Besteigst du den falschen Berg? Die Aufstiegsfalle in der Karriere

Wie kann es sein, dass intelligente, ehrgeizige Menschen jahrelang in einem Bereich arbeiten, der mit ihren langfristigen Zielen gar nichts zu tun hat? Dahinter steckt ein verbreitetes Phänomen – und eine schöne Analogie aus der Informatik.

In dieser Folge geht es um die „Aufstiegsfalle“: warum gerade ambitionierte Menschen kurzfristige Karrierechancen über ihre langfristigen Ziele stellen – und wie du erkennst, ob du gerade den falschen Berg besteigst.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Die Aufstiegsfalle: Menschen überbewerten kurzfristige Karrierechancen (Beförderung, Gehalt) gegenüber ihren langfristigen Zielen – bei Ehrgeizigen besonders stark.
  • Analogie Bergsteiger-Algorithmus (Hill Climbing): Schritt für Schritt nach oben bringt dich nur auf den Gipfel des Bergs, auf dem du gerade stehst – nicht auf den höchsten Berg der Umgebung (lokales Maximum).
  • Nur kleine Verbesserungen (Marginal Gains) führen ins lokale Maximum; echter Fortschritt braucht auch „Creative Leaps“ – kreative Sprünge (Matthew Syed).
  • Hast du den höchsten Berg erkannt, verschwende keine Zeit mehr auf dem kleinen – wechsle den Berg, auch wenn ein Schritt zurück unsicher ist.
  • Ein attraktives Angebot (mehr Verantwortung + Gehalt) macht den Wechsel schwer – aber es ist nur eine Optimierung auf dem falschen Berg.
  • Berufseinsteiger: erst das Terrain erkunden (Gespräche, verschiedene Aufgaben und Unternehmen), bevor du den Berg festlegst.

Die Aufstiegsfalle: die Kernidee

Die Geschichte: ein attraktives Angebot auf dem falschen Berg

Ein ambitionierter Ingenieur, vier Jahre in einer großen Beratung. Auf die Frage nach seinen langfristigen Zielen sprudelt es: ein junges, dynamisches Unternehmen, am liebsten erneuerbare Energien, vielleicht sogar Selbstständigkeit – mit der Beratung keine Überschneidung. Er ist eigentlich entschlossen zu gehen. Dann kommt ein Angebot mit zwei Faktoren: ein spannenderes Aufgabenfeld mit mehr Verantwortung und eine signifikante Gehaltserhöhung. Plötzlich gerät er ins Rudern – und tendiert dazu, doch zu bleiben. Von außen fragt man sich: Wie kann jemand so Kluges in einem Bereich bleiben, in dem er keine langfristigen Ziele hat?

Der Bergsteiger-Algorithmus: das lokale Maximum

Die Analogie kommt aus der Informatik: der Bergsteiger-Algorithmus („Hill Climbing“). Stell dir einen Bergsteiger im dichten Nebel vor. Sichere Regel: Jeder Schritt nach oben bringt ihn näher zum Gipfel. Das Problem: Dieser Ansatz bringt dich nur auf den Gipfel des Bergs, auf dem du gerade stehst – vielleicht der kleinste Hügel der ganzen Umgebung –, nicht auf den höchsten Berg. Du landest in einem lokalen Maximum. Matthew Syed nennt in Black Box Thinking die Strategie der „Marginal Gains“ (kleine Verbesserungen): Sie bringen dich immer nur auf den kleinen Berg. Für echten Fortschritt braucht es auch „Creative Leaps“ – kreative Sprünge, die den Kontext verlassen.

Die Aufstiegsfalle: kurzfristig schlägt langfristig

Der Ingenieur hat sogar einen Vorteil: Sein Nebel ist gelichtet – er weiß, dass drüben ein größerer Berg steht (Wachstumsbranche, junges Unternehmen). Trotzdem ist die Verlockung des aktuellen Bergs zu groß. Es gibt eine natürliche Tendenz, den nächsten Schritt nach oben mitzunehmen – und genau das ist die Aufstiegsfalle: kurzfristige Karrierechancen werden gegenüber langfristigen Zielen überbewertet. Bei ambitionierten Menschen ist der Effekt noch stärker, weil ihr Ehrgeiz es ihnen schwer macht, einen Schritt „nach oben“, der auf dem Silbertablett liegt, auszuschlagen. Mehr Verantwortung und mehr Gehalt sind eine Optimierung – aber wenn du herauszoomst, eben nur auf einem kleinen Berg.

