Diese Folge ist anders als die übrigen. Statt um die nächste Methode geht es um die Frage darunter: Welche Prinzipien sind eigentlich langfristig wichtig?
Den Rahmen bildet ein altes Prinzip: memento mori – bedenke, dass du sterben wirst. Das klingt makaber, ist aber eines der wertvollsten Werkzeuge, um dich mit den wirklich zentralen Themen zu befassen. Genau dafür liefern die fünf Erkenntnisse aus der Sterbeforschung das Material.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Memento mori als Kompass. Sich die eigene Endlichkeit bewusst zu machen, ist ein Werkzeug für bessere Entscheidungen – kein düsteres, sondern ein klärendes.
- Reflexionsmaterial, keine Studie. Bronnie Ware schreibt aus ihrer Zeit in der Palliativ- und Hospizbegleitung – sehr persönlich und spirituell, nicht als wissenschaftlicher Beleg. Nimm mit, was zu dir passt.
- Mut, dir selbst treu zu bleiben. Der größte Regret: ein Leben nach fremden Erwartungen statt nach den eigenen Träumen.
- Nicht zu viel arbeiten. Fast alle Männer bereuten es. Die Lehre ist nicht Faulheit, sondern smarter statt härter zu arbeiten – jede Entscheidung für Arbeit ist ein Trade-off.
- Gefühle ausdrücken, Freundschaften pflegen. Beides geht im Alltag leicht unter und wird am Ende vermisst.
- Sich mehr Freude erlauben. Zufriedenheit ist eine Entscheidung, kein Umstand, der erst eintreten muss.
Die 5 Dinge, die Sterbende bereuen, im Detail
Woher die fünf Punkte stammen. Sie gehen auf die australische Autorin Bronnie Ware zurück. Sie hat eine Vergangenheit in der palliativen Versorgung und Hospizbegleitung – also der Beratung und Begleitung schwerkranker Menschen mit begrenzter Lebenserwartung. Viele von ihnen hat sie in den letzten Wochen vor dem Tod begleitet, sich ihre Geschichten angehört und immer wieder gefragt: Gibt es etwas, das du bereust? 2009 fasste sie ihre Erkenntnisse in einem Blogpost zusammen, der weltweit viral ging; 2012 folgte das Buch. Wichtig: Es ist kein wissenschaftlicher Beleg, sondern Reflexionsmaterial – und nicht alle Menschen, die sie begleitet hat, haben überhaupt etwas bereut.
Regret 1: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarten. Das ist laut Ware der allergrößte Punkt. Viele Menschen tun die meiste Zeit das, von dem sie glauben, dass andere es von ihnen erwarten. Eigene Träume und Vorstellungen bleiben aus einem Pflichtgefühl heraus auf der Strecke. Frag dich: Warum studierst oder arbeitest du das, was du gerade tust? Welche unausgesprochenen Ziele begeistern dich, finden aber im Alltag keinen Platz? Oft hält nur Angst dich davon ab. Bei mir war es der Wunsch, mich früh selbstständig zu machen – ich habe gemerkt, dass mich nur die eigene Angst bremst, und bin den Schritt gegangen. Das hätte ich sonst bereut.
Regret 2: Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet. Fast alle Männer, mit denen Ware sprach, sagten das. Viele hatten zu wenig gelebt, weil sie Angst hatten, nicht genug Geld zu verdienen oder Karrierechancen zu verpassen – und dabei die Jugend ihrer Kinder verpasst. Die Lehre ist nicht, weniger zu leisten, sondern smarter statt härter zu arbeiten. Stell dir die unbequeme Frage: Wie viel ist eigentlich genug? Jede Entscheidung für mehr Arbeit ist ein Trade-off, der dir an anderer Stelle Zeit und Energie nimmt – auch wenn das selten offen auf der Hand liegt.
Regret 3: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Viele unterdrückten ihre Gefühle, um den Frieden zu wahren – ein Bedürfnis nach Harmonie, das oft dem entgegensteht, was man wirklich denkt. Ein Mensch sagte: „Ich hätte mir gewünscht, dass meine Familie mich wirklich gekannt hätte.“ Gerade für introvertiert veranlagte Menschen, denen viel durch den Kopf geht, ist es eine echte Hürde, das auch preiszugeben. Es ist ein Punkt, an dem man durch Übung besser werden kann.
