Führungskraft werden ohne Führungserfahrung

„Ich bekomme keine Führungsrolle, weil mir die Führungserfahrung fehlt – aber um Erfahrung zu sammeln, brauche ich eine Führungsrolle.“ Dieses Paradox kennt fast jeder, der zum ersten Mal eine Führungsposition anstrebt: In Stellenanzeigen steht Führungserfahrung oft als Voraussetzung.

In dieser Folge löse ich diesen Trugschluss auf. Die zentrale Frage: Wie wirst du Führungskraft ohne Führungserfahrung? Die Antwort hat weniger mit Erfahrung – und sogar weniger mit Kompetenz – zu tun, als du denkst.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Das Erfahrungs-Paradox ist ein Trugschluss: Erfahrung wird massiv überbewertet und ist für gute Führung nicht entscheidend.
  • Erfahrung ≠ Kompetenz (Anders Ericsson): „10 Jahre Erfahrung“ sind oft „1 Jahr, zehnmal wiederholt“. Es zählt bewusstes, gezieltes Üben – nicht die Zeit.
  • Für die Rolle zählt nicht einmal deine reale Kompetenz, sondern die wahrgenommene Kompetenz. Der Entscheider muss glauben, dass du die Rolle meisterst.
  • Ansatz 1: Finde heraus, welche Kompetenz der Entscheider für wichtig hält. Goldene Frage: „Was muss ich tun, um Führungskraft zu werden?“
  • Achtung irrationale Eintrittshürden: Manche Vorgesetzte projizieren ihren eigenen Weg („erst nach 10 Jahren“) auf dich – dann lohnt der Gedanke an einen Wechsel.
  • Ansatz 2: Werde als Führungspersönlichkeit wahrgenommen – über souveränes Auftreten, sichtbare Führungsambitionen und Sichtbarkeit (LinkedIn). „Was du nicht zeigst, wird nicht wahrgenommen.“

Führungskraft ohne Erfahrung: die Kernidee

Das Erfahrungs-Paradox – und warum es ein Trugschluss ist

Das „Henne-Ei-Problem“: keine Rolle ohne Erfahrung, keine Erfahrung ohne Rolle. Die Auflösung beginnt beim Thema Erfahrung selbst (vertieft in Folge 29). Expertise-Forscher Anders Ericsson beschreibt den Erfahrungs-Trugschluss: Mit Erfahrung kommt nicht automatisch bessere Leistung. Studien zeigen, dass Menschen mit zehn Jahren Erfahrung nicht zwangsläufig kompetenter sind als solche mit einem Jahr – denn oft ist es „ein Jahr Erfahrung, zehnmal wiederholt“. Entscheidend ist bewusstes, gezieltes Üben, nicht die reine Zeit. Kurz: Führungserfahrung ist nicht relevant, um eine gute Führungskraft zu sein. Was viele wirklich bremst, sind nicht fehlende Fähigkeiten, sondern Selbstzweifel.

Es zählt die wahrgenommene Kompetenz

Jetzt der überraschende Teil: Für den Schritt in die Rolle kommt es nicht auf deine Erfahrung an – und nicht einmal auf deine reale Kompetenz, sondern auf die wahrgenommene Kompetenz. Am Ende gibt es immer Entscheider (ein Vorgesetzter, ein Recruiter), die glauben müssen, dass du die Führungsrolle meisterst. Dieser Glaube hängt an der wahrgenommenen Kompetenz – und zwischen wahrgenommener und realer Kompetenz klafft immer eine Lücke. Wenn du also (noch) keine Führungserfahrung hast, kümmere dich nicht um Erfahrung, sondern um deine wahrgenommene Kompetenz.

Ansatz 1: Welche Kompetenz hält der Entscheider für wichtig?

Jeder Mensch hat ein anderes Verständnis davon, wann jemand „bereit“ für eine Führungsrolle ist – es gibt individuelle Eintrittshürden. Die goldene Frage, um sie zu verstehen: „Was muss ich tun, um Führungskraft zu werden?“ Stell sie deinem Vorgesetzten, frag um Rat, nach Buchempfehlungen. Wichtige Warnung: Menschen bilden ihre Überzeugungen aus der eigenen Erfahrung – nicht rational, sondern „psycho-logisch“. Manche Führungskräfte mussten zehn Jahre auf ihre erste Rolle warten und projizieren genau diese Hürde auf dich. Triffst du auf solche irrationalen Barrieren, helfen auch die besten Kompetenzen wenig – dann lohnt der ehrliche Gedanke, ob du im richtigen Unternehmen bist.

