Eine Portfolio-Karriere bedeutet, deine Fähigkeiten auf verschiedene Arten zu vermarkten – mehrere Einkommensquellen statt nur ein Job. In der Theorie klingt das attraktiv. In der Praxis wissen die meisten Ingenieure nur nicht, wo sie anfangen sollen – und prokrastinieren.
In dieser Folge bekommst du konkrete Action Items: wie du ein Side Project startest, ohne große Risiken einzugehen – und dabei spürst, wie es sich anfühlt, außerhalb der Festanstellung Umsatz zu machen.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Eine Portfolio-Karriere ist eine Kombination mehrerer Tätigkeiten. Der Engpass ist nicht die Idee, sondern ins unternehmerische Handeln zu kommen.
- Starte risikoarm neben dem Hauptjob – am Feierabend und Wochenende oder mit einer 80-%-Reduzierung. (Vertrag prüfen, keine Konkurrenz zum Arbeitgeber.)
- „Do things that don’t scale“ (Paul Graham): Denk in Projekten, nicht in Geschäftsmodellen. Skalierung und Innovation sind in dieser Phase tabu.
- First things first: erst gründen, dann die Idee. Gewerbeanmeldung, Finanzamt, Geschäftskonto – ein Wochenende, dann gilt „Ready, Fire, Aim“.
- Projektdesign = Stärken-Reflexion × Modeling of Excellence: Biete als Dienstleistung etwas an, das es schon gibt und das zu deinen Stärken passt.
- Das Wichtigste ist Volumen: 95–99 % Ablehnung sind normal. Handeln schlägt Grübeln – vom Start bis zum ersten Umsatz sind es oft nur drei Monate.
Side Business starten: die Kernidee
Das Prinzip – und der risikoarme Start
Eine Portfolio-Karriere kombiniert mehrere berufliche Tätigkeiten. Der Start ist meist: Hauptjob plus erstes Nebenprojekt – später kann daraus ein Gleichgewicht aus mehreren Tätigkeiten werden oder ein Übergang in die Vollzeit-Selbstständigkeit. Der größte Engpass bei den meisten Ingenieuren ist die unternehmerische Kompetenz: außerhalb der Festanstellung überhaupt ins Handeln zu kommen. Und genau das geht risikoarm. Zwei Optionen: Du behältst deinen Vollzeitjob und startest am Feierabend, Wochenende oder im Urlaub – oder du reduzierst auf 80 % und hast einen ganzen Tag pro Woche. Wirf vorher einen Blick in deinen Arbeitsvertrag (das Side Project darf nicht in Konkurrenz zum Hauptjob stehen) und sprich es im Unternehmen an – meist ist das kein Problem.
Die Grundregel: do things that don’t scale
Paul Grahams Satz „Do things that don’t scale“ ist hier das Leitprinzip. Skalierung ist in dieser Phase das Unwort – und genau der Reflex, der Ingenieure prokrastinieren lässt. Das erste Nebenprojekt soll leicht sein: rein in die Praxis, üben, üben, üben. Dein Ziel ist nicht ein perfektes System, sondern überhaupt einmal Umsatz zu machen und zu spüren, wie Wertschöpfung und Geldeingang funktionieren. Deshalb gilt: Denk in Projekten, nicht in Geschäftsmodellen.
First things first: erst gründen, dann die Idee
Du brauchst an diesem Punkt noch keine Idee. Jim Collins beschreibt in Built to Last das paradoxe Muster, dass viele zuerst gründen und dann eine Idee suchen. Genau das ist hier der „Ready, Fire, Aim“-Ansatz: Erst machst du dich startklar (Ready), dann kommst du ins Handeln (Fire), dann justierst du nach (Aim). „Ready“ heißt: Gewerbeanmeldung (ca. 10 Minuten, 20–50 €), Meldung beim Finanzamt (Fragebogen zur steuerlichen Erfassung) und ein separates Geschäftskonto. Buchhaltung, Rechnungen und Umsatzsteuer kommen später. Erstell dir eine Checkliste, schau ein paar Videos – einmal durchbeißen, fertig. Das ist meist ein Wochenende.
