Karriereentscheidung: warum gute Ratschläge fast alles entscheiden

Es gibt unzählige Wege, den eigenen beruflichen Weg zu gestalten. Bleiben oder wechseln? Auf diese Stelle bewerben oder warten? Den Schritt in eine Führungsrolle wagen oder mich selbstständig machen? Die Angst, dabei die falsche Entscheidung zu treffen, ist riesig.

Was machen wir, wenn diese Angst da ist? Wir holen uns Rat. Das ist gut. Nur bekommen und geben wir dabei erstaunlich oft schlechte Ratschläge. In dieser Folge geht es um fünf Prinzipien, mit denen du bessere Ratschläge bekommst und gibst – und so bessere Karriereentscheidungen triffst.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Die richtige Quelle: Wir fragen meist Menschen, die schnell verfügbar sind oder die wir mögen – nicht die mit relevantem Wissen und relevanter Erfahrung.
  • Conversational Narcissism: Selbst die richtige Person rät oft nur aus der eigenen Brille. Der echte Perspektivwechsel fällt fast allen schwer.
  • Denkprozess statt Ergebnis: Ein guter Ratschlag gibt dir keine fertige Antwort, sondern deckt blinde Flecken auf und klärt deine Entscheidungskriterien.
  • Salomon-Paradox: Für andere entscheiden wir klüger als für uns selbst, weil wir mehr Abstand haben. Betrachte dein Problem aus der Perspektive eines Dritten.
  • Motivation: Wer Rat gibt, ist hinterher motivierter als der, der ihn erhält – Ratschläge geben kann also auch deinen eigenen nächsten Schritt befeuern.
  • Coaching-Kompetenz: Nicht sofort Empfehlungen verteilen, sondern gemeinsam den Denkprozess durchleuchten – das ist der Kern guten Coachings.

Karriereentscheidung im Detail: 5 Prinzipien für bessere Ratschläge

Jeder von uns hat tausend Möglichkeiten, den eigenen Werdegang zu gestalten. Und mit jeder Möglichkeit kommt die Sorge, sich falsch zu entscheiden – den falschen Weg einzuschlagen und sich später zu ärgern. Ganz natürlich holen wir uns dann Rat. Psychologisch fühlt sich das gut an: Wir bekommen einen Ratschlag und handeln danach – egal, ob er gut oder schlecht ist. Genau hier liegt das Problem. Diese fünf Prinzipien helfen dir, das zu ändern.

1. Die richtige Quelle wählen. Das Problem beginnt meist damit, dass wir die falschen Menschen um Rat bitten. Denk an deine Studienwahl: Wen hast du damals gefragt? In den meisten Fällen waren das keine Fachleute. Wir greifen auf zwei Gruppen zurück – auf Menschen, die schnell verfügbar sind (Eltern, Freunde, Großeltern), und auf Menschen, die wir mögen.

Das ist menschlich, aber riskant. Gerade Eltern und Großeltern haben ihre beruflichen Entscheidungen in einer ganz anderen Zeit getroffen – mit anderen Werten, anderen Arbeitsweisen, anderen Vorstellungen vom Beruf. Als ich mich selbstständig gemacht habe, war selbst mein Vater, der selbst Unternehmer ist, überrascht, dass ich meinen sicheren, gut bezahlten Job dafür aufgebe. Moderne Arbeitsformen wie das Homeoffice oder die Art, wie ich heute selbstständig arbeite, sind für viele aus älteren Generationen kaum greifbar. Auf dieser Basis fällt es schwer, wirklich wertvollen Rat zu geben.

Die Konsequenz: Frag Menschen nach Rat, die relevantes Wissen und relevante Erfahrung auf genau diesem Gebiet haben. Reflektiere ruhig zwei, drei wichtige Entscheidungen deiner Vergangenheit. Wen hast du gefragt? Meist waren es die schnell Verfügbaren – nicht die, die wirklich etwas beitragen konnten.

2. Conversational Narcissism vermeiden. Selbst wenn du die richtige Person fragst, heißt das noch lange nicht, dass du guten Rat bekommst. Es ist die Regel, nicht die Ausnahme, dass Menschen in den sogenannten Conversational Narcissism verfallen – eine Selbstfokussierung im Gespräch.

Wenn jemand dir einen Ratschlag gibt, tut er das fast immer aus seiner eigenen Perspektive: aus seinen Vorlieben, seinen Erfahrungen, seiner Brille. Statt deine Sichtweise einzunehmen, bleibt er in seiner. Adam Grant beschreibt in „Geben und Nehmen“ diesen Perspektiven-Gap, diesen fehlenden Perspektivwechsel. Aus meiner Erfahrung in vielen Coachings ist das eine riesige Herausforderung: Jeder bringt einen Berg eigener Erfahrungen mit, von dem er sich kaum lösen kann.

Das gilt in beide Richtungen. Wenn du selbst Rat gibst, beobachte dich: Ziehst du deine Schlüsse aus deinen eigenen Erfahrungen, statt dich in die Situation des anderen hineinzuversetzen? Und wenn du Rat einholst, achte darauf, ob dein Gegenüber nur von seinen eigenen Erfahrungen spricht – oder ob es wirklich deine Lage betrachtet.

3. Auf den Denkprozess fokussieren, nicht auf das Ergebnis. Der eigentliche Ratschlag – das fertige Fazit, die abschließende Empfehlung – hilft meist gar nicht so viel. Viel wertvoller sind der Denkprozess und die Sichtweisen auf die relevanten Kriterien. Ein guter Ratschlag sagt dir nicht, was du tun sollst. Er hilft dir, blinde Flecken aufzudecken und Prioritäten zu klären.

Das ist auch der Inbegriff guten Coachings. Michael Bungay Stanier nennt es in „The Advice Trap“: Wir verspüren einen starken Drang, sofort einen Ratschlag zu geben. Diesem Drang gilt es zu widerstehen. Statt eine Empfehlung auszusprechen, durchleuchtest du gemeinsam den Denkprozess, betrachtest verschiedene Sichtweisen und diskutierst die Entscheidungskriterien.

