Ganzheitliche Führung: das ganze Bild, bevor du ins Detail gehst

„Nur drei Dinge entstehen in einer Organisation von ganz allein: Konflikte, Chaos und mangelnde Performance. Alles andere braucht Führung.“ Dieser Gedanke von Peter Drucker bringt es auf den Punkt. Eine Organisation ohne Führungsstrukturen läuft in der Regel ins Chaos. Stell 50 Menschen spontan auf die Straße und gib ihnen eine gemeinsame Aufgabe – ohne Struktur organisiert sich das nicht von selbst.

Bevor du dich in einzelne Methoden stürzt, lohnt sich der erste Schritt: Führung ganzheitlich verstehen. Diese Folge nimmt die Vogelperspektive ein. Warum braucht es überhaupt Führung? Wie funktioniert sie? Und was sind die zwei Kernrollen, die jede Führungskraft ausfüllen muss? Egal, ob du gerade Teamleiter wirst oder schon länger führst – mit dem großen Bild im Kopf fallen dir alle weiteren Schritte leichter.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Daseinsberechtigung von Führung: Jedes Unternehmen löst ein Kundenproblem. Die Wertschöpfung ist die Kernaufgabe – Führung ist eine indirekte Dienstleistung, die diese Wertschöpfung reibungslos macht.
  • Servant Leadership ist kein Trend: Dienende Führung folgt direkt aus dieser Logik. Leitfrage: Wie führe ich andere, damit sie sich entwickeln und ihr Potenzial entfalten, um gemeinsame Ziele zu erreichen?
  • Strategische Rolle (Was ist zu tun?): Prioritäten selbst setzen – und ein gemeinsames Bild dieser Prioritäten im Team schaffen (Alignment) über verschiedene Zeithorizonte.
  • Operative Rolle (Wie wird es getan?): Mitarbeiter befähigen und unterstützen statt kontrollieren. Autonomie lassen, coachen, zuhören – und die „Sprache“ jedes Mitarbeiters lernen.
  • Es geht um Systeme, nicht um Personen: Gute Führung baut Strukturen, die auch ohne dich funktionieren. Das ist das messbare Erfolgskriterium – und die Voraussetzung, um selbst mehr Verantwortung zu übernehmen.

Ganzheitliche Führung im Detail

Warum es Führung braucht. Fang beim Unternehmen an. Die Aufgabe jedes Unternehmens ist es, ein Problem des Kunden zu lösen und ihm Mehrwert zu bieten. Das geschieht durch Wertschöpfung – das Produkt herstellen, die Dienstleistung erbringen. Alles andere im Unternehmen ist dafür da, diese Wertschöpfung zu verbessern: Qualität und Quantität, Effektivität und Effizienz. Auch Führung ist eine Dienstleistung für diesen Wertschöpfungsprozess. Sie wirkt indirekt für den Kunden, indem sie die Mitarbeiter befähigt, ihre beste Leistung zu bringen. Toto Wolff bringt es für mich gut auf den Punkt: Sein Job ist es nicht, selbst Rennen zu fahren, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem jeder im Team seine beste Leistung abrufen kann. Genau das ist der Kern von Führung.

Servant Leadership als Philosophie. Dienende Führung ist kein Modewort und kein kurzlebiger Trend. Sie folgt direkt aus der Wertschöpfungslogik: Den Kunden an oberste Stelle setzen, die Prozesse danach ausrichten und die Mitarbeiter ins Zentrum stellen. Die Leitfrage lautet: Wie kann ich andere führen, damit sie sich persönlich weiterentwickeln und ihr Potenzial voll entfalten, um unsere gemeinsamen Ziele zu realisieren? Steve Jobs hat den Kerngedanken zugespitzt: Es ergibt keinen Sinn, kluge Leute einzustellen und ihnen dann zu sagen, was sie zu tun haben. Die alte Sichtweise verlangt, dass eine Führungskraft fachlich am stärksten sein muss. Das ist nicht ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe ist es, das Umfeld zu gestalten – die Ausgestaltung überlässt sie den Mitarbeitern.

Die strategische Rolle: Was ist zu tun? Hier sind zwei Kompetenzen entscheidend. Erstens: selbst Prioritäten setzen können – entscheiden, was wirklich wichtig ist. Wer das als Führungskraft nicht eigenständig kann, hat eine große Lücke. Zweitens, und das ist der Schritt, über den viel zu wenig gesprochen wird: Alignment schaffen. Die größte Ineffektivität in einem Team entsteht, wenn jeder eine andere Sichtweise auf die Prioritäten hat. Wichtig dabei sind unterschiedliche Zeithorizonte: die Mission des Bereichs, die langfristige Strategie der nächsten Jahre, Jahresziele und das Herunterbrechen ins Aufgabenmanagement. Beschränke dich nicht nur auf die wöchentliche Runde – verlängere den Zeithorizont und entwickle ein ganzheitliches Bild der Prioritäten im Team, damit alle am gleichen Strang ziehen.

Die operative Rolle: Wie wird es getan? Die alte Sichtweise ist der Kommandeur und Kontrolleur. Doch Autonomie – selbst darüber zu bestimmen, wie man arbeitet – ist ein zentraler Motivator. Wird alles bis ins kleinste Detail vorgekaut, verschwindet der Spaß an der Arbeit. In der operativen Rolle sitzt du deinen Mitarbeitern nicht im Nacken, du befähigst und unterstützt sie. Die ständige Frage: Haben meine Mitarbeiter, was sie brauchen – von Information und Material bis zur Kompetenz? Dazu gehören regelmäßige Eins-zu-eins-Gespräche zum Coachen: zuhören, Fragen stellen, immer wieder fragen „Wie kann ich dich unterstützen?“. Diese Frage wird viel zu selten gestellt.

Die Fremdsprache jedes Mitarbeiters lernen. Beim Auslandsaufenthalt ist jedem klar, dass er die Landessprache lernen muss. Genauso ist es mit Führung: Jeder Mitarbeiter hat seinen eigenen Erfahrungsschatz und nimmt alles durch eigene Filter wahr – über die Sinne und über gemachte Erfahrungen (Stichwort radikaler Konstruktivismus). Gibst du dieselbe Botschaft an fünf Personen, verstehen sie fünf unterschiedliche Dinge. Deshalb lohnt es sich, ein Stück Hobby-Psychologe zu werden: Persönlichkeiten kennenlernen, Perspektivwechsel üben und lernen, mit wem du wie sprichst. Das ist ein Skill, der mit der Zeit wächst.