Ansatz 2: Als Führungspersönlichkeit wahrgenommen werden

Menschen vertrauen denen, die Sicherheit ausstrahlen. Sicheres, selbstbewusstes Auftreten ist deshalb zentral (vertieft in Folge 35) – Klassiker sind Kleidung, Sprache und Körperhaltung. Sprache und Körperhaltung hängen übrigens mit echter Beschäftigung zusammen: Je mehr du über Führung liest, desto mehr kennst du das Feld – und das strahlt aus, ganz ohne Praxiserfahrung. Darüber hinaus: Zeige deine Führungsambitionen aktiv. Sprich mit deinem Vorgesetzten über deine Ziele (vielen ist gar nicht bewusst, dass du diesen Weg willst), empfiehl oder verschenke Führungsbücher, übernimm proaktiv kleine Führungsaufgaben, führe Gespräche mit erfahrenen Führungskräften – sei mit dem Thema Führung präsent. Und ganz wichtig: Was du nicht zeigst, wird nicht wahrgenommen. Fast jeder hat irgendeine Form von Führungserfahrung gesammelt (etwa als Kapitän einer Mannschaft), hebt sie aber nicht hervor. Sichtbarkeit ist deshalb entscheidend – intern wie extern. LinkedIn ist dafür maßlos unterbewertet: keine reine Bewerbungsplattform, sondern ideal, um sichtbar zu werden.

Die Voraussetzung – und die gute Nachricht

All das gilt innerhalb eines Unternehmens genauso wie im Bewerbungsprozess (wo wahrgenommene Kompetenz schon bei deinen Unterlagen beginnt). Eine notwendige Voraussetzung bleibt: Es muss überhaupt eine Führungsposition geben – sonst läuft alles ins Leere. Die gute Nachricht zum Schluss: Die allermeisten ambitionierten Ingenieure, die ich kennenlerne, sind längst bereit für eine Führungsrolle – oft besser vorbereitet als viele, die die Position schon innehaben.

Diese Folge ist die Ergänzung zu Führungskraft werden (der größte Denkfehler dabei). Wie du die nötige wahrgenommene Kompetenz konkret ausstrahlst, vertieft Souverän auftreten; wie du über LinkedIn als Führungspersönlichkeit sichtbar wirst, zeigt LinkedIn-Profil optimieren.

Häufige Fragen: Führungskraft ohne Erfahrung

Wie werde ich Führungskraft ohne Führungserfahrung? Indem du nicht an deiner Erfahrung arbeitest, sondern an deiner wahrgenommenen Kompetenz. Finde heraus, welche Kompetenzen der Entscheider für wichtig hält („Was muss ich tun, um Führungskraft zu werden?“), und sorge dafür, als Führungspersönlichkeit wahrgenommen zu werden – über souveränes Auftreten, sichtbare Ambitionen und Präsenz beim Thema Führung.

Brauche ich wirklich keine Führungserfahrung? Für eine gute Führungskraft ist Führungserfahrung nicht der entscheidende Faktor – sie wird stark überbewertet (Erfahrung ist nicht gleich Kompetenz). Entscheidend für den Schritt in die Rolle ist, dass die Entscheider dir die Rolle zutrauen.

Was bedeutet „wahrgenommene Kompetenz“? Nicht, wie kompetent du tatsächlich bist, sondern wie kompetent dich die Entscheider einschätzen. Genau dieser Eindruck bestimmt, ob du die Rolle bekommst – und du kannst ihn aktiv gestalten, lange bevor du echte Führungserfahrung hast.

Was, wenn mein Chef trotzdem auf Erfahrung besteht? Dann triffst du womöglich auf eine irrationale Eintrittshürde, die aus seiner eigenen Laufbahn stammt. Frag konkret nach den Kriterien – und wenn die Barriere unverrückbar wirkt, prüfe ehrlich, ob ein anderes Unternehmen oder ein anderer Bereich besser zu deiner Entwicklung passt.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • Anders Ericsson – Peak: der „Erfahrungs-Trugschluss“ und die Bedeutung bewussten, gezielten Übens (Deliberate Practice).

