Radikal flach: Wie ein Unternehmen ohne Hierarchien funktioniert

Was machst du, wenn dir niemand vorgibt, was du zu tun hast? Genau diese Frage stellt sich jeder neue Mitarbeiter beim Spieleentwickler Valve – einem Unternehmen mit rund 360 Menschen, das seit 25 Jahren komplett ohne Managementebene arbeitet und pro Kopf rentabler ist als Google, Amazon oder Microsoft.

In dieser Folge mache ich einen Deep Dive in Valves legendäres Mitarbeiterhandbuch: radikal flache Hierarchien, eine kompromisslose Ownership-Kultur, hundertprozentig freie Projektwahl – und warum das nur mit echten A-Playern funktioniert. Plus die Nachteile, die Valve selbst offen einräumt.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • „Welcome to Flatland“: Valve hat keine Managementebene. Es gibt einen Gründer und Präsidenten – aber selbst er ist nicht dein Vorgesetzter.
  • Freie Projektwahl zu 100 %: Niemand sagt dir, woran du arbeitest. Du wurdest nicht für eine Position eingestellt, sondern um selbst zu finden, wo du den größten Beitrag leistest.
  • Flache Hierarchie = maximale Verantwortung: Volle Freiheit bedeutet volles Ownership. Das funktioniert nur mit A-Playern – Einstellungsfrage: Könnte diese Person das Unternehmen selbst leiten?
  • Konstruktive Fehlerkultur: „Niemand musste bei Valve wegen eines Fehlers gehen.“ Innovatives Arbeiten braucht das Recht, sich zu irren.
  • Peer Reviews & Peer-Vergütung: Jährliches, anonymisiertes Feedback von allen, mit denen du gearbeitet hast – und Gehälter, die die Kollegen gemeinsam am tatsächlichen Beitrag bemessen. Überstunden gelten als Zeichen von Ineffizienz.
  • Einstellen ist wichtiger als Atmen: Der Recruiting-Prozess hat oberste Priorität, und jeder im Unternehmen führt Einstellungsgespräche.

Flache Hierarchien & Ownership: die Kernidee

Das Unternehmen: Valve und das Handbuch

Valve, gegründet 1996, ist der Spieleentwickler hinter Counter-Strike und der Plattform Steam – mit Steam eine echte Gelddruckmaschine. Spannend ist hier aber nicht das Geschäftsmodell, sondern die Kultur. Valve hat ein öffentliches Handbuch für neue Mitarbeiter (einfach „Valve Handbook“ googeln), dessen Untertitel schon alles sagt: „Ein faszinierender Leitfaden darüber, was zu tun ist, wenn dir niemand vorgibt, was du zu tun hast.“ Schon das Intro stellt klar: Dieser Abschnitt deines Lebens soll zu einer deiner interessantesten beruflichen Erfahrungen werden – aber es kann dauern, bis du dich daran gewöhnst.

Welcome to Flatland

Valve räumt ein, dass Hierarchie für bekannte, wiederholbare Abläufe ideal ist – militärische Organisationen bauen genau darauf. Aber bei hochkreativer Wissensarbeit, beim Entwickeln neuer Spiele am Puls der Zeit, hat man sich von Anfang an gegen eine Managementebene entschieden. Im Handbuch steht der Satz: „Wir haben einen Gründer und Präsidenten, aber selbst er ist nicht dein Vorgesetzter.“ Visualisiert wird das als lange Linie aus vielen gleichberechtigten Punkten. Die Folge: Du kannst Projekte ins Leben rufen und Produkte auf den Markt bringen, ohne dass bürokratische Hürden dich aufhalten. Die Kehrseite: enorme Verantwortung – und die braucht absolute A-Player.

Freie Projektwahl – und wie du sie triffst

Bei anderen Firmen dürfen Mitarbeiter einen Prozentsatz ihrer Zeit in eigene Projekte stecken (etwa der berühmte Freitag bei Google). Bei Valve sind es 100 %: Jeder entscheidet selbst, woran er arbeitet. „Du wurdest nicht eingestellt, um eine Position zu füllen, sondern um dich danach umzusehen, wo du den besten Beitrag leisten kannst.“ Die wichtigste – und laut Handbuch oft schwerste – Aufgabe ist deshalb die Projektwahl. Das Rezept ist verblüffend simpel: Erstens mit Kollegen sprechen und fragen, woran sie gerade arbeiten und warum sie überzeugt sind. Zweitens allen erzählen, worin du gut bist und wo du Erfahrung hast. So hangelst du dich von Empfehlung zu Empfehlung automatisch zu den Projekten, bei denen dein Beitrag am größten ist. Starke Projekte sind die, in denen alle einen erkennbaren Nutzen sehen.

Fehlerkultur, Peer Reviews und Peer-Vergütung

Eine solche Freiheit funktioniert nur mit einer durch und durch positiven Fehlerkultur: „Niemand musste bei Valve wegen eines Fehlers gehen.“ Ein Fehler ist ein guter Weg, herauszufinden, dass eine Annahme falsch war. Bewertet wird trotzdem – über zwei Mechanismen. Erstens die jährlichen Peer Reviews: Eine wechselnde Gruppe fragt jeden, mit wem er zusammengearbeitet hat und wie es lief; die Antworten werden anonymisiert gebündelt zurückgespielt – Feedback aus dem ganzen Netzwerk, nicht von einem einzelnen Chef. Zweitens die Peer-Vergütung: Die Kollegen beurteilen sich gegenseitig anhand von vier Kriterien – Fähigkeitslevel/Produktivität, technischer Beitrag, Gruppenbeitrag (Recruiting, Onboarding, Tools, Kollegen unterstützen) und Produktbeitrag. Ziel: Jeder bekommt, was er tatsächlich wert ist. Bemerkenswert: Überstunden tragen laut Handbuch generell nicht zur Produktivität bei, sondern deuten auf Ineffizienz hin – wer dauerhaft Überstunden macht, schießt sich ein Eigentor.