Es geht um Systeme, nicht um Personen. „Alles andere braucht Führung“ heißt nicht „alles andere braucht Führungskräfte“. Auch agile Teams und flache Hierarchien brauchen Führung – nur weniger Führungspersonal. Deine Aufgabe ist es, ein Führungssystem aufzubauen, das auch ohne dich funktioniert. Das fühlt sich paradox an, fast so, als sägtest du am eigenen Ast. Aber es ist das messbare Erfolgskriterium: Wechselst du nach zwei Jahren den Bereich und dein altes Team performt weiter stark, war das gute Führung. Sinkt die Leistung, war zu vieles von dir als Person abhängig. Wer mehr Verantwortung übernehmen will – strategisch arbeiten, größere Projekte gestalten, irgendwann ganzheitlich führen –, muss lernen, sich selbst aus der Gleichung herauszunehmen und Strukturen zu bauen, die ohne ihn tragen.

Die beiden Rollen verbinden diese Folge mit den Nachbarthemen: Die operative Rolle baut auf der Haltung von Servant Leadership auf, das Setzen von Prioritäten und das Schaffen von Alignment vertieft Führung mit System, und welche Eigenschaften eine gute Führungskraft mitbringt und welche Führungsqualitäten dahinterstehen, klären die jeweiligen Folgen.

Häufige Fragen zur ganzheitlichen Führung

Was bedeutet ganzheitliche Führung? Führung im Gesamtbild zu verstehen: warum es Führung braucht (Wertschöpfung für den Kunden), welche Haltung sie trägt (Servant Leadership) und welche zwei Rollen eine Führungskraft ausfüllt – die strategische (Prioritäten setzen und Alignment schaffen) und die operative (Mitarbeiter befähigen und unterstützen).

Was sind die zwei Kernrollen einer Führungskraft? Die strategische Rolle beantwortet „Was ist zu tun?“ – Prioritäten setzen und im Team ein gemeinsames Bild dieser Prioritäten schaffen. Die operative Rolle beantwortet „Wie wird es getan?“ – durch Coaching, Eins-zu-eins-Gespräche, Zuhören und das Lassen von Autonomie.

Warum braucht es überhaupt Führung? Weil in jeder Organisation von allein nur Konflikte, Chaos und mangelnde Performance entstehen. Führung organisiert die Wertschöpfung und sorgt dafür, dass das Team dem Kunden bestmöglich dient. Gemeint ist Führung als Aufgabe und System – nicht zwingend viele Führungskräfte.

Wann ist Führung wirklich gut? Wenn die Systeme und Strukturen auch ohne dich funktionieren. Performt dein Team weiter, nachdem du den Bereich gewechselt hast, war es gute Führung. Hängt die Leistung an deiner Person, war zu vieles personenabhängig.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • John Doerr – Measure What Matters: das OKR-System (Objectives and Key Results) von Google, um messbare Prioritäten und Ziele zu setzen und im Team abzustimmen.
  • Greg McKeown – Essentialismus: alles rund um das Setzen von Prioritäten und das Konzentrieren auf das Wesentliche.
  • Michael Bungay Stanier – The Coaching Habit: viele praktische Fragen, um als Führungskraft ein besserer Coach zu werden.

Mehr Bücher zum Thema dieser Folge findest du unter Bücher zu Führung.

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema Führung.

Transkript

Heute geht es um ein spannendes Thema: Führung ganzheitlich verstehen – worauf es wirklich ankommt. Diese Folge ist für dich, wenn du angehende Führungskraft bist und Lust hast, Verantwortung zu übernehmen, aber genauso, wenn du bereits Teamleiter bist oder eine andere Führungsrolle ausübst. Wenn ich mit Teamleitern und Führungskräften arbeite, ist der erste Schritt – egal, wie fortgeschritten jemand ist – immer derselbe: Führung ganzheitlich verstehen. Genau diesen roten Faden ziehe ich in dieser Folge durch. Warum braucht es Führung? Wie funktioniert Führung? Und was sind die wichtigsten Kernelemente? Wir gehen aus der Vogelperspektive Schritt für Schritt darauf ein.

Punkt eins: Was ist die Aufgabe von Führung, und was ist ihre Daseinsberechtigung? Ich habe neulich auf LinkedIn ein Zitat gepostet, zu dem es auch Gegenstimmen gab: „Nur drei Dinge entstehen in einer Organisation auf natürliche Weise: Konflikte, Chaos und mangelnde Performance. Alles andere braucht Führung.“ Das stammt von Peter Drucker, und ich finde sehr viel daran. Unterm Strich heißt das: Eine Organisation ohne Führungsstrukturen landet in der Regel im Chaos. Bestes Beispiel: Stell spontan 50 Menschen auf die Straße und gib ihnen eine gemeinsame Aufgabe. Es wird schwierig, dass sie sich von selbst organisieren – jedenfalls auf die Schnelle. Es braucht eine Organisation, eine Struktur.

Ein zweites Zitat drückt für mich gut aus, worum es bei Führung geht. Es stammt von Toto Wolff, dem Teamchef von Mercedes in der Formel 1. Über viele Jahre hat dieses Team mit Abstand die beste Leistung abgeliefert. Wolff fährt aber nicht selbst die Rennen. Er sagt sinngemäß: Sein Job ist es, das Umfeld so zu gestalten, dass jeder Einzelne in seinem Team die beste Leistung abrufen kann. Das ist der Kern der Aufgabe von Führung: ein Umfeld zu schaffen, in dem alle Mitarbeiter bestmöglich agieren und ihre beste Leistung an den Tag legen können.

Diesen Gedanken muss man im Kontext verstehen. Wozu gibt es Unternehmen überhaupt? Die Aufgabe jedes Unternehmens ist es, Probleme von Kunden zu lösen und Mehrwert zu bieten. Der Kunde steht im Fokus. Ein Unternehmen braucht ein Kundenproblem, das es löst, und Erwartungen, die es erfüllt. Das geschieht durch die Wertschöpfung – die Kernaufgabe ist es, das Produkt herzustellen oder die Dienstleistung zu erbringen. Alles andere im Unternehmen ist dafür da, diese Wertschöpfung zu verbessern: Qualität und Quantität, Effektivität und Effizienz zu steigern. Deshalb gibt es Lean-Prozesse und Operational Excellence. In der Regel arbeiten die Mitarbeiter, etwa in der Produktion, direkt an der Wertschöpfungskette. Alles andere – auch Führung – ist eine indirekte Dienstleistung für diesen Wertschöpfungsprozess und damit für den Kunden. Das ist die Daseinsberechtigung. Ein Unternehmen löst immer ein Problem, und um die Wertschöpfung reibungslos zu gestalten und gut zu organisieren, braucht es eine Struktur, ein Führungssystem, einen systematischen Führungsansatz.

