Fast jeder hat das Bild der Karriereleiter im Kopf: ein gerader Weg nach oben, Sprosse für Sprosse. Doch dieses Bild ist veraltet – und es kann dich unbewusst begrenzen.
Sheryl Sandberg schlägt in Lean In eine bessere Metapher vor: das Klettergerüst. In dieser kurzen Folge teile ich diesen einen Gedanken und zwei Gründe, warum moderne Karrieren eher Klettergerüste als Leitern sind.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Die Karriereleiter ist veraltet. Das Bild stammt aus einer anderen Zeit und passt nicht zur modernen Karriere.
- Moderne Karriere ist ein Klettergerüst. Es gibt nicht den einen geraden Weg nach oben, sondern viele.
- Viele Wege führen ans Ziel. Geschäftsführung etwa erreichst du über Gründung, Nachfolge, neue Bereiche oder neu geschaffene Rollen – nicht nur über eine Leiter.
- Es muss nicht immer nach oben gehen. Ein Schritt zur Seite oder zurück baut „Range“ auf und kann dich langfristig stärker machen.
- Der größte Mangel ist Kreativität. Wer nur die nächste Sprosse sieht, begrenzt sich selbst.
Warum die Karriereleiter ausgedient hat
Die Idee zu dieser Folge stammt aus Lean In von Sheryl Sandberg. Das Buch richtet sich an ambitionierte Frauen, aber ich empfehle es ausdrücklich auch jedem ambitionierten Ingenieur – weil es hilft, die Perspektive zu wechseln, sich in andere Situationen hineinzuversetzen und unnötige Hürden zu erkennen. Ein Gedanke daraus hat mich besonders gepackt: die klassische Karriereleiter.
Diese Metapher ist tief in vielen Köpfen verankert, gerade in großen Konzernen mit traditionellem Denken. Das Problem: Sie suggeriert genau einen geraden Weg nach oben. Wer dieses Bild verinnerlicht, denkt schnell, er könne hinter dem Vordermann stecken bleiben, wenn dessen Ambition kleiner ist als die eigene. Sandberg bietet ein besseres Bild an: Moderne Karriere ist kein Leiter, sondern ein Klettergerüst (Jungle Gym). Zwei Punkte machen den Unterschied:
1. Viele Wege führen nach oben. Anders als auf der Leiter gibt es nicht nur einen Weg ans obere Ende, sondern viele – jeder individuell und oft kreativ. Ein Beispiel: Wenn du Geschäftsführer werden willst, gibt es dafür zahlreiche Wege. Du kannst ein Unternehmen gründen, eine Unternehmensnachfolge angehen, intern einen neuen Bereich aufbauen oder dafür sorgen, dass neue Rollen geschaffen werden, die es heute noch nicht gibt. Oft gibt es auch nicht nur „die eine“ Geschäftsführung, sondern Geschäftsführungsaufgaben, die man sich teilt. Wer nur die eine Sprosse direkt vor sich sieht, begrenzt sich selbst – dabei fehlt es meist nur an Kreativität.
2. Es muss nicht immer nach oben gehen. Manchmal sind ein Schritt zur Seite oder sogar ein paar Schritte zurück der Weg, um langfristig richtig voranzukommen. David Epstein beschreibt in Range den Wert von Generalisten. Tiger Woods spielte von klein auf nur Golf; Roger Federer probierte als Kind viele Sportarten aus, baute „Range“ auf und kam erst später zum Tennis. Wenn du heute in der Entwicklung arbeitest und einmal in die Logistik oder einen ganz anderen Bereich wechselst, fühlt sich das kurzfristig wie ein Rückschritt an – ist aber enorm wertvoll, um den Blick zu weiten und bessere Entscheidungen zu treffen. Gerade in höheren Führungsrollen ist breites Verständnis entscheidend, etwa um die Auswirkungen einer Entscheidung auf das ganze Unternehmen abzuschätzen. Menschen mit einer solchen Range sind hoch gefragt – der vermeintlich „ungerade“ Lebenslauf ist also kein Nachteil, sondern ein Vorteil.
Welche Wege konkret in die Geschäftsführung führen, hörst du in Geschäftsführer werden. Warum breites Denken für gute Entscheidungen zählt, vertieft Second-Order Thinking. Und ob du überhaupt den richtigen Gipfel ansteuerst, hinterfragt Besteigst du den falschen Berg.
Häufige Fragen zur Karriereleiter
Warum ist die Karriereleiter ein veraltetes Bild? Weil sie einen einzigen geraden Weg nach oben suggeriert. Moderne Karrieren verlaufen selten linear – es gibt viele Wege zum Ziel, und Quer- oder Seitwärtsschritte sind oft besonders wertvoll.
