Leidenschaft die Karriere killt“. Vielleicht kennst du von Cal Newport schon ein anderes Buch, über das ich hier auch schon gesprochen habe und das ebenfalls sehr empfehlenswert ist: Da geht es um fokussiertes, konzentriertes Arbeiten – „Deep Work“. Dieses hier ist ein ganz anderes Buch.
Ich muss sagen: Es mag sein, dass der eine oder andere Coach diesem Punkt in dieser Folge widersprechen oder das Ganze kontrovers sehen würde. Mich persönlich spricht dieser Ansatz von Cal Newport sehr an. Es ist eine sehr analytische, sehr systematische Herangehensweise – und er stellt die Frage der Berufungssuche ganz kritisch in Frage.
Steigen wir ein, mit dem ersten Punkt: Suche nicht nach deiner Berufung. Im Wortlaut sagt Newport, dass „folge deiner Leidenschaft“ ein schlechter Ratschlag ist. Er bringt am Anfang des Buches ein spannendes Beispiel – von Steve Jobs. Jobs hat einmal einen Vortrag gehalten und sinngemäß gesagt: Suche nach dem, was du liebst. Der einzige Weg, wirklich Großartiges zu leisten, ist, das zu tun, was du wirklich liebst. Also begib dich auf die Suche nach deiner Berufung, nach deiner Passion oder Leidenschaft.
Das Spannende: Newport sagt zu Beginn des Buches, das sei nett, dass Jobs das sagt – aber wenn man auf Jobs‘ Karriere schaut, ist er selbst auf keinen Fall seiner ursprünglichen Passion gefolgt. Wäre er das, wäre Steve Jobs wahrscheinlich Yogalehrer geworden. In seiner aufstrebenden Zeit nach der Schule war er sehr spirituell angehaucht. Sein Einstieg in die PC-Branche, die er maßgeblich mitgeprägt hat, war tatsächlich Zufall. Vielleicht kennst du die Story: Er traf jemanden, der eigentlich der Techniker war und jemanden brauchte, der das Ganze verkauft und an den Mann bringt. Eher zufällig hat Jobs da Fuß gefasst und ist in diese Welt eingestiegen.
Newport spricht außerdem von einer Studie und stellt die Frage in den Raum: Warum gibt es einige Personen, die ihren Job lieben, und andere, die ihn nicht ertragen können? In dieser Studie wurden viele Personen gefragt, wie sie ihre Arbeit sehen und bewerten. Eine der Kernerkenntnisse: Je länger die Personen in ihrem Job arbeiteten, desto eher bezeichneten sie ihn als Berufung. Die glücklichsten Mitarbeiter sind nicht diejenigen, die ihrer Leidenschaft gefolgt sind, sondern diejenigen, die lange genug arbeiten, um gut in dem zu werden, was sie tun.
Die erste Aussage von Newport ist also: Berufung und Leidenschaft sind eine Folge der Arbeit und kommen nicht zuerst. Du machst dich nicht auf die Suche, was deine Leidenschaft sein könnte. Du arbeitest in einem Feld und wirst darin immer besser – und je besser du wirst, desto eher hast du das Gefühl, dass das deine Berufung ist. Eine leidenschaftszentrierte Karriereplanung ist nicht gut. „Folge deiner Leidenschaft“ ist ein verdammt schlechter Ratschlag.
Seine Schlussfolgerung zum Thema Leidenschaft und Berufung: Es gibt sehr, sehr wenige Menschen, die erst mit der Berufungs- und Leidenschaftssuche angefangen haben und dann die nächsten Schritte gegangen sind, um ihre Karriere darauf aufzubauen. Reflektiere ruhig für dich: Welche Menschen aus deinem Umfeld kennst du, bei denen das so war? Eine Berufung, eine Leidenschaft zu entwickeln, braucht Zeit. Leidenschaft ist im Grunde ein Nebeneffekt davon, dass du ein Thema wirklich meisterst. Wenn du richtig gut wirst in einem Themengebiet, dann spricht man von Berufung, von Leidenschaft, von Dingen, die du wirklich liebst. Das ist die richtige Reihenfolge. Genau das findet man bei Steve Jobs und vielen anderen erfolgreichen Personen, die am Anfang ihrer Karriere niemals mit Leidenschaft gestartet sind, sondern einfach den nächsten Schritt gegangen sind.