Hiring über alles – und die ehrlichen Nachteile

„Nichts ist wichtiger, als die richtigen Leute zu finden – nicht einmal Atmen.“ Wer an einem Einstellungsgespräch beteiligt ist, darf alles andere liegen lassen, und jeder im Unternehmen führt solche Gespräche; es gibt keine separate Personalabteilung. Leitfragen: Würde ich diese Person als Vorgesetzten akzeptieren? Könnte ich viel von ihr lernen? Was, wenn sie für die Konkurrenz arbeitete? Zum Schluss ist Valve selbstkritisch und listet die eigenen Schwächen: Menschen beim Zurechtkommen zu helfen, fehlendes Mentoring, interne Informationsverteilung, das Einstellen von Quereinsteigern, langfristige Prognosen – und der Punkt, dass Valve talentierte Menschen verliert, die lieber in klassischen Strukturen arbeiten. Gerade das Mentoring-Defizit ist real: Fortschritt ist der größte Motivator, und ohne Entwicklungspfade fehlt manchen das Gefühl, einen Schritt nach vorn zu machen. Flache Hierarchie ist also kein heiliger Gral – aber ein faszinierender Impuls, was möglich ist.

Diese Ownership-Kultur ist im Kern dieselbe Haltung, die jeden unternehmerischen Weg trägt – mehr dazu in der Folge Unternehmer werden oder angestellt bleiben. Und wer ein solches Umfeld nicht nur erleben, sondern selbst gestalten will, findet in Führung mit System das passende Gegenstück.

Häufige Fragen zu flachen Hierarchien

Was bedeutet „flache Hierarchie“ bei Valve konkret? Es gibt keine Managementebene und keine Vorgesetzten – auch der Gründer ist keiner. Jeder Mitarbeiter entscheidet zu 100 % selbst, woran er arbeitet, kann Projekte starten und Produkte auf den Markt bringen. Im Gegenzug trägt jeder volle Verantwortung für seinen Beitrag zum Unternehmenserfolg.

Wie funktioniert die Vergütung ohne Vorgesetzte? Über Peer-Bewertung: Die Kollegen, mit denen man zusammengearbeitet hat, beurteilen einander anhand von vier Kriterien (Fähigkeit/Produktivität, technischer Beitrag, Gruppenbeitrag und Produktbeitrag). Daraus ergibt sich eine Rangfolge, an der sich die Gehälter orientieren. Ziel ist, dass jeder das bekommt, was sein tatsächlicher Beitrag wert ist.

Funktioniert ein Unternehmen ohne Hierarchie für jeden? Nein. Valve nennt selbst die Nachteile: Manche kommen mit der völligen Eigenverantwortung schwer zurecht, es fehlt strukturiertes Mentoring, und Menschen, die klassische Strukturen und sichtbare Karriereschritte brauchen, fühlen sich oft nicht wohl. Das Modell setzt absolute A-Player voraus, die bereit sind, Verantwortung zu tragen.

Was kann ich aus dem Valve-Modell für mein eigenes Team mitnehmen? Vor allem die Bausteine einer Ownership-Kultur: eine konstruktive Fehlerkultur, in der niemand für Fehler bestraft wird, ehrliches Feedback aus dem ganzen Arbeitsumfeld statt nur von oben, und höchste Sorgfalt beim Einstellen. Diese Elemente lassen sich auch in Unternehmen mit Hierarchie übernehmen.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • Valve – Handbook for New Employees: das frei verfügbare Handbuch, aus dem die Auszüge stammen (online als „Valve Handbook“).
  • Reed Hastings & Erin Meyer – No Rules Rules: Netflix‘ vergleichbar freie, leistungsorientierte Unternehmenskultur.

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema unternehmerisch denken & gründen und Führung & Leadership.

Transkript

Herzlich willkommen zur Folge 131: Radikal flach – wie ein Unternehmen ohne Hierarchien funktioniert. Ich bin vor einigen Tagen auf ein ultraspannendes Unternehmen gestoßen: Valve, ein Spieleentwickler aus den USA mit einer sehr ungewöhnlichen Unternehmenskultur. Ich möchte in dieser Folge einen Deep Dive machen, denn es gibt ein öffentliches Handbuch für neue Mitarbeiter – einfach „Valve Handbook“ googeln. Kurzer Hintergrund: Valve wurde 1996 gegründet. Falls dir der Name nichts sagt, sagen dir wahrscheinlich zwei andere Begriffe etwas: das Spiel Counter-Strike oder die Plattform Steam. Das Unternehmen ist mit rund 360 Mitarbeitern klassisch mittelständisch – und jetzt ein spannender Fakt: Die Rentabilität pro Mitarbeiter ist bei Valve deutlich höher als bei Google, Amazon oder Microsoft. Mit Steam haben sie eine absolute Gelddruckmaschine. Mir geht es hier aber nicht um das Geschäftsmodell, sondern um die Unternehmenskultur.