Was tun? Berg wechseln – oder erst das Terrain erkunden

Wenn du den höchsten Berg gefunden hast, verschwende keine Zeit mehr auf dem aktuellen – egal, wie gut der nächste Schritt nach oben scheint. Ein Schritt zurück und ein Neuanfang fallen schwer und sind mit Unsicherheit verbunden, aber langfristig ist es der einzig richtige Weg (in meinem Fall: der Weg in die Selbstständigkeit). Ein Vorteil von damals: Ich war an eine gläserne Decke gestoßen, es gab keine attraktiven kurzfristigen Optionen – gäbe es zwei, drei davon, wäre auch ich der Aufstiegsfalle vielleicht erlegen. Und wenn du noch gar nicht weißt, welcher der größte Berg ist (gerade als Berufseinsteiger): Dann erkunde erst das Terrain – sprich mit Menschen, lerne verschiedene Aufgaben, Bereiche und Unternehmen kennen, lichte den Nebel. Die Kernfrage zur Reflexion: Besteigst du gerade den falschen Berg?

Diese Entscheidung ist eng verwandt mit der Frage Job wechseln oder bleiben (naive Loyalität als Stagnationsfalle). Und warum der „größere Berg“ oft eine Wachstumsbranche oder ein Wachstumsunternehmen ist, zeigt die Folge Gehalt verdoppeln.

Häufige Fragen zur Aufstiegsfalle

Was ist die Aufstiegsfalle? Die Tendenz, kurzfristige Karrierechancen – etwa eine Beförderung oder Gehaltserhöhung – höher zu gewichten als die eigenen langfristigen Ziele. Man optimiert sich Schritt für Schritt auf dem „kleinen Berg“ nach oben, statt zum eigentlich angestrebten, größeren Berg zu wechseln. Bei ambitionierten Menschen ist dieser Effekt besonders stark.

Sollte ich eine Beförderung annehmen, die nicht zu meinen langfristigen Zielen passt? Wenn du sicher weißt, dass dein Ziel auf einem anderen „Berg“ liegt, ist ein noch so attraktiver Schritt nach oben nur eine Optimierung am falschen Ort. Dann lohnt es sich oft mehr, den Berg zu wechseln – auch wenn das kurzfristig wie ein Rückschritt wirkt. Bist du dir noch unsicher, erkunde zuerst das Terrain.

Wie finde ich heraus, welcher der „richtige Berg“ ist? Indem du den Nebel lichtest: viele Gespräche führen, verschiedene Aufgaben, Bereiche und Unternehmen kennenlernen und dich selbst reflektieren (Was reizt mich? Wie soll mein Alltag aussehen?). Gerade am Anfang der Laufbahn ist diese Erkundung wichtiger als der nächste schnelle Schritt.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

Mehr dazu in meinen Buchempfehlungen zu Karriere.

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema den richtigen Job & Arbeitgeber finden und Karriere als Ingenieur.

Transkript

Herzlich willkommen zur Folge 133: Die Aufstiegsfalle – besteigst du den falschen Berg? Ich bin auf ein interessantes Phänomen mit einer spannenden Analogie gestoßen, das gerade ambitionierte Persönlichkeiten betrifft. Es begann mit einem Gespräch mit einem ambitionierten Ingenieur, der seit knapp vier Jahren in einem großen Beratungsunternehmen tätig ist. Auf meine Frage nach seinen langfristigen beruflichen Zielen sprudelte es nur so: Er würde super gern in einem jungen, dynamischen Unternehmen arbeiten, vor allem im Bereich erneuerbarer Energien – etwas, das mit seiner heutigen Arbeit nichts zu tun hat –, und liebäugelte sogar mit der Selbstständigkeit. Erneuerbare Energien waren ein echtes Leidenschaftsthema. Er war eigentlich entschlossen, die Beratung kurzfristig zu verlassen.

Dann passierte etwas Spannendes: Er bekam ein Angebot mit zwei Faktoren – ein spannendes neues Aufgabenfeld mit deutlich mehr Verantwortung und eine signifikante Gehaltserhöhung. Beides brachte ihn ins Rudern, und er überlegte plötzlich, doch zu bleiben – mit Tendenz zum Bleiben. Als Außenstehender fragt man sich: Wie kann es sein, dass intelligente, ehrgeizige Menschen in einem Bereich arbeiten, in dem sie keine langfristigen Ziele haben? Für ihn war glasklar, dass seine Ziele ganz woanders lagen – und trotzdem wollte er bleiben.

