Eindrucksvolle Titel und hohe Jahresgehälter werden massiv überbewertet. Ein erfülltes Berufsleben ist niemals das Ergebnis einer hohen Position oder einer bestimmten Gehaltsstufe – der Weg dorthin sieht völlig anders aus.
In dieser Folge geht es um genau diesen Weg: das Framework vom ersten Berg, dem Tal und dem zweiten Berg – mit dem du verstehst, wo du gerade stehst und welche Herausforderung als Nächstes auf dich wartet.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Drei Etappen: erster Berg → Tal → zweiter Berg.
- Erster Berg: persönliche Erfolge – Beförderung, Gehalt, Status. Der „Ich-Fokus“ als gesellschaftlicher Default.
- Das Tal: die Krise, wenn Erfolge sich leer anfühlen. Phase der Selbstreflexion, des Infragestellens – unangenehm, aber eine große Chance.
- Zweiter Berg: Erfüllung durch einen Beitrag, der größer ist als man selbst – Servant Leadership statt Ego.
- Peter Drucker: Nicht „How to be successful?“, sondern „How to be useful?“ ist die richtige Frage.
- Commitment: Erfüllung ist das Resultat einer klaren, unwiderruflichen Entscheidung – nicht der ewigen Suche nach der besten Option.
Die drei Etappen zum erfüllten Berufsleben
Der erste Berg. „Wann werde ich befördert, wann bekomme ich mehr Gehalt?“ In den ersten Berufsjahren dreht sich alles um persönlichen Erfolg – ein gesellschaftlicher Default. Manche erreichen die Spitze in wenigen Jahren, andere brauchen Jahrzehnte, und viele besteigen ihr ganzes Leben lang nur diesen einen Berg.
Das Tal. Oben angekommen wendet sich oft das Blatt: „Ich habe Erfolge erreicht – warum fühlen sie sich so leer an?“ Es kommen Fragen nach dem Warum (Simon Sinek, Start with Why) und nach den eigenen Prinzipien (Stephen Covey, prinzipienorientiertes Leben). Brooks nennt das den Beginn einer persönlichen Krise: „Willkommen im Tal.“ Es ist eine kräftezehrende Phase aus Selbstzweifel, sozialem Druck, Existenzängsten und schlaflosen Nächten – manchmal Monate, manchmal Jahre. Man kann sie nicht abkürzen, aber man kann sie annehmen: Sie ist ein gesunder, notwendiger Teil der Reise – und eine große Chance, weil hier die „hard decisions“ getroffen werden (easy decisions, hard life – hard decisions, easy life).
Der zweite Berg. Er steht für ein tief erfüllendes Berufsleben. Persönliche und finanzielle Erfolge verschwinden nicht – aber sie sind nicht mehr oberste Priorität. Es geht um eine Sache, die größer ist als man selbst, und um Alignment zwischen den eigenen Werten und der Arbeit. Peter Drucker bringt es auf den Punkt: Die richtige Frage ist nicht „How to be successful?“, sondern „How to be useful?“ Der zweite Berg gehört den Servant Leaders – dienende Führung statt Ego.
Der einzige Weg hinaus: Commitment. Niemand findet seine Berufung zufällig. Erfüllung ist das Resultat einer klaren, unwiderruflichen Entscheidung. Meist braucht es gar nicht so viele neue Erkenntnisse – nach dem Pareto-Prinzip hat man 80 % schnell verstanden; der Rest ist Perfektionismus und eine Form der Prokrastination. „Triff eine Entscheidung und sorge dafür, dass es die richtige war.“ Burn your boats – und geh all in.
Wie der erste Berg zur Falle wird, hörst du in Besteigst du den falschen Berg?. Die Selbstreflexion im Tal gelingt strukturiert mit Journaling, und das nötige Commitment ist letztlich eine bewusste Entscheidung – mehr dazu in Smarte Entscheidungen treffen. Das ganze Framework findest du auch im Artikel Der zweite Berg.