Schon die Überschrift des Handbuchs lautet: „Ein faszinierender Leitfaden darüber, was zu tun ist, wenn dir niemand vorgibt, was du zu tun hast.“ Damit sind wir beim Titel: radikal flach, keine Hierarchie. Ich lese immer wieder Auszüge vor, denn ich habe es mir im Detail angeschaut und war wirklich fasziniert. Auch das Intro ist spannend: Valve hat den Anspruch, diesen Abschnitt deines Lebens zu einer deiner interessantesten beruflichen Erfahrungen zu machen – sagt aber zugleich, dass es einige Zeit dauern kann, sich daran zu gewöhnen. Das ganze Handbuch ist mit viel Humor gespickt, man bekommt sofort ein Gefühl für die Kultur.

Der erste Abschnitt heißt „Welcome to Flatland“. Dort wird erklärt: Eine Hierarchie eignet sich ideal, um bekannte, wiederholbare Abläufe zu gewährleisten; sie vereinfacht das Planen, und eine große Gruppe lässt sich von oben nach unten leiten – weshalb militärische Organisationen besonders darauf bauen. Bei Valve geht es aber um sehr viel kreative Arbeit, um Top-Performer, die innovativ am Puls der Zeit arbeiten. Deshalb hat man sich von Beginn an gegen eine Managementebene entschieden. Bei einem kleinen Startup kann man sich das vorstellen, aber bei 360 Mitarbeitern ist das eine absolute Seltenheit. Im Handbuch steht: „Wir haben einen Gründer und Präsidenten, aber selbst er ist nicht dein Vorgesetzter.“ Es gibt sogar eine Visualisierung – nur eine lange Linie mit vielen Punkten. Das bedeutet: Du kannst Projekte ins Leben rufen und Produkte auf den Markt bringen; keine bürokratischen Hürden hindern dich daran, herauszufinden, was die Kunden wollen, und es ihnen zu geben.

Das ist die eine Seite. Die andere: Es geht um sehr viel Verantwortung, und das braucht absolute A-Player. Valve sagt: Jedes Mal, wenn du mit einem Kandidaten sprichst, solltest du dich nicht nur fragen, ob er Talent und Teamgeist hat, sondern auch, ob er in der Lage wäre, dieses Unternehmen selbst zu leiten – denn das wird er. Flatland ohne Hierarchien bedeutet vollkommene Freiheit, aber es ist der Inbegriff einer Ownership-Kultur: volles Ownership, volle Verantwortung. Du musst ein A-Player sein, der bereit ist, diese Verantwortung zu tragen und die Geschicke des Unternehmens mitzulenken.

Der zweite Punkt ist die Eingewöhnungsphase. Bei anderen Firmen verbringen Angestellte einen Prozentsatz ihrer Zeit mit eigenen Projekten – bei Valve sind es 100 %. Jeder entscheidet selbst, woran er arbeitet. Einer der wichtigsten Punkte ist daher die Projektwahl. Es gibt niemanden, der dir sagt, was zu tun ist. Starke Projekte sind jene, in denen alle einen erkennbaren Nutzen sehen. Die wichtige Frage lautet: Wie entscheide ich, woran ich arbeite? Das Handbuch sagt, das kann das Schwerste an deinem Job sein. Strukturen werden nicht vorgegeben – sie organisieren sich selbst, darauf vertraut Valve seit 25 Jahren. Und: „Du wurdest nicht eingestellt, um eine bestimmte Position zu füllen, sondern um dich umzusehen, wo du den besten Beitrag leisten könntest.“ Es geht darum, den allerbesten Beitrag zu leisten und deine Stärken einzubringen, statt den halben Tag damit zu verbringen, Schwächen auszugleichen.

Wie findest du das richtige Projekt? Relativ simpel: Erstens sprich mit deinen Kollegen und frag sie, woran sie gerade arbeiten. Zweitens erzähl ihnen, worin du gut bist und wo du Erfahrung hast. Das klingt banal, aber dieser Prozess leitet dich automatisch zu den Projekten mit dem größten Hebel, weil du immer wieder Empfehlungen bekommst: Sprich mal mit dieser Person, schau dir mal jenes Projekt an. So hangelst du dich in der Eingewöhnungsphase von Person zu Person und bekommst ein Bild davon, was läuft.

Ein großer Punkt ist die Fehlerkultur. Es gibt ein Kapitel zum Thema Risiko: Was, wenn ich einen Fehler mache? In vielen Unternehmen ist die Fehlerkultur nicht gesund – Valve dagegen kann nur mit einer sehr konstruktiven Fehlerkultur bestehen. Der erste Satz: „Niemand musste bei Valve wegen eines Fehlers gehen.“ Einen Fehler zu begehen ist ein guter Weg, festzustellen, dass eine Annahme falsch war oder die eigene Weltanschauung schiefliegt. Ein innovatives Umfeld braucht das. Ich kenne das Prinzip des „Hundebisses“: Wer in einer Kultur war, in der jeder Fehler bestraft wurde, ist erst einmal abgeschreckt und muss Vertrauen wieder aufbauen. Wenn du eine Ownership-Kultur etablieren willst, ist eine konstruktive Fehlerkultur das A und O.

Der vierte Punkt ist die gegenseitige Bewertung – ein super spannendes Kapitel. Valve hat zwei Maßnahmen. Erstens die jährlichen Peer Reviews. Kommunikation ist das A und O – man soll überall miteinander reden, in der Kaffeeküche, auf dem Gang. Daneben gibt es den formellen Prozess: Eine Gruppe, die von Jahr zu Jahr wechselt, führt mit allen ein Gespräch und fragt: Mit wem hast du seit dem letzten Review zusammengearbeitet, und wie lief es? Alle Antworten werden gesammelt, anonymisiert und an die jeweiligen Personen verteilt. Jeder bekommt also jährlich einen anonymisierten Feedbackbogen – nicht von einem Vorgesetzten, sondern von allen, mit denen er gearbeitet hat – mit Blick darauf, wie man persönlich wachsen kann.