Punkt zwei ist die Führungsphilosophie. Ich habe in früheren Folgen schon vom Thema Servant Leadership gesprochen, der dienenden Führung. Wichtig: Das ist kein Trend und kein Modewort, das gerade neu aufgekommen ist. Der Gedanke folgt direkt aus der Systematik: Unternehmen sind dafür da, Probleme zu lösen, und Servant Leadership bedeutet, diese Wertschöpfungskette zu unterstützen – den Kunden an oberster Stelle zu haben und alle Prozesse daran auszurichten. Die Leitfrage, die in diesem Kontext zählt und die hinter Servant Leadership steckt: Wie kann ich andere führen, damit sie sich persönlich weiterentwickeln und ihr Potenzial voll entfalten können, um unsere gemeinsamen Ziele zu realisieren? Steve Jobs hat es gut auf den Punkt gebracht: Es ergibt keinen Sinn, kluge Leute einzustellen und ihnen dann zu sagen, was sie tun sollen. Bei vielen herrscht noch die traditionelle Sichtweise, Führung müsse fachlich sehr stark und kompetent sein. Das ist nicht ihre Aufgabe. Die Aufgabe der Führung ist es, das Umfeld zu entwickeln und die Ausgestaltung der Wertschöpfungskette den Mitarbeitern zu überlassen. Die Vorstellung, eine Führungskraft müsse immer ansagen, wo es langgeht und was genau zu tun ist, ist eine sehr alte Sichtweise.

Jetzt gebe ich dir zwei Kernrollen von Führung an die Hand. Bisher ging es um die Daseinsberechtigung: Es braucht Führung, um dem Kunden gerecht zu werden und gut zu organisieren, am besten über Servant Leadership – also Dienstleistung am Mitarbeiter, den Mitarbeiter ins Zentrum stellen, damit er bestmöglich performt und dadurch indirekt die Wertschöpfung besser wird und der Kunde das beste Ergebnis bekommt. Daraus ergibt sich die Frage: Was sind die zwei Kernaufgaben? Es sind die strategische Rolle und die operative Rolle, die eine Führungskraft innehaben muss.

Die strategische Rolle beantwortet die Frage: Was ist zu tun? Dafür sind zwei Kompetenzen unglaublich wichtig. Die erste: selbst Prioritäten setzen können, also entscheiden, was getan werden muss und was gerade essentiell ist. Das ist für jeden wichtig, um effektiv zu arbeiten. Wenn eine Führungskraft schon hier Probleme hat, eigenständig Prioritäten zu setzen, ist das eine riesige Lücke. Als Teamleiter oder Führungskraft kommt eine zweite Komponente hinzu: Alignment schaffen, also eine gemeinsame Sichtweise der Prioritäten herstellen. Die größte Ineffektivität in einem Team entsteht, wenn jeder eine andere Sichtweise von Prioritäten hat. Darüber wird viel zu wenig gesprochen. Wichtig sind dabei unterschiedliche Zeithorizonte: zuerst die Mission, also die Kernaufgabe und Daseinsberechtigung des Bereichs im Gesamtkontext des Unternehmens; dann die längerfristige Perspektive, die Strategie und strategischen Handlungsfelder der nächsten Jahre; daraus Jahresziele; und das Ganze heruntergebrochen in ein Aufgabenmanagement. Beschränke dich nicht nur auf wöchentliche Runden, sondern verlängere den Zeithorizont und entwickle ein ganzheitliches Bild der Prioritäten im Team. Als Führungskraft musst du also selbst stark im Prioritätensetzen werden und das große Bild ganzheitlich verstehen, damit du jeden Mitarbeiter im Kontext des gesamten Unternehmens einordnest und Alignment schaffst – damit alle am gleichen Strang ziehen. Das ist die Grundlage für ein Hochleistungsteam, und Kommunikation ist dabei das A und O.

Ein Buch, das genau dieses Thema systematisiert, ist „Measure What Matters“ von John Doerr. Darin geht es um OKRs, ein Performance-Management-System von Google. Das ist ziemlich fortgeschritten – wenn du noch keine Führungskraft bist, ist es vielleicht zu theoretisch. Wenn du aber schon weiter bist und mehr Führungsverantwortung hast, kann es spannend sein, die strategische Rolle damit zu systematisieren: mit dem Team gemeinsam messbare Prioritäten und Ziele setzen, sie in regelmäßigen Zyklen kommunizieren und abstimmen und so Alignment schaffen. Auch wenn du keine Führungskraft bist, gilt: Prioritäten setzen ist absolut zentral. Das Buch „Essentialismus“ von Greg McKeown ist für mich ein absolutes Must-Read; es dreht sich rund um das Thema Prioritäten setzen – wichtig in jedem Kontext, nicht nur im beruflichen. Als Führungskraft ist es noch wichtiger, hier Kompetenzen aufzubauen. Das ist die strategische Rolle: dem Team klarmachen, was die Prioritäten und Ziele sind, worauf es ankommt und welche Werte gelten. Auch über Werte ein gemeinsames Bild zu haben oder zumindest darüber zu sprechen, ist unglaublich wichtig.

Damit kommt die zweite Rolle ins Spiel: die operative Rolle. Die alte Sichtweise ist der Kommandeur und Kontrolleur: „Ich bin die Führungskraft, ich sage, wo es langgeht, und ich kontrolliere.“ Wer das erlebt hat, weiß: Autonomie – selbst zu bestimmen, wie man arbeitet – ist ein ganz wichtiger Motivator. Wenn alles bis ins kleinste Detail vorgekaut wird, hast du keinen Spaß mehr, weil dir Flexibilität und Freiheitsgrade fehlen. In der operativen Rolle geht es nicht darum, dem Mitarbeiter im Nacken zu sitzen, sondern ihn zu befähigen und zu unterstützen. Hier greift wieder die Leitfrage von Servant Leadership: Wie kann ich andere führen, damit sie sich weiterentwickeln und ihr Potenzial entfalten, um unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen? Die Frage, die du dir immer wieder stellen solltest: Haben meine Mitarbeiter, was sie brauchen – von Information und Material bis zur Kompetenz?

Das ist ein fortlaufender Prozess. Es lohnt sich, verschiedene Systeme aufzubauen, etwa regelmäßige Runden. Ein typisches Beispiel sind regelmäßige Eins-zu-eins-Gespräche, um den Mitarbeiter zu coachen. Coaching bedeutet vor allem zuhören und Fragen stellen. Ein gutes Buch dazu ist „The Coaching Habit“ von Michael Bungay Stanier, für jede Führungskraft ein Must-Read. Darin stecken viele praktische Fragen, mit denen du als Führungskraft ein besserer Coach wirst und deine Mitarbeiter weiterentwickelst, befähigst und unterstützt. Das A und O: Nimm wahr, dass deine Rolle darin besteht, deine Mitarbeiter zu unterstützen, und stelle immer wieder die Frage „Was beschäftigt dich gerade? Wie kann ich dich unterstützen?“. Diese Frage wird viel zu selten gestellt.