Häufige Fragen
Was ist das „Second Mountain“-Framework? Ein Modell von David Brooks: Der Weg zu einem erfüllten Berufsleben verläuft in drei Etappen – erster Berg (persönlicher Erfolg), Tal (Krise und Selbstreflexion) und zweiter Berg (Sinn und Beitrag).
Warum fühlen sich berufliche Erfolge leer an? Weil Titel und Gehalt (der erste Berg) nicht der Weg zu echter Erfüllung sind. Das Gefühl von Leere ist oft der Eintritt ins „Tal“ – der Beginn der Suche nach Sinn und Werten.
Wie finde ich Erfüllung im Job? Indem du das Tal annimmst, deine Prinzipien und Werte ergründest (Leitbild) und dann ein klares Commitment für einen Weg eingehst, der zu dir passt – statt ewig nach der perfekten Option zu suchen.
Was ist der zweite Berg? Ein Berufsleben, in dem du an einer Sache arbeitest, die größer ist als du selbst, und deine Werte mit deiner Arbeit im Einklang stehen – geprägt von Servant Leadership und dem Wunsch, nützlich zu sein.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- David Brooks – The Second Mountain: das Framework erster Berg, Tal, zweiter Berg.
- Simon Sinek – Start with Why: die Frage nach dem Warum / Purpose.
- Stephen Covey – Die 7 Wege zur Effektivität: prinzipienorientiertes Leben.
Mehr dazu in meinen Buchempfehlungen zu Karriere.
Diese Folge gehört zum Thema Karriere als Ingenieur und persönliche Entwicklung.
Transkript
„Klassische Erfolge wie eindrucksvolle Titel oder extrem hohe Jahresgehälter werden massiv überbewertet.“ Das ist die Aussage von David Brooks, dem Autor des Buches The Second Mountain. Ein erfülltes Berufsleben ist niemals das Ergebnis einer hohen Führungsposition oder einer bestimmten Gehaltsstufe, so Brooks. Der Weg zu einem erfüllten Berufsleben sieht völlig anders aus – und genau um diesen Weg geht es in dieser Folge.
Vorab: Das Buch von David Brooks kann ich nicht uneingeschränkt empfehlen. Das Framework, über das ich gleich spreche, finde ich hervorragend, aber das Buch selbst ist zäh geschrieben – einzelne Kapitel und Gedanken sind spannend, insgesamt aber nicht leichtgängig und praktisch. Worum geht es bei dem Framework? Laut Brooks verläuft der Weg zum erfüllten Berufsleben in drei Etappen: Zuerst gibt es den ersten Berg, nach dem ersten Berg folgt das Tal, und dann landet man idealerweise am zweiten Berg. Ich gehe das Schritt für Schritt durch und beschreibe es auch anhand meiner persönlichen Geschichte, denn dieses Framework passt erstaunlich gut auf meinen eigenen Weg. Ich habe es vor einigen Tagen auch im Mentor-Notes-Newsletter geteilt und reichlich Antworten von ambitionierten Ingenieuren bekommen, die sich davon stark angesprochen gefühlt haben – ein Grund, es hier im Podcast zu teilen. Es kann ein starkes Werkzeug sein, um zu verstehen, wo man sich gerade befindet, und welche Herausforderungen in der jeweiligen Phase stecken.
Starten wir vorne mit dem ersten Berg. „Wann werde ich befördert, wann bekomme ich mehr Gehalt?“ In den ersten Jahren nach dem Berufsstart sind das meist die wichtigsten Fragen ambitionierter Ingenieure – alles dreht sich um persönlichen Erfolg. Das sind klassische gesellschaftliche Normen: beruflich vorankommen, mehr Geld verdienen. Das wird mit einem erfolgreichen Berufsleben verbunden, danach soll man streben. Dieser Ich-Fokus ist der normale Lauf der Dinge, und Brooks beschreibt das als den ersten Berg – den Berg der persönlichen und beruflichen Erfolge rund um Beförderung und Gehalt. Hier trennt sich schon die Spreu vom Weizen: Einige erreichen die Spitze sehr schnell, bei mir hat es etwa vier bis fünf Jahre gedauert. Die Größe dieses Berges ist bei jedem unterschiedlich – einige brauchen Jahrzehnte, und einige besteigen ihr ganzes Leben lang nur diesen ersten Berg, gerade in älteren Generationen war das völlig normal.