Die Analogie kommt aus der Informatik und heißt Bergsteiger-Algorithmus (im Englischen „Hill Climbing“, dazu gibt es einen Wikipedia-Artikel). Stell dir einen Bergsteiger im dichten Nebel vor, der den Gipfel sucht. Was weißt du sicher? Jeder Schritt nach oben bringt dich näher zum Gipfel, jeder Schritt nach unten entfernt dich. Geht es in alle Richtungen nur noch nach unten, bist du am Gipfel. Das Problem: Dieser Algorithmus bringt dich zum Gipfel des Bergs, an dessen Fuß du gerade stehst – aber nicht auf den höchsten Berg der Umgebung. Vielleicht ist es sogar der kleinste Berg weit und breit. Matthew Syed spricht in Black Box Thinking von der Strategie der „Marginal Gains“, also kleinen Verbesserungen – die bringen dich immer nur zu einem lokalen Maximum. Für Fortschritt braucht es nicht nur diese kleinen Schritte, sondern auch „Creative Leaps“, also kreative Sprünge und innovative Veränderungen. (Im Wikipedia-Artikel siehst du eine Landschaft mit einem kleinen und einem großen Hügel: Vom Fuß des kleinen Hügels bringt dich der Algorithmus nur auf den kleinen – nie auf den großen.)

Zurück zum Ingenieur: Er hat einen Vorteil gegenüber dem Bergsteiger, denn sein Terrain ist weniger neblig. Er weiß, dass er auf einen anderen, deutlich größeren Berg möchte – erneuerbare Energien, ein junges Wachstumsunternehmen. Aber genau hier liegt das Problem: Die Verlockung des aktuellen Bergs ist zu groß, und es gibt eine natürliche menschliche Tendenz, den nächsten Schritt nach oben mitnehmen zu wollen. Damit tappt man in die Aufstiegsfalle: Menschen neigen dazu, kurzfristige Karrierechancen gegenüber langfristigen Zielen überzubewerten. Es fühlt sich nicht gut an, einen Schritt zurück oder seitwärts zu machen, wenn man gerade einen Schritt nach oben gehen könnte – und bei ambitionierten Personen ist dieser Effekt noch stärker, weil ihr Ehrgeiz es ihnen schwer macht, eine Chance auf dem Silbertablett auszuschlagen. Mehr Verantwortung und mehr Gehalt sind eine Optimierung – aber wenn du herauszoomst, eben nur auf einem kleinen Berg.

Wichtig ist: Wenn du den höchsten Berg gefunden hast, verschwende keine Zeit mehr auf dem aktuellen Berg, egal wie viel besser der nächste Schritt nach oben scheint. Einen Schritt zurück zu machen und bei null anzufangen, fällt vielen schwer und ist mit großer Unsicherheit verbunden – aber langfristig ist es der einzig richtige Weg. In meiner Zeit im mittelständischen Unternehmen hatte ich viele kleine Verbesserungsschritte auf meinem kleinen Berg. Irgendwann war mir klar: Das ist nicht mein Berg. Ich wusste nicht genau, wie der große Berg aussieht, aber er hatte mit Selbstständigkeit und Geschäftsführung zu tun. Mein Glück war, dass es keine kurzfristigen Entwicklungsmöglichkeiten mehr gab – ich war an eine gläserne Decke gestoßen, sodass es diese Konfliktsituation kaum gab. Hätte es zwei, drei attraktive Optionen gegeben, wäre es mir viel schwerer gefallen, und ich wäre der Aufstiegsfalle vielleicht erlegen.

Wenn du noch gar nicht weißt, welcher der größte Berg ist – gerade als Berufseinsteiger –, ist dieses Thema wichtig, aber nicht dringlich. Dann erkunde erst das Terrain: Sprich mit Menschen, mache verschiedene Aufgaben, lerne verschiedene Unternehmensbereiche und andere Unternehmen kennen (ohne zwangsläufig zu wechseln), bleib wissbegierig und lichte den Nebel. Das hat viel mit dir selbst zu tun: Wie soll dein Alltag aussehen, was reizt und begeistert dich? Aber irgendwann kommst du an den Punkt, an dem du weißt, dass drüben ein größerer Berg steht, den du erklimmen möchtest – und dann ist der einzige Weg, den aktuellen Berg zu verlassen. Die Kernfrage zur Reflexion: Besteigst du gerade vielleicht den falschen Berg? Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

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Besteigst du den falschen Berg? Die Aufstiegsfalle in der Karriere

Wie kann es sein, dass intelligente, ehrgeizige Menschen jahrelang in einem Bereich arbeiten, der mit ihren langfristigen Zielen gar nichts zu tun hat? Dahinter steckt ein verbreitetes Phänomen – und eine schöne Analogie aus der Informatik.