Eine der wichtigsten Kompetenzen, die du im Laufe der Zeit aufbaust, ist Kommunikation. Für jeden ist klar: Wer nach China oder in die USA geht, kann sich nur verständigen, wenn er die Fremdsprache lernt – Englisch, Chinesisch oder andere. Genauso ist es als Führungskraft: Du musst die Sprache jedes einzelnen Mitarbeiters sprechen. Jeder hat seinen eigenen Erfahrungsschatz. Schau dir den Begriff radikaler Konstruktivismus an: Jeder betrachtet alles durch verschiedene Filter. Der erste Filter sind die Sinne – ganz banal: Wer eine Rot-Grün-Schwäche hat, sieht etwas anders als du. Der zweite Filter sind die Erfahrungen. Deine Mitarbeiter haben in ihrem Berufsleben völlig unterschiedliche Erfahrungen gemacht – mit guten und schlechten Führungskräften, mit spannenden und weniger spannenden Aufgaben. Deshalb ist es wichtig, den Perspektivwechsel an den Tag zu legen und die Sprache jedes Mitarbeiters zu lernen.

Ich habe neulich einen spannenden Essay gelesen, in dem ein passendes Bild auftaucht. Dem Autor wurde im Zusammenhang mit Servant Leadership bewusst, wie sehr er seine Kommunikation verbessern musste: Es ist wahr, dass jede Person individuell ist und einen eigenen Erfahrungsschatz hat. Gibst du dieselbe Botschaft an fünf verschiedene Personen weiter, verstehen diese fünf Personen fünf unterschiedliche Dinge. Deshalb ist es für dich als Führungskraft wichtig zu lernen, mit wem du wie sprichst und wie du mit jedem umgehst. Wie ich schon öfter gesagt habe: Als Führungskraft wirst du ein Stück weit zum Hobby-Psychologen – du lernst Persönlichkeiten kennen, verstehst Typen, vollziehst sie nach und übst Perspektivwechsel. Das ist ein Skill, den du mit der Zeit aufbaust. Das ist die operative Rolle neben der strategischen: die Mitarbeiter befähigen, kommunizieren, zuhören, dich in jede Persönlichkeit hineinversetzen, sie abholen und mitnehmen.

Damit sind die beiden Führungsrollen umrissen. Eine wichtige Komponente fehlt aber noch. Zurück zum Zitat von Peter Drucker: „Nur drei Dinge entstehen in einer Organisation auf natürliche Weise: Konflikte, Chaos und mangelnde Performance. Alles andere braucht Führung.“ Als ich das auf LinkedIn gepostet habe, gab es berechtigte kritische Stimmen. Manche sagten: Bei moderneren Organisationsformen wie agilen Teams, mit flachen Hierarchien und weniger Führungspersonal, brauche man keine Führungspersonen mehr. Dem würde ich zunächst zustimmen – aber das Zitat meint etwas anderes. Es heißt nicht „alles andere braucht Führungskräfte“, sondern „alles andere braucht Führung“. Deine Aufgabe als Führungskraft ist es, ein Führungssystem aufzubauen. Es geht nicht um Personen, sondern um Systeme und Strukturen. Eine gute Führungskraft entwickelt Führungssysteme, die auch ohne sie selbst funktionieren.

Das klingt paradox und fühlt sich an, als sägtest du am eigenen Ast. Aber der optimale Zustand ist erreicht, wenn du ein Führungssystem etabliert hast, das ohne dich funktioniert. Das ist ein messbares Erfolgskriterium. Wenn du eine gute Führungskraft bist, sieht man das nicht nur daran, dass dein Team performt, während du aktiv dabei bist. Angenommen, du hast zwei Jahre lang mit einem Team etwas aufgebaut und wechselst dann den Bereich. Performt dein altes Team weiterhin richtig gut, auch wenn du weg bist, dann war das gute Führung. Sinkt die Performance, war vieles von dir als Person abhängig – das ist ein Zeichen für schwächere Führung. Genau das meint der moderne, agile Ansatz: Wenn du ein agiles Team oder eine agile Organisation mit flachen Hierarchien aufbauen willst, brauchst du moderne Führungsstrukturen. Du brauchst definitiv Führung – aber, wenn du sie aufgebaut hast, nicht mehr so viele Führungspersonen.

Man kann sich auch das eigene Grab schaufeln. Wenn du dein Team so um dich herum baust, dass nichts mehr ohne dich funktioniert, dann schadest du dir selbst. Denn wenn du mehr Verantwortung übernehmen möchtest, willst du dieses Hochleistungsteam irgendwann abgeben und den nächsten Schritt gehen – strategischer arbeiten, mehr Verantwortung im gesamtunternehmerischen Kontext übernehmen, vielleicht Transformationsprojekte und ganzheitliche Projekte umsetzen. Aus eigener Erfahrung macht es am meisten Spaß, in interdisziplinären Teams ganzheitlich zu denken und große Projekte umzusetzen, um dann mehr Verantwortung zu übernehmen und irgendwann ganzheitlich zu führen, etwa Richtung Geschäftsführung. Dafür musst du lernen, dich aus der Gleichung herauszunehmen und Strukturen aufzubauen. Verstehe: Es geht nicht um dich als Person. Kurzfristig fühlt es sich gut an, gebraucht zu werden – aber wirkliche Stärke zeigst du, wenn du Systeme baust, die ohne dich funktionieren.

Zum Abschluss gehört für mich auch dazu: Gute Führungssysteme sind schlank, etabliert und orientieren sich an den beiden Rollen – der strategischen und der operativen.

Das war das Thema „Führung ganzheitlich verstehen“ aus der Vogelperspektive. Kurz im Überblick: Die Daseinsberechtigung von Führung ist es, ein Umfeld zu gestalten, das deine Mitarbeiter und das Team im Wertschöpfungsprozess unterstützt, der wiederum dem Kunden dient – die Daseinsberechtigung jedes Unternehmens. Das gelingt am besten über Servant Leadership: Wenn du dafür sorgst, dass deine Mitarbeiter richtig gut performen und motiviert sind, kommst du auch deinen eigenen Zielen schneller näher. Stell dir die Frage, wie die Führungspersönlichkeit aussieht, für die du am liebsten arbeiten würdest – meist sind es genau die Werte der dienenden Führung.

Dazu kommen die zwei Führungsrollen. Die strategische Rolle bedeutet, Prioritäten zu setzen und Alignment zu schaffen: im Team zu kommunizieren, was die Ziele und Aufgaben sind, damit alle ein gemeinsames Bild der Prioritäten haben. Die operative Rolle bedeutet, deine Fähigkeiten als Coach zu verbessern, auf der Eins-zu-eins-Ebene zu kommunizieren, die Fremdsprache jedes Mitarbeiters zu sprechen und Autonomie zu lassen. Mikromanagement ist ein absolutes No-Go – damit demotivierst du deine Mitarbeiter.

