Das Leben ist eine Problemkette. Es geht nicht darum, irgendwann keine Probleme mehr zu haben, sondern darum, bessere Probleme zu haben – und sie schneller zu lösen als andere. Genau das ist im Beruf der wohl am meisten unterschätzte Skill: nicht möglichst viel zu wissen, sondern jederzeit das Richtige lernen zu können, um den nächsten Engpass aufzulösen.
In dieser Folge bekommst du fünf Ideen und eine Faustregel, mit denen du systematisch Probleme löst: warum dein Gehirn ein trainierbarer Muskel ist, wie Just-in-Time-Learning funktioniert, was der G-Factor mit deiner Karriere zu tun hat, warum die besten Führungskräfte „coachable“ sind und welche drei Schritte dich am schnellsten zum Profi machen.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Probleme lösen ist eine Lernfähigkeit: Das Leben ist eine Problemkette – wer schnell das relevante Wissen findet, löst jedes Problem. Das ist der unterschätzte Skill im Beruf.
- Neuroplastizität: Dein Gehirn ist anpassungsfähig wie ein Muskel. Erfolgreiche Menschen sind „Gehirn-Bodybuilder“ – Lernmaschinen mit Growth Mindset.
- Just-in-Time statt Just-in-Case: Lerne nicht auf Vorrat, sondern genau das Wissen, das deinen größten Engpass jetzt löst. Die entscheidende Frage: „Was ist mein größter Engpass?“
- G-Factor (General Intelligence): Expertise ist übertragbar. Wer in einem Feld stark ist, wird auch in anderen stark – Skill Stacking und First-Principles-Denken zahlen lebenslang ein.
- Coachable sein: Offen für Feedback, Fragen statt Aussagen, zuhören statt rechthaben. „Closed-minded“ Führungskräfte bremsen sich und ihr Team aus.
- Drei Schritte zum Profi: Shadowing (beobachten) → Sparring (umsetzen + Feedback) → Teaching (es anderen erklären).
- Faustregel: „Vertraue niemandem, dessen Fernseher größer ist als sein Bücherregal.“
Probleme lösen: die Kernidee
Das Leben ist eine Problemkette
Der gedankliche Ausgangspunkt: Es geht nicht darum, sich vollständig von Problemen zu befreien, sondern bessere Probleme zu haben. Selbst ein Warren Buffett hat Probleme – nur eben das Problem, sein Geld sinnvoll zu investieren. Du hast immer eine Reihe von Herausforderungen vor dir, die gelöst werden wollen. Wer diese Kette souverän abarbeitet, kommt voran. Genau deshalb ist „Probleme lösen“ der unterschätzte Skill im Berufsleben – und er ist erlernbar.
Neuroplastizität: dein Gehirn ist ein Muskel
Die Grundvoraussetzung ist die richtige Einstellung zum Lernen. Neuroplastizität bedeutet: Dein Gehirn kann sich selbst verändern, es ist anpassungsfähig wie ein Muskel. Das Tückische ist, dass man es nicht sieht – niemand lernt für ein optisch attraktives Gehirn, also fehlt die sichtbare Belohnung wie beim Fitnessstudio. Doch alle erfolgreichen Persönlichkeiten sind im übertragenen Sinne „Gehirn-Bodybuilder“: absolute Lernmaschinen mit einem trainierten Muskel. Wer versteht, dass er seine Lernfähigkeit aktiv beeinflussen kann, hat das Growth Mindset, das jede Problemlösung erst möglich macht.
Just-in-Time-Learning: lerne, was deinen Engpass löst
Der wichtigste Hebel: relevantes Wissen statt irgendein Wissen. Just-in-Case-Learning heißt, auf Vorrat zu lernen, „weil es irgendwann nützlich sein könnte“. Just-in-Time-Learning beginnt mit einer einzigen Frage: Was ist mein größter Engpass? Stelle sie dir zu Beginn jeder Woche, am besten jeden Tag – bezogen auf dein Projekt, deine Rolle, deine Karriere. Erst wenn der Engpass klar ist, suchst du gezielt das Wissen, das genau ihn auflöst. Eine Geschichte verdeutlicht das: Ein Unternehmer zahlt 60.000 Dollar für eine einjährige Mastermind. Schon am ersten von drei Tagen bekommt er auf seinen klar benannten Engpass den entscheidenden Impuls eines erfahreneren Unternehmers. Was tut er? Er reist ab – und nutzt Tag zwei und drei für die Umsetzung. Er hat nicht für das Event gezahlt, sondern für diesen einen relevanten Impuls. Genau hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Übrigens gilt dieselbe Logik bei der Buchauswahl: Das richtige Buch zum richtigen Engpass fühlt sich an, als wäre es für dich geschrieben.