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema Führung & Leadership und Karriere als Ingenieur.

Transkript

Herzlich willkommen zur Folge 86: Führungskraft werden ohne Führungserfahrung. Diese Folge ist relevant für jeden, der erstmalig eine Führungsrolle anstrebt – aber auch, wenn du schon fortgeschrittener bist und etwa in die Geschäftsführung möchtest: Auch dort ist es irgendwann das erste Mal, und du bringst keine Erfahrung mit. Der Klassiker: Schaust du dir Stellenausschreibungen für Führungspositionen an, steht dort sehr häufig Führungserfahrung als Voraussetzung. Ich höre das immer wieder. Ich fange ganz vorne an, mit dem Phänomen: „Ich bekomme keine Führungsrolle, weil mir die Führungserfahrung fehlt – um Erfahrung zu sammeln, brauche ich aber eine Führungsrolle.“ Dieses Paradox kennst du vielleicht. Die Kernfrage dieser Folge lautet deshalb: Wie wird man Führungskraft ohne Führungserfahrung?

Starten wir beim Thema Erfahrung. Darüber habe ich schon in Folge 29 gesprochen – „Der größte Denkfehler angehender Führungskräfte“ –, hör da gern rein. Erfahrung wird enorm überbewertet. Der Expertise-Forscher Anders Ericsson, dessen Buch Top ich sehr empfehlen kann, spricht vom Erfahrungs-Trugschluss: Mit Erfahrung kommt nicht automatisch bessere Leistung. Wir machen alle den Fehler, Erfahrung mit Kompetenz gleichzusetzen. Mittlerweile belegen Studien, dass Menschen mit zehn Jahren Erfahrung – egal ob Führungskräfte, Ärzte oder andere Experten – nicht zwangsläufig kompetenter sind als solche mit einem Jahr. Es gibt den Spruch: Manch einer hat nicht zehn Jahre Erfahrung, sondern ein Jahr Erfahrung zehnmal wiederholt. Es geht um bewusstes, gezieltes Üben. Wichtig: Wenn du die Sorge hast, du müsstest erst Erfahrung sammeln, um Führungskraft zu werden – das ist für deine Arbeit als Führungskraft nicht entscheidend. Oft stehen wir uns selbst im Weg: Ganz viele ambitionierte Ingenieure haben Lust auf Führung, erliegen aber Selbstzweifeln („Bin ich bereit? Bin ich geeignet?“). Halte also fest: Erfahrung wird überbewertet, und gerade für den Schritt in die Rolle kommt es nicht auf Erfahrung an.

Jetzt der zweite, etwas überraschende Punkt: Es kommt auch nicht auf deine Kompetenz an, sondern auf die wahrgenommene Kompetenz. Am Ende gibt es immer Entscheider – ein direkter Vorgesetzter oder ein Recruiter im Bewerbungsprozess –, die glauben müssen, dass du die Führungsrolle meisterst. Und dieser Glaube hängt an der wahrgenommenen Kompetenz. Zwischen wahrgenommener und realer Kompetenz besteht zwangsläufig eine Lücke. Wenn du also noch keine Führungserfahrung hast: Kümmere dich nicht um Erfahrung und nicht allein um Kompetenz, sondern um deine wahrgenommene Kompetenz.