Und zuletzt: Führungssysteme und Strukturen aufbauen. Um als Team und Organisation agil und schnell anpassungsfähig zu bleiben, brauchst du gute Systeme – die nur dann tragen, wenn sie unabhängig von einzelnen Personen funktionieren, weil du Prozesse und Strukturen etabliert hast, die das Ganze vorantreiben. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

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Ganzheitliche Führung: das ganze Bild, bevor du ins Detail gehst

„Nur drei Dinge entstehen in einer Organisation von ganz allein: Konflikte, Chaos und mangelnde Performance. Alles andere braucht Führung.“ Dieser Gedanke von Peter Drucker bringt es auf den Punkt. Eine Organisation ohne Führungsstrukturen läuft in der Regel ins Chaos. Stell 50 Menschen spontan auf die Straße und gib ihnen eine gemeinsame Aufgabe – ohne Struktur organisiert sich das nicht von selbst.

Bevor du dich in einzelne Methoden stürzt, lohnt sich der erste Schritt: Führung ganzheitlich verstehen. Diese Folge nimmt die Vogelperspektive ein. Warum braucht es überhaupt Führung? Wie funktioniert sie? Und was sind die zwei Kernrollen, die jede Führungskraft ausfüllen muss? Egal, ob du gerade Teamleiter wirst oder schon länger führst – mit dem großen Bild im Kopf fallen dir alle weiteren Schritte leichter.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Daseinsberechtigung von Führung: Jedes Unternehmen löst ein Kundenproblem. Die Wertschöpfung ist die Kernaufgabe – Führung ist eine indirekte Dienstleistung, die diese Wertschöpfung reibungslos macht.
  • Servant Leadership ist kein Trend: Dienende Führung folgt direkt aus dieser Logik. Leitfrage: Wie führe ich andere, damit sie sich entwickeln und ihr Potenzial entfalten, um gemeinsame Ziele zu erreichen?
  • Strategische Rolle (Was ist zu tun?): Prioritäten selbst setzen – und ein gemeinsames Bild dieser Prioritäten im Team schaffen (Alignment) über verschiedene Zeithorizonte.
  • Operative Rolle (Wie wird es getan?): Mitarbeiter befähigen und unterstützen statt kontrollieren. Autonomie lassen, coachen, zuhören – und die „Sprache“ jedes Mitarbeiters lernen.
  • Es geht um Systeme, nicht um Personen: Gute Führung baut Strukturen, die auch ohne dich funktionieren. Das ist das messbare Erfolgskriterium – und die Voraussetzung, um selbst mehr Verantwortung zu übernehmen.

Ganzheitliche Führung im Detail

Warum es Führung braucht. Fang beim Unternehmen an. Die Aufgabe jedes Unternehmens ist es, ein Problem des Kunden zu lösen und ihm Mehrwert zu bieten. Das geschieht durch Wertschöpfung – das Produkt herstellen, die Dienstleistung erbringen. Alles andere im Unternehmen ist dafür da, diese Wertschöpfung zu verbessern: Qualität und Quantität, Effektivität und Effizienz. Auch Führung ist eine Dienstleistung für diesen Wertschöpfungsprozess. Sie wirkt indirekt für den Kunden, indem sie die Mitarbeiter befähigt, ihre beste Leistung zu bringen. Toto Wolff bringt es für mich gut auf den Punkt: Sein Job ist es nicht, selbst Rennen zu fahren, sondern ein Umfeld zu schaffen, in dem jeder im Team seine beste Leistung abrufen kann. Genau das ist der Kern von Führung.

Servant Leadership als Philosophie. Dienende Führung ist kein Modewort und kein kurzlebiger Trend. Sie folgt direkt aus der Wertschöpfungslogik: Den Kunden an oberste Stelle setzen, die Prozesse danach ausrichten und die Mitarbeiter ins Zentrum stellen. Die Leitfrage lautet: Wie kann ich andere führen, damit sie sich persönlich weiterentwickeln und ihr Potenzial voll entfalten, um unsere gemeinsamen Ziele zu realisieren? Steve Jobs hat den Kerngedanken zugespitzt: Es ergibt keinen Sinn, kluge Leute einzustellen und ihnen dann zu sagen, was sie zu tun haben. Die alte Sichtweise verlangt, dass eine Führungskraft fachlich am stärksten sein muss. Das ist nicht ihre Aufgabe. Ihre Aufgabe ist es, das Umfeld zu gestalten – die Ausgestaltung überlässt sie den Mitarbeitern.

Die strategische Rolle: Was ist zu tun? Hier sind zwei Kompetenzen entscheidend. Erstens: selbst Prioritäten setzen können – entscheiden, was wirklich wichtig ist. Wer das als Führungskraft nicht eigenständig kann, hat eine große Lücke. Zweitens, und das ist der Schritt, über den viel zu wenig gesprochen wird: Alignment schaffen. Die größte Ineffektivität in einem Team entsteht, wenn jeder eine andere Sichtweise auf die Prioritäten hat. Wichtig dabei sind unterschiedliche Zeithorizonte: die Mission des Bereichs, die langfristige Strategie der nächsten Jahre, Jahresziele und das Herunterbrechen ins Aufgabenmanagement. Beschränke dich nicht nur auf die wöchentliche Runde – verlängere den Zeithorizont und entwickle ein ganzheitliches Bild der Prioritäten im Team, damit alle am gleichen Strang ziehen.

Die operative Rolle: Wie wird es getan? Die alte Sichtweise ist der Kommandeur und Kontrolleur. Doch Autonomie – selbst darüber zu bestimmen, wie man arbeitet – ist ein zentraler Motivator. Wird alles bis ins kleinste Detail vorgekaut, verschwindet der Spaß an der Arbeit. In der operativen Rolle sitzt du deinen Mitarbeitern nicht im Nacken, du befähigst und unterstützt sie. Die ständige Frage: Haben meine Mitarbeiter, was sie brauchen – von Information und Material bis zur Kompetenz? Dazu gehören regelmäßige Eins-zu-eins-Gespräche zum Coachen: zuhören, Fragen stellen, immer wieder fragen „Wie kann ich dich unterstützen?“. Diese Frage wird viel zu selten gestellt.

Die Fremdsprache jedes Mitarbeiters lernen. Beim Auslandsaufenthalt ist jedem klar, dass er die Landessprache lernen muss. Genauso ist es mit Führung: Jeder Mitarbeiter hat seinen eigenen Erfahrungsschatz und nimmt alles durch eigene Filter wahr – über die Sinne und über gemachte Erfahrungen (Stichwort radikaler Konstruktivismus). Gibst du dieselbe Botschaft an fünf Personen, verstehen sie fünf unterschiedliche Dinge. Deshalb lohnt es sich, ein Stück Hobby-Psychologe zu werden: Persönlichkeiten kennenlernen, Perspektivwechsel üben und lernen, mit wem du wie sprichst. Das ist ein Skill, der mit der Zeit wächst.

