In den letzten Jahren habe ich mit vielen Geschäftsführern zusammengearbeitet und selbst reichlich Erfahrung in dieser Rolle gesammelt. In dieser Folge gebe ich dir vier Ideen mit, die wichtig sind und die die meisten am Anfang unterschätzen.
Wenn du das Ziel hast, Geschäftsführer zu werden oder mehr Führungsverantwortung zu übernehmen, dann sind das vier Wahrheiten, auf die dich niemand vorbereitet. Sie klingen unbequem, aber sie machen dich gelassener und besser.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Chaos ist normal. Jedes Unternehmen ist ein halbwegs funktionierendes Chaos, einige sind dabei profitabel. Größe und Erfolg ändern daran nichts. Reduziere deine Erwartungen.
- Sei konstruktiv statt zu jammern. Jammern ist eine miserable Strategie. Setze deine Energie auf deinen Circle of Influence: was du tust, sagst und denkst.
- Stelle dich der Unsicherheit. Wer auf vollständige Informationen wartet, entscheidet zu spät. Timing schlägt Vollständigkeit. Entscheiden unter Unsicherheit ist strategische Arbeit.
- Wähle deine Ratgeber selektiv. Wenn du die falsche Entscheidung treffen willst, frag jeden. Baue dir bewusst einen kleinen Kreis echter Ratgeber auf.
- Schütze dein Privatleben. Die Hypersensibilität für Probleme macht dich beruflich erfolgreich, aber privat unglücklich, wenn du sie mit nach Hause nimmst.
Vier Wahrheiten für angehende Geschäftsführer im Detail
Erste Wahrheit: Chaos ist normal. Jedes Unternehmen ist ein halbwegs funktionierendes Chaos, und einige sind dabei profitabel. Jeder, der schon einmal gegründet hat oder ein Unternehmen führt, weiß das. Größe und Erfolg ändern daran nichts. Unternehmen sind hochgradig dysfunktional, weil sie aus Menschen bestehen, und Menschen sind widersprüchlich und chaotisch. In Gruppen verstärkt sich das noch. Gerade Ingenieure haben am Anfang den Drang, alles zu strukturieren und zu optimieren, bis irgendwann kein Chaos mehr da ist. Diese Idealvorstellung ist weit weg von der Realität. Reduziere deine Erwartungen. Ein perfektes Unternehmen gibt es nicht. Überspitzt gesagt: Erfolg bedeutet, mit dauerhafter Unzufriedenheit zu arbeiten, unterbrochen von kurzen Momenten echter Zufriedenheit, wenn etwas besonders gut gelungen ist. Viele haben unrealistische Erwartungen, weil Erfolgsgeschichten nur das Ergebnis zeigen, nie den Weg. Ob Apple, Konzern oder Hidden Champion: Auch dort herrscht viel Chaos. Deine Erwartungen sollten mit der Realität übereinstimmen, nicht mit einer Fantasiewelt.
Zweite Wahrheit: Sei konstruktiv, statt zu jammern. Das ist eine harte, aber wertvolle Unternehmerlogik. Probleme zu erkennen ist wichtig, aber die Haltung „die Welt sollte anders sein“ ändert nichts. Verschwende deine Energie nicht mit Jammern, sondern frag dich, wie du innerhalb dieser Realität erfolgreich handeln kannst. Ein zentrales Konzept ist der Circle of Influence von Stephen Covey aus „Die 7 Wege zur Effektivität“, der ursprünglich aus der stoischen Philosophie stammt. Beeinflussen kannst du immer nur, was du tust, sagst und denkst. Nicht beeinflussen kannst du, was andere tun, sagen und denken. Setze deine Energie dort ein, wo du wirklich etwas bewirken kannst. Der Gründer von dm nennt das konstruktive Unzufriedenheit: unzufrieden mit dem Status quo zu sein und daraus Veränderung zu machen, statt in den Jammer-Modus zu verfallen. Diese konstruktive Unzufriedenheit ist eine sehr wertvolle Eigenschaft guter Geschäftsführer und Führungskräfte.