Dazu zwei Ansatzpunkte. Erstens, die wichtige Frage: Welche Kompetenz hält die Person, die entscheidet, für wichtig? Jeder hat ein anderes Verständnis davon, wann man bereit für eine Führungsrolle ist – individuelle Eintrittshürden. Du kannst dich bei fünf Unternehmen bewerben, überall mit der gleichen wahrgenommenen Kompetenz, und triffst trotzdem auf unterschiedliche Schwellen. Die goldene Frage, um das herauszufinden, ist simpel: „Was muss ich tun, um Führungskraft zu werden?“ Stellst du diese Frage, bekommst du ein Gefühl dafür, woran du dich ausrichten solltest. Du kannst sie auch anders einkleiden – um Rat fragen, nach Buchempfehlungen fragen: „Was sollte ich tun, um meine Führungskompetenz zu verbessern?“ Wichtiger Hinweis: Menschen bilden ihre Überzeugungen aus eigener Erfahrung – nicht rational, sondern psycho-logisch. Es gibt Führungskräfte, die zehn Jahre auf ihre erste Rolle warten mussten und denen eingetrichtert wurde, so lange dauere es eben. Hast du so einen Vorgesetzten, ist Frust programmiert, egal wie kompetent du bist. Dann solltest du überlegen, ob du im richtigen Unternehmen und Bereich bist – ob ein Wechsel gesünder für deine Entwicklung wäre.

Zweitens, die zentrale Frage: Was kannst du tun, um als Führungspersönlichkeit wahrgenommen zu werden? Menschen vertrauen denen, die Sicherheit ausstrahlen. Sicheres und selbstbewusstes Auftreten ist deshalb enorm wichtig – darüber habe ich in Folge 35 ausführlich gesprochen (souveränes Auftreten). Klassiker sind Kleidung, Sprache und Körperhaltung. Sprache und Körperhaltung hängen auch mit der Kompetenz zusammen: Je mehr Bücher du liest, je mehr du dich mit Führung beschäftigst, desto mehr hast du das Gefühl, das Feld zu kennen – und das strahlt aus, ganz ohne praktische Erfahrung. Neben diesen Klassikern ist es wichtig, deine Führungsambitionen zu zeigen: Sprich mit deinem Vorgesetzten über deine Ziele und Ambitionen (vielen ist gar nicht bewusst, dass du diesen Weg willst – positioniere dich aktiv als potenzielle Führungskraft). Wenn du ohnehin Bücher über Führung liest, empfiehl oder verschenke sie. Halte Ausschau nach kleinen Führungsaufgaben, in denen du dich zeigen kannst. Führe Gespräche mit Führungskräften, bitte um Rat. Sei generell präsent mit dem Thema Führung, sodass die Entscheider in deinem Umfeld das Gefühl haben: Diese Person ist begeistert von Führung, beschäftigt sich intensiv damit und übernimmt proaktiv Verantwortung.

Zusammengefasst: Das Erfahrungs-Paradox ist ein Trugschluss – Erfahrung wird überbewertet, und bei der Auswahl einer Führungskraft kommt es weder auf deine Erfahrung noch allein auf deine Kompetenz an, sondern auf die wahrgenommene Kompetenz. Verstehe zuerst, welche Kompetenzen der Entscheider für wichtig hält, und sorge dann dafür, als Führungspersönlichkeit wahrgenommen zu werden. Das ist nicht die ganze Wahrheit: Es muss auch eine Führungsposition geben – ohne offene Stelle passiert nichts. Das alles gilt innerhalb eines Unternehmens, aber genauso im Bewerbungsprozess: Auch dort zählt die wahrgenommene Kompetenz, und sie beginnt bei deinen Bewerbungsunterlagen. Ein wichtiger Hinweis noch: Viele glauben, sie hätten keine Führungserfahrung – dabei hat fast jeder schon welche gesammelt (etwa als Kapitän einer Mannschaft), hebt sie aber nicht hervor. Was du nicht zeigst, wird nicht wahrgenommen. Das Thema Sichtbarkeit ist deshalb enorm wichtig – intern wie extern. Ich bin überzeugt, dass LinkedIn maßlos unterbewertet wird: keine reine Bewerbungsplattform, sondern ideal, um sichtbar zu werden, in kleinen Schritten.

Ich kann dir versichern: 99 Prozent der ambitionierten Ingenieure, die ich kennenlerne, sind bereits bereit für eine Führungsrolle – oft besser aufgestellt als viele, die die Position schon haben. Lass dich also ermutigen, den Schritt zu gehen, dich zu bewerben oder aktiv die Initiative zu ergreifen. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

Danke fürs Lesen. Mehr praktische Ideen erhältst du in meinem beliebten Newsletter. Jede Woche versende ich 3 Ideen an über 3.500 ambitionierte Ingenieure. Trage dich jetzt ein und schließ dich uns an.

Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

Führungskraft werden ohne Führungserfahrung

„Ich bekomme keine Führungsrolle, weil mir die Führungserfahrung fehlt – aber um Erfahrung zu sammeln, brauche ich eine Führungsrolle.“ Dieses Paradox kennt fast jeder, der zum ersten Mal eine Führungsposition anstrebt: In Stellenanzeigen steht Führungserfahrung oft als Voraussetzung.

In dieser Folge löse ich diesen Trugschluss auf. Die zentrale Frage: Wie wirst du Führungskraft ohne Führungserfahrung? Die Antwort hat weniger mit Erfahrung – und sogar weniger mit Kompetenz – zu tun, als du denkst.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Das Erfahrungs-Paradox ist ein Trugschluss: Erfahrung wird massiv überbewertet und ist für gute Führung nicht entscheidend.
  • Erfahrung ≠ Kompetenz (Anders Ericsson): „10 Jahre Erfahrung“ sind oft „1 Jahr, zehnmal wiederholt“. Es zählt bewusstes, gezieltes Üben – nicht die Zeit.
  • Für die Rolle zählt nicht einmal deine reale Kompetenz, sondern die wahrgenommene Kompetenz. Der Entscheider muss glauben, dass du die Rolle meisterst.
  • Ansatz 1: Finde heraus, welche Kompetenz der Entscheider für wichtig hält. Goldene Frage: „Was muss ich tun, um Führungskraft zu werden?“
  • Achtung irrationale Eintrittshürden: Manche Vorgesetzte projizieren ihren eigenen Weg („erst nach 10 Jahren“) auf dich – dann lohnt der Gedanke an einen Wechsel.
  • Ansatz 2: Werde als Führungspersönlichkeit wahrgenommen – über souveränes Auftreten, sichtbare Führungsambitionen und Sichtbarkeit (LinkedIn). „Was du nicht zeigst, wird nicht wahrgenommen.“

Führungskraft ohne Erfahrung: die Kernidee

Das Erfahrungs-Paradox – und warum es ein Trugschluss ist

Das „Henne-Ei-Problem“: keine Rolle ohne Erfahrung, keine Erfahrung ohne Rolle. Die Auflösung beginnt beim Thema Erfahrung selbst (vertieft in Folge 29). Expertise-Forscher Anders Ericsson beschreibt den Erfahrungs-Trugschluss: Mit Erfahrung kommt nicht automatisch bessere Leistung. Studien zeigen, dass Menschen mit zehn Jahren Erfahrung nicht zwangsläufig kompetenter sind als solche mit einem Jahr – denn oft ist es „ein Jahr Erfahrung, zehnmal wiederholt“. Entscheidend ist bewusstes, gezieltes Üben, nicht die reine Zeit. Kurz: Führungserfahrung ist nicht relevant, um eine gute Führungskraft zu sein. Was viele wirklich bremst, sind nicht fehlende Fähigkeiten, sondern Selbstzweifel.

Es zählt die wahrgenommene Kompetenz

Jetzt der überraschende Teil: Für den Schritt in die Rolle kommt es nicht auf deine Erfahrung an – und nicht einmal auf deine reale Kompetenz, sondern auf die wahrgenommene Kompetenz. Am Ende gibt es immer Entscheider (ein Vorgesetzter, ein Recruiter), die glauben müssen, dass du die Führungsrolle meisterst. Dieser Glaube hängt an der wahrgenommenen Kompetenz – und zwischen wahrgenommener und realer Kompetenz klafft immer eine Lücke. Wenn du also (noch) keine Führungserfahrung hast, kümmere dich nicht um Erfahrung, sondern um deine wahrgenommene Kompetenz.

Ansatz 1: Welche Kompetenz hält der Entscheider für wichtig?

Jeder Mensch hat ein anderes Verständnis davon, wann jemand „bereit“ für eine Führungsrolle ist – es gibt individuelle Eintrittshürden. Die goldene Frage, um sie zu verstehen: „Was muss ich tun, um Führungskraft zu werden?“ Stell sie deinem Vorgesetzten, frag um Rat, nach Buchempfehlungen. Wichtige Warnung: Menschen bilden ihre Überzeugungen aus der eigenen Erfahrung – nicht rational, sondern „psycho-logisch“. Manche Führungskräfte mussten zehn Jahre auf ihre erste Rolle warten und projizieren genau diese Hürde auf dich. Triffst du auf solche irrationalen Barrieren, helfen auch die besten Kompetenzen wenig – dann lohnt der ehrliche Gedanke, ob du im richtigen Unternehmen bist.