Regret 4: Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten. Viele bedauerten, zu wenig Zeit in ihre Freundschaften investiert zu haben. Im Alltag geht das leicht unter – stärker noch als Familie, die ohnehin Priorität bekommt. Dabei lohnt sich die Frage: Wie viel Zeit hast du letzte Woche wirklich in Freundschaften, Beziehungspflege und neue Kontakte gesteckt? Im Idealfall sind privates und berufliches Ich deckungsgleich, sodass du auch im Job authentisch und nahbar bist. Wer hier kaum etwas investiert, hat ein Thema – denn Erfolge, die du nicht teilen kannst, fühlen sich leer an.
Regret 5: Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude erlaubt. Viele blieben im „Wenn-dann“-Denken gefangen: Erst wenn ich Führungskraft bin, dann bin ich glücklich. Eine hilfreiche Formel ist: Happiness = Realität minus Erwartung. Wenn deine Erwartung zu hoch ist, kann die Realität noch so gut sein – du bleibst unzufrieden. Erwartungsmanagement ist also entscheidend. Die Grunderkenntnis: Glück ist keine Frage der Umstände, sondern eine Entscheidung. Es muss kein bestimmter Zustand eintreten, damit du zufrieden sein darfst.
Wie du die Falle erkennst, den falschen Gipfel zu erklimmen, vertiefst du in Besteigst du den falschen Berg?. Wie du Sinn statt nur Status findest, hörst du in Erfüllung im Job finden. Wie du Zufriedenheit aktiv trainierst, zeigt Zufriedener werden. Und warum es sich lohnt, in langen Zeiträumen zu denken, erfährst du in Langfristiges Denken.
Häufige Fragen zu dem, was Sterbende bereuen
Was bereuen Sterbende am meisten? Laut der Sterbeforschung von Bronnie Ware sind es fünf Dinge: nicht sich selbst treu geblieben zu sein, zu viel gearbeitet zu haben, Gefühle nicht ausgedrückt zu haben, den Kontakt zu Freunden verloren zu haben und sich nicht mehr Freude erlaubt zu haben.
Von wem stammen die fünf Erkenntnisse? Von Bronnie Ware, einer australischen Autorin mit Erfahrung in der palliativen Versorgung. Sie veröffentlichte 2009 einen viralen Blogpost und 2012 das Buch über die häufigsten Reue-Gedanken Sterbender.
Sind die fünf Regrets wissenschaftlich belegt? Nein. Ware schreibt aus eigener Erfahrung und sehr persönlich, nicht auf Basis wissenschaftlicher Studien. Es ist Reflexionsmaterial, kein Beleg – auch wenn es Studien gibt, die einzelne Punkte stützen.
Was ist memento mori? Memento mori bedeutet „bedenke, dass du sterben wirst“. Sich die eigene Endlichkeit bewusst zu machen, ist ein Werkzeug, um die wirklich wichtigen Prinzipien zu erkennen und bessere Entscheidungen zu treffen.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- Bronnie Ware – 5 Dinge, die Sterbende am meisten bereuen (The Top Five Regrets of the Dying): das Buch hinter den fünf Erkenntnissen, aus der Hospiz- und Palliativbegleitung.
- Stephen Covey – Die 7 Wege zur Effektivität: Quelle des Gedankenexperiments, sich die eigene Beerdigung vorzustellen.
- Greg McKeown – Essentialismus: zum Trade-off-Gedanken – wo du investierst, nimmst du woanders Zeit und Energie weg.
- Viktor Frankl – … trotzdem Ja zum Leben sagen: Glück als Entscheidung, selbst unter extremsten Umständen.
- John Strelecky – The Big Five for Life: weiterführend zum Blick aufs Leben aus der Rückschau.
- Chade-Meng Tan – Search Inside Yourself: wissenschaftlich fundierter Einstieg ins Thema Zufriedenheit.
Mehr dazu in meinen Buchempfehlungen zu Sinn & Berufung.
