Stagnation entsteht oft schon ganz am Anfang – in der Einarbeitung. Wer einen neuen Job startet, verharrt leicht in einer reaktiven Rolle: Es gibt einen Einarbeitungsplan (oder eben keinen), und am Ende ärgert man sich, dass die Einarbeitung schlecht lief.
Der bessere Weg ist, deine Einarbeitung selbst in die Hand zu nehmen. Diese drei Tipps hängen zusammen und sollten Teil jeder Einarbeitung sein – funktionieren aber in jeder Phase deines Berufslebens.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Nimm deine Einarbeitung proaktiv in die Hand. Verharre nicht in der reaktiven Rolle – gestalte sie selbst.
- Sprich mit deinen Stakeholdern. Besorg dir die Namen aller Personen, die Einfluss auf deine Entwicklung haben, und lade sie zum (virtuellen) Kaffee ein.
- Stell gezielte Fragen. Vier Fragen verwandeln ein nettes Kennenlernen in ein wertvolles, zielgerichtetes Gespräch.
- Liefere Mehrwert. Wer anderen hilft, ihre Ziele zu erreichen, wird gefördert – das ist der Schlüssel zu wertvollen beruflichen Beziehungen.
- Mut zur Komfortzone-Grenze. Fremde anzuschreiben kostet Überwindung – aber fast alle sind dankbar für ein kurzes Gespräch.
Die 3 Tipps gegen Stagnation im Detail
Tipp 1: Besorg dir die Stakeholder – und lade sie zum Kaffee ein. Mach ein Brainstorming: Wer hat Einfluss auf deine Entwicklung im Unternehmen? Schau über den Tellerrand, nicht nur in der eigenen Abteilung, sondern im ganzen Unternehmen. Besorg dir die Namen und E-Mail-Adressen dieser Personen und lade sie zum Kaffee oder virtuellen Kaffee ein – digital ist oft flexibler. Blocke dir dafür wöchentlich Zeit, gerade die ersten Wochen. Die Gespräche müssen nicht lang sein: 10 bis 20 Minuten reichen. Das kostet etwas Mut, weil du fremde Menschen anschreibst – aber kein Mensch sagt Nein zu „Ich bin neu hier und würde mich gern kurz über deine Rolle austauschen“.
Tipp 2: Stell gezielte Fragen. Es geht nicht um ein nettes Kennenlernen, sondern um ein zielgerichtetes Gespräch – also bereite dich vor. Vier Fragen sind besonders wertvoll:
- Wer bist du und was ist deine Aufgabe im Unternehmen? Auch wenn du es zu wissen glaubst – es lohnt sich, es in den Worten der Person zu hören.
- Wenn du dir etwas wünschen könntest, wie ich bzw. mein Team dir oder deinem Team helfen könnte – was wäre das? Diese Frage bekommt dein Gegenüber selten gestellt. Hak mit „Was noch?“ nach, ruhig mehrfach.
- Was ist dein wichtigster Rat für einen neuen Mitarbeiter hier im Unternehmen? Auch hier sammeln und nachfragen.
- Mit wem sollte ich unbedingt noch sprechen – und warum? So findest du Namen, die nicht auf deiner Liste standen, und erfährst viel über inoffizielle Wege und die Kultur.
Schreib alles mit. Am Anfang hast du „Welpenschutz“ und darfst ruhig auch vermeintlich naive Fragen stellen. Führst du solche Interviews mit 20 Personen, sitzt du auf Gold.
Tipp 3: Liefere Mehrwert. Das gesammelte Wissen allein gibt dir einen enormen Schub fürs Verständnis des Unternehmens. Der eigentliche Schlüssel ist aber: Nutze es, um anderen zu helfen. Solange du Mehrwert lieferst und Menschen bei ihren Zielen und Herausforderungen unterstützt, wirst du gefördert. Das ist der Aufbau wertvoller beruflicher Beziehungen – das vielzitierte „Vitamin B“, dein Netzwerk im Unternehmen. Setz dir ruhig einen Reminder in den Kalender (in 3, 6, 12 Monaten), um deine Notizen erneut anzuschauen und wieder gezielt Mehrwert zu liefern.
Die Nachricht für die Einladung formulierst du mit den Ideen aus Überzeugend schreiben. Wie du dein Netzwerk strategisch aufbaust und nutzt, vertiefst du in Netzwerk nutzen. Und wie du speziell als frische Führungskraft die ersten Monate proaktiv gestaltest, hörst du in Erste 100 Tage als Führungskraft.