Ansatz 2: Als Führungspersönlichkeit wahrgenommen werden

Menschen vertrauen denen, die Sicherheit ausstrahlen. Sicheres, selbstbewusstes Auftreten ist deshalb zentral (vertieft in Folge 35) – Klassiker sind Kleidung, Sprache und Körperhaltung. Sprache und Körperhaltung hängen übrigens mit echter Beschäftigung zusammen: Je mehr du über Führung liest, desto mehr kennst du das Feld – und das strahlt aus, ganz ohne Praxiserfahrung. Darüber hinaus: Zeige deine Führungsambitionen aktiv. Sprich mit deinem Vorgesetzten über deine Ziele (vielen ist gar nicht bewusst, dass du diesen Weg willst), empfiehl oder verschenke Führungsbücher, übernimm proaktiv kleine Führungsaufgaben, führe Gespräche mit erfahrenen Führungskräften – sei mit dem Thema Führung präsent. Und ganz wichtig: Was du nicht zeigst, wird nicht wahrgenommen. Fast jeder hat irgendeine Form von Führungserfahrung gesammelt (etwa als Kapitän einer Mannschaft), hebt sie aber nicht hervor. Sichtbarkeit ist deshalb entscheidend – intern wie extern. LinkedIn ist dafür maßlos unterbewertet: keine reine Bewerbungsplattform, sondern ideal, um sichtbar zu werden.

Die Voraussetzung – und die gute Nachricht

All das gilt innerhalb eines Unternehmens genauso wie im Bewerbungsprozess (wo wahrgenommene Kompetenz schon bei deinen Unterlagen beginnt). Eine notwendige Voraussetzung bleibt: Es muss überhaupt eine Führungsposition geben – sonst läuft alles ins Leere. Die gute Nachricht zum Schluss: Die allermeisten ambitionierten Ingenieure, die ich kennenlerne, sind längst bereit für eine Führungsrolle – oft besser vorbereitet als viele, die die Position schon innehaben.

Diese Folge ist die Ergänzung zu Führungskraft werden (der größte Denkfehler dabei). Wie du die nötige wahrgenommene Kompetenz konkret ausstrahlst, vertieft Souverän auftreten; wie du über LinkedIn als Führungspersönlichkeit sichtbar wirst, zeigt LinkedIn-Profil optimieren.

Häufige Fragen: Führungskraft ohne Erfahrung

Wie werde ich Führungskraft ohne Führungserfahrung? Indem du nicht an deiner Erfahrung arbeitest, sondern an deiner wahrgenommenen Kompetenz. Finde heraus, welche Kompetenzen der Entscheider für wichtig hält („Was muss ich tun, um Führungskraft zu werden?“), und sorge dafür, als Führungspersönlichkeit wahrgenommen zu werden – über souveränes Auftreten, sichtbare Ambitionen und Präsenz beim Thema Führung.

Brauche ich wirklich keine Führungserfahrung? Für eine gute Führungskraft ist Führungserfahrung nicht der entscheidende Faktor – sie wird stark überbewertet (Erfahrung ist nicht gleich Kompetenz). Entscheidend für den Schritt in die Rolle ist, dass die Entscheider dir die Rolle zutrauen.

Was bedeutet „wahrgenommene Kompetenz“? Nicht, wie kompetent du tatsächlich bist, sondern wie kompetent dich die Entscheider einschätzen. Genau dieser Eindruck bestimmt, ob du die Rolle bekommst – und du kannst ihn aktiv gestalten, lange bevor du echte Führungserfahrung hast.

Was, wenn mein Chef trotzdem auf Erfahrung besteht? Dann triffst du womöglich auf eine irrationale Eintrittshürde, die aus seiner eigenen Laufbahn stammt. Frag konkret nach den Kriterien – und wenn die Barriere unverrückbar wirkt, prüfe ehrlich, ob ein anderes Unternehmen oder ein anderer Bereich besser zu deiner Entwicklung passt.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • Anders Ericsson – Peak: der „Erfahrungs-Trugschluss“ und die Bedeutung bewussten, gezielten Übens (Deliberate Practice).

