Effektiver lesen: erstklassige Bücher finden – Lesen für Fortgeschrittene

Wenn das Lesen erst einmal zur Gewohnheit geworden ist, verschiebt sich das Ziel: weg von der Quantität, hin zur Qualität. Es geht nicht mehr darum, mehr zu lesen, sondern effektiver – mehr aus jedem Buch herauszuholen.

In dieser Folge bekommst du neun Techniken für Fortgeschrittene: wie du erstklassige Bücher findest und wie du so liest, dass dein Wissen wirklich wächst. Manches verlangt, die Komfortzone zu verlassen – aber genau das hebt deine Lesekompetenz auf ein neues Level.

Der Lese-Kurs:
Teil 1 – Warum Lesen deine Superpower ist
Teil 2 – Mehr lesen: die Lesegewohnheit
Teil 3 – Wie ich Sachbücher lese
Teil 4 – Effektiver lesen & Bücher finden (diese Folge)
Teil 5 – Schneller & tiefer lesen

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Zwei Phasen des Lesens: erst Quantität (die Gewohnheit aufbauen, 30–50 Bücher/Jahr), dann Qualität (effektiver lesen). Diese Folge ist für Phase 2.
  • 1. Fülle deinen Buchspeicher – eine Want-to-read-Liste. Inkl. dem Konzept der Anti-Bibliothek: ungelesene Bücher sind kein schlechtes Gewissen, sondern eine Landkarte deiner Neugier.
  • 2. Wähle Bücher bewusst: Just-in-Time (löst ein aktuelles Problem) vs. Just-in-Case (erweitert dein Weltbild). Opportunitätskosten – leg schlechte Bücher weg.
  • 3. Erst der Überblick: 20–30 Minuten Makro-Perspektive (Struktur, Autor, Vorträge), bevor du auf Seite 1 startest.
  • 4. Lies aktiv: ins Buch schreiben, markieren, einen mentalen Dialog mit dem Autor führen – auch kritisch.
  • 5. Die Feynman-Technik: Gelesenes in eigenen, einfachen Worten zusammenfassen – so festigst du Wissen am stärksten.
  • 6. Leg einen Index an, 7. mach gezielte Pausen, 8. verschenke Bücher, 9. lies Wichtiges erneut.

Effektiver lesen: die 9 Techniken

Vorab: die zwei Phasen des Lesens. Phase 1 ist Quantität – überhaupt eine Lesegewohnheit aufbauen (dazu die Folgen Warum Lesen wichtig ist und Wie ich Sachbücher lese). Erst wenn Lesen in Fleisch und Blut übergegangen ist (30–50 Bücher im Jahr), kommt Phase 2: Qualität, effektiver lesen. Diese Folge ist für Phase 2 – für Einsteiger kann sie advanced klingen.

1. Fülle deinen Buchspeicher. Leg früh eine Want-to-read-Liste an (z. B. in Goodreads) und trag jedes interessante Buch sofort ein. Gute Quellen: meine Buchempfehlungen, die Empfehlungslisten von Persönlichkeiten, die du schätzt (einfach „[Name] Buchempfehlungen“ googeln – etwa James Clear), und die Bücher, auf die gute Bücher selbst verweisen. Dazu ein befreiendes Konzept – die Anti-Bibliothek (Nassim Taleb, Der schwarze Schwan): Ein Regal voller ungelesener Bücher ist keine Schuld, sondern eine Landkarte dessen, was du noch ergründen willst.

2. Wähle Bücher bewusst aus. Je größer der Speicher, desto wichtiger die Auswahl – denk an die Opportunitätskosten: Deine Zeit ist zu kostbar für ein schlechtes Buch. Zwei Wege: Just-in-Time (das Buch trifft genau eine aktuelle Herausforderung – das magische Gefühl, es sei für dich geschrieben) und Just-in-Case (Themen, die jetzt keinen direkten Bezug haben, aber dein Weltbild erweitern – Philosophie, Finanzen, Erziehung). Keiner der Wege ist besser; lass dich von deiner Neugier leiten – und hab den Mut, ein Buch wegzulegen.

3. Verschaff dir erst einen Überblick. Spring nicht sofort in die Mikro-Perspektive (Seite 1). Investier 20–30 Minuten in die Makro-Perspektive: Worum geht es, was ist die Struktur (Inhaltsverzeichnis)? Schau dir den Autor an, lies Klappentext und Vor-/Nachworte, sieh dir Vorträge oder Zusammenfassungen an. Mit diesem Bild liest du danach deutlich besser.

4. Setz dich aktiv mit dem Text auseinander. Ein nacktes Buch am Ende bedeutet eine verpasste Chance. Schreib ins Buch, markiere, mach Randnotizen (mein Trick gegen den Perfektionismus am Anfang: mit Bleistift). Und führe einen mentalen Dialog mit dem Autor: Nur weil jemand ein Buch schreibt, hat er nicht recht. Gute Autoren sind überzeugend – hinterfrage trotzdem kritisch und gleiche mit dem ab, was du schon weißt.

5. Nutze die Feynman-Technik. Benannt nach dem Physiker Richard Feynman, der komplexe Dinge meisterhaft einfach erklären konnte. Nimm ein DIN-A4-Blatt, falte es („Feynman-Sheet“, auch als Lesezeichen), und fass für jedes wirklich spannende Thema in zwei bis drei Minuten handschriftlich in eigenen, einfachen Worten zusammen, was du gelesen hast (Stichworte, Sätze, kleine Skizzen – Hauptsache simpel, im Sinne von ELI5). Sich selbst etwas beizubringen festigt Wissen am stärksten.