Der G-Factor: Wissen ist übertragbar
Lange galt die Annahme, je spezialisierter man in einer Sache ist, desto schwächer in anderen. Der Psychologe Charles Spearman fand das Gegenteil: Expertise ist übertragbar. Wer in einem Bereich richtig gut wird, neigt dazu, auch in anderen gut zu werden – das ist der G-Factor (General Intelligence). Michelangelos tiefe Faszination für Anatomie half ihm später, in der Sixtinischen Kapelle den menschlichen Körper meisterhaft darzustellen. Für deine Karriere heißt das: Deine Spezialisierung als Ingenieur verschließt dir keine Türen. Über First-Principles-Denken und Skill Stacking – etwa ein Ausflug in Vertrieb oder Wirtschaftspsychologie – baust du eine allgemeine Problemlösungs-Intelligenz auf, die übertragbar bleibt. (Ein Nebeneffekt: Je allgemein intelligenter du wirst, desto effizienter arbeitet dein Gehirn, das rund 20 % deiner täglichen Energie verbraucht.)
Coachable sein: der stille Lern-Booster
Einer der am stärksten unterschätzten Skills überhaupt: coachable zu sein – offen für Feedback, Ratschläge und konstruktive Kritik. Wer bei jedem Hinweis sofort in den Verteidigungsmodus springt, ist „closed-minded“ und stellt sich beim Lernen selbst ein Bein. „Open-minded“ heißt: Fragen stellen statt Aussagen machen, neugierig zuhören statt rechthaben. Ein guter Selbsttest ist dein Redeanteil in Gesprächen – ist er dauerhaft hoch, lernst du tendenziell wenig. Closed-minded Führungskräfte bremsen nicht nur sich, sondern ihr ganzes Team.
Drei Schritte zum Profi: Shadowing, Sparring, Teaching
Der schnellste Weg, eine neue Fähigkeit zu meistern, hat drei Schritte. Erstens Shadowing: Beobachte über längere Zeit einen Profi – sei bei seinen Meetings, Entscheidungen und Arbeitsphasen dabei. Manche Technologieunternehmen lassen neue Leute monatelang nichts anderes tun, als der Geschäftsführung über die Schulter zu schauen („Modelling of Excellence“). Als Führungskraft heißt das auch: Halte deine Entscheidungsprozesse fest – „Don’t repeat yourself, record yourself.“ Zweitens Sparring: Setze um und lass dich vom Profi beobachten, hole dir Feedback. Drittens Teaching: Erkläre es jemandem, der es ebenfalls lernen will – nichts verankert Wissen so tief wie es weiterzugeben.
Diese Folge ist die Problemlösungs-Sicht auf das Lernen. Wie du Bücher als Lern- und Problemlösungs-Werkzeug nutzt, hörst du in Schneller lernen. Die mentale Grundlage, jedes Problem auf seinen Kern herunterzubrechen, liefert First Principles Thinking. Und warum gerade Führungskräfte coachable bleiben müssen, vertieft Führungskraft werden. Wie du mit den richtigen Ratschlägen zur richtigen Zeit deine Ziele bis zu 10x schneller erreichst, hörst du in Ziele schneller erreichen.
Häufige Fragen zum Probleme lösen
Wie löst man im Beruf schwierige Probleme? Indem man Probleme als lösbare Lernaufgaben begreift. Kläre zuerst deinen größten Engpass, suche dann gezielt das Wissen, das genau ihn auflöst (Just-in-Time-Learning), und setze es sofort um. Ergänze das durch Beobachten von Profis, Feedback und das Weitergeben des Gelernten.
Was ist Just-in-Time-Learning? Statt auf Vorrat zu lernen („könnte irgendwann nützlich sein“), lernst du genau dann das Relevante, wenn du es für deinen aktuellen Engpass brauchst. Die Leitfrage lautet: „Was ist mein größter Engpass?“ – am besten zu Beginn jeder Woche oder jedes Tages.
Kann man Probleme lösen lernen? Ja. Dein Gehirn ist dank Neuroplastizität wie ein Muskel trainierbar. Mit Growth Mindset, Engpass-Denken, übertragbarer Intelligenz (G-Factor), Coachability und den drei Schritten Shadowing, Sparring und Teaching wird Problemlösen zur erlernbaren Fähigkeit.