Fragt dich jemand „Was soll ich studieren?“, dann sag nicht „Studier Ingenieurwesen, das hat bei mir funktioniert.“ Geh stattdessen in die Frage hinein, interviewe dein Gegenüber und teile deinen Denkprozess: Wie würde ich herangehen? Nach welchen Kriterien würde ich entscheiden, wenn ich in deiner Situation wäre? Das Gleiche kannst du nutzen, wenn du selbst Rat brauchst: Frag nicht, wofür sich der andere entscheiden würde, sondern wie er an die Entscheidung herangehen würde und welche Kriterien für ihn zählen.

4. Das Salomon-Paradox nutzen. Wir sind in der Regel klüger, wenn wir andere beraten, als wenn wir für uns selbst entscheiden müssen. Das nennt sich Salomon-Paradox. Steht ein Freund vor der Frage „Soll ich das Unternehmen verlassen?“, kannst du sie viel klarer betrachten als bei deiner eigenen, identischen Frage.

Der Grund ist einfach: Bei Problemen anderer Leute haben wir mehr Abstand. Bei unseren eigenen Karriereentscheidungen verlieren wir uns in Detailfragen und wollen alles einbeziehen. Bei anderen sehen wir das große Ganze – wir konzentrieren uns nach Pareto auf die zwei, drei wichtigsten Kriterien und ziehen das Wesentliche heraus.

Die Lösung: Betrachte dein eigenes Problem aus der Perspektive einer dritten Person. Frag dich: Was würde ich jemandem mit genau dieser Entscheidung raten? Was würde ich meinem besten Freund oder meiner besten Freundin sagen, wenn sie vor dieser Karriereentscheidung stünden? Diese kleine Verschiebung führt oft zu deutlich besseren Entscheidungen.

5. Den Motivations-Effekt verstehen. Experimente zu diesem Thema erwarteten, dass Menschen, die einen Ratschlag erhalten, danach motivierter ihre Probleme angehen. Das Gegenteil war der Fall. Nicht die Empfänger waren motivierter – sondern die, die den Ratschlag gegeben haben.

Das ist erstaunlich nützlich. Sprichst du mit jemandem über dessen nächsten Karriereschritt – etwa über eine Bewerbung auf eine Führungsposition –, gehst du aus dem Gespräch selbst motivierter heraus, deinen eigenen nächsten Schritt zu gehen. Ratschläge zu geben ist also nicht nur Gebermentalität, sondern auch ein Hebel für deine eigene Motivation.

Und ein Hinweis zur Feedback-Kompetenz: Wenn du jemanden um Rat bittest, musst du den Ratschlag nicht eins zu eins umsetzen. Wahrnehmen und zuhören reicht oft schon. Heute sagt man zu Recht: Jede Führungskraft braucht Coaching-Kompetenz – also die Fähigkeit, nicht sofort Ratschläge zu verteilen, sondern gemeinsam den Denkprozess zu reflektieren, blinde Flecken aufzudecken und so zur Lösung zu kommen.

Eine Karriereentscheidung ist am Ende eine besonders folgenreiche Entscheidung – und die gleichen Prinzipien helfen dir auch in anderen Situationen, etwa bei der Frage Job wechseln oder bleiben oder beim Berufsweg finden. Wie du grundsätzlich strukturierter zu Entscheidungen kommst, hörst du in Entscheidungen treffen und in smarte Entscheidungen treffen. Und warum mancher Erfolg auf dem falschen Berg landet, ergänzt diese Folge.

Häufige Fragen zur Karriereentscheidung

Wie vermeide ich eine falsche Karriereentscheidung? Hol dir Rat von Menschen mit relevantem Wissen und relevanter Erfahrung – nicht von denen, die schnell verfügbar sind oder die du magst. Achte darauf, dass es im Gespräch um deinen Denkprozess und deine Entscheidungskriterien geht, nicht um eine fertige Empfehlung.

Warum sind die meisten Ratschläge so schlecht? Weil die meisten Menschen aus ihrer eigenen Perspektive raten, statt deine einzunehmen – das nennt sich Conversational Narcissism. Der echte Perspektivwechsel fällt fast allen schwer, weil jeder einen Berg eigener Erfahrungen mitbringt.

Was ist das Salomon-Paradox? Wir treffen klügere Entscheidungen für andere als für uns selbst, weil wir bei fremden Problemen mehr Abstand haben und das große Ganze sehen. Betrachte deine eigene Karriereentscheidung deshalb aus der Perspektive einer dritten Person: Was würdest du einem guten Freund in deiner Lage raten?

Wie gebe ich selbst bessere Ratschläge? Widerstehe dem Drang, sofort eine Empfehlung auszusprechen. Stell Fragen, durchleuchte den Denkprozess gemeinsam, decke blinde Flecken auf und kläre die Entscheidungskriterien. Das ist der Kern echter Coaching-Kompetenz.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • Adam Grant – Geben und Nehmen: Über den Perspektiven-Gap und warum echte Geber langfristig erfolgreicher sind.
  • Michael Bungay Stanier – The Advice Trap: Wie du dem Drang widerstehst, sofort Ratschläge zu geben, und stattdessen wirksam coachst.

Mehr dazu in meinen Buchempfehlungen zu Entscheidungen.

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema Bessere Entscheidungen treffen.

Transkript

Herzlich willkommen zu Episode 67. In dieser Folge geht es um das Thema: So vermeidest du falsche Karriereentscheidungen. Wir alle kennen es – es gibt hunderttausend Möglichkeiten, die eigene Karriere, den eigenen Werdegang zu gestalten und zu beeinflussen. Typische Fragen in diesem Kontext: Soll ich das Unternehmen verlassen? Ich bin unzufrieden – reicht diese Unzufriedenheit schon, um zu wechseln, oder sollte ich lieber loyal bleiben? Soll ich mich auf eine bestimmte Stelle bewerben? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um aktiver eine Führungsposition anzustreben? Oder soll ich mich sogar selbstständig machen? Ganz viele Fragen, ganz viele Möglichkeiten, einen Karriereweg zu gestalten.

Jeder von uns hat die Sorge, eine falsche Entscheidung zu treffen – den falschen Weg einzuschlagen und sich später zu ärgern. Diese Angst vor einer Fehlentscheidung ist riesig. Was macht man dann? Ganz natürlich versucht man, sich Rat einzuholen. Das ist normal. Aber: Wir bekommen und geben sehr häufig verdammt schlechte Ratschläge. Psychologisch fühlt es sich besser an, einen Ratschlag zu bekommen und danach zu handeln – egal, ob er gut oder schlecht ist. In dieser Folge geht es darum, wie du selbst bessere Ratschläge geben und bessere Ratschläge erhalten kannst, um im Umkehrschluss bessere Karriereentscheidungen zu treffen. Es gibt fünf Tipps, die du nutzen kannst, wenn du dir Rat für eine wichtige Entscheidung einholst – und natürlich auch, wenn du selbst welchen geben möchtest.