6. Leg einen Index an. Nutze eine der ersten leeren Seiten als Landkarte der Kernideen: Immer wenn dir eine Idee wichtig erscheint, notiere ein Keyword plus Seitenzahl. Mit der Zeit wächst daraus ein wertvoller Überblick – ideal, um später gezielt nachzuschlagen.

7. Mach gezielte Pausen. Effektives Lesen ist kein Speed-Reading. Dein Unterbewusstsein arbeitet weiter, wenn du nicht liest; über einen längeren Zeitraum reift deine mentale Landkarte, und du verknüpfst Ideen mit dem Alltag. Buchzusammenfassungen oder „in drei Stunden durch“ bringen diesen Lerneffekt nicht. Lies ruhig zwei Bücher parallel und nimm dir Zeit. (Adam Grant zeigt in seinem TED-Talk zu Originals, dass Prokrastination der Kreativität sogar helfen kann.)

8. Empfehle und verschenke Bücher nach dem Lesen. Ein starkes Mittel – Wertschätzung und Sichtbarkeit zugleich, und ein Hebel, um Denk- und Handlungsgewohnheiten im Umfeld zu prägen (Kulturveränderung). Rede über die Bücher, die dich begeistern, und verschenke sie an Kollegen, Chefs und andere. Wie du daraus mit der richtigen Widmung eine bleibende Geste machst, zeigt Das Ritual sympathischer Ingenieure.

9. Lies Wichtiges erneut (Re-reading). Ein zweites Mal fühlt sich ein Buch oft an wie ein neues – nicht weil der Text sich verändert hat, sondern weil du dich verändert hast. Plötzlich markierst du andere Stellen, weil andere Themen relevant geworden sind. Lies starke Bücher und Abschnitte also bewusst wieder – das macht umso mehr Freude, je aktiver du sie beim ersten Mal bearbeitet hast.

Kurz gefasst: Effektiver lesen ist eine Evolution, kein Schalter. Füll deinen Buchspeicher, wähl bewusst aus, verschaff dir erst den Überblick, lies aktiv, nutze Feynman-Technik und Index, mach Pausen, verschenke Bücher und lies Wichtiges erneut. Lesen ist kein Selbstzweck – es ist der Inbegriff des Lernens.

Häufige Fragen zum Thema effektiver lesen

Was heißt effektiver lesen? Nicht möglichst schnell oder viel zu lesen, sondern möglichst viel aus einem Buch mitzunehmen: die richtigen Bücher auswählen, aktiv lesen (markieren, zusammenfassen, hinterfragen) und das Wissen so festigen, dass deine mentale Landkarte wirklich wächst.

Wie finde ich erstklassige Bücher? Führe eine Want-to-read-Liste und speise sie aus kuratierten Empfehlungen (z. B. von Persönlichkeiten, die du schätzt, oder aus den Quellenangaben guter Bücher). Wähle dann bewusst nach Just-in-Time (löst ein aktuelles Problem) oder Just-in-Case (erweitert dein Weltbild) – und leg schwache Bücher ohne schlechtes Gewissen weg.

Was ist die Feynman-Technik beim Lesen? Du fasst Gelesenes in eigenen, möglichst einfachen Worten handschriftlich zusammen (auf einem gefalteten „Feynman-Sheet“). Indem du es dir selbst erklärst, merkst du, was du wirklich verstanden hast – und festigst das Wissen deutlich stärker als durch reines Weiterlesen.

Soll ich in Bücher schreiben? Ja. Ein aktiv bearbeitetes Buch (markieren, Randnotizen, Index) bringt dir ein Vielfaches gegenüber passivem Lesen. Wenn der Einstieg schwerfällt: erst mit Bleistift. Ein am Ende „nacktes“ Buch ist eine verpasste Chance.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • Nassim Taleb – Der schwarze Schwan: Ursprung des Konzepts der Anti-Bibliothek (der Wert ungelesener Bücher).
  • Adam Grant – Originals (TED-Talk): warum Pausen und „Prokrastination“ der Kreativität helfen können.
  • Die Feynman-Technik (Richard Feynman): Wissen festigen, indem man es sich selbst einfach erklärt.
  • Goodreads: praktische App für deinen Buchspeicher / deine Want-to-read-Liste.

Mehr zum Thema

Diese Folge ist Teil 4 des Lese-Kurses. Welche Bücher konkret lesenswert sind, findest du in den Buchempfehlungen.

Transkript

Herzlich willkommen zu Podcast-Episode Nummer 69: wie du erstklassige Bücher findest und effektiver liest – Lesen für Fortgeschrittene. Zum Thema Lesen habe ich schon drei Folgen gemacht: „Warum und wie ich Sachbücher lese“, „5 Tipps, um mehr zu lesen“ (Folge 18) und „8 simple Tipps, um mehr zu lesen“ (Folge 57). Diese Folge ist die vierte im Bunde – für Fortgeschrittene. Ich gebe dir neun Tipps an die Hand, um dein Lesen auf ein anderes Level zu bringen. Das kann bedeuten, die Komfortzone zu verlassen und neue Gewohnheiten aufzubauen – ich stecke selbst mittendrin in der Anwendung. Ich habe vor Kurzem einen Kurs zum Thema „The Art of Reading“ mitgemacht, um meine Lesekompetenz noch einmal auf ein anderes Level zu bringen.