Warum ist Coachability so wichtig? Wer offen für Feedback und Kritik ist, lernt schneller und löst Probleme besser. „Closed-minded“ Menschen springen bei Hinweisen in den Verteidigungsmodus und bremsen sich – und als Führungskraft auch ihr Team – beim Lernen aus.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- James Clear – Atomic Habits: Veränderung beginnt mit der Identität; neue Gewohnheiten entstehen, indem du neue Dinge über dich glaubst.
- Charles Spearman – G-Factor (General Intelligence): Expertise ist über Felder hinweg übertragbar.
- Michelangelo: Anatomie-Studien als Grundlage für meisterhafte Kunst – ein Beispiel für übertragbares Wissen.
Diese Folge gehört zum Thema Entscheidungen und Produktivität.
Transkript
Zum Einstieg eine kleine persönliche Geschichte, die ich bereits im Newsletter und auf LinkedIn geteilt habe. Es hat 15 Jahre gedauert, bis ich dieses Geburtstagsgeschenk verstanden habe. An meinem 18. Geburtstag drückte mir einer meiner besten Freunde – immer überpünktlich – ein quadratisches Geschenk in die Hand: ein Buch. „Was soll ich mit einem Buch?“, dachte ich, ohne es laut zu sagen. Ich packte aus und hielt die Biografie des ehemaligen Bundeskanzlers Helmut Schmidt in den Händen und guckte verdutzt. Ich war nie ein Leser. Die ersten 24 Jahre meines Lebens habe ich nur gelesen, wenn ich musste – in der Schule oder im Studium. Menschen, die mich heute kennen, glauben mir das kaum: Ich habe in den letzten Jahren über 200 Bücher gelesen, ich lese jeden Tag, überall, sogar beim Spazierengehen. Lesen gehört zu meiner Identität. James Clear schreibt in Atomic Habits: Um neue Gewohnheiten zu entwickeln, musst du anfangen, neue Dinge über dich zu glauben. Alles beginnt mit deiner Identität. Heute hat diese Kanzlerbiografie einen besonderen Platz in meinem Bücherregal – als Reminder, dass man innerhalb weniger Jahre alles in seinem Leben verändern kann.
In dieser Folge soll es um das Thema Lernen gehen – und damit um die Fähigkeit, Probleme zu lösen. Diese kleine Geschichte ist für mich einerseits eine über Identity-based Habits, ein zentrales Konzept von James Clear. Andererseits markiert sie den Moment, in dem sich meine Einstellung zum Lernen radikal verändert hat. Ich habe fünf beeindruckende Ideen zum Lernen mitgebracht und zum Schluss eine Faustregel.
Früher hatte ich immer das Gefühl: Ich muss lernen. Viele fühlen sich nach dem Studium befreit – und hören damit auf, oder die Lernkurve flacht stark ab. Gedanke Nummer 1 ist das Konzept der Neuroplastizität. Das Kernproblem: Man kann das Gehirn nicht sehen, Wissen und Lernen sind ungreifbare Konzepte. Neuroplastizität bedeutet die Fähigkeit deines Gehirns, sich selbst zu verändern – es ist anpassungsfähig wie ein Muskel. Beim Fitnessstudio ist das Ergebnis sichtbar, beim Gehirn nicht – niemand lernt, weil er danach ein optisch attraktives Gehirn hätte. Trotzdem: Alle erfolgreichen Persönlichkeiten, die ich kennenlernen durfte, sind „Gehirn-Bodybuilder“, absolute Lernmaschinen mit einem extrem starken Muskel. Zu verstehen, dass dein Gehirn anpassungsfähig ist und du deine Neuroplastizität beeinflussen kannst, ist Gedanke Nummer 1. Es geht eng mit dem Thema Growth Mindset versus Fixed Mindset einher.