Punkt eins, und einer der wichtigsten überhaupt: die falsche Quelle. Das Problem beginnt meist damit, dass wir die falschen Personen um Rat bitten. Wir hören oft auf die falschen Quellen. Beispiel Studienwahl: Wen hast du damals gefragt? In den meisten Fällen waren das keine Fachleute. Stattdessen greifen wir auf zwei andere Gruppen zurück – auf Menschen, die schnell verfügbar sind (Eltern, Freunde, Großeltern), und auf Personen, die wir mögen. Das sind unsere typischen Anlaufstellen. Wichtig ist aber: Gerade Eltern und Großeltern haben in einer ganz anderen Zeit gelebt – mit anderen Werten, anderen Arbeitsweisen, anderen Vorstellungen von Karriere, die noch aus der Zeit stammen, in der sie ihre eigenen beruflichen Entscheidungen getroffen haben.

Ein Beispiel ist das Thema Selbstständigkeit bei mir. Als ich mich entschieden habe, mich selbstständig zu machen, war die Reaktion meines Vaters – der selbst Unternehmer ist – sehr überrascht, fast erschrocken, dass ich dafür meinen sicheren, gut bezahlten Job aufgebe. Karrierevorstellungen können generationsübergreifend komplett auseinandergehen. Auch die Art, wie ich heute selbstständig arbeite, ist für viele aus älteren Generationen gar nicht vorstellbar und entspricht nicht dem typischen Bild einer Selbstständigkeit. Das Gleiche gilt für moderne Arbeitsweisen in Unternehmen – etwa das Thema Homeoffice. Das können viele aus älteren Generationen kaum greifen, und auf dieser Basis lassen sich nur schwer wertvolle Ratschläge geben.

Deshalb ist wichtig: Frag Menschen nach Rat, die relevantes Wissen und relevante Erfahrung auf diesem Gebiet haben. Reflektiere ruhig ein, zwei wichtige Karriereentscheidungen selbst. Wen hast du um Rat gebeten? Meistens die Personen, die schnell verfügbar sind, oder Freunde, oder Menschen, die wir mögen. Bei mir war das häufig mein Bruder – obwohl er in einigen Bereichen kein relevantes Wissen und keine relevante Erfahrung hatte. Aber weil er schnell verfügbar war, war er für mich oft die erste Anlaufstelle. Punkt eins also: Die richtige Quelle für einen Ratschlag ist ein super entscheidender Punkt.

Punkt zwei kann ein echter Augenöffner sein und nennt sich im Englischen Conversational Narcissism – auf Deutsch könnte man von Gesprächs-Selbstfokussierung sprechen. Nur weil du die richtige Person um Rat bittest, heißt das noch lange nicht, dass du gute Ratschläge bekommst. Es ist keine Seltenheit, sondern eher die Regel, dass Menschen in diesen Conversational Narcissism verfallen – eine Selbstfokussierung im Gespräch. Wenn dir jemand einen Ratschlag gibt, tut er das meist aus seiner Perspektive: aus seinen persönlichen Vorlieben und Erfahrungen. Das ist das Fundament, auf dem er rät. Statt deine Perspektive einzunehmen, schaut er durch seine eigene Brille.

Adam Grant spricht in seinem Buch „Geben und Nehmen“ – das ich hier schon mehrfach erwähnt habe – von diesem Perspektiven-Gap, diesem fehlenden Perspektivwechsel. Aus meiner Erfahrung aus vielen Coachings ist das eine riesengroße Herausforderung. Du fragst vielleicht die richtige Person um Rat, und trotzdem kommt der Ratschlag nur aus deren Sichtweise und deren eigenen Erfahrungen. Beobachte dich auch selbst: Wenn du jemandem einen Ratschlag gibst, bist du dazu verleitet, deine Schlüsse aus eigenen Erfahrungen zu ziehen. Hat jemand selbst schlechte Erfahrungen mit der Selbstständigkeit gemacht oder von jemandem gehört, dass das überhaupt nicht funktioniert, dann greift er auf diese Erfahrung zurück – anstatt sich in deine Situation hineinzuversetzen und Rat für deine Herausforderung zu geben. Das ist mit Conversational Narcissism gemeint. Beobachte das Thema Perspektivwechsel: Jeder tut sich schwer, sich in die Sichtweise eines anderen hineinzuversetzen. Jeder von uns bringt einen Berg an Erfahrungen mit, von dem man sich kaum lösen kann. Egal, ob du Ratschläge verteilst oder einholst – das solltest du in jedem Fall beachten.

Punkt drei: Fokus auf den Denkprozess, nicht auf das eigentliche Ergebnis. Der eigentliche Ratschlag – dein Fazit, die abschließende Empfehlung – hilft meist gar nicht so wirklich. Viel wertvoller sind der Denkprozess und die Sichtweisen auf die relevanten Entscheidungskriterien. Ein nützlicher Ratschlag sagt dir nicht voraus, was zu tun ist, sondern hilft dir, blinde Flecken aufzudecken und Prioritäten zu klären – also den gedanklichen Weg zu einer Entscheidung zu beleuchten. Das ist das eigentlich Wertvolle an einem Ratschlag, und übrigens der Inbegriff von Coaching.

Im Buch „The Advice Trap“ geht es genau darum: Häufig verspürt man einen Drang, einen Ratschlag zu geben. Viele Menschen verfallen dieser „Advice Trap“ – man wird um Rat gefragt und gibt sofort einen Ratschlag als Antwort. Stattdessen sollte man versuchen, diesem Drang zu widerstehen und keine einzige Empfehlung zu geben, sondern den Denkprozess gemeinsam zu durchleuchten, verschiedene Sichtweisen zu betrachten und Entscheidungskriterien zu diskutieren. Das ist der Inbegriff von Coaching. Wenn dich jemand fragt „Was soll ich studieren?“, sag nicht „Studier Ingenieurwesen, das macht Sinn, ich habe damit gute Erfahrung.“ Geh stattdessen in die Frage hinein, interviewe den anderen und teile deinen eigenen Denkprozess: Wie würde ich herangehen? Wie würde ich entscheiden? Welche Kriterien würden für mich zählen, wenn ich in deiner Situation wäre? Das ist viel wertvoller als der eigentliche Ratschlag. Und genauso kannst du es nutzen, wenn du selbst Rat brauchst: Frag nicht, wofür sich der andere entscheiden würde, sondern wie er an die Entscheidung herangehen würde, welche Dinge er bedenken und welche Kriterien er aufrufen würde. Sich auf den Denkprozess zu fokussieren ist viel wichtiger als das eigentliche Ergebnis.