Vorab ein wichtiger Gedanke: Es gibt aus meiner Sicht zwei Phasen des Lesens. Die erste Phase besteht darin, überhaupt erst eine Lesegewohnheit zu entwickeln. Nach der Uni war ich in keiner Weise Leser; morgens ein Sachbuch zu lesen, war weit weg. In dieser Phase zählt vor allem die Quantität – einfach mehr lesen, sich mit der Materie vertraut machen und nicht zu perfektionistisch sein. „Read what you love until you love to read.“ Wenn du in dieser ersten Phase bist, kann das, was jetzt kommt, sehr advanced und vielleicht abschreckend klingen – dann schau dir zuerst die ersten drei Folgen an. Ich habe hunderte Bücher gelesen und bin jetzt in der zweiten Phase: Es geht nicht mehr um Quantität, sondern um Qualität – effektiver zu lesen, wenn die Gewohnheit erst einmal sitzt. Wichtig zu verstehen: Lesen ist kein Selbstzweck. Lesen ist der Inbegriff des Lernens – es geht darum, deine Kompetenz zu erweitern, deine mentale Landkarte auszubauen und Themen proaktiv zu ergründen. Ja, das ist anstrengend, wie in der Uni; und ja, es ist Persönlichkeitsentwicklung – die Komfortzone verlassen und neue Gewohnheiten entwickeln.

Punkt eins: Fülle deinen Buchspeicher. Als Beginner stellte ich mir oft die Frage, welche Bücher überhaupt gut sind und welche ich lesen will. Mit der Zeit ist meine Buchliste auf knapp tausend Bücher gewachsen, die ich noch lesen möchte. Leg diesen Buchspeicher früh an – eine Want-to-read-Liste, zum Beispiel in der App Goodreads, und trag jedes Buch ein, auf das du stößt. Wie kommst du an gute Bücher? Erstens über meine Buchempfehlungen unter mentorwerk.de/buecher – Bücher, die ich alle gelesen habe. Zweitens über Empfehlungen guter Autoren und spannender Persönlichkeiten: Google einfach den Namen plus „Buchempfehlungen“ (James Clear etwa hat eine hervorragende Liste). Drittens: Gute Bücher referenzieren oft andere gute Bücher. Und ein befreiendes Konzept: die Anti-Bibliothek von Nassim Taleb (aus „Der schwarze Schwan“). Die meisten betrachten ihr Bücherregal als Trophäensammlung gelesener Bücher. Taleb sagt: Es kann sehr wertvoll sein, eine private Sammlung ungelesener Bücher zu haben – eine Erinnerung an all das, was man noch ergründen möchte. Das hat mir den Druck genommen, jedes Buch sofort lesen zu müssen. Ich bin ein großer Fan davon, mir eine physische Bibliothek aufzubauen – mit tollen Büchern, auch solchen, die ich erst später lese.

Punkt zwei: die richtige Buchauswahl. Je größer der Speicher, desto schwieriger die Auswahl. Denk an die Opportunitätskosten: Es gibt tausende gute Bücher, und deine Zeit ist zu kostbar, um ein schlechtes zu lesen – die Kompetenz, ein schlechtes Buch wegzulegen, ist wichtig. Es gibt zwei Herangehensweisen: Just-in-Time-Reading (das Buch trifft genau eine aktuelle Herausforderung) und Just-in-Case-Reading (Themen, die jetzt keinen konkreten Bezug haben, aber dein Bild erweitern – etwa Erziehung, Philosophie, Finanzen). Keiner der beiden Wege ist besser; beide haben ihre Berechtigung, und Just-in-Case hilft gegen blinde Flecken. Gerade am Anfang ist Just-in-Time stark, weil man förmlich im Buch steckt und Motivation zieht – das Gefühl, das Buch sei für dich geschrieben. Der Grundsatz: Lass dich von deiner Neugier leiten, sei nicht zu kritisch mit dir – aber sei bereit, ein Buch wegzulegen, wenn es dich nicht mehr reizt.

Punkt drei: Verschaff dir erst einen Überblick. Spring nicht sofort mit Seite 1 in die Mikro-Perspektive. Investier zuerst 20 bis 30 Minuten in die Makro-Perspektive: Worum geht es, was sind die Kerngedanken, wie ist die Struktur (Inhaltsverzeichnis)? Was hat sich der Autor beim Aufbau gedacht, was interessiert dich am meisten? Schau in ein Kapitel, sieh dir Abbildungen an, lies hier und da rein. Beschäftige dich mit dem Autor (googeln), lies den Klappentext und die Vor- und Nachworte, schau dir Vorträge oder Zusammenfassungen an. Mit diesem Bild startest du mit einer viel besseren Perspektive – genau das passiert auch, wenn du hier im Podcast zum ersten Mal von einem Buch hörst (zu „Der Weg zu den Besten“ von Jim Collins habe ich etwa eine ganze Folge gemacht; das Feedback ist, dass man das Buch danach besser versteht).

Punkt vier: Setz dich aktiv mit dem Text auseinander. Anfangs waren meine Bücher nackt – aus Perfektionismus fiel es mir schwer, hineinzuschreiben. Mein Trick: zuerst mit Bleistift, weil ich wusste, ich könnte es wegradieren. Dein Buch ist ein lebendiges Dokument. Wenn du es am Ende wieder nackt ins Regal stellst, hast du eine große Chance verpasst. Markiere, unterstreiche, mach Randnotizen, kleine Ausrufezeichen, umkreise Worte – es gibt keine einzig richtige Methode; entwickle deine eigene. Diese Interaktion hilft nicht nur beim Erinnern, sondern verarbeitet den Text aktiv (sonst erwischt man sich, dass man nach zwei Seiten nichts behalten hat). Ein zweiter, spannender Aspekt: ein mentaler Dialog mit dem Autor. Nur weil jemand ein Buch schreibt, hat er nicht automatisch recht. Gute Autoren sind überzeugend – entwickle trotzdem eine gesunde Skepsis und hinterfrage das Gelesene kritisch im Abgleich mit dem, was du schon weißt.