Häufige Fragen zur beruflichen Stagnation
Wie vermeide ich berufliche Stagnation? Indem du deine Einarbeitung und Entwicklung proaktiv in die Hand nimmst: Sprich gezielt mit den Personen, die Einfluss auf deine Entwicklung haben, stell ihnen die richtigen Fragen und liefere konsequent Mehrwert. Solange du anderen hilfst, ihre Ziele zu erreichen, wirst du gefördert.
Welche Fragen sollte ich neuen Kollegen stellen? Vier Fragen: Wer bist du und was ist deine Aufgabe? Wie könnte ich bzw. mein Team dir oder deinem Team helfen (mit „Was noch?“ nachhaken)? Was ist dein wichtigster Rat für neue Mitarbeiter? Und: Mit wem sollte ich unbedingt noch sprechen – und warum?
Wie nehme ich meine Einarbeitung selbst in die Hand? Verlass dich nicht auf den Einarbeitungsplan des Unternehmens. Blocke dir wöchentlich Zeit für kurze Gespräche (10–20 Minuten), lade die wichtigsten Stakeholder zum virtuellen Kaffee ein und schreibe alles mit.
Gilt das nur für Berufseinsteiger? Nein. Am stärksten wirkt es in der Einarbeitung, aber das Prinzip funktioniert in jeder Phase – auch nach Jahren im selben Unternehmen oder bei einem internen Wechsel.
Diese Folge gehört zum Thema Karriere für Ingenieure.
Transkript
Heute geht es um drei Tipps, um Stagnation frühzeitig zu vermeiden. Ich habe vor etwa anderthalb Jahren einen LinkedIn-Beitrag zu genau diesem Thema veröffentlicht und seitdem immer wieder sehr positives Feedback bekommen – einige haben die Inhalte umgesetzt. Deshalb möchte ich heute tiefer darauf eingehen. Besonders spannend ist diese Folge, wenn du gerade einen neuen Job startest oder Berufseinsteiger bist und dich in der Einarbeitungsphase befindest. Aber auch für alle anderen ist das Thema relevant: Wenn du schon drei Jahre in deiner Rolle sitzt, musst du die Inhalte nur leicht anpassen.
Diese drei Tipps sollten zentraler Bestandteil jeder Einarbeitung sein. Ein wichtiger Hinweis vorweg: In vielen Unternehmen gibt es Einarbeitungspläne, und ich stelle immer wieder fest, dass viele neue Mitarbeiter sehr reaktiv sind. Gibt es keinen Plan, gibt es eine schlechte Einarbeitung. Mein Rat: Nimm deine Einarbeitung immer selbst in die Hand, gestalte sie proaktiv und verharre nicht in der reaktiven Rolle, in der du dich am Ende nur ärgerst. Ich höre oft „Die Einarbeitung lief nicht gut“ – sehr selten höre ich „Sie lief nicht gut, aber ich habe sie ins Positive gedreht, weil ich proaktiv etwas getan habe“. Wenn du Führungskraft bist, kannst du diese Punkte übrigens auch in die Einarbeitungspläne deiner neuen Mitarbeiter einbauen – das habe ich in Unternehmen noch nie gesehen.
Der erste Tipp: Besorg dir die Namen und E-Mail-Adressen aller Personen, die Einfluss auf deine Entwicklung im Unternehmen haben. Mach dir Gedanken: Wer sind deine Stakeholder? Mach ein Brainstorming und schau kreativ über den Tellerrand – nicht nur in der eigenen Abteilung, sondern im ganzen Unternehmen. Lade all diese Personen zum Kaffee oder virtuellen Kaffee ein. Ob vor Ort oder digital ist egal; digital würde ich fast empfehlen, weil du flexibler bist. Eine solche Nachricht an Personen zu formulieren, die du nicht kennst, bedeutet, die Komfortzone zu verlassen – das braucht etwas Mut. Wenn du dabei Schwierigkeiten hast, hör dir die Folge 108 zum Thema überzeugend kommunizieren an; da habe ich viel darüber gesprochen, wie du eine kurze, prägnante Einladung schreibst. Ich würde gar nicht um den heißen Brei reden: „Hey, ich bin neu im Unternehmen und würde mich gern für deine Rolle interessieren und mich kurz austauschen.“ Da sagt keiner Nein.