Mit diesen drei Punkten – die richtige Quelle, Conversational Narcissism vermeiden und Fokus auf den Denkprozess statt auf das Ergebnis – kannst du schon viel bewirken, ob du Ratschläge verteilst oder einholst. Ein weiterer spannender Punkt, den jeder kennt, ist das sogenannte Salomon-Paradox. Es bedeutet: Man ist in der Regel klüger, wenn man anderen Ratschläge gibt, als wenn man Entscheidungen für sich selbst treffen muss. Musst du selbst entscheiden „Soll ich das Unternehmen verlassen, ja oder nein?“, ist das eine viel schwierigere Entscheidung, als wenn ein Freund mit derselben Frage zu dir kommt. Bei ihm liegt die Antwort scheinbar auf der Hand.

Warum ist das so? Bei Problemen anderer Leute haben wir viel mehr Abstand als bei unseren eigenen. Bei eigenen Karriereentscheidungen konzentrieren wir uns viel zu sehr auf Detailfragen und wollen alles einbeziehen. Bei Ratschlägen für andere betrachten wir das große Ganze und konzentrieren uns auf die zwei, drei wichtigsten Kriterien – nach Pareto ziehen wir das Wesentliche heraus. Deshalb treffen wir auch bessere Entscheidungen für uns, wenn wir das Ganze aus der Perspektive einer dritten Person betrachten. Frag dich: Was würdest du jemandem mit einem ähnlichen Problem raten? Was würde diese Person sagen? Angenommen, dein bester Freund oder deine beste Freundin stünde vor dieser wichtigen Karriereentscheidung – was würdest du raten? Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Punkt fünf: Man hat verschiedene Experimente zum Thema Motivation durchgeführt. Die Erwartung war, dass Menschen, die Ratschläge erhalten, dadurch deutlich motivierter sind, ihr Problem zu lösen. Witzigerweise war das Gegenteil der Fall. Nicht die Person, die den Ratschlag erhält, ist motivierter, sondern die Person, die den Ratschlag gibt. Das bedeutet: Auch Ratschläge zu verteilen ist spannend. Wenn du mehr in die Rolle gehst, Ratschläge zu geben, wirkt sich das auf deine eigene Motivation aus. Gibst du jemandem Rat für seinen nächsten Karriereschritt, steigt auch deine Motivation, deinen eigenen nächsten Schritt zu gehen. Sprichst du mit jemandem darüber, wie er sich auf eine Führungsposition bewerben kann, gehst du aus der Unterhaltung motiviert heraus, dieses Thema selbst anzugehen.

Kurz zusammengefasst, die fünf Aspekte: Jeder von uns hat tausend Möglichkeiten, den beruflichen Werdegang zu gestalten – und vor vielen Fragen steht man. Wie kannst du Fehlentscheidungen vermeiden? Es dreht sich immer um Ratschläge: Du kannst anderen Menschen besser Rat geben und selbst besseren Rat bekommen. Punkt eins: Die falsche Quelle ist häufig die Ursache. Suche nach den richtigen Quellen, geh nicht nur zu Menschen, die schnell verfügbar sind oder die wir mögen, sondern frage Menschen mit relevantem Wissen und relevanter Erfahrung. Punkt zwei: Vermeide Conversational Narcissism. Bist du in der Rolle, Ratschläge zu verteilen, versuche, nicht aus deiner Brille zu betrachten, sondern dich in die Perspektive der anderen Person hineinzuversetzen. Das Gleiche gilt, wenn du Rat einholst – lenke das Gespräch so, dass die andere Person nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen spricht, und filtere das Wesentliche für deine Entscheidungsfindung heraus. Das ist auch eine Frage der Feedback-Kompetenz: Wenn du jemanden um Rat bittest, musst du den Ratschlag nicht zwingend umsetzen – wahrnehmen und zuhören ist schon wichtig.

Punkt drei: Fokus auf den Denkprozess statt auf das Ergebnis – wahrscheinlich der wichtigste Punkt. Konzentriere dich auf den Denkprozess, arbeite verschiedene Sichtweisen mit relevanten Kriterien für die Entscheidung aus. Das ist der Inbegriff von Coaching und seine Daseinsberechtigung. Nicht ohne Grund heißt es heute, jede Führungskraft sei auch Coach beziehungsweise müsse Coaching-Kompetenz mitbringen. Wer irgendwo Ratschläge an andere verteilt, sollte diese Kompetenz haben – also nicht sofort Ratschläge zu verteilen, sondern den Denkprozess gemeinsam zu reflektieren, blinde Flecken aufzudecken und so zur Lösung zu kommen und Mehrwert zu schaffen.

Punkt vier: Das Salomon-Paradox – das Paradox, dass wir bei eigenen Entscheidungen viel mehr ins Detail gehen, während uns Ratschläge für andere leichter fallen, weil wir das große Ganze betrachten. Versuche deshalb, dein eigenes Problem aus der Perspektive einer dritten Person zu betrachten: Was wäre, wenn mein bester Freund oder meine beste Freundin dieses Problem hätte – wie würde ich reagieren, was wäre mein Rat? Und Punkt fünf zum Thema Motivation: Ratschläge zu verteilen motiviert mehr, als Ratschläge zu erhalten.

Das waren die fünf Punkte zum Thema Karriereentscheidung richtig treffen und zum Thema Ratschläge geben und erhalten. Ich hoffe, du konntest einiges daraus mitnehmen. Mehr zu mir und meiner Arbeit findest du auf LinkedIn oder direkt auf meiner Website. Liebe Grüße aus Hamburg – freut mich, dass du dabei warst. Bis zum nächsten Mal.

Danke fürs Lesen. Mehr praktische Ideen erhältst du in meinem beliebten Newsletter. Jede Woche versende ich 3 Ideen an über 3.500 ambitionierte Ingenieure. Trage dich jetzt ein und schließ dich uns an.