Was ist die bessere Metapher? Das Klettergerüst (Jungle Gym) von Sheryl Sandberg: Du kannst dich in alle Richtungen bewegen, viele Wege führen nach oben, und der eigene Weg darf individuell und kreativ sein.
Schadet ein „ungerader“ Lebenslauf der Karriere? Nein. Wer verschiedene Bereiche kennengelernt hat, baut Range auf und ist gerade für höhere Führungsrollen hoch gefragt. Die Angst vor dem nicht-geradlinigen Lebenslauf ist meist unbegründet.
Wie werde ich Geschäftsführer, wenn nicht über die Leiter? Über viele mögliche Wege: ein eigenes Unternehmen gründen, eine Nachfolge übernehmen, intern einen neuen Bereich aufbauen oder neue Rollen schaffen. Entscheidend ist, kreativ zu denken statt nur die nächste Sprosse zu sehen.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- Sheryl Sandberg – Lean In: Ursprung der Klettergerüst-Metapher und eine Einladung zum Perspektivwechsel.
- David Epstein – Range: warum Generalisten mit breiter Erfahrung langfristig im Vorteil sind.
Mehr dazu in meinen Buchempfehlungen zu Karriere.
Diese Folge gehört zum Thema Karriere für Ingenieure.
Transkript
Heute geht es um moderne Karriere und darum, warum die klassische Karriereleiter irreführend ist. Ich teile einen Gedanken, auf den ich gerade gestoßen bin. Ich lese gerade eine spannende Buchempfehlung, die ich von einem ambitionierten Ingenieur bekommen habe: Lean In von Sheryl Sandberg, die du vielleicht von Facebook kennst. Das Buch richtet sich eigentlich an ambitionierte Frauen, und gerade das fand ich hoch spannend – nicht nur in der eigenen Welt zu bleiben, sondern einen ganzheitlichen Blick zu bekommen und Perspektiven aus ganz anderen Blickwinkeln wahrzunehmen. Sandberg beschreibt eine Art „Leadership Ambition Gap“: In Schule und Studium gibt es zwischen Männern und Frauen kaum einen Unterschied in der Ambition, doch im Berufsleben verschiebt sich das. In dem Buch geht es darum, welche Barrieren man beseitigen sollte und welche Hilfsmittel Frauen unterstützen, ihre Ambition aufrechtzuerhalten und Karriere zu machen. Ich empfehle dieses Buch nicht nur ambitionierten Ingenieurinnen, sondern vor allem auch jedem ambitionierten Ingenieur – weil es darum geht, die Perspektive zu wechseln, sich in andere Situationen hineinzuversetzen und unnötige Hürden zu beseitigen.
Heute soll es aber nur um einen Gedanken aus diesem Buch gehen: die klassische Karriereleiter. Diese Folge ist gar nicht lang – es ist ein kurzer Gedanke. Jeder kennt die Metapher der Karriereleiter, und sie ist sehr fest in vielen Köpfen verankert. Aus Sandbergs Sicht ist das aber keine gute Metapher: Sie ist veraltet und hat wenig mit der modernen Karriere zu tun, sie stammt aus einer anderen Zeit. Je nachdem, wo du gerade bist – etwa in einem großen Konzern mit traditionellem Denken, das viele aus der älteren Generation von klein auf gelernt haben –, herrscht dieses Denken vielleicht noch vor. Aber wichtig: Es gibt nicht nur einen geradlinigen Weg auf dem Weg zu mehr Verantwortung. Bei der Vorstellung der Karriereleiter denkt man schnell, man könne hinter dem Vordermann oder der Vorderfrau stecken bleiben, wenn die eigene Ambition größer ist als die des Teamleiters oder Abteilungsleiters. Das Bild der Karriereleiter ist einfach veraltet, und es gibt mittlerweile bessere Metaphern.
Ich habe letztens jemanden erlebt, der unglaublich viel Ambition hatte und beruflich vorankommen wollte – und der Personalbereich sagte: „Drossel mal dein Tempo, sonst bleibt am Ende nichts mehr übrig.“ Genau dieses Bild der Karriereleiter war im Kopf verankert. Sandberg spricht von einem besseren Bild: Die moderne Karriere ist keine Leiter, sondern eher ein Klettergerüst oder Kletternetz. Wenn du das googelst, findest du Grafiken, die den Unterschied visuell zeigen. Ich möchte dir zwei Punkte mitgeben, warum moderne Karrieren eher Klettergerüste sind. Denn wer sich das Bild der Karriereleiter einprägt, kann sich selbst begrenzen.