Blocke dir wöchentlich Zeit für diese Gespräche. Auch wenn das Unternehmen dir eine Fülle an Aufgaben gibt – viele Gespräche zu führen, gerade in den ersten Wochen, ist ein essenzieller Teil einer guten Einarbeitung. Dein Kalender sollte in den ersten Wochen mit solchen Gesprächen gefüllt sein. Sie müssen nicht stundenlang dauern: 10 bis 20 Minuten, manchmal sogar nur 10 Minuten, reichen völlig. Geh mutig voran und verlasse die Komfortzone. Das funktioniert nicht nur in der Einarbeitung, sondern auch später – auch wenn du schon lange in einem mittelständischen Unternehmen bist, kannst du sagen: „Ich habe ein paar Fragen, lass uns kurz zum virtuellen Kaffee austauschen.“
Damit zur Frage: Was ist das Ziel dieser Gespräche? Das ist der zweite Tipp: gezielt Fragen stellen. Es geht nicht nur ums Kennenlernen – jeder Kontaktpunkt baut zwar Vertrauen auf, aber hier geht es um ein zielgerichtetes Gespräch. Bereite dich vor; das ist keine wilde Vorbereitung, sondern im Grunde vier zentrale Fragen. Frage eins als Einstieg: Wer bist du und was ist deine Aufgabe im Unternehmen? Selbst wenn du glaubst zu wissen, was die Person macht, ist es wertvoll, es in ihren Worten zu hören. Jetzt wird es spannend, denn die nächsten drei Fragen hast du vielleicht noch nie gehört. Frage zwei: Wenn du dir etwas wünschen könntest, wie ich beziehungsweise mein Team dir oder deinem Team helfen könnte – was wäre das? Diese Frage bekommt dein Gegenüber sehr selten gestellt; meist beginnt er nachzudenken. Eine schöne Anschlussfrage ist „Was noch?“. Nur weil jemand eine Antwort gegeben hat, heißt das nicht, dass keine zweite, dritte oder vierte kommt – frag ruhig dreimal „Was noch?“ und schreib mit.
Frage drei, nicht weniger wichtig: Was ist dein wichtigster Rat für einen neuen Mitarbeiter hier im Unternehmen? Auch das wird selten gefragt und bringt dein Gegenüber ins Nachdenken. Sammle, frag „Was noch?“ und steig tiefer ein. Und wenn du eine Antwort nicht verstehst, frag nach – gerade am Anfang hast du „Welpenschutz“ und darfst auch vermeintlich naive Fragen stellen, weil alle wissen, dass du Kontext und Details noch nicht kennst. Frage vier: Mit wem sollte ich unbedingt noch sprechen? Hier hörst du vielleicht Namen, die gar nicht auf deiner Liste standen – frag dann „Warum wäre es spannend, mit dieser Person zu sprechen?“. So erfährst du von inoffiziellen Kommunikationswegen und viel über die Kultur. Du erhältst nicht nur wertvolle Ratschläge, sondern erfährst auch viel über die Ziele, Ambitionen und Herausforderungen der wichtigsten Player für deine Entwicklung. Führst du mit 20 Personen so ein Interview, sitzt du auf Gold – das ist die halbe Miete.
Damit zum dritten Tipp, der aus den ersten beiden folgt: Mehrwert liefern. Nutze das Wissen, das du gesammelt hast. Selbst wenn du deine Notizen wegwerfen würdest, gäbe dir das schon einen enormen Schub fürs Verständnis des Unternehmens. Solange du Mehrwert lieferst, zielorientiert handelst und mit einer Breite an Personen gesprochen hast, hast du die halbe Miete getan, um dich beruflich und persönlich zu entwickeln. Solange du anderen hilfst, ihre Ziele zu erreichen und ihre Herausforderungen zu lösen, wirst du gefördert. Das ist der Schlüssel zum Aufbau wertvoller beruflicher Beziehungen – jeder kennt das „Vitamin B“, den wertvollen Aspekt deines Netzwerks im Unternehmen.
Ich fasse zusammen: Erstens, besorg dir die Namen und E-Mail-Adressen der Personen, die Einfluss auf deine Entwicklung haben, und lade sie zum virtuellen Kaffee ein – mach dir das gerade am Anfang zur Gewohnheit. Zweitens, stell gezielte Fragen: Wer bist du und was ist deine Aufgabe? Wie könnte mein Team dir oder deinem Team helfen (mit „Was noch?“)? Was ist dein wichtigster Rat für neue Mitarbeiter? Und: Mit wem sollte ich unbedingt noch sprechen? Und drittens, nutze das Wissen, um Mehrwert zu liefern. Setz dir ruhig einen Reminder im Kalender für in 3, 6 oder 12 Monaten, um deine Notizen erneut anzuschauen. Auch hier gilt: Komfortzone verlassen. Manchmal hängt man sich an der Formulierung einer Nachricht auf – Trial and Error, versuch es einfach. Im Grunde sind alle dankbar für so ein Gespräch, solange du es kurz hältst. Du hast nichts zu verlieren. Das soll es für diese Folge gewesen sein. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.