Karriereentscheidung: warum gute Ratschläge fast alles entscheiden

Es gibt unzählige Wege, den eigenen beruflichen Weg zu gestalten. Bleiben oder wechseln? Auf diese Stelle bewerben oder warten? Den Schritt in eine Führungsrolle wagen oder mich selbstständig machen? Die Angst, dabei die falsche Entscheidung zu treffen, ist riesig.

Was machen wir, wenn diese Angst da ist? Wir holen uns Rat. Das ist gut. Nur bekommen und geben wir dabei erstaunlich oft schlechte Ratschläge. In dieser Folge geht es um fünf Prinzipien, mit denen du bessere Ratschläge bekommst und gibst – und so bessere Karriereentscheidungen triffst.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Die richtige Quelle: Wir fragen meist Menschen, die schnell verfügbar sind oder die wir mögen – nicht die mit relevantem Wissen und relevanter Erfahrung.
  • Conversational Narcissism: Selbst die richtige Person rät oft nur aus der eigenen Brille. Der echte Perspektivwechsel fällt fast allen schwer.
  • Denkprozess statt Ergebnis: Ein guter Ratschlag gibt dir keine fertige Antwort, sondern deckt blinde Flecken auf und klärt deine Entscheidungskriterien.
  • Salomon-Paradox: Für andere entscheiden wir klüger als für uns selbst, weil wir mehr Abstand haben. Betrachte dein Problem aus der Perspektive eines Dritten.
  • Motivation: Wer Rat gibt, ist hinterher motivierter als der, der ihn erhält – Ratschläge geben kann also auch deinen eigenen nächsten Schritt befeuern.
  • Coaching-Kompetenz: Nicht sofort Empfehlungen verteilen, sondern gemeinsam den Denkprozess durchleuchten – das ist der Kern guten Coachings.

Karriereentscheidung im Detail: 5 Prinzipien für bessere Ratschläge

Jeder von uns hat tausend Möglichkeiten, den eigenen Werdegang zu gestalten. Und mit jeder Möglichkeit kommt die Sorge, sich falsch zu entscheiden – den falschen Weg einzuschlagen und sich später zu ärgern. Ganz natürlich holen wir uns dann Rat. Psychologisch fühlt sich das gut an: Wir bekommen einen Ratschlag und handeln danach – egal, ob er gut oder schlecht ist. Genau hier liegt das Problem. Diese fünf Prinzipien helfen dir, das zu ändern.

1. Die richtige Quelle wählen. Das Problem beginnt meist damit, dass wir die falschen Menschen um Rat bitten. Denk an deine Studienwahl: Wen hast du damals gefragt? In den meisten Fällen waren das keine Fachleute. Wir greifen auf zwei Gruppen zurück – auf Menschen, die schnell verfügbar sind (Eltern, Freunde, Großeltern), und auf Menschen, die wir mögen.

Das ist menschlich, aber riskant. Gerade Eltern und Großeltern haben ihre beruflichen Entscheidungen in einer ganz anderen Zeit getroffen – mit anderen Werten, anderen Arbeitsweisen, anderen Vorstellungen vom Beruf. Als ich mich selbstständig gemacht habe, war selbst mein Vater, der selbst Unternehmer ist, überrascht, dass ich meinen sicheren, gut bezahlten Job dafür aufgebe. Moderne Arbeitsformen wie das Homeoffice oder die Art, wie ich heute selbstständig arbeite, sind für viele aus älteren Generationen kaum greifbar. Auf dieser Basis fällt es schwer, wirklich wertvollen Rat zu geben.

Die Konsequenz: Frag Menschen nach Rat, die relevantes Wissen und relevante Erfahrung auf genau diesem Gebiet haben. Reflektiere ruhig zwei, drei wichtige Entscheidungen deiner Vergangenheit. Wen hast du gefragt? Meist waren es die schnell Verfügbaren – nicht die, die wirklich etwas beitragen konnten.

2. Conversational Narcissism vermeiden. Selbst wenn du die richtige Person fragst, heißt das noch lange nicht, dass du guten Rat bekommst. Es ist die Regel, nicht die Ausnahme, dass Menschen in den sogenannten Conversational Narcissism verfallen – eine Selbstfokussierung im Gespräch.

Wenn jemand dir einen Ratschlag gibt, tut er das fast immer aus seiner eigenen Perspektive: aus seinen Vorlieben, seinen Erfahrungen, seiner Brille. Statt deine Sichtweise einzunehmen, bleibt er in seiner. Adam Grant beschreibt in „Geben und Nehmen“ diesen Perspektiven-Gap, diesen fehlenden Perspektivwechsel. Aus meiner Erfahrung in vielen Coachings ist das eine riesige Herausforderung: Jeder bringt einen Berg eigener Erfahrungen mit, von dem er sich kaum lösen kann.

Das gilt in beide Richtungen. Wenn du selbst Rat gibst, beobachte dich: Ziehst du deine Schlüsse aus deinen eigenen Erfahrungen, statt dich in die Situation des anderen hineinzuversetzen? Und wenn du Rat einholst, achte darauf, ob dein Gegenüber nur von seinen eigenen Erfahrungen spricht – oder ob es wirklich deine Lage betrachtet.

3. Auf den Denkprozess fokussieren, nicht auf das Ergebnis. Der eigentliche Ratschlag – das fertige Fazit, die abschließende Empfehlung – hilft meist gar nicht so viel. Viel wertvoller sind der Denkprozess und die Sichtweisen auf die relevanten Kriterien. Ein guter Ratschlag sagt dir nicht, was du tun sollst. Er hilft dir, blinde Flecken aufzudecken und Prioritäten zu klären.

Das ist auch der Inbegriff guten Coachings. Michael Bungay Stanier nennt es in „The Advice Trap“: Wir verspüren einen starken Drang, sofort einen Ratschlag zu geben. Diesem Drang gilt es zu widerstehen. Statt eine Empfehlung auszusprechen, durchleuchtest du gemeinsam den Denkprozess, betrachtest verschiedene Sichtweisen und diskutierst die Entscheidungskriterien.