Diese Folge gehört zum Thema Persönlichkeit.
Transkript
Herzlich willkommen zu Folge 83: Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen. Vielleicht erkennst du schon am Titel, dass das eine etwas andere Folge wird. Sie passt auf den ersten Blick nicht ganz in die Reihe der übrigen Podcast-Folgen – und doch passt sie in jedem Fall hinein. Vor einigen Tagen bin ich über ein Zitat von Marcus Aurelius gestolpert, einem Verfechter der stoischen Philosophie. Dahinter steht ein altes Prinzip: memento mori – also bedenke, dass du sterben wirst. Das klingt ein bisschen makaber. Wer „Die 7 Wege zur Effektivität“ von Stephen Covey gelesen hat, kennt vielleicht sein Gedankenexperiment, sich die eigene Beerdigung vorzustellen. Auch das klingt makaber, ist aber unglaublich wertvoll, um sich mit diesen Gedanken auseinanderzusetzen.
Diese Folge liefert einiges an Reflexionsmaterial, das dich dazu bringt, dich mit den wirklich wichtigen, übergeordneten Themen zu befassen. Alles, was wir sonst zur persönlichen und beruflichen Entwicklung machen, ist super relevant – aber hier geht es um die Frage darunter: Welche Prinzipien, Werte und Grundsätze sind eigentlich langfristig wichtig? memento mori ist dabei der Maßstab für gute Entscheidungen.
Wo kommt das Thema her? Es stammt aus einem Buch der australischen Autorin Bronnie Ware. Sie hat ursprünglich 2009 einen Blogpost geschrieben – „The Top Five Regrets of the Dying“, also was Sterbende bereuen – der weltweite Verbreitung fand. Bronnie Ware hat eine Vergangenheit in der palliativen Versorgung, im Kontext von Hospizen. Das ist ein Konzept zur Beratung, Begleitung und Versorgung schwerkranker Menschen, unabhängig vom Alter, die eine begrenzte Lebenserwartung haben und nicht mehr heilbar sind. Sie hat viele Menschen in den letzten Wochen vor ihrem Tod begleitet, sich ihre Geschichten angehört und immer wieder gefragt: Gibt es etwas, das du bereust? Was würdest du anders machen? In ihrem ersten Blogpost 2009 fasste sie ihre fünf größten Erkenntnisse zusammen, und 2012 hat sie daraus ein Buch gemacht – ein internationaler Bestseller.
Ich habe das Buch nicht von vorne bis hinten gelesen, aber was ich gelesen habe, ist sehr empfehlenswert: viel persönliche Story der Autorin, viele spannende Geschichten, die sie selbst erlebt hat. Achtung: Die Autorin ist sehr spirituell, und sie beschreibt in ihrem Buch keine wissenschaftliche Studie – auch wenn es Studien gibt, die ihre Erkenntnisse bestätigen. Es ist Reflexionsmaterial, keine wissenschaftliche Erkenntnis. Und sie sagt selbst: Nicht alle Menschen, die sie betreut hat, haben etwas bereut. Es trifft also nicht auf jeden zu.
In dieser Folge möchte ich dir alle fünf Punkte einmal vorstellen – im Wortlaut aus der deutschen Version – und meine Gedanken dazu teilen. Wenn du tiefer einsteigen möchtest, kann ich empfehlen, nach Begriffen wie memento mori zu suchen, das Gedankenexperiment mit der eigenen Beerdigung von Stephen Covey zu machen, und es gibt viele Bücher, die noch tiefer reingehen, etwa „The Big Five for Life“. Es ist eine wichtige Folge mit wichtigen Gedanken. Es gibt kein Richtig und kein Falsch – nimm das mit, was du für dich rausnehmen möchtest.