Erstens: Viele Wege führen nach oben. Bei der Leiter ist das nicht so. In der Realität gibt es nicht nur den einen Weg, sondern viele verschiedene Wege ans obere Ende eines Klettergerüsts – also ans obere Ende einer modernen Karriere. Jeder Weg ist individuell, und kreative Wege sind möglich. Eine große Angst, auf die ich immer wieder stoße, ist der Wunsch nach dem geradlinigen Lebenslauf, der logisch ineinander läuft und auf das eigene Profil einzahlt. Aber es gibt völlig kreative Wege, bei denen Leute querbeet in verschiedene Bereiche einsteigen. Diese Angst ist meist unbegründet. Ein kleines Beispiel: Wenn du Geschäftsführer werden möchtest, gibt es ganz viele Wege dafür. Wenn du glaubst, es gäbe nur den einen Weg über die Karriereleiter Richtung Geschäftsführung, dann fehlt es nur an Kreativität. Natürlich gibt es diesen einen Weg – aber du kannst auch ein Unternehmen gründen, was dich schnell in die Rolle des Geschäftsführers bringt, du kannst eine Unternehmensnachfolge angehen, oder du kannst intern dafür sorgen, dass neue Rollen und Bereiche geschaffen werden, die es heute noch nicht gibt. Aus solchen Rollen können neue Bereiche wachsen, die theoretisch sogar ausgegründet werden. Und oft gibt es nicht nur eine Geschäftsführung, sondern Aufgaben eines Geschäftsführers, die man sich teilt. Du könntest also zehn andere Wege finden – es fehlt nur an Kreativität. Das gilt genauso für die Teamleitung: Es gibt hundert Möglichkeiten, wie du Führung übernehmen kannst. Wer nur die Rolle direkt vor sich sieht, begrenzt sich selbst.
Zweitens: Es muss nicht immer nur nach oben gehen, sondern kann auch mal seitlich oder ein paar Schritte zurück gehen – und das kann sehr wertvoll sein, um den richtigen Weg zu finden. Ein schönes Beispiel ist das Thema Spezialist versus Generalist aus dem Buch Range von David Epstein. Es spielt allen Generalisten in die Karten: Viele haben das Gefühl, sie müssten sich spezialisieren, weil man als Generalist nichts richtig könne. Epstein vergleicht zwei Sportler: Tiger Woods war von klein auf nur im Golf unterwegs und wurde absolute Weltklasse. Bei Roger Federer war es anders – er machte in jungen Jahren fast jede Sportart außer Tennis, baute also viel „Range“ auf und kam erst später zum Tennis, wo er dann ein Spieler der Extraklasse wurde. Wenn du heute in der Entwicklung arbeitest, kannst du auch einmal in den Vertrieb oder die Logistik wechseln – in einen ganz anderen Bereich, der sich nicht wie der nächste logische Schritt auf der Karriereleiter anfühlt. Das ist aber unglaublich wertvoll, um Range aufzubauen, den Blick zu weiten und das Verständnis zu erweitern – und darüber den richtigen Weg zu finden. Menschen, die in drei Unternehmen in jeweils unterschiedlichen Bereichen tätig waren, sind hoch gefragt, weil sie eine sehr breite Kompetenz haben. Gerade in höheren Führungsrollen ist das enorm wichtig, um gute Entscheidungen zu treffen und abzuwägen, wie sich eine Entscheidung auf das gesamte Unternehmen und die verschiedenen Bereiche auswirkt – Stichwort Second-Order Thinking. Silo-Denken hilft dabei nicht.
Es kann also sehr wertvoll sein, nicht in der Karriereleiter zu denken – nicht zwingend von der jetzigen Rolle direkt in die Teamleitung oder Abteilungsleitung wechseln zu wollen, sondern kreativer vorzugehen und das Klettergerüst vor Augen zu haben. Dann ist deine moderne Karriere dein Spielfeld, auf dem du dich frei entfaltest: mal nach links, mal nach rechts, und auch ein Schritt, der sich wie ein Rückschritt anfühlt. Wenn du aus einer Teamleiter-Rolle in der Entwicklung in eine Sachbearbeiter-Rolle im Vertrieb wechselst, fühlt sich das kurzfristig wie ein Rückschritt an, kann aber langfristig unglaublich wertvoll sein. Das sind oft die spannenden Karrieren – die kreativeren Wege, die möglich sind. Meistens steht man sich selbst im Weg, weil diese Wege Mut erfordern. Ich möchte dich nur ermutigen, das Denken in der Karriereleiter aus dem Kopf zu schlagen und mehr im Klettergerüst zu denken. Das Buch Lean In kann ich sehr empfehlen – nicht nur Ingenieurinnen, sondern auch Männern. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.