Fragt dich jemand „Was soll ich studieren?“, dann sag nicht „Studier Ingenieurwesen, das hat bei mir funktioniert.“ Geh stattdessen in die Frage hinein, interviewe dein Gegenüber und teile deinen Denkprozess: Wie würde ich herangehen? Nach welchen Kriterien würde ich entscheiden, wenn ich in deiner Situation wäre? Das Gleiche kannst du nutzen, wenn du selbst Rat brauchst: Frag nicht, wofür sich der andere entscheiden würde, sondern wie er an die Entscheidung herangehen würde und welche Kriterien für ihn zählen.

4. Das Salomon-Paradox nutzen. Wir sind in der Regel klüger, wenn wir andere beraten, als wenn wir für uns selbst entscheiden müssen. Das nennt sich Salomon-Paradox. Steht ein Freund vor der Frage „Soll ich das Unternehmen verlassen?“, kannst du sie viel klarer betrachten als bei deiner eigenen, identischen Frage.

Der Grund ist einfach: Bei Problemen anderer Leute haben wir mehr Abstand. Bei unseren eigenen Karriereentscheidungen verlieren wir uns in Detailfragen und wollen alles einbeziehen. Bei anderen sehen wir das große Ganze – wir konzentrieren uns nach Pareto auf die zwei, drei wichtigsten Kriterien und ziehen das Wesentliche heraus.

Die Lösung: Betrachte dein eigenes Problem aus der Perspektive einer dritten Person. Frag dich: Was würde ich jemandem mit genau dieser Entscheidung raten? Was würde ich meinem besten Freund oder meiner besten Freundin sagen, wenn sie vor dieser Karriereentscheidung stünden? Diese kleine Verschiebung führt oft zu deutlich besseren Entscheidungen.

5. Den Motivations-Effekt verstehen. Experimente zu diesem Thema erwarteten, dass Menschen, die einen Ratschlag erhalten, danach motivierter ihre Probleme angehen. Das Gegenteil war der Fall. Nicht die Empfänger waren motivierter – sondern die, die den Ratschlag gegeben haben.

Das ist erstaunlich nützlich. Sprichst du mit jemandem über dessen nächsten Karriereschritt – etwa über eine Bewerbung auf eine Führungsposition –, gehst du aus dem Gespräch selbst motivierter heraus, deinen eigenen nächsten Schritt zu gehen. Ratschläge zu geben ist also nicht nur Gebermentalität, sondern auch ein Hebel für deine eigene Motivation.

Und ein Hinweis zur Feedback-Kompetenz: Wenn du jemanden um Rat bittest, musst du den Ratschlag nicht eins zu eins umsetzen. Wahrnehmen und zuhören reicht oft schon. Heute sagt man zu Recht: Jede Führungskraft braucht Coaching-Kompetenz – also die Fähigkeit, nicht sofort Ratschläge zu verteilen, sondern gemeinsam den Denkprozess zu reflektieren, blinde Flecken aufzudecken und so zur Lösung zu kommen.

Eine Karriereentscheidung ist am Ende eine besonders folgenreiche Entscheidung – und die gleichen Prinzipien helfen dir auch in anderen Situationen, etwa bei der Frage Job wechseln oder bleiben oder beim Berufsweg finden. Wie du grundsätzlich strukturierter zu Entscheidungen kommst, hörst du in Entscheidungen treffen und in smarte Entscheidungen treffen. Und warum mancher Erfolg auf dem falschen Berg landet, ergänzt diese Folge.

Häufige Fragen zur Karriereentscheidung

Wie vermeide ich eine falsche Karriereentscheidung? Hol dir Rat von Menschen mit relevantem Wissen und relevanter Erfahrung – nicht von denen, die schnell verfügbar sind oder die du magst. Achte darauf, dass es im Gespräch um deinen Denkprozess und deine Entscheidungskriterien geht, nicht um eine fertige Empfehlung.

Warum sind die meisten Ratschläge so schlecht? Weil die meisten Menschen aus ihrer eigenen Perspektive raten, statt deine einzunehmen – das nennt sich Conversational Narcissism. Der echte Perspektivwechsel fällt fast allen schwer, weil jeder einen Berg eigener Erfahrungen mitbringt.

Was ist das Salomon-Paradox? Wir treffen klügere Entscheidungen für andere als für uns selbst, weil wir bei fremden Problemen mehr Abstand haben und das große Ganze sehen. Betrachte deine eigene Karriereentscheidung deshalb aus der Perspektive einer dritten Person: Was würdest du einem guten Freund in deiner Lage raten?

Wie gebe ich selbst bessere Ratschläge? Widerstehe dem Drang, sofort eine Empfehlung auszusprechen. Stell Fragen, durchleuchte den Denkprozess gemeinsam, decke blinde Flecken auf und kläre die Entscheidungskriterien. Das ist der Kern echter Coaching-Kompetenz.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • Adam Grant – Geben und Nehmen: Über den Perspektiven-Gap und warum echte Geber langfristig erfolgreicher sind.
  • Michael Bungay Stanier – The Advice Trap: Wie du dem Drang widerstehst, sofort Ratschläge zu geben, und stattdessen wirksam coachst.

Mehr dazu in meinen Buchempfehlungen zu Entscheidungen.

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema Bessere Entscheidungen treffen.

Transkript

Herzlich willkommen zu Episode 67. In dieser Folge geht es um das Thema: So vermeidest du falsche Karriereentscheidungen. Wir alle kennen es – es gibt hunderttausend Möglichkeiten, die eigene Karriere, den eigenen Werdegang zu gestalten und zu beeinflussen. Typische Fragen in diesem Kontext: Soll ich das Unternehmen verlassen? Ich bin unzufrieden – reicht diese Unzufriedenheit schon, um zu wechseln, oder sollte ich lieber loyal bleiben? Soll ich mich auf eine bestimmte Stelle bewerben? Wann ist der richtige Zeitpunkt, um aktiver eine Führungsposition anzustreben? Oder soll ich mich sogar selbstständig machen? Ganz viele Fragen, ganz viele Möglichkeiten, einen Karriereweg zu gestalten.

Jeder von uns hat die Sorge, eine falsche Entscheidung zu treffen – den falschen Weg einzuschlagen und sich später zu ärgern. Diese Angst vor einer Fehlentscheidung ist riesig. Was macht man dann? Ganz natürlich versucht man, sich Rat einzuholen. Das ist normal. Aber: Wir bekommen und geben sehr häufig verdammt schlechte Ratschläge. Psychologisch fühlt es sich besser an, einen Ratschlag zu bekommen und danach zu handeln – egal, ob er gut oder schlecht ist. In dieser Folge geht es darum, wie du selbst bessere Ratschläge geben und bessere Ratschläge erhalten kannst, um im Umkehrschluss bessere Karriereentscheidungen zu treffen. Es gibt fünf Tipps, die du nutzen kannst, wenn du dir Rat für eine wichtige Entscheidung einholst – und natürlich auch, wenn du selbst welchen geben möchtest.