Der zweite Punkt ist die Vergütung. Ziel: Jeder soll bekommen, was er oder sie wert ist, gemessen am Beitrag zum Unternehmen. Wie schafft man das? Alle beurteilen sich gegenseitig. Wichtige Kriterien: Wie viele wichtige Projekte hast du fertiggestellt? Dabei steht explizit im Handbuch: Überstunden tragen generell nicht zur Produktivität bei und deuten eher auf Ineffizienz hin. Das ist ein spannender Kontrast zur Kritik an freien Kulturen (siehe Netflix, „No Rules Rules“), man arbeite dort rund um die Uhr. Wer bei Valve dauerhaft Überstunden macht und keinen Urlaub nimmt, wird eher schlechter beurteilt. Weitere Kriterien: der Gruppenbeitrag – wie viel Zeit steckst du in Unternehmensprozesse, Recruiting, das Integrieren von Mitarbeitern, das Verbessern von Abläufen, das Unterstützen von Kollegen oder Tools für andere – und der Produktbeitrag, also wie stark deine Arbeit auf das Produkt wirkt. Anhand dieser vier Kriterien beurteilt jeder jeden, mit dem er zusammengearbeitet hat. Insgesamt liegt das Einkommensniveau bei Valve über dem Durchschnitt.

Punkt 5 zeigt wieder die Kultur: Ein Abschnitt heißt „So gehst du auf Betriebsurlaub“ mit vier Punkten – finde jemanden, der auf deine Katze aufpasst; steig in unser Charterflugzeug; entspann dich am Pool; entspann dich noch etwas mehr. Solche humorvollen Skizzen ziehen sich durch das ganze Handbuch. Punkt 6: „Wähle dein eigenes Abenteuer“ – hier geht es um Weiterentwicklung. Eine Anstellung bei Valve bietet die Gelegenheit für extrem effizientes und oft sehr schnelles Karrierewachstum. Aber: Du bestimmst deinen Fortschritt selbst. Es gibt keine Entwicklungspläne, keine internen Kurse, keine Mentoring-Programme. Valve glaubt, dass Menschen mit hohem Leistungspotenzial sich generell selbst verbessern wollen. Geschätzt werden „T-förmige“ Menschen und Teams – die Mischung aus Allrounder und Experte: eine gewisse Breite über alle Unternehmensbereiche plus Tiefe in einer Expertise. Diese Kombination ist Gold wert, gerade für eine Ownership-Kultur.

Punkt 7: die richtigen Mitarbeiter einstellen. „Nichts ist wichtiger, als die richtigen Leute zu finden – nicht einmal Atmen.“ Wenn du an einem Einstellungsgespräch beteiligt bist, kannst du alles andere auf die lange Bank schieben. Und: Jeder im Unternehmen sollte an Einstellungsgesprächen teilnehmen; es gibt keinen separaten Personalbereich. Hilfreiche Fragen: Würde ich diese Person als Vorgesetzten akzeptieren? Könnte ich eine beträchtliche Menge von ihr lernen? Was, wenn sie für die Konkurrenz arbeitete?

Zum Schluss ein Nachwort: Worin ist Valve nicht gut? Die Firmenphilosophie hat Nachteile. Erstens: Menschen zu helfen, zurechtzukommen – ein Buch kann nur bedingt aushelfen, und Eigenverantwortung muss man erst lernen. Zweitens: Mentoring für Mitarbeiter – proaktiv zu helfen, sich zu verbessern, ist etwas, woran Valve organisatorisch noch arbeiten muss; Peer Reviews haben Grenzen. Genau hier sehen wir bei Mentorwerk den immensen Wert von Mentoring für ambitionierte Ingenieure, die im Unternehmen keine Unterstützung bekommen. Drittens: Informationen intern zu verbreiten. Viertens: Menschen aus ganz neuen Bereichen (Ökonomen, Industriedesigner) zu finden und einzustellen. Fünftens: Prognosen über mehrere Monate hinaus. Sechstens: Valve entgehen talentierte Menschen, die lieber in traditionelleren Strukturen arbeiten – eine selbst auferlegte Einschränkung.

Da ist viel dran. Ich habe mit vielen Personen gesprochen, die in flacheren Hierarchien gearbeitet haben; manchen fehlte die Möglichkeit, sich zu entwickeln, und das Gefühl, einen Schritt zu machen, statt 15 Jahre in derselben Rolle zu sitzen. Fortschritt ist der größte Motivator, und solche Signale geben das Gefühl von Fortschritt. Zusammengefasst: eine ungewöhnliche Unternehmenskultur, faszinierend zu sehen – ein rentables Unternehmen mit 360 Mitarbeitern, das seit 25 Jahren so arbeitet. „Welcome to Flatland“: Hierarchien haben ihre Daseinsberechtigung, aber nicht beim sehr innovativen, intellektuellen Wissensarbeiten. Flatland braucht A-Player mit Ownership-Denken, eine durch und durch positive Fehlerkultur, gegenseitige Bewertung über Peer Reviews und Peer-Vergütung – und vor allem höchste Sorgfalt beim Einstellen. Es ist kein heiliger Gral, sondern ein spannender Impuls, was möglich ist. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

Danke fürs Lesen. Mehr praktische Ideen erhältst du in meinem beliebten Newsletter. Jede Woche versende ich 3 Ideen an über 3.500 ambitionierte Ingenieure. Trage dich jetzt ein und schließ dich uns an.

Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

Radikal flach: Wie ein Unternehmen ohne Hierarchien funktioniert

Was machst du, wenn dir niemand vorgibt, was du zu tun hast? Genau diese Frage stellt sich jeder neue Mitarbeiter beim Spieleentwickler Valve – einem Unternehmen mit rund 360 Menschen, das seit 25 Jahren komplett ohne Managementebene arbeitet und pro Kopf rentabler ist als Google, Amazon oder Microsoft.

In dieser Folge mache ich einen Deep Dive in Valves legendäres Mitarbeiterhandbuch: radikal flache Hierarchien, eine kompromisslose Ownership-Kultur, hundertprozentig freie Projektwahl – und warum das nur mit echten A-Playern funktioniert. Plus die Nachteile, die Valve selbst offen einräumt.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • „Welcome to Flatland“: Valve hat keine Managementebene. Es gibt einen Gründer und Präsidenten – aber selbst er ist nicht dein Vorgesetzter.
  • Freie Projektwahl zu 100 %: Niemand sagt dir, woran du arbeitest. Du wurdest nicht für eine Position eingestellt, sondern um selbst zu finden, wo du den größten Beitrag leistest.
  • Flache Hierarchie = maximale Verantwortung: Volle Freiheit bedeutet volles Ownership. Das funktioniert nur mit A-Playern – Einstellungsfrage: Könnte diese Person das Unternehmen selbst leiten?
  • Konstruktive Fehlerkultur: „Niemand musste bei Valve wegen eines Fehlers gehen.“ Innovatives Arbeiten braucht das Recht, sich zu irren.
  • Peer Reviews & Peer-Vergütung: Jährliches, anonymisiertes Feedback von allen, mit denen du gearbeitet hast – und Gehälter, die die Kollegen gemeinsam am tatsächlichen Beitrag bemessen. Überstunden gelten als Zeichen von Ineffizienz.
  • Einstellen ist wichtiger als Atmen: Der Recruiting-Prozess hat oberste Priorität, und jeder im Unternehmen führt Einstellungsgespräche.

Flache Hierarchien & Ownership: die Kernidee

Das Unternehmen: Valve und das Handbuch

Valve, gegründet 1996, ist der Spieleentwickler hinter Counter-Strike und der Plattform Steam – mit Steam eine echte Gelddruckmaschine. Spannend ist hier aber nicht das Geschäftsmodell, sondern die Kultur. Valve hat ein öffentliches Handbuch für neue Mitarbeiter (einfach „Valve Handbook“ googeln), dessen Untertitel schon alles sagt: „Ein faszinierender Leitfaden darüber, was zu tun ist, wenn dir niemand vorgibt, was du zu tun hast.“ Schon das Intro stellt klar: Dieser Abschnitt deines Lebens soll zu einer deiner interessantesten beruflichen Erfahrungen werden – aber es kann dauern, bis du dich daran gewöhnst.

Welcome to Flatland

Valve räumt ein, dass Hierarchie für bekannte, wiederholbare Abläufe ideal ist – militärische Organisationen bauen genau darauf. Aber bei hochkreativer Wissensarbeit, beim Entwickeln neuer Spiele am Puls der Zeit, hat man sich von Anfang an gegen eine Managementebene entschieden. Im Handbuch steht der Satz: „Wir haben einen Gründer und Präsidenten, aber selbst er ist nicht dein Vorgesetzter.“ Visualisiert wird das als lange Linie aus vielen gleichberechtigten Punkten. Die Folge: Du kannst Projekte ins Leben rufen und Produkte auf den Markt bringen, ohne dass bürokratische Hürden dich aufhalten. Die Kehrseite: enorme Verantwortung – und die braucht absolute A-Player.

Freie Projektwahl – und wie du sie triffst

Bei anderen Firmen dürfen Mitarbeiter einen Prozentsatz ihrer Zeit in eigene Projekte stecken (etwa der berühmte Freitag bei Google). Bei Valve sind es 100 %: Jeder entscheidet selbst, woran er arbeitet. „Du wurdest nicht eingestellt, um eine Position zu füllen, sondern um dich danach umzusehen, wo du den besten Beitrag leisten kannst.“ Die wichtigste – und laut Handbuch oft schwerste – Aufgabe ist deshalb die Projektwahl. Das Rezept ist verblüffend simpel: Erstens mit Kollegen sprechen und fragen, woran sie gerade arbeiten und warum sie überzeugt sind. Zweitens allen erzählen, worin du gut bist und wo du Erfahrung hast. So hangelst du dich von Empfehlung zu Empfehlung automatisch zu den Projekten, bei denen dein Beitrag am größten ist. Starke Projekte sind die, in denen alle einen erkennbaren Nutzen sehen.

Fehlerkultur, Peer Reviews und Peer-Vergütung

Eine solche Freiheit funktioniert nur mit einer durch und durch positiven Fehlerkultur: „Niemand musste bei Valve wegen eines Fehlers gehen.“ Ein Fehler ist ein guter Weg, herauszufinden, dass eine Annahme falsch war. Bewertet wird trotzdem – über zwei Mechanismen. Erstens die jährlichen Peer Reviews: Eine wechselnde Gruppe fragt jeden, mit wem er zusammengearbeitet hat und wie es lief; die Antworten werden anonymisiert gebündelt zurückgespielt – Feedback aus dem ganzen Netzwerk, nicht von einem einzelnen Chef. Zweitens die Peer-Vergütung: Die Kollegen beurteilen sich gegenseitig anhand von vier Kriterien – Fähigkeitslevel/Produktivität, technischer Beitrag, Gruppenbeitrag (Recruiting, Onboarding, Tools, Kollegen unterstützen) und Produktbeitrag. Ziel: Jeder bekommt, was er tatsächlich wert ist. Bemerkenswert: Überstunden tragen laut Handbuch generell nicht zur Produktivität bei, sondern deuten auf Ineffizienz hin – wer dauerhaft Überstunden macht, schießt sich ein Eigentor.