Projektdesign: Stärken × Modeling of Excellence
Stell dir zwei sich überschneidende Kreise vor. Kreis 1 ist die Stärken-Reflexion: Nimm dir 20 Minuten und einen großen Zettel und schreib alles auf, was du gut kannst – beruflich und privat. Die meisten unterschätzen sich massiv. Googeln ist eine Kompetenz, ein Haus für Halloween schmücken, Kleinanzeigen beherrschen, eine Bohrmaschine bedienen, mit Hunden umgehen, eine Website bauen – für all das gibt es Geschäftsmodelle. Hilfsfragen: Wofür wirst du um Hilfe gebeten? Was kannst du besser als andere? Was konntest du vor fünf Jahren noch nicht? Kreis 2 ist Modeling of Excellence: Welche Geschäftsmodelle gibt es zu deinen Stärken bereits? Mach etwas, das es schon gibt – sei nicht innovativ. Starte mit einer Dienstleistung / einem Serviceangebot (1:1), denn dafür brauchst du nur deine Hände – keine Maschine, keine Immobilie, keine Mitarbeiter. Beispiele: Rasen mähen, Umzug planen, Präsentationen oder Excel-Vorlagen erstellen, Gap-Analysen (ISO 9001), Trainingspläne, Vorträge oder Schulungen. Auf die Not-to-do-Liste gehören Blog, YouTube, Podcast, Online-Kurs oder Software – damit verdienst du anfangs keinen direkten Umsatz.
Erste Kunden gewinnen: alles ist Volumen
Welcher Akquise-Kanal (online oder offline) ist fast egal – es braucht keine Taktik, nur gesunden Menschenverstand und die Überwindung, Menschen anzusprechen. Das wichtigste Element ist Volumen: 95–99 % Ablehnung sind völlig normal – rechne mit 20 bis 100 Gesprächen pro Kunde. Beim Rasenmähen klingelst du einfach bei den Nachbarn. Du brauchst keinen Firmennamen, keine Website, kein Logo. Das größte Problem ist Grübeln. Behandle das Ganze wie ein dreimonatiges Abenteuer: ausprobieren, reflektieren, dann das nächste Projekt. Nach einem Jahr beherrschst du den Skill – und kannst eine echte Portfolio-Karriere aufbauen.
Der härteste Teil ist, ins Handeln zu kommen und Ablehnung auszuhalten – beides ist ein Schritt aus der Komfortzone, und souveränes Auftreten hilft dir, fremde Menschen anzusprechen.
Häufige Fragen zum Side Business
Wie starte ich ein Side Business neben dem Job? Risikoarm und parallel zum Hauptjob – am Feierabend und Wochenende oder mit einer 80-%-Reduzierung. Prüfe deinen Arbeitsvertrag (keine Konkurrenz zum Arbeitgeber), erledige die formellen Basics (Gewerbeanmeldung, Finanzamt, Geschäftskonto) und starte mit einem einfachen Dienstleistungsprojekt.
Brauche ich eine Geschäftsidee, um zu gründen? Nein. Nach dem „Ready, Fire, Aim“-Prinzip gründest du zuerst und suchst dann die Idee. Wichtiger als die perfekte Idee ist, ins Handeln zu kommen: ein einfaches Serviceangebot zu deinen Stärken, das es am Markt schon gibt (Modeling of Excellence).
Wie finde ich die ersten Kunden? Über Volumen. Such dir einen passenden Akquise-Kanal und sprich möglichst viele Menschen an – 95 bis 99 % Ablehnung sind normal. Halte das Angebot so einfach, dass es jeder sofort versteht, und mach den Preis nicht zur Hürde: Ziel ist der erste Auftrag, nicht der maximale Profit.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- Paul Graham – „Do things that don’t scale“: anfangs bewusst unskalierbar arbeiten.
- Jim Collins – Built to Last: das Muster „erst gründen, dann die Idee suchen“.
- „Ready, Fire, Aim“ – das Prinzip, erst startklar zu werden, dann zu handeln und dann nachzujustieren.
Diese Folge gehört zum Thema Unternehmen klug gestalten.