Punkt eins, und einer der wichtigsten überhaupt: die falsche Quelle. Das Problem beginnt meist damit, dass wir die falschen Personen um Rat bitten. Wir hören oft auf die falschen Quellen. Beispiel Studienwahl: Wen hast du damals gefragt? In den meisten Fällen waren das keine Fachleute. Stattdessen greifen wir auf zwei andere Gruppen zurück – auf Menschen, die schnell verfügbar sind (Eltern, Freunde, Großeltern), und auf Personen, die wir mögen. Das sind unsere typischen Anlaufstellen. Wichtig ist aber: Gerade Eltern und Großeltern haben in einer ganz anderen Zeit gelebt – mit anderen Werten, anderen Arbeitsweisen, anderen Vorstellungen von Karriere, die noch aus der Zeit stammen, in der sie ihre eigenen beruflichen Entscheidungen getroffen haben.

Ein Beispiel ist das Thema Selbstständigkeit bei mir. Als ich mich entschieden habe, mich selbstständig zu machen, war die Reaktion meines Vaters – der selbst Unternehmer ist – sehr überrascht, fast erschrocken, dass ich dafür meinen sicheren, gut bezahlten Job aufgebe. Karrierevorstellungen können generationsübergreifend komplett auseinandergehen. Auch die Art, wie ich heute selbstständig arbeite, ist für viele aus älteren Generationen gar nicht vorstellbar und entspricht nicht dem typischen Bild einer Selbstständigkeit. Das Gleiche gilt für moderne Arbeitsweisen in Unternehmen – etwa das Thema Homeoffice. Das können viele aus älteren Generationen kaum greifen, und auf dieser Basis lassen sich nur schwer wertvolle Ratschläge geben.

Deshalb ist wichtig: Frag Menschen nach Rat, die relevantes Wissen und relevante Erfahrung auf diesem Gebiet haben. Reflektiere ruhig ein, zwei wichtige Karriereentscheidungen selbst. Wen hast du um Rat gebeten? Meistens die Personen, die schnell verfügbar sind, oder Freunde, oder Menschen, die wir mögen. Bei mir war das häufig mein Bruder – obwohl er in einigen Bereichen kein relevantes Wissen und keine relevante Erfahrung hatte. Aber weil er schnell verfügbar war, war er für mich oft die erste Anlaufstelle. Punkt eins also: Die richtige Quelle für einen Ratschlag ist ein super entscheidender Punkt.

Punkt zwei kann ein echter Augenöffner sein und nennt sich im Englischen Conversational Narcissism – auf Deutsch könnte man von Gesprächs-Selbstfokussierung sprechen. Nur weil du die richtige Person um Rat bittest, heißt das noch lange nicht, dass du gute Ratschläge bekommst. Es ist keine Seltenheit, sondern eher die Regel, dass Menschen in diesen Conversational Narcissism verfallen – eine Selbstfokussierung im Gespräch. Wenn dir jemand einen Ratschlag gibt, tut er das meist aus seiner Perspektive: aus seinen persönlichen Vorlieben und Erfahrungen. Das ist das Fundament, auf dem er rät. Statt deine Perspektive einzunehmen, schaut er durch seine eigene Brille.

Adam Grant spricht in seinem Buch „Geben und Nehmen“ – das ich hier schon mehrfach erwähnt habe – von diesem Perspektiven-Gap, diesem fehlenden Perspektivwechsel. Aus meiner Erfahrung aus vielen Coachings ist das eine riesengroße Herausforderung. Du fragst vielleicht die richtige Person um Rat, und trotzdem kommt der Ratschlag nur aus deren Sichtweise und deren eigenen Erfahrungen. Beobachte dich auch selbst: Wenn du jemandem einen Ratschlag gibst, bist du dazu verleitet, deine Schlüsse aus eigenen Erfahrungen zu ziehen. Hat jemand selbst schlechte Erfahrungen mit der Selbstständigkeit gemacht oder von jemandem gehört, dass das überhaupt nicht funktioniert, dann greift er auf diese Erfahrung zurück – anstatt sich in deine Situation hineinzuversetzen und Rat für deine Herausforderung zu geben. Das ist mit Conversational Narcissism gemeint. Beobachte das Thema Perspektivwechsel: Jeder tut sich schwer, sich in die Sichtweise eines anderen hineinzuversetzen. Jeder von uns bringt einen Berg an Erfahrungen mit, von dem man sich kaum lösen kann. Egal, ob du Ratschläge verteilst oder einholst – das solltest du in jedem Fall beachten.

Punkt drei: Fokus auf den Denkprozess, nicht auf das eigentliche Ergebnis. Der eigentliche Ratschlag – dein Fazit, die abschließende Empfehlung – hilft meist gar nicht so wirklich. Viel wertvoller sind der Denkprozess und die Sichtweisen auf die relevanten Entscheidungskriterien. Ein nützlicher Ratschlag sagt dir nicht voraus, was zu tun ist, sondern hilft dir, blinde Flecken aufzudecken und Prioritäten zu klären – also den gedanklichen Weg zu einer Entscheidung zu beleuchten. Das ist das eigentlich Wertvolle an einem Ratschlag, und übrigens der Inbegriff von Coaching.

Im Buch „The Advice Trap“ geht es genau darum: Häufig verspürt man einen Drang, einen Ratschlag zu geben. Viele Menschen verfallen dieser „Advice Trap“ – man wird um Rat gefragt und gibt sofort einen Ratschlag als Antwort. Stattdessen sollte man versuchen, diesem Drang zu widerstehen und keine einzige Empfehlung zu geben, sondern den Denkprozess gemeinsam zu durchleuchten, verschiedene Sichtweisen zu betrachten und Entscheidungskriterien zu diskutieren. Das ist der Inbegriff von Coaching. Wenn dich jemand fragt „Was soll ich studieren?“, sag nicht „Studier Ingenieurwesen, das macht Sinn, ich habe damit gute Erfahrung.“ Geh stattdessen in die Frage hinein, interviewe den anderen und teile deinen eigenen Denkprozess: Wie würde ich herangehen? Wie würde ich entscheiden? Welche Kriterien würden für mich zählen, wenn ich in deiner Situation wäre? Das ist viel wertvoller als der eigentliche Ratschlag. Und genauso kannst du es nutzen, wenn du selbst Rat brauchst: Frag nicht, wofür sich der andere entscheiden würde, sondern wie er an die Entscheidung herangehen würde, welche Dinge er bedenken und welche Kriterien er aufrufen würde. Sich auf den Denkprozess zu fokussieren ist viel wichtiger als das eigentliche Ergebnis.