Wenn man an der Spitze des ersten Berges angekommen ist, wendet sich häufig das Blatt. Die Fragen ändern sich: „Ich habe einige Erfolge erreicht, gutes Gehalt, eine tolle Position, vielleicht erste Führungsverantwortung – aber warum fühlt sich das so leer an? Ich hatte mir mehr davon versprochen.“ Und: „Wofür stehe ich eigentlich?“ Genau das Modell von Simon Sinek, Start with Why, wird hier wichtig – warum mache ich das, wonach strebe ich? Auch Stephen Covey spricht in Die 7 Wege zur Effektivität vom prinzipienorientierten Leben: zu ergründen, wofür man steht, was einem wichtig ist, und das Leben danach auszurichten. Wer das noch nicht getan hat, kommt am Ende des ersten Berges genau zu diesen Fragen – und das ist laut Brooks der Beginn einer persönlichen Krise: „Willkommen im Tal.“ Es ist der Moment, in dem du realisierst: Der erste Berg ist nicht der Weg zu einem erfüllten Berufsleben. Du erkennst, dass es einen zweiten Berg gibt – aber den erreichst du nur, wenn du das Tal durchschreitest.
Das Tal ist eine kräftezehrende Phase, der Beginn einer Zeit der Selbstreflexion und des Infragestellens – die Suche nach tieferem Sinn und Erfüllung. Ich selbst befinde mich mitten auf dem zweiten Berg, habe aber den ersten Berg erlebt und das Tal durchschritten. Das Tal kann grässlich sein und manchmal nur einige Monate, manchmal Jahre dauern. Man nennt es je nach Kontext persönliche Krise, Struggle-Phase, Suche nach Berufung oder Quarterlife-Crisis. Es ist eine Phase großer Unsicherheit, oft verbunden mit sozialem Druck, Selbstzweifeln, Existenzängsten und Schlaflosigkeit. Der soziale Druck entsteht, weil man von Menschen umgeben ist, die voller Ehrgeiz den ersten Berg erklimmen – während man selbst erkennt, dass man das gar nicht mehr will. Manchmal wechselt man dabei Freundeskreise und das Umfeld, was durchaus gesund sein kann.
Man kann diese Phase nicht abkürzen – aber man kann sie annehmen: Sie gehört dazu, ist nichts Falsches, sondern ein gesunder Prozess. Auch der erste Berg ist nichts Negatives, sondern ein wichtiger Bestandteil der Reise. Man kann dankbar sein, wenn man nach 10 bis 15 Jahren erkennt, dass man ihn verlassen sollte – viele gewinnen diese Erkenntnis nie und haben deshalb nie die Chance auf echte Erfüllung. Deshalb ist das Tal auch eine große Chance: Es gibt den Spruch „easy decisions, hard life – hard decisions, easy life“, und im Tal befasst man sich mit vielen harten Entscheidungen. Vielleicht trennst du dich von Personen (du bist der Durchschnitt der fünf Menschen, mit denen du dich umgibst), vielleicht musst du den Job oder die Rolle wechseln oder einen Vorgesetzten verlassen. Es ist eine Phase, in der man sich meist intensiv mit persönlicher Entwicklung und dem Lesen befasst.
Wer durchhält, erreicht den zweiten Berg – und der ist anders. Er steht für ein tief erfüllendes Berufsleben. Es geht nicht mehr in erster Linie um persönliche Erfolge; natürlich gibt es auch dort Erfolge, finanziell wie beruflich, aber der Fokus verschiebt sich. Es geht um eine Sache, die größer ist als man selbst – zum Beispiel in einem Unternehmen zu arbeiten, dessen Werte stark mit den eigenen Prinzipien übereinstimmen. Deshalb erarbeiten wir mit unseren Mentees zu Beginn ihr persönliches Leitbild: ein Deep Dive in persönliche Werte und Prinzipien. Peter Drucker drückt es schön aus: „How to be successful is the wrong question; the right question is how to be useful.“ Der zweite Berg gehört den Servant Leaders – der dienenden Führung. Deshalb spreche ich im Podcast immer wieder über Servant Leadership: wie du dich in den Dienst deiner Kunden und Mitarbeiter stellst und andere weiterentwickelst und empowerst. Einem Servant Leader geht es nicht darum, die eigene Meinung durchzusetzen oder als Führungskraft zu profitieren.