Punkt eins: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarten. Im Original schreibt sie: „I wish I’d had the courage to live a life true to myself, not the life others expected of me.“ Sie schreibt, es gibt so viele Menschen, die die meiste Zeit Dinge tun, von denen sie glauben, dass andere sie von ihnen erwarten. Sie selbst sagt, das sei der allergrößte Punkt von allen. Menschen haben eigene Träume, Wünsche und Vorstellungen, geben sie aber aus einem Pflichtgefühl heraus auf. Lass dich nicht davon abbringen, dein eigenes Ding zu machen. Einfacher gesagt als getan – aber frag dich: Warum hast du studiert, was du studiert hast? Warum machst du beruflich das, was du gerade machst? Ich habe einige Menschen kennengelernt, die sagten: Ich weiß es nicht, ich bin durch Zufall reingerutscht, und ehrlich gesagt würde ich gerne etwas anderes machen – aber es werden gewisse Erwartungen an mich gestellt.
Das kann dazu führen, dass du am Ende oder im fortgeschrittenen Alter fragst: Warum habe ich das nicht einfach so gemacht, wie ich es mir vorgestellt habe? Welche unausgesprochenen Ziele hast du vielleicht, Dinge, die dich begeistern, aber im Alltag keinen Platz finden? Es heißt: Der Mensch, der keine eigenen Ziele hat, arbeitet für die von anderen. Für mich war es immer der große Wunsch, mich beruflich selbstständig zu machen – ich bin relativ jung, aber damals stand ich vor der Entscheidung: Soll ich es machen, ja oder nein? Und ich merkte: Worauf warte ich? Das ist nur Angst. Also los, was soll schon passieren? Hätte ich diesen Schritt nie gemacht, hätte ich es wahrscheinlich bereut. Ich habe ihn sehr früh gemacht.
Wenn du etwas im Hinterkopf hast, kann ich dich nur ermutigen. Das hängt viel mit dem Bedürfnis nach Harmonie und sozialer Zugehörigkeit zusammen – wir sind tief darauf veranlagt, und sich davon freizumachen ist schwer. Aber es lohnt sich, sich überhaupt erst einmal mit dieser Frage auseinanderzusetzen und sie nicht zu ignorieren. Vielen älteren Menschen, mit denen Bronnie Ware gesprochen hat, fiel das noch schwerer; das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung war damals längst nicht so präsent wie heute. Trotzdem kenne ich genug Leute, die sagen: Eigentlich würde ich mich gerne selbstständig machen, aber ich traue mich nicht. Sorge dafür, dass du am Ende nicht sagst: Hätte ich das mal gemacht.
Punkt zwei: Ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet. Das ist ein ganz wichtiger Punkt, gerade in einem Podcast, in dem es viel um Karriere und Entwicklung geht – wie werde ich Führungskraft, wie werde ich Geschäftsführer. Da könnte man meinen, viel Arbeit sei der Schlüssel. Was ich immer wieder sage: Mit harter Arbeit schlägst du niemanden – es geht darum, smart zu arbeiten. Genau das ist der Sinn dieses Podcasts: Themen bewusster anzugehen, damit du nicht alles auf harte Arbeit zurückführen musst. Ich habe oft über die stillen Performer gesprochen, die enorm gute Arbeit leisten, aber nicht gesehen werden, weil ihnen die Sichtbarkeit fehlt. Du kannst noch so hart arbeiten und am Ende bereuen, dass es sich gar nicht gelohnt hat.
Bronnie Ware hat die Erfahrung gemacht, dass fast alle Männer, mit denen sie zu tun hatte, sagten: Ich habe zu viel gearbeitet, und das bereue ich. Sie hatten zu wenig gelebt, weil sie Angst hatten, nicht genug Geld zu verdienen oder sich Karrierechancen zu verbauen. Viele haben die Jugend ihrer Kinder verpasst – der Klassiker. Eine wichtige Frage ist: Wie viel ist wirklich genug? Ist mehr immer besser, oder kann man auch hier infrage stellen, ob höher, schneller, weiter der richtige Weg ist? Es besteht die Gefahr, dass man irgendwann merkt: Warum tu ich mir 60-Stunden-Wochen eigentlich an? Greg McKeown beschreibt das in „Essentialismus“ sehr stark: Alles ist ein Trade-off. Wenn du Vollgas auf deine Karriere gibst und alles dort investierst, nimmst du automatisch Zeit und Energie für andere Dinge weg. Es liegt nicht immer auf der Hand, welche Dinge das sind, aber es ist ein Fakt – du musst entscheiden, wo und wie du deine Energie und Zeit investierst. Harte Arbeit ist nicht die Lösung, smarte Arbeit ist es.