Hiring über alles – und die ehrlichen Nachteile

„Nichts ist wichtiger, als die richtigen Leute zu finden – nicht einmal Atmen.“ Wer an einem Einstellungsgespräch beteiligt ist, darf alles andere liegen lassen, und jeder im Unternehmen führt solche Gespräche; es gibt keine separate Personalabteilung. Leitfragen: Würde ich diese Person als Vorgesetzten akzeptieren? Könnte ich viel von ihr lernen? Was, wenn sie für die Konkurrenz arbeitete? Zum Schluss ist Valve selbstkritisch und listet die eigenen Schwächen: Menschen beim Zurechtkommen zu helfen, fehlendes Mentoring, interne Informationsverteilung, das Einstellen von Quereinsteigern, langfristige Prognosen – und der Punkt, dass Valve talentierte Menschen verliert, die lieber in klassischen Strukturen arbeiten. Gerade das Mentoring-Defizit ist real: Fortschritt ist der größte Motivator, und ohne Entwicklungspfade fehlt manchen das Gefühl, einen Schritt nach vorn zu machen. Flache Hierarchie ist also kein heiliger Gral – aber ein faszinierender Impuls, was möglich ist.

Diese Ownership-Kultur ist im Kern dieselbe Haltung, die jeden unternehmerischen Weg trägt – mehr dazu in der Folge Unternehmer werden oder angestellt bleiben. Und wer ein solches Umfeld nicht nur erleben, sondern selbst gestalten will, findet in Führung mit System das passende Gegenstück.

Häufige Fragen zu flachen Hierarchien

Was bedeutet „flache Hierarchie“ bei Valve konkret? Es gibt keine Managementebene und keine Vorgesetzten – auch der Gründer ist keiner. Jeder Mitarbeiter entscheidet zu 100 % selbst, woran er arbeitet, kann Projekte starten und Produkte auf den Markt bringen. Im Gegenzug trägt jeder volle Verantwortung für seinen Beitrag zum Unternehmenserfolg.

Wie funktioniert die Vergütung ohne Vorgesetzte? Über Peer-Bewertung: Die Kollegen, mit denen man zusammengearbeitet hat, beurteilen einander anhand von vier Kriterien (Fähigkeit/Produktivität, technischer Beitrag, Gruppenbeitrag und Produktbeitrag). Daraus ergibt sich eine Rangfolge, an der sich die Gehälter orientieren. Ziel ist, dass jeder das bekommt, was sein tatsächlicher Beitrag wert ist.

Funktioniert ein Unternehmen ohne Hierarchie für jeden? Nein. Valve nennt selbst die Nachteile: Manche kommen mit der völligen Eigenverantwortung schwer zurecht, es fehlt strukturiertes Mentoring, und Menschen, die klassische Strukturen und sichtbare Karriereschritte brauchen, fühlen sich oft nicht wohl. Das Modell setzt absolute A-Player voraus, die bereit sind, Verantwortung zu tragen.

Was kann ich aus dem Valve-Modell für mein eigenes Team mitnehmen? Vor allem die Bausteine einer Ownership-Kultur: eine konstruktive Fehlerkultur, in der niemand für Fehler bestraft wird, ehrliches Feedback aus dem ganzen Arbeitsumfeld statt nur von oben, und höchste Sorgfalt beim Einstellen. Diese Elemente lassen sich auch in Unternehmen mit Hierarchie übernehmen.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • Valve – Handbook for New Employees: das frei verfügbare Handbuch, aus dem die Auszüge stammen (online als „Valve Handbook“).
  • Reed Hastings & Erin Meyer – No Rules Rules: Netflix‘ vergleichbar freie, leistungsorientierte Unternehmenskultur.

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema unternehmerisch denken & gründen und Führung & Leadership.

Transkript

Herzlich willkommen zur Folge 131: Radikal flach – wie ein Unternehmen ohne Hierarchien funktioniert. Ich bin vor einigen Tagen auf ein ultraspannendes Unternehmen gestoßen: Valve, ein Spieleentwickler aus den USA mit einer sehr ungewöhnlichen Unternehmenskultur. Ich möchte in dieser Folge einen Deep Dive machen, denn es gibt ein öffentliches Handbuch für neue Mitarbeiter – einfach „Valve Handbook“ googeln. Kurzer Hintergrund: Valve wurde 1996 gegründet. Falls dir der Name nichts sagt, sagen dir wahrscheinlich zwei andere Begriffe etwas: das Spiel Counter-Strike oder die Plattform Steam. Das Unternehmen ist mit rund 360 Mitarbeitern klassisch mittelständisch – und jetzt ein spannender Fakt: Die Rentabilität pro Mitarbeiter ist bei Valve deutlich höher als bei Google, Amazon oder Microsoft. Mit Steam haben sie eine absolute Gelddruckmaschine. Mir geht es hier aber nicht um das Geschäftsmodell, sondern um die Unternehmenskultur.