Punkt fünf: die Feynman-Technik. Sie ist nach dem Physiker Richard Feynman benannt, der komplizierte Physik meisterhaft einfach erklären konnte (sieh dir ruhig ein, zwei Videos von ihm an). Es ist eine Technik, sich selbst etwas beizubringen – sehr mächtig, um Wissen anzueignen und zu festigen. Praktisch: Nimm ein DIN-A4-Blatt, falte es in der Hälfte – das „Feynman-Sheet“ (auch als Lesezeichen nutzbar). Es geht nicht ums ganze Buch, sondern um einzelne Themen, die dich besonders fesseln. Nimm dir zwei, drei Minuten und fass das Gelesene in eigenen, einfachen Worten handschriftlich zusammen – Stichworte, ganze Sätze, optional kleine Skizzen. Halte es kurz, präzise und so einfach wie möglich (ELI5). Schau danach in deinen Index und ergänze, falls du etwas vergessen hast. Das erfordert Disziplin, aber du wirst erstaunt sein, wie viel stärker ein Thema danach sitzt.

Punkt sechs: Leg einen Index an – eine Landkarte der Kernideen des Buches. Beim Lesen bist du in der Mikro-Perspektive; ab und zu lohnt der Sprung in die Makro-Perspektive. Nutze eine der ersten leeren Seiten als Index. Immer wenn dir eine Idee wichtig erscheint (subjektiv, deine Perspektive), notiere ein Keyword und die Seitenzahl. Mit der Zeit wächst diese Landkarte auf 15, 20 Punkte und gibt dir einen guten Überblick – später ideal zum Nachschlagen.

Punkt sieben: Mach gezielte Pausen beim Lesen. Im Wechsel von Quantität zu Qualität ist das wichtig. Dein Unterbewusstsein arbeitet weiter, wenn du nicht liest; über einen längeren Zeitraum reift deine mentale Landkarte, und du verknüpfst Ideen mit deiner Umgebung und deinem Alltag. Wenn du dagegen Speed-Reading betreibst oder ein Buch in drei Stunden „durchziehst“, verlierst du diesen Lerneffekt – Zusammenfassungen liefern Inspiration, aber kein tiefes Lernen. Lies ruhig zwei Bücher parallel, lass dir Zeit und mach dir keinen Druck. (Adam Grant spricht in seinem TED-Talk zu „Originals“ darüber, dass Prokrastination gerade bei kreativer Arbeit hilfreich sein kann.)

Punkt acht: Empfehle und verschenke Bücher nach dem Lesen. Wenn dich ein Buch begeistert, empfiehl oder verschenk es. Das ist Wertschätzung gegenüber der anderen Person – du machst dir Gedanken, welches Buch zu ihren Herausforderungen passt – und zugleich eine starke Möglichkeit, sichtbar zu werden. Ein Beispiel: Ein sehr ambitionierter Kandidat, Florian, wusste, dass sein CIO Fan von Sachbüchern ist; er empfahl ihm ein Buch, das ihn selbst inspiriert hatte. Das sagt viel über einen selbst und erzeugt Sichtbarkeit. Bücher zu verschenken ist außerdem ein Hebel, um Denk- und Handlungsgewohnheiten im Umfeld zu beeinflussen (Kulturveränderung). Rede über die Bücher, die dich begeistern – so ziehst du spannende Menschen an, die mit dir darüber sprechen wollen. In meinem früheren Unternehmen war Bildung fast verpönt; trotzdem lohnt es sich, darüberzustehen und Empfehlungen auszusprechen. Und wenn du ein Buch verschenkst: die persönliche Widmung nicht vergessen.

Punkt neun: Re-reading – lies Bücher oder Abschnitte erneut. Am Anfang zählt Quantität, aber irgendwann ist es sinnvoll, ein Buch ein zweites Mal zu lesen. Ich schaue fast täglich in Bücher zurück. Ein Buch ein zweites Mal zu lesen fühlt sich oft an wie ein neues – nicht weil der Text sich verändert hat, sondern weil du dich verändert hast. Ich stelle häufig fest, dass ich beim ersten Mal markierte Stellen heute banal finde – und andere, die ich übersehen hatte, plötzlich markiere, weil andere Themen relevant geworden sind. Das macht umso mehr Freude, je aktiver du das Buch beim ersten Mal bearbeitet hast (Feynman-Sheet, Index, Notizen).

Zusammengefasst die neun Punkte: Vor dem Lesen – Buchspeicher und Anti-Bibliothek anlegen sowie bewusst auswählen (Just-in-Time/Just-in-Case) und sich erst einen Überblick verschaffen (Makro-Perspektive). Während des Lesens – aktiv lesen (markieren, Notizen, mentaler Dialog), die Feynman-Technik nutzen, einen Index anlegen und gezielte Pausen machen. Nach dem Lesen – Bücher empfehlen und verschenken sowie Wichtiges erneut lesen. Eine letzte Perspektive, die ich heute nicht vertieft habe, ist das Personal Knowledge Management (ein Second Brain) – ein Notizsystem, um das Gelesene weiterzuverwenden. Das alles ist eine Evolution: Auch beim Lesen geht es darum, die Komfortzone zu verlassen und deine Kompetenz auszubauen. Lesen ist kein Selbstzweck – du liest Sachbücher, um das Meiste für dich herauszuholen, zum Experten zu werden und deine Entwicklung voranzutreiben. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

Danke fürs Lesen. Mehr praktische Ideen erhältst du in meinem beliebten Newsletter. Jede Woche versende ich 3 Ideen an über 3.500 ambitionierte Ingenieure. Trage dich jetzt ein und schließ dich uns an.

Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

Effektiver lesen: erstklassige Bücher finden – Lesen für Fortgeschrittene

Wenn das Lesen erst einmal zur Gewohnheit geworden ist, verschiebt sich das Ziel: weg von der Quantität, hin zur Qualität. Es geht nicht mehr darum, mehr zu lesen, sondern effektiver – mehr aus jedem Buch herauszuholen.

In dieser Folge bekommst du neun Techniken für Fortgeschrittene: wie du erstklassige Bücher findest und wie du so liest, dass dein Wissen wirklich wächst. Manches verlangt, die Komfortzone zu verlassen – aber genau das hebt deine Lesekompetenz auf ein neues Level.

Der Lese-Kurs:
Teil 1 – Warum Lesen deine Superpower ist
Teil 2 – Mehr lesen: die Lesegewohnheit
Teil 3 – Wie ich Sachbücher lese
Teil 4 – Effektiver lesen & Bücher finden (diese Folge)
Teil 5 – Schneller & tiefer lesen

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Zwei Phasen des Lesens: erst Quantität (die Gewohnheit aufbauen, 30–50 Bücher/Jahr), dann Qualität (effektiver lesen). Diese Folge ist für Phase 2.
  • 1. Fülle deinen Buchspeicher – eine Want-to-read-Liste. Inkl. dem Konzept der Anti-Bibliothek: ungelesene Bücher sind kein schlechtes Gewissen, sondern eine Landkarte deiner Neugier.
  • 2. Wähle Bücher bewusst: Just-in-Time (löst ein aktuelles Problem) vs. Just-in-Case (erweitert dein Weltbild). Opportunitätskosten – leg schlechte Bücher weg.
  • 3. Erst der Überblick: 20–30 Minuten Makro-Perspektive (Struktur, Autor, Vorträge), bevor du auf Seite 1 startest.
  • 4. Lies aktiv: ins Buch schreiben, markieren, einen mentalen Dialog mit dem Autor führen – auch kritisch.
  • 5. Die Feynman-Technik: Gelesenes in eigenen, einfachen Worten zusammenfassen – so festigst du Wissen am stärksten.
  • 6. Leg einen Index an, 7. mach gezielte Pausen, 8. verschenke Bücher, 9. lies Wichtiges erneut.

Effektiver lesen: die 9 Techniken

Vorab: die zwei Phasen des Lesens. Phase 1 ist Quantität – überhaupt eine Lesegewohnheit aufbauen (dazu die Folgen Warum Lesen wichtig ist und Wie ich Sachbücher lese). Erst wenn Lesen in Fleisch und Blut übergegangen ist (30–50 Bücher im Jahr), kommt Phase 2: Qualität, effektiver lesen. Diese Folge ist für Phase 2 – für Einsteiger kann sie advanced klingen.

1. Fülle deinen Buchspeicher. Leg früh eine Want-to-read-Liste an (z. B. in Goodreads) und trag jedes interessante Buch sofort ein. Gute Quellen: meine Buchempfehlungen, die Empfehlungslisten von Persönlichkeiten, die du schätzt (einfach „[Name] Buchempfehlungen“ googeln – etwa James Clear), und die Bücher, auf die gute Bücher selbst verweisen. Dazu ein befreiendes Konzept – die Anti-Bibliothek (Nassim Taleb, Der schwarze Schwan): Ein Regal voller ungelesener Bücher ist keine Schuld, sondern eine Landkarte dessen, was du noch ergründen willst.

2. Wähle Bücher bewusst aus. Je größer der Speicher, desto wichtiger die Auswahl – denk an die Opportunitätskosten: Deine Zeit ist zu kostbar für ein schlechtes Buch. Zwei Wege: Just-in-Time (das Buch trifft genau eine aktuelle Herausforderung – das magische Gefühl, es sei für dich geschrieben) und Just-in-Case (Themen, die jetzt keinen direkten Bezug haben, aber dein Weltbild erweitern – Philosophie, Finanzen, Erziehung). Keiner der Wege ist besser; lass dich von deiner Neugier leiten – und hab den Mut, ein Buch wegzulegen.

3. Verschaff dir erst einen Überblick. Spring nicht sofort in die Mikro-Perspektive (Seite 1). Investier 20–30 Minuten in die Makro-Perspektive: Worum geht es, was ist die Struktur (Inhaltsverzeichnis)? Schau dir den Autor an, lies Klappentext und Vor-/Nachworte, sieh dir Vorträge oder Zusammenfassungen an. Mit diesem Bild liest du danach deutlich besser.

4. Setz dich aktiv mit dem Text auseinander. Ein nacktes Buch am Ende bedeutet eine verpasste Chance. Schreib ins Buch, markiere, mach Randnotizen (mein Trick gegen den Perfektionismus am Anfang: mit Bleistift). Und führe einen mentalen Dialog mit dem Autor: Nur weil jemand ein Buch schreibt, hat er nicht recht. Gute Autoren sind überzeugend – hinterfrage trotzdem kritisch und gleiche mit dem ab, was du schon weißt.

5. Nutze die Feynman-Technik. Benannt nach dem Physiker Richard Feynman, der komplexe Dinge meisterhaft einfach erklären konnte. Nimm ein DIN-A4-Blatt, falte es („Feynman-Sheet“, auch als Lesezeichen), und fass für jedes wirklich spannende Thema in zwei bis drei Minuten handschriftlich in eigenen, einfachen Worten zusammen, was du gelesen hast (Stichworte, Sätze, kleine Skizzen – Hauptsache simpel, im Sinne von ELI5). Sich selbst etwas beizubringen festigt Wissen am stärksten.