Dritte Wahrheit: Stelle dich der Unsicherheit. Die erfolgreichsten Menschen, die ich kenne, können eine Sache besonders gut: Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen treffen. Wer auf vollständige Informationen wartet, entscheidet zu spät. Zeit und Timing sind der entscheidende Faktor, nicht die Menge an Informationen. Je mehr Führungsverantwortung du übernimmst, desto wichtiger wird dieser Entscheidungsmuskel. In den ersten Berufsjahren musst du selten harte Entscheidungen mit echten Konsequenzen treffen. Erst mit echter Verantwortung merkst du, wie viel Unsicherheit dazugehört. Mit dieser Unsicherheit kommt der Wunsch nach Feedback und Sparring. Und hier machen viele einen Fehler: Wenn du die falsche Entscheidung treffen willst, frag jeden. Nur weil jemand deine Idee gut findet, hat er noch lange nicht die Expertise, ein guter Ratgeber zu sein. Sei selektiv. Ein schöner Satz dazu: Die meisten akzeptieren eher Unzufriedenheit als Unsicherheit. Deshalb bleiben viele lieber im ungeliebten Job, als sich dem nächsten Schritt zu stellen. Strategische Arbeit heißt, an der Vorfront des Unternehmens in die Zukunft zu blicken, Annahmen und Hypothesen zu treffen, ohne in die Glaskugel schauen zu können. Eine Vision zu kreieren ist hochgradig unsicher. Das kann man lernen. Instrumente wie eine Growth Community oder ein persönliches Personal Board of Directors, über die ich auch in „No Zero Days“ spreche, helfen dir, dieser Unsicherheit mit dem richtigen Umfeld zu begegnen.
Vierte Wahrheit: Schütze dein Privatleben. Die Fähigkeit, hypersensibel für Probleme zu sein, macht dich beruflich erfolgreich. Konstruktive Unzufriedenheit bringt Resultate. Doch sie raubt dir die innere Gelassenheit, wenn du sie mit nach Hause nimmst. Unglück entsteht, wenn du überall nur noch Probleme siehst. Im Business geht es um Problemerkennung und Problemlösung. Das Leben dagegen bedeutet, viele Probleme und Herausforderungen zu akzeptieren und zu managen, statt jedes einzelne lösen zu wollen. Verwechselst du beides, wirst du vielleicht vermögend, aber unglücklich. Genau das ist das typische Phänomen von High Performern: beruflich erfolgreich und trotzdem latent unzufrieden. Eine wichtige Aufgabe mit mehr Führungsverantwortung ist deshalb, dein Privatleben aktiv davor zu schützen. Das fällt den meisten schwer und führt zu Hause immer wieder zu Konflikten. Erfolg bedeutet nicht nur, viel zu erreichen und zu verdienen. Erfolg bedeutet, begeistert zur Arbeit zu gehen und begeistert nach Hause zu kommen.
Wie du überhaupt in diese Rolle kommst, zeigt die Folge Geschäftsführer werden. Warum das Entscheiden mit unvollständigen Informationen so zentral ist, vertieft Entscheidungen unter Unsicherheit. Und wie du den strategischen Muskel im Alltag stärkst, hörst du in strategische Führung im Mittelstand.
Häufige Fragen zu den Herausforderungen als Geschäftsführer
Was sind die größten Herausforderungen als Geschäftsführer? Vier Punkte werden besonders unterschätzt: das dauerhafte Chaos in jedem Unternehmen, der Umgang mit Problemen ohne zu jammern, das Entscheiden unter Unsicherheit und der Schutz des eigenen Privatlebens vor der beruflichen Problemfixierung.
Ist es normal, dass in einem Unternehmen ständig Chaos herrscht? Ja. Jedes Unternehmen ist ein halbwegs funktionierendes Chaos, unabhängig von Größe und Erfolg. Unternehmen bestehen aus Menschen, und Menschen sind widersprüchlich und chaotisch. Wer das akzeptiert, arbeitet mit realistischen Erwartungen statt gegen eine Fantasiewelt.
Wie trifft man als Geschäftsführer Entscheidungen unter Unsicherheit? Indem man auf Basis unvollständiger Informationen entscheidet, statt auf vollständige Daten zu warten. Timing schlägt Vollständigkeit. Wichtig ist ein kleiner, selektiver Kreis echter Ratgeber, denn wer jeden fragt, trifft eher die falsche Entscheidung.