Punkt drei: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Der Kontext ist wichtig: Bronnie Ware hat unter anderem mit Menschen aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs gesprochen. Damals war es, gerade bei Männern, üblich, Gefühle zu unterdrücken; über Gefühle, Sorgen oder Bedenken zu sprechen, war alles andere als selbstverständlich. Unabhängig davon wird das bis heute bereut. Auch ich erkenne bei mir dieses Harmoniebedürfnis – wir sind soziale Wesen, und dieses Bedürfnis steht oft dem entgegen, wirklich zu sagen, was man denkt. Ein Mensch sagte: „Ich hätte mir gewünscht, dass meine Familie mich wirklich gekannt hätte.“ Das ist ein krasses Indiz dafür, dass man seinen Gefühlen keinen Ausdruck verleiht und das Gefühl hat, andere verstehen einen nicht. Gerade für introvertiert veranlagte Persönlichkeiten, denen viel durch den Kopf geht, ist es eine Hürde, die eigenen Gefühle preiszugeben. Das ist ein Punkt, an dem ich selbst arbeiten möchte und an dem viele besser werden können – durch Übung.
Punkt vier: Ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten. Wenn man Vater oder Mutter wird, ist offensichtlich, dass man die Familie zur Priorität macht. Aber das Thema Freundschaft geht im Alltag oft unter. Viele Patienten bedauerten, nicht genügend Zeit in ihre Freundschaften investiert zu haben. Mir ist oft gar nicht bewusst, wie viel Zeit ich wirklich investiere. Ich habe einige Folgen zu Sichtbarkeit, Networking und Beziehungsaufbau gemacht. Es gibt keine klare Grenze; viele sagen, sie hätten ein privates und ein berufliches Ich. Im Idealfall sind diese beiden Persönlichkeiten deckungsgleich, sodass du auch im Berufsleben authentisch und nahbar bist. Jim Collins hat sinngemäß gesagt: Egal, was du erreichst – nur wenn du diese Erfolge wirklich mit Freunden teilen kannst, lebst du ein großartiges Leben.
Gerade das Thema Homeoffice kann hier eine Rolle spielen. Eine Führungskraft hat mir erzählt, dass introvertiert veranlagte Menschen im Homeoffice plötzlich Schwierigkeiten haben, sich auszutauschen, weil ihnen der Schritt, auf andere zuzugehen, schwerer fällt. Im Büroalltag ist es viel leichter, mal Smalltalk zu halten. Nimm dir fest vor, Zeit für Freundschaftspflege und Beziehungsaufbau einzuplanen und auch neue Leute kennenzulernen. Schau dir an: Wie viel Zeit hast du letzte Woche dafür investiert? Wenn es kaum etwas war, hast du ein Thema.
Ein verwandter Punkt aus meiner Vergangenheit: intellektuelle Einsamkeit. Wenn dir Lernen und persönliche wie berufliche Entwicklung Spaß machen, wirst du das Bedürfnis haben, dich mit anderen darüber auszutauschen und Erkenntnisse zu teilen. Bei mir war das Problem: Ich hatte genau dieses Bedürfnis, aber niemanden, mit dem ich mich austauschen konnte. Diese Sehnsucht nach Gleichgesinnten war enorm. Das passiert vielen, die in diese Welt einsteigen und merken, wie spannend es ist, sich bewusst mit Entwicklung auseinanderzusetzen. Dann braucht es die Kompetenz, smartes, modernes Networking aufzubauen und sich Gleichgesinnte zu suchen. Hinter dem vierten Punkt steckt also mehr als nur Kontakt halten: Es geht darum, Gewohnheiten zu haben, dieses Thema ernst zu nehmen, aktiv neue Freundschaften aufzubauen und die Grenze zwischen privat und beruflich nicht zu stark zu ziehen. Im besten Fall sind Menschen aus deinem Berufsleben auch gute Freunde. Familie gibt Sicherheit, aber Freundschaft ist, wie Collins sagt, das, was ein großartiges Leben erst möglich macht.