6. Leg einen Index an. Nutze eine der ersten leeren Seiten als Landkarte der Kernideen: Immer wenn dir eine Idee wichtig erscheint, notiere ein Keyword plus Seitenzahl. Mit der Zeit wächst daraus ein wertvoller Überblick – ideal, um später gezielt nachzuschlagen.

7. Mach gezielte Pausen. Effektives Lesen ist kein Speed-Reading. Dein Unterbewusstsein arbeitet weiter, wenn du nicht liest; über einen längeren Zeitraum reift deine mentale Landkarte, und du verknüpfst Ideen mit dem Alltag. Buchzusammenfassungen oder „in drei Stunden durch“ bringen diesen Lerneffekt nicht. Lies ruhig zwei Bücher parallel und nimm dir Zeit. (Adam Grant zeigt in seinem TED-Talk zu Originals, dass Prokrastination der Kreativität sogar helfen kann.)

8. Empfehle und verschenke Bücher nach dem Lesen. Ein starkes Mittel – Wertschätzung und Sichtbarkeit zugleich, und ein Hebel, um Denk- und Handlungsgewohnheiten im Umfeld zu prägen (Kulturveränderung). Rede über die Bücher, die dich begeistern, und verschenke sie an Kollegen, Chefs und andere. Wie du daraus mit der richtigen Widmung eine bleibende Geste machst, zeigt Das Ritual sympathischer Ingenieure.

9. Lies Wichtiges erneut (Re-reading). Ein zweites Mal fühlt sich ein Buch oft an wie ein neues – nicht weil der Text sich verändert hat, sondern weil du dich verändert hast. Plötzlich markierst du andere Stellen, weil andere Themen relevant geworden sind. Lies starke Bücher und Abschnitte also bewusst wieder – das macht umso mehr Freude, je aktiver du sie beim ersten Mal bearbeitet hast.

Kurz gefasst: Effektiver lesen ist eine Evolution, kein Schalter. Füll deinen Buchspeicher, wähl bewusst aus, verschaff dir erst den Überblick, lies aktiv, nutze Feynman-Technik und Index, mach Pausen, verschenke Bücher und lies Wichtiges erneut. Lesen ist kein Selbstzweck – es ist der Inbegriff des Lernens.

Häufige Fragen zum Thema effektiver lesen

Was heißt effektiver lesen? Nicht möglichst schnell oder viel zu lesen, sondern möglichst viel aus einem Buch mitzunehmen: die richtigen Bücher auswählen, aktiv lesen (markieren, zusammenfassen, hinterfragen) und das Wissen so festigen, dass deine mentale Landkarte wirklich wächst.

Wie finde ich erstklassige Bücher? Führe eine Want-to-read-Liste und speise sie aus kuratierten Empfehlungen (z. B. von Persönlichkeiten, die du schätzt, oder aus den Quellenangaben guter Bücher). Wähle dann bewusst nach Just-in-Time (löst ein aktuelles Problem) oder Just-in-Case (erweitert dein Weltbild) – und leg schwache Bücher ohne schlechtes Gewissen weg.

Was ist die Feynman-Technik beim Lesen? Du fasst Gelesenes in eigenen, möglichst einfachen Worten handschriftlich zusammen (auf einem gefalteten „Feynman-Sheet“). Indem du es dir selbst erklärst, merkst du, was du wirklich verstanden hast – und festigst das Wissen deutlich stärker als durch reines Weiterlesen.

Soll ich in Bücher schreiben? Ja. Ein aktiv bearbeitetes Buch (markieren, Randnotizen, Index) bringt dir ein Vielfaches gegenüber passivem Lesen. Wenn der Einstieg schwerfällt: erst mit Bleistift. Ein am Ende „nacktes“ Buch ist eine verpasste Chance.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

  • Nassim Taleb – Der schwarze Schwan: Ursprung des Konzepts der Anti-Bibliothek (der Wert ungelesener Bücher).
  • Adam Grant – Originals (TED-Talk): warum Pausen und „Prokrastination“ der Kreativität helfen können.
  • Die Feynman-Technik (Richard Feynman): Wissen festigen, indem man es sich selbst einfach erklärt.
  • Goodreads: praktische App für deinen Buchspeicher / deine Want-to-read-Liste.

Mehr zum Thema

Diese Folge ist Teil 4 des Lese-Kurses. Welche Bücher konkret lesenswert sind, findest du in den Buchempfehlungen.

Transkript

Herzlich willkommen zu Podcast-Episode Nummer 69: wie du erstklassige Bücher findest und effektiver liest – Lesen für Fortgeschrittene. Zum Thema Lesen habe ich schon drei Folgen gemacht: „Warum und wie ich Sachbücher lese“, „5 Tipps, um mehr zu lesen“ (Folge 18) und „8 simple Tipps, um mehr zu lesen“ (Folge 57). Diese Folge ist die vierte im Bunde – für Fortgeschrittene. Ich gebe dir neun Tipps an die Hand, um dein Lesen auf ein anderes Level zu bringen. Das kann bedeuten, die Komfortzone zu verlassen und neue Gewohnheiten aufzubauen – ich stecke selbst mittendrin in der Anwendung. Ich habe vor Kurzem einen Kurs zum Thema „The Art of Reading“ mitgemacht, um meine Lesekompetenz noch einmal auf ein anderes Level zu bringen.