Warum kann beruflicher Erfolg unglücklich machen? Weil die konstruktive Unzufriedenheit, die dich im Business erfolgreich macht, dir privat die Gelassenheit raubt, wenn du überall nur noch Probleme siehst. Business ist Problemlösung, das Leben ist Problemakzeptanz. Wer beides verwechselt, wird vielleicht vermögend, aber unzufrieden.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- Tim Schmaddebeck – No Zero Days: Instrumente wie Growth Community und Personal Board of Directors, um Unsicherheit mit dem richtigen Umfeld zu begegnen.
- Stephen Covey – Die 7 Wege zur Effektivität: der Circle of Influence als Werkzeug, um Energie auf das zu lenken, was du wirklich beeinflussen kannst.
Weitere Titel dazu findest du in meinen Buchempfehlungen zur Unternehmensführung.
Diese Folge gehört zum Thema Business.
Transkript
In den letzten Jahren habe ich mit einigen Geschäftsführern zusammengearbeitet und selbst natürlich auch eine ganze Menge Erfahrung als Geschäftsführer gesammelt. In dieser Folge möchte ich dir vier kurze Ideen mitgeben, wenn du auch das Ziel hast, Geschäftsführer zu werden. Vier Ideen, die wichtig sind und die die meisten am Anfang unterschätzen.
Idee Nummer 1: Jedes Unternehmen ist ein halbwegs funktionierendes Chaos, und einige sind dabei profitabel. Jeder, der schon einmal gegründet hat, der Geschäftsführer war oder heute ein Unternehmen führt, weiß ganz genau, wie das abläuft. Größe und auch Erfolg ändern daran überhaupt nichts. Unternehmen sind hochgradig dysfunktional. Das ist nichts Außergewöhnliches, das ist die Normalität. Ich spreche mit so vielen Geschäftsführern und so vielen Ingenieuren, und es ist spannend zu sehen: Für Geschäftsführer ist das in der Regel normal. Sie wissen, dass es so ist. That’s life in der Geschäftsführung. Ingenieure haben dagegen gerade am Anfang ihres Berufslebens oft den Drang, etwas zu strukturieren, zu optimieren, zu verbessern, mit der Idealvorstellung, dass es irgendwann kein Chaos und keine Probleme mehr gibt. Das ist weit weg von der Realität.
Warum? Unternehmen bestehen aus Menschen, und Menschen sind widersprüchlich und chaotisch. Gerade wenn mehrere Menschen zusammenkommen, in Gruppen, verstärkt sich das noch. Wenn du also Geschäftsführer werden oder generell Führungsverantwortung übernehmen und in den höheren Führungskreis kommen möchtest: Reduziere deine Erwartungen. Es geht nicht um Perfektion. Ein perfektes Unternehmen gibt es nicht. Chaos, Krisen und Probleme sind vollkommen normal. Du brauchst dich darüber nicht zu ärgern.
Im Umkehrschluss, ein bisschen überspitzt gesagt: Erfolg bedeutet, mit dauerhafter Unzufriedenheit zu arbeiten, unterbrochen von kurzen Momenten echter Zufriedenheit, wenn etwas besonders gut gelungen ist. Mach dich darauf gefasst. Es wird immer Chaos geben, es wird immer Krisen geben, es wird immer Probleme geben. Diese dauerhafte Unzufriedenheit, dieser dauerhafte Struggle ist vollkommen normal. Es gibt keinen Gründer und keinen Geschäftsführer, mit dem ich je gesprochen habe, bei dem das nicht so ist. Auch der Gedanke, es gäbe andere Unternehmen, die besser funktionieren und kein Chaos haben, ist weit weg von der Realität.