Mehr zum Thema

Diese Folge gehört zum Thema Führung & Leadership und Karriere als Ingenieur.

Transkript

Herzlich willkommen zur Folge 86: Führungskraft werden ohne Führungserfahrung. Diese Folge ist relevant für jeden, der erstmalig eine Führungsrolle anstrebt – aber auch, wenn du schon fortgeschrittener bist und etwa in die Geschäftsführung möchtest: Auch dort ist es irgendwann das erste Mal, und du bringst keine Erfahrung mit. Der Klassiker: Schaust du dir Stellenausschreibungen für Führungspositionen an, steht dort sehr häufig Führungserfahrung als Voraussetzung. Ich höre das immer wieder. Ich fange ganz vorne an, mit dem Phänomen: „Ich bekomme keine Führungsrolle, weil mir die Führungserfahrung fehlt – um Erfahrung zu sammeln, brauche ich aber eine Führungsrolle.“ Dieses Paradox kennst du vielleicht. Die Kernfrage dieser Folge lautet deshalb: Wie wird man Führungskraft ohne Führungserfahrung?

Starten wir beim Thema Erfahrung. Darüber habe ich schon in Folge 29 gesprochen – „Der größte Denkfehler angehender Führungskräfte“ –, hör da gern rein. Erfahrung wird enorm überbewertet. Der Expertise-Forscher Anders Ericsson, dessen Buch Top ich sehr empfehlen kann, spricht vom Erfahrungs-Trugschluss: Mit Erfahrung kommt nicht automatisch bessere Leistung. Wir machen alle den Fehler, Erfahrung mit Kompetenz gleichzusetzen. Mittlerweile belegen Studien, dass Menschen mit zehn Jahren Erfahrung – egal ob Führungskräfte, Ärzte oder andere Experten – nicht zwangsläufig kompetenter sind als solche mit einem Jahr. Es gibt den Spruch: Manch einer hat nicht zehn Jahre Erfahrung, sondern ein Jahr Erfahrung zehnmal wiederholt. Es geht um bewusstes, gezieltes Üben. Wichtig: Wenn du die Sorge hast, du müsstest erst Erfahrung sammeln, um Führungskraft zu werden – das ist für deine Arbeit als Führungskraft nicht entscheidend. Oft stehen wir uns selbst im Weg: Ganz viele ambitionierte Ingenieure haben Lust auf Führung, erliegen aber Selbstzweifeln („Bin ich bereit? Bin ich geeignet?“). Halte also fest: Erfahrung wird überbewertet, und gerade für den Schritt in die Rolle kommt es nicht auf Erfahrung an.

Jetzt der zweite, etwas überraschende Punkt: Es kommt auch nicht auf deine Kompetenz an, sondern auf die wahrgenommene Kompetenz. Am Ende gibt es immer Entscheider – ein direkter Vorgesetzter oder ein Recruiter im Bewerbungsprozess –, die glauben müssen, dass du die Führungsrolle meisterst. Und dieser Glaube hängt an der wahrgenommenen Kompetenz. Zwischen wahrgenommener und realer Kompetenz besteht zwangsläufig eine Lücke. Wenn du also noch keine Führungserfahrung hast: Kümmere dich nicht um Erfahrung und nicht allein um Kompetenz, sondern um deine wahrgenommene Kompetenz.