Es geht um Systeme, nicht um Personen. „Alles andere braucht Führung“ heißt nicht „alles andere braucht Führungskräfte“. Auch agile Teams und flache Hierarchien brauchen Führung – nur weniger Führungspersonal. Deine Aufgabe ist es, ein Führungssystem aufzubauen, das auch ohne dich funktioniert. Das fühlt sich paradox an, fast so, als sägtest du am eigenen Ast. Aber es ist das messbare Erfolgskriterium: Wechselst du nach zwei Jahren den Bereich und dein altes Team performt weiter stark, war das gute Führung. Sinkt die Leistung, war zu vieles von dir als Person abhängig. Wer mehr Verantwortung übernehmen will – strategisch arbeiten, größere Projekte gestalten, irgendwann ganzheitlich führen –, muss lernen, sich selbst aus der Gleichung herauszunehmen und Strukturen zu bauen, die ohne ihn tragen.

Die beiden Rollen verbinden diese Folge mit den Nachbarthemen: Die operative Rolle baut auf der Haltung von Servant Leadership auf, das Setzen von Prioritäten und das Schaffen von Alignment vertieft Führung mit System, und welche Eigenschaften eine gute Führungskraft mitbringt und welche Führungsqualitäten dahinterstehen, klären die jeweiligen Folgen.

Häufige Fragen zur ganzheitlichen Führung

Was bedeutet ganzheitliche Führung? Führung im Gesamtbild zu verstehen: warum es Führung braucht (Wertschöpfung für den Kunden), welche Haltung sie trägt (Servant Leadership) und welche zwei Rollen eine Führungskraft ausfüllt – die strategische (Prioritäten setzen und Alignment schaffen) und die operative (Mitarbeiter befähigen und unterstützen).

Was sind die zwei Kernrollen einer Führungskraft? Die strategische Rolle beantwortet „Was ist zu tun?“ – Prioritäten setzen und im Team ein gemeinsames Bild dieser Prioritäten schaffen. Die operative Rolle beantwortet „Wie wird es getan?“ – durch Coaching, Eins-zu-eins-Gespräche, Zuhören und das Lassen von Autonomie.

Warum braucht es überhaupt Führung? Weil in jeder Organisation von allein nur Konflikte, Chaos und mangelnde Performance entstehen. Führung organisiert die Wertschöpfung und sorgt dafür, dass das Team dem Kunden bestmöglich dient. Gemeint ist Führung als Aufgabe und System – nicht zwingend viele Führungskräfte.

Wann ist Führung wirklich gut? Wenn die Systeme und Strukturen auch ohne dich funktionieren. Performt dein Team weiter, nachdem du den Bereich gewechselt hast, war es gute Führung. Hängt die Leistung an deiner Person, war zu vieles personenabhängig.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • John Doerr – Measure What Matters: das OKR-System (Objectives and Key Results) von Google, um messbare Prioritäten und Ziele zu setzen und im Team abzustimmen.
  • Greg McKeown – Essentialismus: alles rund um das Setzen von Prioritäten und das Konzentrieren auf das Wesentliche.
  • Michael Bungay Stanier – The Coaching Habit: viele praktische Fragen, um als Führungskraft ein besserer Coach zu werden.

Mehr Bücher zum Thema dieser Folge findest du unter Bücher zu Führung.

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Diese Folge gehört zum Thema Führung.

Transkript

Heute geht es um ein spannendes Thema: Führung ganzheitlich verstehen – worauf es wirklich ankommt. Diese Folge ist für dich, wenn du angehende Führungskraft bist und Lust hast, Verantwortung zu übernehmen, aber genauso, wenn du bereits Teamleiter bist oder eine andere Führungsrolle ausübst. Wenn ich mit Teamleitern und Führungskräften arbeite, ist der erste Schritt – egal, wie fortgeschritten jemand ist – immer derselbe: Führung ganzheitlich verstehen. Genau diesen roten Faden ziehe ich in dieser Folge durch. Warum braucht es Führung? Wie funktioniert Führung? Und was sind die wichtigsten Kernelemente? Wir gehen aus der Vogelperspektive Schritt für Schritt darauf ein.

Punkt eins: Was ist die Aufgabe von Führung, und was ist ihre Daseinsberechtigung? Ich habe neulich auf LinkedIn ein Zitat gepostet, zu dem es auch Gegenstimmen gab: „Nur drei Dinge entstehen in einer Organisation auf natürliche Weise: Konflikte, Chaos und mangelnde Performance. Alles andere braucht Führung.“ Das stammt von Peter Drucker, und ich finde sehr viel daran. Unterm Strich heißt das: Eine Organisation ohne Führungsstrukturen landet in der Regel im Chaos. Bestes Beispiel: Stell spontan 50 Menschen auf die Straße und gib ihnen eine gemeinsame Aufgabe. Es wird schwierig, dass sie sich von selbst organisieren – jedenfalls auf die Schnelle. Es braucht eine Organisation, eine Struktur.

Ein zweites Zitat drückt für mich gut aus, worum es bei Führung geht. Es stammt von Toto Wolff, dem Teamchef von Mercedes in der Formel 1. Über viele Jahre hat dieses Team mit Abstand die beste Leistung abgeliefert. Wolff fährt aber nicht selbst die Rennen. Er sagt sinngemäß: Sein Job ist es, das Umfeld so zu gestalten, dass jeder Einzelne in seinem Team die beste Leistung abrufen kann. Das ist der Kern der Aufgabe von Führung: ein Umfeld zu schaffen, in dem alle Mitarbeiter bestmöglich agieren und ihre beste Leistung an den Tag legen können.

Diesen Gedanken muss man im Kontext verstehen. Wozu gibt es Unternehmen überhaupt? Die Aufgabe jedes Unternehmens ist es, Probleme von Kunden zu lösen und Mehrwert zu bieten. Der Kunde steht im Fokus. Ein Unternehmen braucht ein Kundenproblem, das es löst, und Erwartungen, die es erfüllt. Das geschieht durch die Wertschöpfung – die Kernaufgabe ist es, das Produkt herzustellen oder die Dienstleistung zu erbringen. Alles andere im Unternehmen ist dafür da, diese Wertschöpfung zu verbessern: Qualität und Quantität, Effektivität und Effizienz zu steigern. Deshalb gibt es Lean-Prozesse und Operational Excellence. In der Regel arbeiten die Mitarbeiter, etwa in der Produktion, direkt an der Wertschöpfungskette. Alles andere – auch Führung – ist eine indirekte Dienstleistung für diesen Wertschöpfungsprozess und damit für den Kunden. Das ist die Daseinsberechtigung. Ein Unternehmen löst immer ein Problem, und um die Wertschöpfung reibungslos zu gestalten und gut zu organisieren, braucht es eine Struktur, ein Führungssystem, einen systematischen Führungsansatz.