Punkt fünf, der letzte: Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude gegönnt. Im Original: „I wish that I had let myself be happier.“ Ich habe gerade eine kleine Übung gemacht: gedanklich die bisherigen Erfolge auflisten, privat und beruflich. Das fällt den meisten gar nicht so leicht. Was auf der Hand liegt, sind meist Studienabschlüsse, Beförderungen und Ähnliches – klare Meilensteine. Aber wir genießen, feiern und nehmen diese Momente viel zu selten wirklich wahr. Ein Teilnehmer sagte, das sei etwas, das man üben kann und wofür oft das Bewusstsein fehlt. Das hängt damit zusammen, wie kritisch wir uns selbst betrachten. Viele sagen: Das ist gar kein Erfolg, das ist selbstverständlich. Genau wie eine Führungskraft denken kann, gute Arbeit sei selbstverständlich und müsse nicht gelobt werden. Dabei pusht es ungemein, wenn dir jemand sagt: Hey, guter Job, das hast du genial gemacht. Sich dieses Feedback auch selbst zu erlauben, ist wichtig.
Vorherrschend ist oft das „Wenn-dann“-Denken, das ergebnisorientierte Denken: Wenn ich Führungskraft bin, dann bin ich glücklich; wenn ich meinen Abschluss habe, dann bin ich glücklich. Das ist nicht zielführend, gerade beim Thema Glück und Zufriedenheit. Es gibt die schöne Formel: Happiness = Reality minus Expectations. Deine Zufriedenheit ist die Realität abzüglich deiner Erwartungen. Wenn du deine Erwartungen zu hoch setzt, kann die Situation noch so toll sein – du bist trotzdem nicht zufrieden. Es geht also um Erwartungsmanagement und darum, sich selbst zu erlauben, glücklich und zufrieden zu sein, statt in das Wenn-dann-Denken zu verfallen.
Die Grunderkenntnis dieser Person: Glücklich und zufrieden zu sein ist keine Frage der Umstände, sondern eine Entscheidung. Es muss kein Umstand eintreffen, damit du glücklich sein kannst. Viktor Frankl hat dazu ein starkes Buch geschrieben. Er war eine Zeit lang im Konzentrationslager und hat viel Leid erfahren. Seine Erkenntnis: Am Ende konnten sie ihm alles nehmen, aber nicht die Entscheidung, wie er reagiert – ob mit Hass, neutral oder anders. Egal in welcher Situation du steckst, egal wie deine Umstände sind: Verfall nicht in ergebnisorientiertes Denken, sondern triff die Entscheidung selbst. Das ist ein schwammiges Thema, und genau das ist die Gefahr – viele verneinen es, weil es schnell in die Ecke der Spiritualität rückt, Stichworte Dankbarkeit und Meditation. Aber es gibt sehr gute Bücher dazu, etwa von einem der ersten Google-Mitarbeiter, der das Thema sehr wissenschaftlich betrachtet. Die Quintessenz: Es gibt Gewohnheiten und Denkweisen, die dazu führen, dass deine äußeren Umstände irrelevant werden – es geht um deine Entscheidung. Wie sie sagt: Ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude erlaubt. Letztlich geht es darum, das unabhängig von den Umständen zu tun und einfach mal zufrieden zu sein mit dem, was man hat. Einfach gesagt, aber ein ganz wichtiger Punkt.
Zusammengefasst die fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen: Erstens – ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mir selbst treu zu bleiben, statt so zu leben, wie andere es von mir erwarten. Zweitens – ich wünschte, ich hätte nicht so viel gearbeitet. Drittens – ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, meinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Viertens – ich wünschte, ich hätte den Kontakt zu meinen Freunden gehalten. Und fünftens – ich wünschte, ich hätte mir mehr Freude erlaubt und wäre zufriedener gewesen. Ich hoffe, du konntest einige Impulse mitnehmen. Es war ein bisschen weicher als sonst – viel Reflexionsmaterial, über das man diskutieren kann und das keine messerscharfen Antworten bietet, aber die eigene Perspektive schärft. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.