In diesem Zusammenhang mit der Suche nach der Berufung spricht Newport vom sogenannten Passion Mindset. Leute, die vorrangig ihre Leidenschaft suchen, haben dieses Passion Mindset. Und was Newport sagt – das ist Punkt Nummer zwei –: Ein besseres Mindset ist das sogenannte Craftsman Mindset. Die grundsätzliche Kernaussage von Cal Newport ist: Niemand schuldet dir eine großartige Karriere – du musst sie dir selbst verdienen. Wenn du einen großartigen Job haben willst, musst du dir seltene, gefragte und wertvolle Fähigkeiten aneignen.
Das Passion Mindset sagt sinngemäß: Was kann mir die Karrierewelt liefern? Das Craftsman Mindset dreht das um: Was kann ich der Welt liefern? Was kannst du beitragen? Welche Fähigkeiten kannst du dir aneignen, die im Allgemeinen als wertvoll angesehen werden? Punkt Nummer zwei lautet also: Sei so gut, dass man dich nicht ignorieren kann. Das ist auch der Titel des Buches: „So Good They Can’t Ignore You“.
Es gibt eine Messgröße, die Newport Career Capital nennt – Karrierekapital. Es geht letzten Endes darum, mit deiner beruflichen Laufbahn so viel Karrierekapital wie möglich anzuhäufen. Dieses Karrierekapital kannst du im übertragenen Sinne eintauschen – gegen einen besseren Job. Wenn du dir das Craftsman Mindset aneignest und überlegst, welche Fähigkeiten wertvoll sind, baust du Karrierekapital auf, um dir ein erfüllendes Berufsleben aufzubauen.
Mit manchen Jobs sammelst du definitiv besser Karrierekapital als mit anderen. Nicht jeder Job bietet optimale Entwicklungsmöglichkeiten. Du kennst das vielleicht von Nebentätigkeiten während der Studienzeit – oft banale Tätigkeiten, wo es kaum Entwicklungsmöglichkeiten gibt. Oder du bist in einer Branche unterwegs, die auf dem absteigenden Ast ist. Besonders wenn du lange arbeiten kannst, ohne mit einer Veränderung rechnen zu dürfen, bist du womöglich schon jetzt auf dem falschen Weg.
Im Grunde geht es nicht darum, sich das Passion Mindset anzueignen, sondern das Craftsman Mindset – mit der obersten Prämisse: Ich muss mir seltene und wertvolle Fähigkeiten aneignen, um Karrierekapital aufzubauen. Dabei geht es darum, dafür zu sorgen, dass du in einem Bereich tätig bist, in dem du wirklich Karrierekapital aufbaust. Es gibt drei Ausschlusskriterien. Wenn eines davon zutrifft, solltest du ernsthaft überlegen, ob ein Wechsel oder eine Veränderung sinnvoll wäre.
Erstens: Der Job bietet nur wenige Möglichkeiten, dich durch die Entwicklung relevanter Fähigkeiten zu profilieren. Wenn du das Gefühl hast, die Fähigkeiten, die du dir in diesem Job aneignest, sind nicht besonders selten oder wertvoll – vielleicht sogar banal, und andere haben sie schnell drauf –, dann hast du ein Thema. Dann solltest du über einen Branchenwechsel nachdenken.
Die anderen beiden Punkte zielen auf etwas anderes ab. Zweitens: Der Job konzentriert sich auf etwas, das nutzlos ist oder der Welt vielleicht sogar schadet. Das hat etwas mit dir und mit deinen Werten zu tun. Wenn du das Gefühl hast, deine Arbeit schadet der Welt und dir ist zum Beispiel Umweltschutz sehr wichtig, dann läuft das deinen Werten zuwider – dann solltest du das Ganze in Frage stellen.
Drittens: Der Job zwingt dich, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die du eigentlich nicht magst. Dann ist es einfach nicht zufriedenstellend, dort zu bleiben. Das sind die drei Ausschlusskriterien. Craftsman Mindset aneignen, mit dem Gedanken, Karrierekapital zu sammeln und aufzubauen – das setzt aber voraus, dass du im richtigen Feld aktiv bist.
Wenn das der Fall ist, kommt die wichtige Frage: Wie entwickelt man eigentlich erstklassige Fähigkeiten? Über diese Antwort habe ich hier schon einige Male gesprochen – Stichwort bewusstes Lernen, im Original „Deliberate Practice“. Das Prinzip kommt von Anders Ericsson und seinem Buch „Peak“. Ericsson kommt aus der Expertiseforschung und widmet sich genau der Frage, wie man erstklassige Fähigkeiten entwickelt. Wichtig: Es reicht nicht aus, dein Bestes zu geben. Das reicht nicht. Erfahrung kommt nicht von allein – du musst bewusst trainieren, um das Meiste herauszuholen. Das heißt: Wissen aneignen, Bücher lesen, die Branche wirklich kennenlernen, da eintauchen, deine Systeme verbessern. Und erst dann folgen Ergebnisse. Das ist eine lebenslange Aufgabe.