In dieser Folge geht es um die „Aufstiegsfalle“: warum gerade ambitionierte Menschen kurzfristige Karrierechancen über ihre langfristigen Ziele stellen – und wie du erkennst, ob du gerade den falschen Berg besteigst.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Die Aufstiegsfalle: Menschen überbewerten kurzfristige Karrierechancen (Beförderung, Gehalt) gegenüber ihren langfristigen Zielen – bei Ehrgeizigen besonders stark.
  • Analogie Bergsteiger-Algorithmus (Hill Climbing): Schritt für Schritt nach oben bringt dich nur auf den Gipfel des Bergs, auf dem du gerade stehst – nicht auf den höchsten Berg der Umgebung (lokales Maximum).
  • Nur kleine Verbesserungen (Marginal Gains) führen ins lokale Maximum; echter Fortschritt braucht auch „Creative Leaps“ – kreative Sprünge (Matthew Syed).
  • Hast du den höchsten Berg erkannt, verschwende keine Zeit mehr auf dem kleinen – wechsle den Berg, auch wenn ein Schritt zurück unsicher ist.
  • Ein attraktives Angebot (mehr Verantwortung + Gehalt) macht den Wechsel schwer – aber es ist nur eine Optimierung auf dem falschen Berg.
  • Berufseinsteiger: erst das Terrain erkunden (Gespräche, verschiedene Aufgaben und Unternehmen), bevor du den Berg festlegst.

Die Aufstiegsfalle: die Kernidee

Die Geschichte: ein attraktives Angebot auf dem falschen Berg

Ein ambitionierter Ingenieur, vier Jahre in einer großen Beratung. Auf die Frage nach seinen langfristigen Zielen sprudelt es: ein junges, dynamisches Unternehmen, am liebsten erneuerbare Energien, vielleicht sogar Selbstständigkeit – mit der Beratung keine Überschneidung. Er ist eigentlich entschlossen zu gehen. Dann kommt ein Angebot mit zwei Faktoren: ein spannenderes Aufgabenfeld mit mehr Verantwortung und eine signifikante Gehaltserhöhung. Plötzlich gerät er ins Rudern – und tendiert dazu, doch zu bleiben. Von außen fragt man sich: Wie kann jemand so Kluges in einem Bereich bleiben, in dem er keine langfristigen Ziele hat?

Der Bergsteiger-Algorithmus: das lokale Maximum

Die Analogie kommt aus der Informatik: der Bergsteiger-Algorithmus („Hill Climbing“). Stell dir einen Bergsteiger im dichten Nebel vor. Sichere Regel: Jeder Schritt nach oben bringt ihn näher zum Gipfel. Das Problem: Dieser Ansatz bringt dich nur auf den Gipfel des Bergs, auf dem du gerade stehst – vielleicht der kleinste Hügel der ganzen Umgebung –, nicht auf den höchsten Berg. Du landest in einem lokalen Maximum. Matthew Syed nennt in Black Box Thinking die Strategie der „Marginal Gains“ (kleine Verbesserungen): Sie bringen dich immer nur auf den kleinen Berg. Für echten Fortschritt braucht es auch „Creative Leaps“ – kreative Sprünge, die den Kontext verlassen.

Die Aufstiegsfalle: kurzfristig schlägt langfristig

Der Ingenieur hat sogar einen Vorteil: Sein Nebel ist gelichtet – er weiß, dass drüben ein größerer Berg steht (Wachstumsbranche, junges Unternehmen). Trotzdem ist die Verlockung des aktuellen Bergs zu groß. Es gibt eine natürliche Tendenz, den nächsten Schritt nach oben mitzunehmen – und genau das ist die Aufstiegsfalle: kurzfristige Karrierechancen werden gegenüber langfristigen Zielen überbewertet. Bei ambitionierten Menschen ist der Effekt noch stärker, weil ihr Ehrgeiz es ihnen schwer macht, einen Schritt „nach oben“, der auf dem Silbertablett liegt, auszuschlagen. Mehr Verantwortung und mehr Gehalt sind eine Optimierung – aber wenn du herauszoomst, eben nur auf einem kleinen Berg.