Punkt Nummer 2 ist für mich einer der wichtigsten überhaupt: das Konzept Just-in-Time- versus Just-in-Case-Learning – relevantes versus unnützes Wissen. Es geht nicht darum, sich irgendein Wissen anzueignen, sondern relevantes Wissen. Die meisten haben das noch nicht verstanden; nur eine kleine, elitäre Gruppe lebt es wirklich. Just-in-Time-Learning beginnt mit der Frage: Was ist eigentlich mein größter Engpass? Und die wiederum beginnt mit der Frage: Wo möchte ich hin – was ist mein nächster Schritt? Egal ob im Projekt, in der Wochenplanung, im Monat: Der Zeithorizont spielt eine Rolle. Diese Frage ist Gold wert – stelle sie dir am Anfang jeder Woche, vielleicht sogar jeden Tages. Engpassorientiertes Denken ist die Grundvoraussetzung dafür, relevantes Wissen aufzunehmen. Es ist nett, viel zu lernen – aber wenn du nicht die Dinge lernst, die deine konkreten Probleme lösen, hilft es wenig. Das Leben ist eine Problemkette. Es geht nicht darum, sich von Problemen zu befreien, sondern bessere Probleme zu haben. Selbst ein Warren Buffett hat gerade das Problem, sein Geld zu investieren.
Die entscheidende Frage ist dann: Wo bekomme ich das Wissen her, um diesen Engpass zu lösen? Ein Beispiel, an dem mir selbst bewusst wurde, dass ich Just-in-Time-Learning noch nicht perfektioniert habe: Ich kenne Personen, die 60.000 Dollar für eine einjährige Mastermind ausgeben. Eine Mastermind ist ein beliebtes Konzept im Unternehmertum – eine Gruppe Gleichgesinnter, etwa 20 Unternehmer, die sich über ein Jahr zu mehreren Events trifft und sich gegenseitig hilft, Engpässe zu lösen. In diesem Fall gab es vier Vor-Ort-Events plus digitalen Austausch. Beim ersten Event kamen die Unternehmer für drei Tage in einem Resort im Süden der USA zusammen. Einer der sehr erfolgreichen Unternehmer – sein Unternehmen hatte knapp 150 Mitarbeiter und einige Millionen Jahresumsatz – kam bestens vorbereitet und hatte seinen Engpass glasklar identifiziert. Schon in den ersten Stunden des ersten Tages bekam er von einem erfahreneren Unternehmer, der bei genau diesem Thema einige Schritte voraus war, einen sehr wertvollen Impuls – eine Lösung, die er sofort als hochrelevant erkannte. Das veranlasste ihn dazu, an Tag 2 und Tag 3 nicht mehr teilzunehmen, sondern die Zeit für die Umsetzung dieser Lösung zu nutzen. Er hat nicht für das Event gezahlt, sondern für dieses eine relevante Wissen. Die meisten hätten gesagt: „Ich habe schließlich für alle drei Tage bezahlt, vielleicht ist ja noch etwas dabei.“ Das ist der paradoxe Gedanke: Just-in-Time-Learning bedeutet, das relevante Wissen für meinen aktuellen Engpass zu holen und es sofort umzusetzen. Sollte ich in zwei Jahren einen neuen Engpass haben, kümmere ich mich dann darum. Gerade bei der Buchauswahl gilt dasselbe: Welches Buch soll ich als Nächstes lesen? Du kannst zehn nette Bücher lesen – aber wenn du eines in der Hand hältst, das genau deinen größten Engpass adressiert, fühlt es sich an, als wäre es für dich geschrieben, und du kommst viel schneller voran.
Punkt Nummer 3: der sogenannte G-Factor, auch General Intelligence oder allgemeine Intelligenz. Die ursprüngliche Annahme war: Je spezialisierter man in einer Sache ist, desto schlechter in einer anderen. Wenn du absoluter Experte für Chemieprozesse bist, scheint dir das in der Kindererziehung wenig zu helfen. Der Psychologe Charles Spearman fand das Gegenteil heraus: Expertise in verschiedenen Bereichen ist übertragbar. Menschen, die in einem Bereich gut sind, neigen dazu, auch in anderen gut zu sein – alles kann sich gegenseitig beeinflussen und nützlich sein. Plakatives Beispiel: Michelangelo hatte eine starke Faszination für die Anatomie des Menschen. Diese anatomischen Kenntnisse halfen ihm später enorm, als er in der Sixtinischen Kapelle den menschlichen Körper malte – Proportionen, Körperbau, alles detailgetreu. Ein weiterer spannender Aspekt: Je intelligenter du bist, desto effizienter arbeitet dein Gehirn. Es macht etwa 2 % des Körpergewichts aus, verbraucht aber rund 20 % deiner täglichen Kalorien. Als Wissensarbeiter liegt dein Verbrauch tendenziell höher – und je allgemein intelligenter du bist, desto effizienter und ausdauernder löst du komplexe Probleme.