Dazu zwei Ansatzpunkte. Erstens, die wichtige Frage: Welche Kompetenz hält die Person, die entscheidet, für wichtig? Jeder hat ein anderes Verständnis davon, wann man bereit für eine Führungsrolle ist – individuelle Eintrittshürden. Du kannst dich bei fünf Unternehmen bewerben, überall mit der gleichen wahrgenommenen Kompetenz, und triffst trotzdem auf unterschiedliche Schwellen. Die goldene Frage, um das herauszufinden, ist simpel: „Was muss ich tun, um Führungskraft zu werden?“ Stellst du diese Frage, bekommst du ein Gefühl dafür, woran du dich ausrichten solltest. Du kannst sie auch anders einkleiden – um Rat fragen, nach Buchempfehlungen fragen: „Was sollte ich tun, um meine Führungskompetenz zu verbessern?“ Wichtiger Hinweis: Menschen bilden ihre Überzeugungen aus eigener Erfahrung – nicht rational, sondern psycho-logisch. Es gibt Führungskräfte, die zehn Jahre auf ihre erste Rolle warten mussten und denen eingetrichtert wurde, so lange dauere es eben. Hast du so einen Vorgesetzten, ist Frust programmiert, egal wie kompetent du bist. Dann solltest du überlegen, ob du im richtigen Unternehmen und Bereich bist – ob ein Wechsel gesünder für deine Entwicklung wäre.

Zweitens, die zentrale Frage: Was kannst du tun, um als Führungspersönlichkeit wahrgenommen zu werden? Menschen vertrauen denen, die Sicherheit ausstrahlen. Sicheres und selbstbewusstes Auftreten ist deshalb enorm wichtig – darüber habe ich in Folge 35 ausführlich gesprochen (souveränes Auftreten). Klassiker sind Kleidung, Sprache und Körperhaltung. Sprache und Körperhaltung hängen auch mit der Kompetenz zusammen: Je mehr Bücher du liest, je mehr du dich mit Führung beschäftigst, desto mehr hast du das Gefühl, das Feld zu kennen – und das strahlt aus, ganz ohne praktische Erfahrung. Neben diesen Klassikern ist es wichtig, deine Führungsambitionen zu zeigen: Sprich mit deinem Vorgesetzten über deine Ziele und Ambitionen (vielen ist gar nicht bewusst, dass du diesen Weg willst – positioniere dich aktiv als potenzielle Führungskraft). Wenn du ohnehin Bücher über Führung liest, empfiehl oder verschenke sie. Halte Ausschau nach kleinen Führungsaufgaben, in denen du dich zeigen kannst. Führe Gespräche mit Führungskräften, bitte um Rat. Sei generell präsent mit dem Thema Führung, sodass die Entscheider in deinem Umfeld das Gefühl haben: Diese Person ist begeistert von Führung, beschäftigt sich intensiv damit und übernimmt proaktiv Verantwortung.

Zusammengefasst: Das Erfahrungs-Paradox ist ein Trugschluss – Erfahrung wird überbewertet, und bei der Auswahl einer Führungskraft kommt es weder auf deine Erfahrung noch allein auf deine Kompetenz an, sondern auf die wahrgenommene Kompetenz. Verstehe zuerst, welche Kompetenzen der Entscheider für wichtig hält, und sorge dann dafür, als Führungspersönlichkeit wahrgenommen zu werden. Das ist nicht die ganze Wahrheit: Es muss auch eine Führungsposition geben – ohne offene Stelle passiert nichts. Das alles gilt innerhalb eines Unternehmens, aber genauso im Bewerbungsprozess: Auch dort zählt die wahrgenommene Kompetenz, und sie beginnt bei deinen Bewerbungsunterlagen. Ein wichtiger Hinweis noch: Viele glauben, sie hätten keine Führungserfahrung – dabei hat fast jeder schon welche gesammelt (etwa als Kapitän einer Mannschaft), hebt sie aber nicht hervor. Was du nicht zeigst, wird nicht wahrgenommen. Das Thema Sichtbarkeit ist deshalb enorm wichtig – intern wie extern. Ich bin überzeugt, dass LinkedIn maßlos unterbewertet wird: keine reine Bewerbungsplattform, sondern ideal, um sichtbar zu werden, in kleinen Schritten.

Ich kann dir versichern: 99 Prozent der ambitionierten Ingenieure, die ich kennenlerne, sind bereits bereit für eine Führungsrolle – oft besser aufgestellt als viele, die die Position schon haben. Lass dich also ermutigen, den Schritt zu gehen, dich zu bewerben oder aktiv die Initiative zu ergreifen. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

Danke fürs Lesen. Mehr praktische Ideen erhältst du in meinem beliebten Newsletter. Jede Woche versende ich 3 Ideen an über 3.500 ambitionierte Ingenieure. Trage dich jetzt ein und schließ dich uns an.

Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

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