Was tun? Berg wechseln – oder erst das Terrain erkunden

Wenn du den höchsten Berg gefunden hast, verschwende keine Zeit mehr auf dem aktuellen – egal, wie gut der nächste Schritt nach oben scheint. Ein Schritt zurück und ein Neuanfang fallen schwer und sind mit Unsicherheit verbunden, aber langfristig ist es der einzig richtige Weg (in meinem Fall: der Weg in die Selbstständigkeit). Ein Vorteil von damals: Ich war an eine gläserne Decke gestoßen, es gab keine attraktiven kurzfristigen Optionen – gäbe es zwei, drei davon, wäre auch ich der Aufstiegsfalle vielleicht erlegen. Und wenn du noch gar nicht weißt, welcher der größte Berg ist (gerade als Berufseinsteiger): Dann erkunde erst das Terrain – sprich mit Menschen, lerne verschiedene Aufgaben, Bereiche und Unternehmen kennen, lichte den Nebel. Die Kernfrage zur Reflexion: Besteigst du gerade den falschen Berg?

Diese Entscheidung ist eng verwandt mit der Frage Job wechseln oder bleiben (naive Loyalität als Stagnationsfalle). Und warum der „größere Berg“ oft eine Wachstumsbranche oder ein Wachstumsunternehmen ist, zeigt die Folge Gehalt verdoppeln.

Häufige Fragen zur Aufstiegsfalle

Was ist die Aufstiegsfalle? Die Tendenz, kurzfristige Karrierechancen – etwa eine Beförderung oder Gehaltserhöhung – höher zu gewichten als die eigenen langfristigen Ziele. Man optimiert sich Schritt für Schritt auf dem „kleinen Berg“ nach oben, statt zum eigentlich angestrebten, größeren Berg zu wechseln. Bei ambitionierten Menschen ist dieser Effekt besonders stark.

Sollte ich eine Beförderung annehmen, die nicht zu meinen langfristigen Zielen passt? Wenn du sicher weißt, dass dein Ziel auf einem anderen „Berg“ liegt, ist ein noch so attraktiver Schritt nach oben nur eine Optimierung am falschen Ort. Dann lohnt es sich oft mehr, den Berg zu wechseln – auch wenn das kurzfristig wie ein Rückschritt wirkt. Bist du dir noch unsicher, erkunde zuerst das Terrain.

Wie finde ich heraus, welcher der „richtige Berg“ ist? Indem du den Nebel lichtest: viele Gespräche führen, verschiedene Aufgaben, Bereiche und Unternehmen kennenlernen und dich selbst reflektieren (Was reizt mich? Wie soll mein Alltag aussehen?). Gerade am Anfang der Laufbahn ist diese Erkundung wichtiger als der nächste schnelle Schritt.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

Mehr dazu in meinen Buchempfehlungen zu Karriere.

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema den richtigen Job & Arbeitgeber finden und Karriere als Ingenieur.

Transkript

Herzlich willkommen zur Folge 133: Die Aufstiegsfalle – besteigst du den falschen Berg? Ich bin auf ein interessantes Phänomen mit einer spannenden Analogie gestoßen, das gerade ambitionierte Persönlichkeiten betrifft. Es begann mit einem Gespräch mit einem ambitionierten Ingenieur, der seit knapp vier Jahren in einem großen Beratungsunternehmen tätig ist. Auf meine Frage nach seinen langfristigen beruflichen Zielen sprudelte es nur so: Er würde super gern in einem jungen, dynamischen Unternehmen arbeiten, vor allem im Bereich erneuerbarer Energien – etwas, das mit seiner heutigen Arbeit nichts zu tun hat –, und liebäugelte sogar mit der Selbstständigkeit. Erneuerbare Energien waren ein echtes Leidenschaftsthema. Er war eigentlich entschlossen, die Beratung kurzfristig zu verlassen.

Dann passierte etwas Spannendes: Er bekam ein Angebot mit zwei Faktoren – ein spannendes neues Aufgabenfeld mit deutlich mehr Verantwortung und eine signifikante Gehaltserhöhung. Beides brachte ihn ins Rudern, und er überlegte plötzlich, doch zu bleiben – mit Tendenz zum Bleiben. Als Außenstehender fragt man sich: Wie kann es sein, dass intelligente, ehrgeizige Menschen in einem Bereich arbeiten, in dem sie keine langfristigen Ziele haben? Für ihn war glasklar, dass seine Ziele ganz woanders lagen – und trotzdem wollte er bleiben.