Daraus folgt: Just-in-Time-Learning ist wichtig, aber man kann es auf verschiedenen Ebenen denken. Es geht nicht nur um Techniken. Ich habe dazu einmal einen Artikel über den „Full Stack Leader“ geschrieben: Es gibt verschiedene Ebenen von Wissen und Fähigkeiten, und es ist wichtig, auch in First Principles zu denken und den G-Factor auszubauen. Deshalb ist manchmal auch Just-in-Case-Learning interessant. Wenn du ein hochspezialisierter Ingenieur bist, etwa in der Robotik, ist diese Spezialisierung nichts Schlechtes – du verschließt dich dadurch nicht. Entscheidest du dich mit Anfang 40, etwas ganz Neues zu machen, startest du dank General Intelligence nicht bei null, denn dein Wissen ist übertragbar. Über Skill Stacking – verschiedene Welten, Branchen und Abteilungen – sammelst du Wissen, das dich beruflich langfristig sehr weit bringt. Wage ruhig den Ausflug in die Welt des Vertriebs oder der Wirtschaftspsychologie.
Ein weiterer Gedanke: Die besten Führungskräfte sind coachable. Coachable zu sein bedeutet, offen zu sein für Feedback, Ratschläge und konstruktive Kritik, um persönlich zu wachsen – ein stark unterschätzter Skill im Berufsleben. Wenn du bei einem Ratschlag sofort in den Verteidigungsmodus springst oder dich rechtfertigen willst, bist du eher nicht coachable. Es klingt einfach, und doch sind viele Führungskräfte eher closed-minded als open-minded. Closed-minded bedeutet, eher Aussagen zu machen als Fragen zu stellen und vor allem recht haben zu wollen. Ein guter Selbsttest: Wie hoch ist dein Redeanteil in Gesprächen? Ist er konstant sehr hoch, stellst du vermutlich wenig Fragen und lernst weniger. Open-minded heißt: authentisch neugierig sein, Fragen stellen und aufmerksam zuhören. Closed-minded Führungskräfte hindern nicht nur sich selbst am Wachsen, sondern ihr ganzes Team.
Zum Schluss eine Technik, die ich von einem der erfolgreichsten Coaches gelernt habe – der beste Weg, etwas zu lernen, in drei Schritten. Schritt 1: Shadowing. Beobachte über längere Zeit einen Profi. Wenn du als Führungskraft jemanden entwickeln willst, der viele deiner Aufgaben übernimmt, sollte diese Person dich zuerst lange beobachten – wirklich bei jedem Meeting dabei sein. Manche großen Technologieunternehmen stellen Personen ein, die drei, vier Monate nichts anderes tun, als der Geschäftsführung quasi rund um die Uhr über die Schulter zu schauen: bei Meetings, Entscheidungsprozessen und konzentrierten Arbeitsphasen dabei sein, Fragen stellen, verstehen, wann und wie Entscheidungen getroffen werden. Shadowing wird oft unterschätzt. Als Führungskraft heißt das auch, Entscheidungsprozesse festzuhalten – als Video oder Notiz. Es gibt den Spruch: „Don’t repeat yourself, record yourself.“ Wenn du Intrapreneur werden willst, ist der beste Weg, dich an die Fersen eines erfolgreichen, inspirierenden Unternehmers zu heften und ihn zunächst nur zu beobachten – das nennt man Modelling of Excellence, und es beginnt mit Shadowing. Schritt 2: Sparring. Setze es um und lass dich vom Profi beobachten, hole dir Feedback. Schritt 3: Teaching. Erkläre es jemand anderem, der es ebenfalls lernen möchte. Das sind die drei Schritte zum Lernen – der schnellste und beste Weg, um in einer Thematik zum Profi zu werden.
Eine Frage, die wir mit unseren Mentees oft besprechen: Ist Lernen eine Kernaktivität? Kernaktivitäten sind die wichtigsten Aufgaben, mit denen du deiner Rolle gerecht wirst und den größtmöglichen Beitrag leistest. Paradoxerweise ist Lernen in vielen Unternehmen gar nicht gern gesehen. Ich würde dennoch immer sagen: Lernen gehört auf die Liste deiner Kernaktivitäten. Wenn du besonders effektiv arbeiten und einen großen Beitrag leisten willst, musst du die Themen aus dieser Folge meistern.
Zum Schluss noch eine entscheidende Faustregel. Beim Lernen geht es auch darum zu entscheiden, welche Ratschläge gut sind und welche nicht. Eine plakative Faustregel lautet: Vertraue niemandem, dessen Fernseher größer ist als sein Bücherregal. Schreib dir das hinter die Ohren. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.