Transkript
Eine Portfolio-Karriere bedeutet, deine Fähigkeiten auf verschiedene Weise zu vermarkten – also mehrere Einkommensquellen zu haben, statt nur einen Job bei einem Unternehmen. In der Theorie klingt das super attraktiv. In der Praxis haben die meisten Ingenieure aber ein Problem: Sie wissen nicht, was sie tun müssen, um außerhalb ihrer Festanstellung Geld zu verdienen, kommen nicht ins Handeln und prokrastinieren – obwohl sie das Thema spannend finden. In dieser Folge gebe ich dir konkrete Action Items: wie du ein Side Project starten kannst, ohne große Risiken einzugehen.
Was ist eine Portfolio-Karriere? Eine Kombination aus mehreren beruflichen Tätigkeiten. Der Start ist in der Regel: Du hast einen Hauptjob und fängst mit dem ersten Nebenprojekt an. Irgendwann kann es so weit kommen, dass du gar keinen klaren Hauptjob mehr hast, sondern ein Gleichgewicht aus drei, vier Tätigkeiten. Ich denke, die Portfolio-Karriere ist heute machbarer denn je – und du kannst starten, ohne auf Sicherheit zu verzichten. Das ist vielen Ingenieuren mit ihrem Sicherheitsbedürfnis wichtig. Sie kann ein Idealbild deines Berufslebens sein oder ein Übergang in die Vollzeit-Selbstständigkeit – ohne große Sicherheiten aufzugeben und um erst einmal die Basics zu lernen. Denn der größte Engpass, den ich bei mir selbst und bei vielen Ingenieuren kenne, ist die unternehmerische Kompetenz: wirklich ins Handeln zu kommen und außerhalb der Festanstellung Geld zu verdienen.
Ausgangssituation: Du hast einen Vollzeitjob. Der erste Schritt ist, ein erstes Side Project ins Leben zu rufen. Du hast zwei Optionen: Entweder machst du deinen Vollzeitjob normal weiter und startest am Wochenende, Feierabend oder im Urlaub – oder du reduzierst auf 80 %, dann hast du zusätzlich einen ganzen Tag pro Woche. Ich habe das selbst mal in einer heißen Phase meines nebenberuflichen Studiums gemacht und kann es empfehlen. Schau als Erstes in deinen Vertrag, ob etwas dagegenspricht. In der Regel ist das kein Problem – problematisch ist es nur, wenn dein Side Project in direkter Konkurrenz zum Hauptjob steht, das solltest du vermeiden. Ansonsten: sprich offen mit deinem beruflichen Umfeld darüber.
Jetzt der erste wichtige Teil: Was ist das erste Nebenprojekt? Vorweg ein Satz von Paul Graham: „Do things that don’t scale.“ Skalierung ist in dieser Phase das Unwort – ein Verbot. Die meisten Ingenieure denken sofort in System und Skalierung; genau das sorgt dafür, dass sie prokrastinieren. Das erste Nebenprojekt soll leicht sein. Du sollst in die Praxis springen, nicht in der Theorie verharren – üben, üben, üben. Dein Ziel ist, Umsatz zu machen und zu spüren, wie das funktioniert: eine Dienstleistung anbieten, Wertschöpfung liefern, einen Geldeingang auf dem eigenen Konto haben. Deshalb: Denk in Projekten, nicht in Geschäftsmodellen.
Aber first things first. Ich bin ein Fan der Philosophie von Jim Collins – ich glaube, in Built to Last beschreibt er ein spannendes Phänomen: Viele große Unternehmen haben zuerst gegründet und dann nach einer Idee gesucht. Das klingt paradox, ist aber genau der Punkt: Du brauchst an diesem Punkt keine Idee, sondern hakst erst ein paar formelle Dinge ab. Ich mag den „Ready, Fire, Aim“-Ansatz: Erst startklar werden, dann ins Handeln kommen, dann nachjustieren und optimieren. „Ready“ heißt: eine Gewerbeanmeldung (rund 10 Minuten, 20 bis 50 Euro), die Meldung beim Finanzamt (Fragebogen zur steuerlichen Erfassung) und ein separates Geschäftskonto – einfach ein zweites Girokonto, um Privates und Geschäftliches zu trennen. Keine GmbH, keine Buchhaltungssoftware – das kommt alles später. Erstell dir eine Checkliste, schreib jede Unklarheit auf und schau dir Videos an; die Infos sind alle öffentlich. Einmal durchbeißen, und das ist erledigt.