Vorab ein wichtiger Gedanke: Es gibt aus meiner Sicht zwei Phasen des Lesens. Die erste Phase besteht darin, überhaupt erst eine Lesegewohnheit zu entwickeln. Nach der Uni war ich in keiner Weise Leser; morgens ein Sachbuch zu lesen, war weit weg. In dieser Phase zählt vor allem die Quantität – einfach mehr lesen, sich mit der Materie vertraut machen und nicht zu perfektionistisch sein. „Read what you love until you love to read.“ Wenn du in dieser ersten Phase bist, kann das, was jetzt kommt, sehr advanced und vielleicht abschreckend klingen – dann schau dir zuerst die ersten drei Folgen an. Ich habe hunderte Bücher gelesen und bin jetzt in der zweiten Phase: Es geht nicht mehr um Quantität, sondern um Qualität – effektiver zu lesen, wenn die Gewohnheit erst einmal sitzt. Wichtig zu verstehen: Lesen ist kein Selbstzweck. Lesen ist der Inbegriff des Lernens – es geht darum, deine Kompetenz zu erweitern, deine mentale Landkarte auszubauen und Themen proaktiv zu ergründen. Ja, das ist anstrengend, wie in der Uni; und ja, es ist Persönlichkeitsentwicklung – die Komfortzone verlassen und neue Gewohnheiten entwickeln.

Punkt eins: Fülle deinen Buchspeicher. Als Beginner stellte ich mir oft die Frage, welche Bücher überhaupt gut sind und welche ich lesen will. Mit der Zeit ist meine Buchliste auf knapp tausend Bücher gewachsen, die ich noch lesen möchte. Leg diesen Buchspeicher früh an – eine Want-to-read-Liste, zum Beispiel in der App Goodreads, und trag jedes Buch ein, auf das du stößt. Wie kommst du an gute Bücher? Erstens über meine Buchempfehlungen unter mentorwerk.de/buecher – Bücher, die ich alle gelesen habe. Zweitens über Empfehlungen guter Autoren und spannender Persönlichkeiten: Google einfach den Namen plus „Buchempfehlungen“ (James Clear etwa hat eine hervorragende Liste). Drittens: Gute Bücher referenzieren oft andere gute Bücher. Und ein befreiendes Konzept: die Anti-Bibliothek von Nassim Taleb (aus „Der schwarze Schwan“). Die meisten betrachten ihr Bücherregal als Trophäensammlung gelesener Bücher. Taleb sagt: Es kann sehr wertvoll sein, eine private Sammlung ungelesener Bücher zu haben – eine Erinnerung an all das, was man noch ergründen möchte. Das hat mir den Druck genommen, jedes Buch sofort lesen zu müssen. Ich bin ein großer Fan davon, mir eine physische Bibliothek aufzubauen – mit tollen Büchern, auch solchen, die ich erst später lese.

Punkt zwei: die richtige Buchauswahl. Je größer der Speicher, desto schwieriger die Auswahl. Denk an die Opportunitätskosten: Es gibt tausende gute Bücher, und deine Zeit ist zu kostbar, um ein schlechtes zu lesen – die Kompetenz, ein schlechtes Buch wegzulegen, ist wichtig. Es gibt zwei Herangehensweisen: Just-in-Time-Reading (das Buch trifft genau eine aktuelle Herausforderung) und Just-in-Case-Reading (Themen, die jetzt keinen konkreten Bezug haben, aber dein Bild erweitern – etwa Erziehung, Philosophie, Finanzen). Keiner der beiden Wege ist besser; beide haben ihre Berechtigung, und Just-in-Case hilft gegen blinde Flecken. Gerade am Anfang ist Just-in-Time stark, weil man förmlich im Buch steckt und Motivation zieht – das Gefühl, das Buch sei für dich geschrieben. Der Grundsatz: Lass dich von deiner Neugier leiten, sei nicht zu kritisch mit dir – aber sei bereit, ein Buch wegzulegen, wenn es dich nicht mehr reizt.

Punkt drei: Verschaff dir erst einen Überblick. Spring nicht sofort mit Seite 1 in die Mikro-Perspektive. Investier zuerst 20 bis 30 Minuten in die Makro-Perspektive: Worum geht es, was sind die Kerngedanken, wie ist die Struktur (Inhaltsverzeichnis)? Was hat sich der Autor beim Aufbau gedacht, was interessiert dich am meisten? Schau in ein Kapitel, sieh dir Abbildungen an, lies hier und da rein. Beschäftige dich mit dem Autor (googeln), lies den Klappentext und die Vor- und Nachworte, schau dir Vorträge oder Zusammenfassungen an. Mit diesem Bild startest du mit einer viel besseren Perspektive – genau das passiert auch, wenn du hier im Podcast zum ersten Mal von einem Buch hörst (zu „Der Weg zu den Besten“ von Jim Collins habe ich etwa eine ganze Folge gemacht; das Feedback ist, dass man das Buch danach besser versteht).

Punkt vier: Setz dich aktiv mit dem Text auseinander. Anfangs waren meine Bücher nackt – aus Perfektionismus fiel es mir schwer, hineinzuschreiben. Mein Trick: zuerst mit Bleistift, weil ich wusste, ich könnte es wegradieren. Dein Buch ist ein lebendiges Dokument. Wenn du es am Ende wieder nackt ins Regal stellst, hast du eine große Chance verpasst. Markiere, unterstreiche, mach Randnotizen, kleine Ausrufezeichen, umkreise Worte – es gibt keine einzig richtige Methode; entwickle deine eigene. Diese Interaktion hilft nicht nur beim Erinnern, sondern verarbeitet den Text aktiv (sonst erwischt man sich, dass man nach zwei Seiten nichts behalten hat). Ein zweiter, spannender Aspekt: ein mentaler Dialog mit dem Autor. Nur weil jemand ein Buch schreibt, hat er nicht automatisch recht. Gute Autoren sind überzeugend – entwickle trotzdem eine gesunde Skepsis und hinterfrage das Gelesene kritisch im Abgleich mit dem, was du schon weißt.