Schon die Überschrift des Handbuchs lautet: „Ein faszinierender Leitfaden darüber, was zu tun ist, wenn dir niemand vorgibt, was du zu tun hast.“ Damit sind wir beim Titel: radikal flach, keine Hierarchie. Ich lese immer wieder Auszüge vor, denn ich habe es mir im Detail angeschaut und war wirklich fasziniert. Auch das Intro ist spannend: Valve hat den Anspruch, diesen Abschnitt deines Lebens zu einer deiner interessantesten beruflichen Erfahrungen zu machen – sagt aber zugleich, dass es einige Zeit dauern kann, sich daran zu gewöhnen. Das ganze Handbuch ist mit viel Humor gespickt, man bekommt sofort ein Gefühl für die Kultur.

Der erste Abschnitt heißt „Welcome to Flatland“. Dort wird erklärt: Eine Hierarchie eignet sich ideal, um bekannte, wiederholbare Abläufe zu gewährleisten; sie vereinfacht das Planen, und eine große Gruppe lässt sich von oben nach unten leiten – weshalb militärische Organisationen besonders darauf bauen. Bei Valve geht es aber um sehr viel kreative Arbeit, um Top-Performer, die innovativ am Puls der Zeit arbeiten. Deshalb hat man sich von Beginn an gegen eine Managementebene entschieden. Bei einem kleinen Startup kann man sich das vorstellen, aber bei 360 Mitarbeitern ist das eine absolute Seltenheit. Im Handbuch steht: „Wir haben einen Gründer und Präsidenten, aber selbst er ist nicht dein Vorgesetzter.“ Es gibt sogar eine Visualisierung – nur eine lange Linie mit vielen Punkten. Das bedeutet: Du kannst Projekte ins Leben rufen und Produkte auf den Markt bringen; keine bürokratischen Hürden hindern dich daran, herauszufinden, was die Kunden wollen, und es ihnen zu geben.

Das ist die eine Seite. Die andere: Es geht um sehr viel Verantwortung, und das braucht absolute A-Player. Valve sagt: Jedes Mal, wenn du mit einem Kandidaten sprichst, solltest du dich nicht nur fragen, ob er Talent und Teamgeist hat, sondern auch, ob er in der Lage wäre, dieses Unternehmen selbst zu leiten – denn das wird er. Flatland ohne Hierarchien bedeutet vollkommene Freiheit, aber es ist der Inbegriff einer Ownership-Kultur: volles Ownership, volle Verantwortung. Du musst ein A-Player sein, der bereit ist, diese Verantwortung zu tragen und die Geschicke des Unternehmens mitzulenken.

Der zweite Punkt ist die Eingewöhnungsphase. Bei anderen Firmen verbringen Angestellte einen Prozentsatz ihrer Zeit mit eigenen Projekten – bei Valve sind es 100 %. Jeder entscheidet selbst, woran er arbeitet. Einer der wichtigsten Punkte ist daher die Projektwahl. Es gibt niemanden, der dir sagt, was zu tun ist. Starke Projekte sind jene, in denen alle einen erkennbaren Nutzen sehen. Die wichtige Frage lautet: Wie entscheide ich, woran ich arbeite? Das Handbuch sagt, das kann das Schwerste an deinem Job sein. Strukturen werden nicht vorgegeben – sie organisieren sich selbst, darauf vertraut Valve seit 25 Jahren. Und: „Du wurdest nicht eingestellt, um eine bestimmte Position zu füllen, sondern um dich umzusehen, wo du den besten Beitrag leisten könntest.“ Es geht darum, den allerbesten Beitrag zu leisten und deine Stärken einzubringen, statt den halben Tag damit zu verbringen, Schwächen auszugleichen.

Wie findest du das richtige Projekt? Relativ simpel: Erstens sprich mit deinen Kollegen und frag sie, woran sie gerade arbeiten. Zweitens erzähl ihnen, worin du gut bist und wo du Erfahrung hast. Das klingt banal, aber dieser Prozess leitet dich automatisch zu den Projekten mit dem größten Hebel, weil du immer wieder Empfehlungen bekommst: Sprich mal mit dieser Person, schau dir mal jenes Projekt an. So hangelst du dich in der Eingewöhnungsphase von Person zu Person und bekommst ein Bild davon, was läuft.

Ein großer Punkt ist die Fehlerkultur. Es gibt ein Kapitel zum Thema Risiko: Was, wenn ich einen Fehler mache? In vielen Unternehmen ist die Fehlerkultur nicht gesund – Valve dagegen kann nur mit einer sehr konstruktiven Fehlerkultur bestehen. Der erste Satz: „Niemand musste bei Valve wegen eines Fehlers gehen.“ Einen Fehler zu begehen ist ein guter Weg, festzustellen, dass eine Annahme falsch war oder die eigene Weltanschauung schiefliegt. Ein innovatives Umfeld braucht das. Ich kenne das Prinzip des „Hundebisses“: Wer in einer Kultur war, in der jeder Fehler bestraft wurde, ist erst einmal abgeschreckt und muss Vertrauen wieder aufbauen. Wenn du eine Ownership-Kultur etablieren willst, ist eine konstruktive Fehlerkultur das A und O.

Der vierte Punkt ist die gegenseitige Bewertung – ein super spannendes Kapitel. Valve hat zwei Maßnahmen. Erstens die jährlichen Peer Reviews. Kommunikation ist das A und O – man soll überall miteinander reden, in der Kaffeeküche, auf dem Gang. Daneben gibt es den formellen Prozess: Eine Gruppe, die von Jahr zu Jahr wechselt, führt mit allen ein Gespräch und fragt: Mit wem hast du seit dem letzten Review zusammengearbeitet, und wie lief es? Alle Antworten werden gesammelt, anonymisiert und an die jeweiligen Personen verteilt. Jeder bekommt also jährlich einen anonymisierten Feedbackbogen – nicht von einem Vorgesetzten, sondern von allen, mit denen er gearbeitet hat – mit Blick darauf, wie man persönlich wachsen kann.