Punkt zwei ist die Führungsphilosophie. Ich habe in früheren Folgen schon vom Thema Servant Leadership gesprochen, der dienenden Führung. Wichtig: Das ist kein Trend und kein Modewort, das gerade neu aufgekommen ist. Der Gedanke folgt direkt aus der Systematik: Unternehmen sind dafür da, Probleme zu lösen, und Servant Leadership bedeutet, diese Wertschöpfungskette zu unterstützen – den Kunden an oberster Stelle zu haben und alle Prozesse daran auszurichten. Die Leitfrage, die in diesem Kontext zählt und die hinter Servant Leadership steckt: Wie kann ich andere führen, damit sie sich persönlich weiterentwickeln und ihr Potenzial voll entfalten können, um unsere gemeinsamen Ziele zu realisieren? Steve Jobs hat es gut auf den Punkt gebracht: Es ergibt keinen Sinn, kluge Leute einzustellen und ihnen dann zu sagen, was sie tun sollen. Bei vielen herrscht noch die traditionelle Sichtweise, Führung müsse fachlich sehr stark und kompetent sein. Das ist nicht ihre Aufgabe. Die Aufgabe der Führung ist es, das Umfeld zu entwickeln und die Ausgestaltung der Wertschöpfungskette den Mitarbeitern zu überlassen. Die Vorstellung, eine Führungskraft müsse immer ansagen, wo es langgeht und was genau zu tun ist, ist eine sehr alte Sichtweise.

Jetzt gebe ich dir zwei Kernrollen von Führung an die Hand. Bisher ging es um die Daseinsberechtigung: Es braucht Führung, um dem Kunden gerecht zu werden und gut zu organisieren, am besten über Servant Leadership – also Dienstleistung am Mitarbeiter, den Mitarbeiter ins Zentrum stellen, damit er bestmöglich performt und dadurch indirekt die Wertschöpfung besser wird und der Kunde das beste Ergebnis bekommt. Daraus ergibt sich die Frage: Was sind die zwei Kernaufgaben? Es sind die strategische Rolle und die operative Rolle, die eine Führungskraft innehaben muss.

Die strategische Rolle beantwortet die Frage: Was ist zu tun? Dafür sind zwei Kompetenzen unglaublich wichtig. Die erste: selbst Prioritäten setzen können, also entscheiden, was getan werden muss und was gerade essentiell ist. Das ist für jeden wichtig, um effektiv zu arbeiten. Wenn eine Führungskraft schon hier Probleme hat, eigenständig Prioritäten zu setzen, ist das eine riesige Lücke. Als Teamleiter oder Führungskraft kommt eine zweite Komponente hinzu: Alignment schaffen, also eine gemeinsame Sichtweise der Prioritäten herstellen. Die größte Ineffektivität in einem Team entsteht, wenn jeder eine andere Sichtweise von Prioritäten hat. Darüber wird viel zu wenig gesprochen. Wichtig sind dabei unterschiedliche Zeithorizonte: zuerst die Mission, also die Kernaufgabe und Daseinsberechtigung des Bereichs im Gesamtkontext des Unternehmens; dann die längerfristige Perspektive, die Strategie und strategischen Handlungsfelder der nächsten Jahre; daraus Jahresziele; und das Ganze heruntergebrochen in ein Aufgabenmanagement. Beschränke dich nicht nur auf wöchentliche Runden, sondern verlängere den Zeithorizont und entwickle ein ganzheitliches Bild der Prioritäten im Team. Als Führungskraft musst du also selbst stark im Prioritätensetzen werden und das große Bild ganzheitlich verstehen, damit du jeden Mitarbeiter im Kontext des gesamten Unternehmens einordnest und Alignment schaffst – damit alle am gleichen Strang ziehen. Das ist die Grundlage für ein Hochleistungsteam, und Kommunikation ist dabei das A und O.

Ein Buch, das genau dieses Thema systematisiert, ist „Measure What Matters“ von John Doerr. Darin geht es um OKRs, ein Performance-Management-System von Google. Das ist ziemlich fortgeschritten – wenn du noch keine Führungskraft bist, ist es vielleicht zu theoretisch. Wenn du aber schon weiter bist und mehr Führungsverantwortung hast, kann es spannend sein, die strategische Rolle damit zu systematisieren: mit dem Team gemeinsam messbare Prioritäten und Ziele setzen, sie in regelmäßigen Zyklen kommunizieren und abstimmen und so Alignment schaffen. Auch wenn du keine Führungskraft bist, gilt: Prioritäten setzen ist absolut zentral. Das Buch „Essentialismus“ von Greg McKeown ist für mich ein absolutes Must-Read; es dreht sich rund um das Thema Prioritäten setzen – wichtig in jedem Kontext, nicht nur im beruflichen. Als Führungskraft ist es noch wichtiger, hier Kompetenzen aufzubauen. Das ist die strategische Rolle: dem Team klarmachen, was die Prioritäten und Ziele sind, worauf es ankommt und welche Werte gelten. Auch über Werte ein gemeinsames Bild zu haben oder zumindest darüber zu sprechen, ist unglaublich wichtig.

Damit kommt die zweite Rolle ins Spiel: die operative Rolle. Die alte Sichtweise ist der Kommandeur und Kontrolleur: „Ich bin die Führungskraft, ich sage, wo es langgeht, und ich kontrolliere.“ Wer das erlebt hat, weiß: Autonomie – selbst zu bestimmen, wie man arbeitet – ist ein ganz wichtiger Motivator. Wenn alles bis ins kleinste Detail vorgekaut wird, hast du keinen Spaß mehr, weil dir Flexibilität und Freiheitsgrade fehlen. In der operativen Rolle geht es nicht darum, dem Mitarbeiter im Nacken zu sitzen, sondern ihn zu befähigen und zu unterstützen. Hier greift wieder die Leitfrage von Servant Leadership: Wie kann ich andere führen, damit sie sich weiterentwickeln und ihr Potenzial entfalten, um unsere gemeinsamen Ziele zu erreichen? Die Frage, die du dir immer wieder stellen solltest: Haben meine Mitarbeiter, was sie brauchen – von Information und Material bis zur Kompetenz?

Das ist ein fortlaufender Prozess. Es lohnt sich, verschiedene Systeme aufzubauen, etwa regelmäßige Runden. Ein typisches Beispiel sind regelmäßige Eins-zu-eins-Gespräche, um den Mitarbeiter zu coachen. Coaching bedeutet vor allem zuhören und Fragen stellen. Ein gutes Buch dazu ist „The Coaching Habit“ von Michael Bungay Stanier, für jede Führungskraft ein Must-Read. Darin stecken viele praktische Fragen, mit denen du als Führungskraft ein besserer Coach wirst und deine Mitarbeiter weiterentwickelst, befähigst und unterstützt. Das A und O: Nimm wahr, dass deine Rolle darin besteht, deine Mitarbeiter zu unterstützen, und stelle immer wieder die Frage „Was beschäftigt dich gerade? Wie kann ich dich unterstützen?“. Diese Frage wird viel zu selten gestellt.