Wenn du dir das Craftsman Mindset angeeignet hast und das Gefühl hast, in deinem Bereich kannst du langfristig Karrierekapital aufbauen, dann geht es darum, diesen Bereich zu meistern – so gut zu werden, dass andere dich nicht mehr ignorieren oder übersehen können. Wie man das macht, ist eine lebenslange Aufgabe, und ich habe schon oft über die persönliche Entwicklung und die Themen gesprochen, die da einfließen.
Damit zum dritten Punkt, den Cal Newport nennt: die Wichtigkeit von Kontrolle, im Original „Control“. Synonyme für Kontrolle sind Autonomie und Freiheitsgrade. Er sagt: Die Kontrolle darüber, was man tut und wie man es tut, ist eine der stärksten Eigenschaften, die man auf dem Weg zu einem Job-Umfeld gewinnen kann, das einen wirklich begeistert. Kontrolle ist das Elixier deines Traumjobs. Wenn man Menschen mehr Kontrolle gibt – darüber, was sie tun und wie sie es tun –, erhöht sich automatisch ihre Zufriedenheit, ihr Engagement und das Gefühl für Sinn. Ganz viele ambitionierte Ingenieure, mit denen ich spreche, wünschen sich einen vielseitigen Arbeitsalltag, in dem sie etwas bewegen können und Freiheitsgrade haben, ihren Alltag so zu gestalten, wie sie möchten. Auch das kannst du langfristig gegen dein Karrierekapital eintauschen: Je mehr Karrierekapital du aufbaust, desto mehr Möglichkeiten hast du, Kontrolle, Freiheitsgrade und Autonomie zu gewinnen.
Es gibt aber zwei Fallen der Kontrolle. Kontrolle macht süchtig – wir alle hätten am liebsten sofort volle Autonomie. Manche sind dadurch verleitet, direkt ihren Job zu kündigen. Das Problem: Einige machen das vorschnell. Ich habe Leute kennengelernt, die ihren Job gekündigt haben und zum Beispiel Fitnesstrainer geworden sind – und dann festgestellt haben: In diesem Bereich habe ich ja bisher gar kein Karrierekapital aufgebaut. Karrierekapital brauchst du aber auch in der Selbständigkeit, um Kunden zu gewinnen, Vertrauen aufzubauen und ein Fundament zu schaffen. Wichtig also: nicht in diese Falle tappen und nur nach Kontrolle streben. Erst Karrierekapital im Bereich aufbauen, dann sukzessive Autonomie und Freiheitsgrade gewinnen.
Sobald du über ausreichend Karrierekapital verfügst, um mehr Kontrolle in dein Arbeitsleben zu integrieren, wirst du merken: Du wirst für deinen Arbeitgeber unheimlich wertvoll. Das ist das typische Prinzip – wenn du eine Stelle gemeistert hast, bist du so wertvoll, dass der Arbeitgeber dich gern in der Rolle hält. Und du musst deine Karriere selbst vorantreiben. Da sind wir wieder beim Thema Proaktivität. Kontrolle passiert nicht von allein. Auf der einen Seite geht es darum, Karrierekapital aufzubauen und an deinen Fähigkeiten zu arbeiten. Auf der anderen Seite gilt es, das für dich persönlich voranzutreiben – deine nächsten Karriereschritte –, weil das nicht zwangsläufig von allein passiert. Nur weil du einen sehr guten Job machst, delegiert dein Arbeitgeber dich nicht zwingend aus deiner Rolle heraus, denn du bist ja wertvoll in dem, was du tust. Das ist Punkt Nummer drei: die Wichtigkeit dieser Kontrolle – auch für die Zufriedenheit und den Sinn in der eigenen Arbeit.