Der zweite Punkt ist die Vergütung. Ziel: Jeder soll bekommen, was er oder sie wert ist, gemessen am Beitrag zum Unternehmen. Wie schafft man das? Alle beurteilen sich gegenseitig. Wichtige Kriterien: Wie viele wichtige Projekte hast du fertiggestellt? Dabei steht explizit im Handbuch: Überstunden tragen generell nicht zur Produktivität bei und deuten eher auf Ineffizienz hin. Das ist ein spannender Kontrast zur Kritik an freien Kulturen (siehe Netflix, „No Rules Rules“), man arbeite dort rund um die Uhr. Wer bei Valve dauerhaft Überstunden macht und keinen Urlaub nimmt, wird eher schlechter beurteilt. Weitere Kriterien: der Gruppenbeitrag – wie viel Zeit steckst du in Unternehmensprozesse, Recruiting, das Integrieren von Mitarbeitern, das Verbessern von Abläufen, das Unterstützen von Kollegen oder Tools für andere – und der Produktbeitrag, also wie stark deine Arbeit auf das Produkt wirkt. Anhand dieser vier Kriterien beurteilt jeder jeden, mit dem er zusammengearbeitet hat. Insgesamt liegt das Einkommensniveau bei Valve über dem Durchschnitt.

Punkt 5 zeigt wieder die Kultur: Ein Abschnitt heißt „So gehst du auf Betriebsurlaub“ mit vier Punkten – finde jemanden, der auf deine Katze aufpasst; steig in unser Charterflugzeug; entspann dich am Pool; entspann dich noch etwas mehr. Solche humorvollen Skizzen ziehen sich durch das ganze Handbuch. Punkt 6: „Wähle dein eigenes Abenteuer“ – hier geht es um Weiterentwicklung. Eine Anstellung bei Valve bietet die Gelegenheit für extrem effizientes und oft sehr schnelles Karrierewachstum. Aber: Du bestimmst deinen Fortschritt selbst. Es gibt keine Entwicklungspläne, keine internen Kurse, keine Mentoring-Programme. Valve glaubt, dass Menschen mit hohem Leistungspotenzial sich generell selbst verbessern wollen. Geschätzt werden „T-förmige“ Menschen und Teams – die Mischung aus Allrounder und Experte: eine gewisse Breite über alle Unternehmensbereiche plus Tiefe in einer Expertise. Diese Kombination ist Gold wert, gerade für eine Ownership-Kultur.

Punkt 7: die richtigen Mitarbeiter einstellen. „Nichts ist wichtiger, als die richtigen Leute zu finden – nicht einmal Atmen.“ Wenn du an einem Einstellungsgespräch beteiligt bist, kannst du alles andere auf die lange Bank schieben. Und: Jeder im Unternehmen sollte an Einstellungsgesprächen teilnehmen; es gibt keinen separaten Personalbereich. Hilfreiche Fragen: Würde ich diese Person als Vorgesetzten akzeptieren? Könnte ich eine beträchtliche Menge von ihr lernen? Was, wenn sie für die Konkurrenz arbeitete?

Zum Schluss ein Nachwort: Worin ist Valve nicht gut? Die Firmenphilosophie hat Nachteile. Erstens: Menschen zu helfen, zurechtzukommen – ein Buch kann nur bedingt aushelfen, und Eigenverantwortung muss man erst lernen. Zweitens: Mentoring für Mitarbeiter – proaktiv zu helfen, sich zu verbessern, ist etwas, woran Valve organisatorisch noch arbeiten muss; Peer Reviews haben Grenzen. Genau hier sehen wir bei Mentorwerk den immensen Wert von Mentoring für ambitionierte Ingenieure, die im Unternehmen keine Unterstützung bekommen. Drittens: Informationen intern zu verbreiten. Viertens: Menschen aus ganz neuen Bereichen (Ökonomen, Industriedesigner) zu finden und einzustellen. Fünftens: Prognosen über mehrere Monate hinaus. Sechstens: Valve entgehen talentierte Menschen, die lieber in traditionelleren Strukturen arbeiten – eine selbst auferlegte Einschränkung.

Da ist viel dran. Ich habe mit vielen Personen gesprochen, die in flacheren Hierarchien gearbeitet haben; manchen fehlte die Möglichkeit, sich zu entwickeln, und das Gefühl, einen Schritt zu machen, statt 15 Jahre in derselben Rolle zu sitzen. Fortschritt ist der größte Motivator, und solche Signale geben das Gefühl von Fortschritt. Zusammengefasst: eine ungewöhnliche Unternehmenskultur, faszinierend zu sehen – ein rentables Unternehmen mit 360 Mitarbeitern, das seit 25 Jahren so arbeitet. „Welcome to Flatland“: Hierarchien haben ihre Daseinsberechtigung, aber nicht beim sehr innovativen, intellektuellen Wissensarbeiten. Flatland braucht A-Player mit Ownership-Denken, eine durch und durch positive Fehlerkultur, gegenseitige Bewertung über Peer Reviews und Peer-Vergütung – und vor allem höchste Sorgfalt beim Einstellen. Es ist kein heiliger Gral, sondern ein spannender Impuls, was möglich ist. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

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Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

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