Mit diesen drei Punkten – die richtige Quelle, Conversational Narcissism vermeiden und Fokus auf den Denkprozess statt auf das Ergebnis – kannst du schon viel bewirken, ob du Ratschläge verteilst oder einholst. Ein weiterer spannender Punkt, den jeder kennt, ist das sogenannte Salomon-Paradox. Es bedeutet: Man ist in der Regel klüger, wenn man anderen Ratschläge gibt, als wenn man Entscheidungen für sich selbst treffen muss. Musst du selbst entscheiden „Soll ich das Unternehmen verlassen, ja oder nein?“, ist das eine viel schwierigere Entscheidung, als wenn ein Freund mit derselben Frage zu dir kommt. Bei ihm liegt die Antwort scheinbar auf der Hand.

Warum ist das so? Bei Problemen anderer Leute haben wir viel mehr Abstand als bei unseren eigenen. Bei eigenen Karriereentscheidungen konzentrieren wir uns viel zu sehr auf Detailfragen und wollen alles einbeziehen. Bei Ratschlägen für andere betrachten wir das große Ganze und konzentrieren uns auf die zwei, drei wichtigsten Kriterien – nach Pareto ziehen wir das Wesentliche heraus. Deshalb treffen wir auch bessere Entscheidungen für uns, wenn wir das Ganze aus der Perspektive einer dritten Person betrachten. Frag dich: Was würdest du jemandem mit einem ähnlichen Problem raten? Was würde diese Person sagen? Angenommen, dein bester Freund oder deine beste Freundin stünde vor dieser wichtigen Karriereentscheidung – was würdest du raten? Das ist ein ganz wichtiger Punkt.

Punkt fünf: Man hat verschiedene Experimente zum Thema Motivation durchgeführt. Die Erwartung war, dass Menschen, die Ratschläge erhalten, dadurch deutlich motivierter sind, ihr Problem zu lösen. Witzigerweise war das Gegenteil der Fall. Nicht die Person, die den Ratschlag erhält, ist motivierter, sondern die Person, die den Ratschlag gibt. Das bedeutet: Auch Ratschläge zu verteilen ist spannend. Wenn du mehr in die Rolle gehst, Ratschläge zu geben, wirkt sich das auf deine eigene Motivation aus. Gibst du jemandem Rat für seinen nächsten Karriereschritt, steigt auch deine Motivation, deinen eigenen nächsten Schritt zu gehen. Sprichst du mit jemandem darüber, wie er sich auf eine Führungsposition bewerben kann, gehst du aus der Unterhaltung motiviert heraus, dieses Thema selbst anzugehen.

Kurz zusammengefasst, die fünf Aspekte: Jeder von uns hat tausend Möglichkeiten, den beruflichen Werdegang zu gestalten – und vor vielen Fragen steht man. Wie kannst du Fehlentscheidungen vermeiden? Es dreht sich immer um Ratschläge: Du kannst anderen Menschen besser Rat geben und selbst besseren Rat bekommen. Punkt eins: Die falsche Quelle ist häufig die Ursache. Suche nach den richtigen Quellen, geh nicht nur zu Menschen, die schnell verfügbar sind oder die wir mögen, sondern frage Menschen mit relevantem Wissen und relevanter Erfahrung. Punkt zwei: Vermeide Conversational Narcissism. Bist du in der Rolle, Ratschläge zu verteilen, versuche, nicht aus deiner Brille zu betrachten, sondern dich in die Perspektive der anderen Person hineinzuversetzen. Das Gleiche gilt, wenn du Rat einholst – lenke das Gespräch so, dass die andere Person nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen spricht, und filtere das Wesentliche für deine Entscheidungsfindung heraus. Das ist auch eine Frage der Feedback-Kompetenz: Wenn du jemanden um Rat bittest, musst du den Ratschlag nicht zwingend umsetzen – wahrnehmen und zuhören ist schon wichtig.

Punkt drei: Fokus auf den Denkprozess statt auf das Ergebnis – wahrscheinlich der wichtigste Punkt. Konzentriere dich auf den Denkprozess, arbeite verschiedene Sichtweisen mit relevanten Kriterien für die Entscheidung aus. Das ist der Inbegriff von Coaching und seine Daseinsberechtigung. Nicht ohne Grund heißt es heute, jede Führungskraft sei auch Coach beziehungsweise müsse Coaching-Kompetenz mitbringen. Wer irgendwo Ratschläge an andere verteilt, sollte diese Kompetenz haben – also nicht sofort Ratschläge zu verteilen, sondern den Denkprozess gemeinsam zu reflektieren, blinde Flecken aufzudecken und so zur Lösung zu kommen und Mehrwert zu schaffen.

Punkt vier: Das Salomon-Paradox – das Paradox, dass wir bei eigenen Entscheidungen viel mehr ins Detail gehen, während uns Ratschläge für andere leichter fallen, weil wir das große Ganze betrachten. Versuche deshalb, dein eigenes Problem aus der Perspektive einer dritten Person zu betrachten: Was wäre, wenn mein bester Freund oder meine beste Freundin dieses Problem hätte – wie würde ich reagieren, was wäre mein Rat? Und Punkt fünf zum Thema Motivation: Ratschläge zu verteilen motiviert mehr, als Ratschläge zu erhalten.

Das waren die fünf Punkte zum Thema Karriereentscheidung richtig treffen und zum Thema Ratschläge geben und erhalten. Ich hoffe, du konntest einiges daraus mitnehmen. Mehr zu mir und meiner Arbeit findest du auf LinkedIn oder direkt auf meiner Website. Liebe Grüße aus Hamburg – freut mich, dass du dabei warst. Bis zum nächsten Mal.

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Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

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