Der letzte Punkt, den Newport beschreibt, ist, die eigene berufliche Mission zu entwickeln. Wichtig an dieser Stelle: berufliche Mission nicht verwechseln mit Berufung und Leidenschaft. Hier geht es nicht um das Passion Mindset. Das Passion Mindset bedeutet, erst nach der Berufung und Leidenschaft zu suchen und sich dann zu erhoffen, dass man in diesem Feld glücklich wird. Newport sagt: Die Berufung zu finden ist unglaublich motivierend, aber unglaublich schwer. Die berufliche Mission – Klarheit über deinen beruflichen Werdegang, eine Art Überschrift – folgt erst, nachdem du Expertise erlangt hast. Wenn du wirklich einen Bereich gemeistert, das Feld abgesteckt und kaum noch blinde Flecken hast, hast du im übertragenen Sinne einen Berg von Karrierekapital aufgebaut. Dann kannst du an die Frage herangehen, wie du das Gemachte für die restliche berufliche Laufbahn an einer beruflichen Mission ausrichtest. Das ist die Reihenfolge, die aus seiner Sicht Sinn macht: erst meistern, dann Berufung – und nicht andersrum.
Seine Empfehlung ist die sogenannte Little-Bets-Strategie – kleine Wetten. Angenommen, du bist seit zehn Jahren in einem Feld unterwegs, etwa im Lean Management, und kennst dich enorm gut aus, hast dieses Feld gemeistert. Dann kannst du dich auf die Suche nach deiner beruflichen Mission machen, indem du Little Bets startest. Newport empfiehlt einen marktorientierten Ansatz: nicht am Schreibtisch sitzen und überlegen, was man tun könnte, sondern kleine Projekte starten, nach außergewöhnlichen Projekten in deinem Feld suchen – um zu schauen, wie du das aufgebaute Können einer größeren Mission unterordnen kannst, und um ein Gefühl dafür zu kriegen, wo du den größten Impact leistest und wo du am Puls der Zeit bist. Lean Management in der Fabrik der Zukunft, im Rahmen der Digitalisierung – solche Themen sind enorm am Puls der Zeit. Je mehr Expertise du aufbaust, desto griffiger und motivierender wird deine berufliche Mission. Eine zu allgemeine Überschrift wie „Digitalisierung vorantreiben“ ist alles und nichts zugleich.
Fassen wir die Kernaussagen zusammen – warum du nicht nach deiner Berufung suchen solltest. Newport sagt: Such nicht danach, weil das Passion Mindset, die leidenschaftszentrierte Karriereplanung, nicht gut ist und dich nicht glücklich macht. Glücklich sind die Leute, die wirklich einen Bereich gemeistert haben. Das Glück, die Leidenschaft, die Berufung ist eine Folge davon, wenn du einen Bereich meisterst – sie kommt nicht zuerst. Es braucht Zeit, Leidenschaft zu entwickeln und Dinge zu meistern. Leidenschaft und Berufung sind ein Nebeneffekt davon, gewisse Themen perfektioniert zu haben. Seine Kernaussage: Werde so gut, dass man dich nicht ignorieren kann. Eigne dir das Craftsman Mindset an, baue Karrierekapital auf.
Ganz kurz gesagt: Sei nicht besessen davon, deine wahre Berufung zu finden. Arbeite stattdessen daran, seltene und wertvolle Fähigkeiten zu entwickeln. Baue Karrierekapital auf und investiere es klug. Nutze es, um die Kontrolle darüber zu erlangen, was du tust und wie du es tust – und um eine übergeordnete berufliche Mission zu finden und umzusetzen. Das ist die Kernbotschaft.
Ich muss sagen: Wenn du das hörst, klingt es vielleicht nicht gerade sexy. Die Vorstellung, alles hinzuschmeißen und einer Berufung zu folgen, ist attraktiver. Aber ich kann dir versichern: Es gibt sehr wenige Beispiele, bei denen das gelingt. Fundiert ist das, was ich in dieser Folge genannt habe. Diese Philosophie mag erstmal nicht sexy klingen, aber sie ist nachhaltig.
Auch in meinem eigenen Werdegang war es so: Hätte ich nicht vorher so viel Erfahrung sammeln dürfen – im Bereich Führung, im unternehmerischen Denken, in der proaktiven Arbeitsweise als Mitarbeiter –, wäre es mir viel schwerer gefallen, diese Dinge jetzt in der Selbständigkeit und im Unternehmertum voranzutreiben. Das Buch kann ich sehr empfehlen. Cal Newport schreibt sehr storylastig, das lässt sich gut lesen – und falls du lieber hörst, kann ich es auch als Hörbuch empfehlen.
Wenn du Fragen oder Anmerkungen zu dieser Folge hast, melde dich gern. Ansonsten soll es das für diese Folge gewesen sein. Liebe Grüße aus Hamburg. Ich freue mich, dass du dabei warst – und hoffe, du konntest wieder einige Impulse mitnehmen.