Eine der wichtigsten Kompetenzen, die du im Laufe der Zeit aufbaust, ist Kommunikation. Für jeden ist klar: Wer nach China oder in die USA geht, kann sich nur verständigen, wenn er die Fremdsprache lernt – Englisch, Chinesisch oder andere. Genauso ist es als Führungskraft: Du musst die Sprache jedes einzelnen Mitarbeiters sprechen. Jeder hat seinen eigenen Erfahrungsschatz. Schau dir den Begriff radikaler Konstruktivismus an: Jeder betrachtet alles durch verschiedene Filter. Der erste Filter sind die Sinne – ganz banal: Wer eine Rot-Grün-Schwäche hat, sieht etwas anders als du. Der zweite Filter sind die Erfahrungen. Deine Mitarbeiter haben in ihrem Berufsleben völlig unterschiedliche Erfahrungen gemacht – mit guten und schlechten Führungskräften, mit spannenden und weniger spannenden Aufgaben. Deshalb ist es wichtig, den Perspektivwechsel an den Tag zu legen und die Sprache jedes Mitarbeiters zu lernen.

Ich habe neulich einen spannenden Essay gelesen, in dem ein passendes Bild auftaucht. Dem Autor wurde im Zusammenhang mit Servant Leadership bewusst, wie sehr er seine Kommunikation verbessern musste: Es ist wahr, dass jede Person individuell ist und einen eigenen Erfahrungsschatz hat. Gibst du dieselbe Botschaft an fünf verschiedene Personen weiter, verstehen diese fünf Personen fünf unterschiedliche Dinge. Deshalb ist es für dich als Führungskraft wichtig zu lernen, mit wem du wie sprichst und wie du mit jedem umgehst. Wie ich schon öfter gesagt habe: Als Führungskraft wirst du ein Stück weit zum Hobby-Psychologen – du lernst Persönlichkeiten kennen, verstehst Typen, vollziehst sie nach und übst Perspektivwechsel. Das ist ein Skill, den du mit der Zeit aufbaust. Das ist die operative Rolle neben der strategischen: die Mitarbeiter befähigen, kommunizieren, zuhören, dich in jede Persönlichkeit hineinversetzen, sie abholen und mitnehmen.

Damit sind die beiden Führungsrollen umrissen. Eine wichtige Komponente fehlt aber noch. Zurück zum Zitat von Peter Drucker: „Nur drei Dinge entstehen in einer Organisation auf natürliche Weise: Konflikte, Chaos und mangelnde Performance. Alles andere braucht Führung.“ Als ich das auf LinkedIn gepostet habe, gab es berechtigte kritische Stimmen. Manche sagten: Bei moderneren Organisationsformen wie agilen Teams, mit flachen Hierarchien und weniger Führungspersonal, brauche man keine Führungspersonen mehr. Dem würde ich zunächst zustimmen – aber das Zitat meint etwas anderes. Es heißt nicht „alles andere braucht Führungskräfte“, sondern „alles andere braucht Führung“. Deine Aufgabe als Führungskraft ist es, ein Führungssystem aufzubauen. Es geht nicht um Personen, sondern um Systeme und Strukturen. Eine gute Führungskraft entwickelt Führungssysteme, die auch ohne sie selbst funktionieren.

Das klingt paradox und fühlt sich an, als sägtest du am eigenen Ast. Aber der optimale Zustand ist erreicht, wenn du ein Führungssystem etabliert hast, das ohne dich funktioniert. Das ist ein messbares Erfolgskriterium. Wenn du eine gute Führungskraft bist, sieht man das nicht nur daran, dass dein Team performt, während du aktiv dabei bist. Angenommen, du hast zwei Jahre lang mit einem Team etwas aufgebaut und wechselst dann den Bereich. Performt dein altes Team weiterhin richtig gut, auch wenn du weg bist, dann war das gute Führung. Sinkt die Performance, war vieles von dir als Person abhängig – das ist ein Zeichen für schwächere Führung. Genau das meint der moderne, agile Ansatz: Wenn du ein agiles Team oder eine agile Organisation mit flachen Hierarchien aufbauen willst, brauchst du moderne Führungsstrukturen. Du brauchst definitiv Führung – aber, wenn du sie aufgebaut hast, nicht mehr so viele Führungspersonen.

Man kann sich auch das eigene Grab schaufeln. Wenn du dein Team so um dich herum baust, dass nichts mehr ohne dich funktioniert, dann schadest du dir selbst. Denn wenn du mehr Verantwortung übernehmen möchtest, willst du dieses Hochleistungsteam irgendwann abgeben und den nächsten Schritt gehen – strategischer arbeiten, mehr Verantwortung im gesamtunternehmerischen Kontext übernehmen, vielleicht Transformationsprojekte und ganzheitliche Projekte umsetzen. Aus eigener Erfahrung macht es am meisten Spaß, in interdisziplinären Teams ganzheitlich zu denken und große Projekte umzusetzen, um dann mehr Verantwortung zu übernehmen und irgendwann ganzheitlich zu führen, etwa Richtung Geschäftsführung. Dafür musst du lernen, dich aus der Gleichung herauszunehmen und Strukturen aufzubauen. Verstehe: Es geht nicht um dich als Person. Kurzfristig fühlt es sich gut an, gebraucht zu werden – aber wirkliche Stärke zeigst du, wenn du Systeme baust, die ohne dich funktionieren.

Zum Abschluss gehört für mich auch dazu: Gute Führungssysteme sind schlank, etabliert und orientieren sich an den beiden Rollen – der strategischen und der operativen.

Das war das Thema „Führung ganzheitlich verstehen“ aus der Vogelperspektive. Kurz im Überblick: Die Daseinsberechtigung von Führung ist es, ein Umfeld zu gestalten, das deine Mitarbeiter und das Team im Wertschöpfungsprozess unterstützt, der wiederum dem Kunden dient – die Daseinsberechtigung jedes Unternehmens. Das gelingt am besten über Servant Leadership: Wenn du dafür sorgst, dass deine Mitarbeiter richtig gut performen und motiviert sind, kommst du auch deinen eigenen Zielen schneller näher. Stell dir die Frage, wie die Führungspersönlichkeit aussieht, für die du am liebsten arbeiten würdest – meist sind es genau die Werte der dienenden Führung.

Dazu kommen die zwei Führungsrollen. Die strategische Rolle bedeutet, Prioritäten zu setzen und Alignment zu schaffen: im Team zu kommunizieren, was die Ziele und Aufgaben sind, damit alle ein gemeinsames Bild der Prioritäten haben. Die operative Rolle bedeutet, deine Fähigkeiten als Coach zu verbessern, auf der Eins-zu-eins-Ebene zu kommunizieren, die Fremdsprache jedes Mitarbeiters zu sprechen und Autonomie zu lassen. Mikromanagement ist ein absolutes No-Go – damit demotivierst du deine Mitarbeiter.

Und zuletzt: Führungssysteme und Strukturen aufbauen. Um als Team und Organisation agil und schnell anpassungsfähig zu bleiben, brauchst du gute Systeme – die nur dann tragen, wenn sie unabhängig von einzelnen Personen funktionieren, weil du Prozesse und Strukturen etabliert hast, die das Ganze vorantreiben. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

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Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

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