Punkt fünf: die Feynman-Technik. Sie ist nach dem Physiker Richard Feynman benannt, der komplizierte Physik meisterhaft einfach erklären konnte (sieh dir ruhig ein, zwei Videos von ihm an). Es ist eine Technik, sich selbst etwas beizubringen – sehr mächtig, um Wissen anzueignen und zu festigen. Praktisch: Nimm ein DIN-A4-Blatt, falte es in der Hälfte – das „Feynman-Sheet“ (auch als Lesezeichen nutzbar). Es geht nicht ums ganze Buch, sondern um einzelne Themen, die dich besonders fesseln. Nimm dir zwei, drei Minuten und fass das Gelesene in eigenen, einfachen Worten handschriftlich zusammen – Stichworte, ganze Sätze, optional kleine Skizzen. Halte es kurz, präzise und so einfach wie möglich (ELI5). Schau danach in deinen Index und ergänze, falls du etwas vergessen hast. Das erfordert Disziplin, aber du wirst erstaunt sein, wie viel stärker ein Thema danach sitzt.

Punkt sechs: Leg einen Index an – eine Landkarte der Kernideen des Buches. Beim Lesen bist du in der Mikro-Perspektive; ab und zu lohnt der Sprung in die Makro-Perspektive. Nutze eine der ersten leeren Seiten als Index. Immer wenn dir eine Idee wichtig erscheint (subjektiv, deine Perspektive), notiere ein Keyword und die Seitenzahl. Mit der Zeit wächst diese Landkarte auf 15, 20 Punkte und gibt dir einen guten Überblick – später ideal zum Nachschlagen.

Punkt sieben: Mach gezielte Pausen beim Lesen. Im Wechsel von Quantität zu Qualität ist das wichtig. Dein Unterbewusstsein arbeitet weiter, wenn du nicht liest; über einen längeren Zeitraum reift deine mentale Landkarte, und du verknüpfst Ideen mit deiner Umgebung und deinem Alltag. Wenn du dagegen Speed-Reading betreibst oder ein Buch in drei Stunden „durchziehst“, verlierst du diesen Lerneffekt – Zusammenfassungen liefern Inspiration, aber kein tiefes Lernen. Lies ruhig zwei Bücher parallel, lass dir Zeit und mach dir keinen Druck. (Adam Grant spricht in seinem TED-Talk zu „Originals“ darüber, dass Prokrastination gerade bei kreativer Arbeit hilfreich sein kann.)

Punkt acht: Empfehle und verschenke Bücher nach dem Lesen. Wenn dich ein Buch begeistert, empfiehl oder verschenk es. Das ist Wertschätzung gegenüber der anderen Person – du machst dir Gedanken, welches Buch zu ihren Herausforderungen passt – und zugleich eine starke Möglichkeit, sichtbar zu werden. Ein Beispiel: Ein sehr ambitionierter Kandidat, Florian, wusste, dass sein CIO Fan von Sachbüchern ist; er empfahl ihm ein Buch, das ihn selbst inspiriert hatte. Das sagt viel über einen selbst und erzeugt Sichtbarkeit. Bücher zu verschenken ist außerdem ein Hebel, um Denk- und Handlungsgewohnheiten im Umfeld zu beeinflussen (Kulturveränderung). Rede über die Bücher, die dich begeistern – so ziehst du spannende Menschen an, die mit dir darüber sprechen wollen. In meinem früheren Unternehmen war Bildung fast verpönt; trotzdem lohnt es sich, darüberzustehen und Empfehlungen auszusprechen. Und wenn du ein Buch verschenkst: die persönliche Widmung nicht vergessen.

Punkt neun: Re-reading – lies Bücher oder Abschnitte erneut. Am Anfang zählt Quantität, aber irgendwann ist es sinnvoll, ein Buch ein zweites Mal zu lesen. Ich schaue fast täglich in Bücher zurück. Ein Buch ein zweites Mal zu lesen fühlt sich oft an wie ein neues – nicht weil der Text sich verändert hat, sondern weil du dich verändert hast. Ich stelle häufig fest, dass ich beim ersten Mal markierte Stellen heute banal finde – und andere, die ich übersehen hatte, plötzlich markiere, weil andere Themen relevant geworden sind. Das macht umso mehr Freude, je aktiver du das Buch beim ersten Mal bearbeitet hast (Feynman-Sheet, Index, Notizen).

Zusammengefasst die neun Punkte: Vor dem Lesen – Buchspeicher und Anti-Bibliothek anlegen sowie bewusst auswählen (Just-in-Time/Just-in-Case) und sich erst einen Überblick verschaffen (Makro-Perspektive). Während des Lesens – aktiv lesen (markieren, Notizen, mentaler Dialog), die Feynman-Technik nutzen, einen Index anlegen und gezielte Pausen machen. Nach dem Lesen – Bücher empfehlen und verschenken sowie Wichtiges erneut lesen. Eine letzte Perspektive, die ich heute nicht vertieft habe, ist das Personal Knowledge Management (ein Second Brain) – ein Notizsystem, um das Gelesene weiterzuverwenden. Das alles ist eine Evolution: Auch beim Lesen geht es darum, die Komfortzone zu verlassen und deine Kompetenz auszubauen. Lesen ist kein Selbstzweck – du liest Sachbücher, um das Meiste für dich herauszuholen, zum Experten zu werden und deine Entwicklung voranzutreiben. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.

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Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

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