Es gibt nur einen Weg, das Tal zu verlassen und den zweiten Berg zu erklimmen. Wer jahrelang im Struggle steckt, tausend Optionen hat und sich nicht entscheiden kann, braucht entsprechend länger. Was ich immer wieder feststelle, auch bei mir selbst: In der Regel braucht es gar nicht so viel Selbstreflexion. Nach dem Pareto-Prinzip (80/20) hat man 80 % der Erkenntnisse über seine Werte schnell beisammen; der Rest ist Perfektionismus – man kann bis in alle Ewigkeit nach der perfekten Option suchen. Das Stichwort beim Austritt aus dem Tal ist Commitment. Niemand findet seine Berufung zufällig; ein erfülltes Berufsleben ist das Resultat einer klaren, unwiderruflichen Entscheidung. Einer meiner Lieblingssprüche: „Triff eine Entscheidung und sorge dafür, dass es die richtige war.“ Für mich war das damals der Eintritt auf den zweiten Berg – die Entscheidung, den Job zu kündigen, in die Selbstständigkeit zu gehen und mich voll und ganz Mentorwerk zu widmen. „If you want to take the island, burn your boats“ – alle anderen Möglichkeiten streichen und all in gehen.
Zwischen dem ersten und zweiten Berg liegen Welten. Viele, die mir geschrieben haben und heute auf dem zweiten Berg unterwegs sind, sagen: Es fühlt sich anders an, man ist emotional anders verbunden. Simon Sinek spricht vom Warum, vom Purpose – weiche Konzepte, aber wer es einmal erlebt hat, weiß, wie viel Wahrheit darin steckt. Wenn du wahre Erfüllung erreichen möchtest, musst du aufhören, nach der besten Option zu suchen. Du musst dich entscheiden, ein Commitment eingehen und all in gehen. Hilfreich ist dabei ein Personal Board of Directors – ein starkes Umfeld aus Gleichgesinnten, mit denen du reflektieren und von denen du klares Feedback bekommst. Genau das stellen wir unseren Mentees zur Verfügung. Wenn du das Gefühl hast „ich brauche noch mehr Erkenntnisse, noch mehr Research“, ist das oft nur eine Form der Prokrastination, die eine unsichere Entscheidung hinauszögert.
Zu meiner eigenen Laufbahn: Die ersten vier bis fünf Jahre lag mein Fokus voll auf meiner Rolle im Qualitätsmanagement als Führungskraft – viele Erfolge, auch fürs Unternehmen, bis ich gemerkt habe, dass es im Kern nicht zu 100 % meinen Prinzipien, Werten und Zielen entsprach. Ich bin durchs Tal geschritten – das war definitiv eine Struggle-Phase, über die ich in einer früheren Folge sogar Tagebucheinträge geteilt habe. Mentorwerk ist heute klar mein zweiter Berg; das hat nichts mehr mit dem ersten Berg von damals zu tun. Wir helfen vielen ambitionierten Ingenieuren bei genau dieser Transformation vom ersten zum zweiten Berg – mit so wenig Struggle wie möglich.
Egal, wo du auf dieser Reise stehst: Wenn du Unterstützung brauchst, melde dich gern. Manchmal ist es viel einfacher, den eigenen Struggle einer externen Person zu schildern, um blinde Flecken aufzudecken. Das ist auch der Inbegriff von Intrapreneurship – nicht der Erfolg des ersten Berges, sondern den größtmöglichen Beitrag im Einklang mit den eigenen Prinzipien zu leisten: Unternehmer im Unternehmen zu sein. Wer etwas bewegen möchte, sollte sich mit diesem Konzept befassen. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.