Dann kommt das Projektdesign – stell es dir wie ein Venn-Diagramm aus zwei Kreisen vor. Teil eins ist die Stärken-Reflexion: Was kannst du besonders gut? Stell dir einen Timer auf 20 Minuten, nimm einen großen Zettel und schreib alles auf, beruflich und privat. Bei mir wären das damals gewesen: Qualitätsmanagement, ISO 9001, Ursachenanalyse, Lean Management, 5S, Prozessoptimierung, Präsentationen, Mentoring – und privat Ausdauersport und Marathon, Disziplin, private Geldanlage, Aufräumen à la Marie Kondo, Checklisten. Das Problem ist: Die meisten sehen ihre eigenen Stärken nicht, weil sie sie für selbstverständlich halten. Aber googeln ist eine Kompetenz, ein Haus für Halloween schmücken, Kleinanzeigen beherrschen, eine Bohrmaschine bedienen, mit Hunden Gassi gehen, eine Website erstellen – für all das gibt es Geschäftsmodelle. Hilfreiche Fragen: Wofür wirst du um Hilfe gebeten? Worin bist du besser als Menschen in deinem Umfeld? Was konntest du vor fünf Jahren noch nicht? Wer sich eine halbe Stunde Zeit nimmt, schreibt eine ganze Tapete voll.
Teil zwei ist Modeling of Excellence: Welche Geschäftsmodelle gibt es bereits zu den Themen, die du aufgeschrieben hast? Mach etwas, das es schon gibt – sei nicht innovativ. Innovation ist hier, genau wie Skalierung, ein Unwort. Du brauchst ein No-Brainer-Angebot. Geh mit einer Dienstleistung, einem Serviceangebot ins Rennen, denn dafür brauchst du nur deine Hände: keine Immobilie wie ein Bäcker, keine Maschine, keine Mitarbeiter. Beispiele: Dinge abnehmen, die anderen lästig sind (Rasen mähen, Haus schmücken, Hund ausführen, Umzug planen), oder im beruflichen Kontext eine Präsentation erstellen, Gap-Analysen rund um ISO 9001 anbieten, Trainingspläne, Stilberatung, individuelle Excel-Listen und Vorlagen, oder Vorträge und Schulungen halten. Wichtig: Es darf nicht im Konflikt zum Hauptjob stehen. Und es gibt eine Not-to-do-Liste: Es ist kein Projekt, einen Blog, einen YouTube-Kanal, einen Podcast oder einen Onlinekurs zu starten – dafür bezahlt dich am Anfang niemand. Es geht darum, realen Umsatz zu generieren und direkt für deine Zeit bezahlt zu werden.
Dann gilt es, die ersten Kunden zu gewinnen – hör dir dafür gern die Sales-Masterclass-Folgen an. Du brauchst einen Akquise-Kanal, aber ob LinkedIn, E-Mail, Telefon oder an der Haustür klingeln, ist fast egal. Es geht nicht um taktische Tricks, sondern darum, dich zu überwinden und Menschen anzusprechen. Das wichtigste Element der ganzen Folge ist Volumen. 95 % Ablehnung sind völlig normal – manchmal musst du mit 100 Menschen sprechen, um einen Kunden zu gewinnen. Beim Rasenmähen ist der einfachste Weg, bei den Nachbarn zu klingeln: „Ich habe ein kleines Projekt und würde gern euren Rasen mähen.“ Du brauchst keinen Firmennamen, keine Website, keine Visitenkarten, kein Logo. Das größte Problem ist Grübeln – wer einfach ins Handeln kommt, hat in einigen Wochen ein funktionierendes Nebenprojekt.
Behandle das Ganze wie ein kleines Abenteuer für drei Monate – wie einen Urlaub, bei dem du auch nicht überlegst, ob du für immer dort hinziehst. Mach das Projekt temporär, reflektiere danach und schnapp dir das nächste. Nach einem Jahr bist du wirklich ready, eine Portfolio-Karriere aufzubauen, weil du dann weißt, wie man Kunden gewinnt und Projekte auswählt. Der Preis ist anfangs fast egal (nur nicht null) – es geht ums Deal Making und ums Lernen, nicht um maximalen Profit. Das ist lernbar wie eine Matheklausur: Es braucht Zeit, Übung und etwas Deep Work, aber dafür musst du kein „Unternehmer-Typ“ sein – jeder Ingenieur kann das. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.