Die Analogie kommt aus der Informatik und heißt Bergsteiger-Algorithmus (im Englischen „Hill Climbing“, dazu gibt es einen Wikipedia-Artikel). Stell dir einen Bergsteiger im dichten Nebel vor, der den Gipfel sucht. Was weißt du sicher? Jeder Schritt nach oben bringt dich näher zum Gipfel, jeder Schritt nach unten entfernt dich. Geht es in alle Richtungen nur noch nach unten, bist du am Gipfel. Das Problem: Dieser Algorithmus bringt dich zum Gipfel des Bergs, an dessen Fuß du gerade stehst – aber nicht auf den höchsten Berg der Umgebung. Vielleicht ist es sogar der kleinste Berg weit und breit. Matthew Syed spricht in Black Box Thinking von der Strategie der „Marginal Gains“, also kleinen Verbesserungen – die bringen dich immer nur zu einem lokalen Maximum. Für Fortschritt braucht es nicht nur diese kleinen Schritte, sondern auch „Creative Leaps“, also kreative Sprünge und innovative Veränderungen. (Im Wikipedia-Artikel siehst du eine Landschaft mit einem kleinen und einem großen Hügel: Vom Fuß des kleinen Hügels bringt dich der Algorithmus nur auf den kleinen – nie auf den großen.)

Zurück zum Ingenieur: Er hat einen Vorteil gegenüber dem Bergsteiger, denn sein Terrain ist weniger neblig. Er weiß, dass er auf einen anderen, deutlich größeren Berg möchte – erneuerbare Energien, ein junges Wachstumsunternehmen. Aber genau hier liegt das Problem: Die Verlockung des aktuellen Bergs ist zu groß, und es gibt eine natürliche menschliche Tendenz, den nächsten Schritt nach oben mitnehmen zu wollen. Damit tappt man in die Aufstiegsfalle: Menschen neigen dazu, kurzfristige Karrierechancen gegenüber langfristigen Zielen überzubewerten. Es fühlt sich nicht gut an, einen Schritt zurück oder seitwärts zu machen, wenn man gerade einen Schritt nach oben gehen könnte – und bei ambitionierten Personen ist dieser Effekt noch stärker, weil ihr Ehrgeiz es ihnen schwer macht, eine Chance auf dem Silbertablett auszuschlagen. Mehr Verantwortung und mehr Gehalt sind eine Optimierung – aber wenn du herauszoomst, eben nur auf einem kleinen Berg.

Wichtig ist: Wenn du den höchsten Berg gefunden hast, verschwende keine Zeit mehr auf dem aktuellen Berg, egal wie viel besser der nächste Schritt nach oben scheint. Einen Schritt zurück zu machen und bei null anzufangen, fällt vielen schwer und ist mit großer Unsicherheit verbunden – aber langfristig ist es der einzig richtige Weg. In meiner Zeit im mittelständischen Unternehmen hatte ich viele kleine Verbesserungsschritte auf meinem kleinen Berg. Irgendwann war mir klar: Das ist nicht mein Berg. Ich wusste nicht genau, wie der große Berg aussieht, aber er hatte mit Selbstständigkeit und Geschäftsführung zu tun. Mein Glück war, dass es keine kurzfristigen Entwicklungsmöglichkeiten mehr gab – ich war an eine gläserne Decke gestoßen, sodass es diese Konfliktsituation kaum gab. Hätte es zwei, drei attraktive Optionen gegeben, wäre es mir viel schwerer gefallen, und ich wäre der Aufstiegsfalle vielleicht erlegen.

Wenn du noch gar nicht weißt, welcher der größte Berg ist – gerade als Berufseinsteiger –, ist dieses Thema wichtig, aber nicht dringlich. Dann erkunde erst das Terrain: Sprich mit Menschen, mache verschiedene Aufgaben, lerne verschiedene Unternehmensbereiche und andere Unternehmen kennen (ohne zwangsläufig zu wechseln), bleib wissbegierig und lichte den Nebel. Das hat viel mit dir selbst zu tun: Wie soll dein Alltag aussehen, was reizt und begeistert dich? Aber irgendwann kommst du an den Punkt, an dem du weißt, dass drüben ein größerer Berg steht, den du erklimmen möchtest – und dann ist der einzige Weg, den aktuellen Berg zu verlassen. Die Kernfrage zur Reflexion: Besteigst du gerade vielleicht den falschen Berg? Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

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Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

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