Das erlebe ich sehr häufig, wenn ich mit Ingenieuren am Anfang ihres Berufslebens spreche. Dann haben sie noch diese Idealvorstellung: Bei uns im Unternehmen herrscht viel Chaos, wir machen anscheinend irgendetwas falsch. Nein, da passiert nichts falsch, das ist normal. Jedes Unternehmen ist so. Viele haben unrealistische Erwartungen, weil Erfolgsgeschichten nur das Ergebnis zeigen, nie den Weg. Wenn du von Unternehmen wie Apple und Co. oder von Hidden Champions hörst: Ich versichere dir, auch dort herrscht viel Chaos, viele Probleme, viele Krisen. Das ist Dauerzustand. Viele sind frustriert, wenn sie in ein neues Unternehmen oder eine neue Führungsrolle kommen und mit diesen dauerhaften Problemen konfrontiert sind. Gerade wenn du eine Geschäftsführerrolle übernimmst: Das ist normal. Reduziere deine Erwartungen, oder anders ausgedrückt: Deine Erwartungen sollten mit der Realität übereinstimmen und nicht mit einer Fantasiewelt, die es in der Realität nicht gibt. Das ist Idee Nummer 1: Chaos ist normal, und das erlebst du besonders stark, wenn du in die Geschäftsführung kommst.
Idee Nummer 2 ist eine harte, aber sehr wertvolle Unternehmerlogik: Jammern ist eine miserable Strategie. Probleme zu erkennen ist wichtig, aber eine Haltung nach dem Motto „die Welt sollte anders sein“ ändert überhaupt nichts. Wenn du erfolgreich sein willst, verschwende deine Energie nicht mit Jammern, sondern frag dich, wie du etwas ändern kannst. Statt zu wünschen, die Welt wäre anders, fragen sich erfolgreiche Ingenieure: Wie kann ich in dieser Welt erfolgreich handeln?
Ich habe erst kürzlich im wöchentlichen Mentor-Call über den Circle of Influence von Stephen Covey gesprochen. Das ist ein sehr wichtiges Konzept, über das ich in diesem Podcast schon einige Male gesprochen habe. Es stammt aus seinem Buch „Die 7 Wege zur Effektivität“, ursprünglich aus der stoischen Philosophie. Der Grundgedanke wird umso wichtiger, je mehr Chaos und Probleme du um dich herum hast. Beeinflussen kannst du immer nur, was du tust, was du sagst und was du denkst. Nicht beeinflussen kannst du, was andere tun, sagen und denken. Setze deine Energie also dort ein, wo du wirklich etwas bewirken kannst.
In so einem Umfeld gibt es immer wieder Menschen, die vom ständigen Chaos, den Problemen und dem Struggle genervt sind. Dann zählt nur der Fokus auf deinen Circle of Influence, auf den Kreis, den du beeinflussen kannst. Covey unterscheidet zwischen dem Circle of Influence, den du kontrollieren kannst, und dem Circle of Concern. Den Fokus auf die richtigen Dinge zu bewahren ist entscheidend. Der Gründer von dm spricht in diesem Zusammenhang von konstruktiver Unzufriedenheit. Konstruktive Unzufriedenheit ist eine Fähigkeit, die gerade in der Geschäftsführung extrem wertvoll ist. Unzufrieden zu sein mit dem Status quo ist nichts Problematisches, im Gegenteil: Es gibt viele Probleme, und darauf unzufrieden zu reagieren heißt erst einmal nur, dass man etwas verändern und optimieren möchte. Das ist prinzipiell gut. Wichtig ist nur, keine destruktive Unzufriedenheit im Jammer-Modus zu verfolgen, sondern konstruktive Unzufriedenheit. Das ist eine sehr wertvolle Eigenschaft guter Geschäftsführer und Führungskräfte.
Idee Nummer 3: Stelle dich der Unsicherheit. Die erfolgreichsten Menschen, die ich in diesem Kontext kenne, können eine Sache besonders gut: Sie können Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen treffen. Wer auf vollständige Informationen wartet, entscheidet immer zu spät. Timing ist ein wichtiger Faktor. Zeit ist entscheidend, nicht immer die Informationen. Das lernst du, wenn du in so eine Rolle kommst und mehr Verantwortung trägst: Du musst eigentlich den ganzen Tag nur Entscheidungen treffen, ohne alle Informationen zu haben. Das ist eine Entscheidung unter Unsicherheit. Je mehr Führungsverantwortung du übernimmst, desto wichtiger wird dieser Entscheidungsmuskel, also die Fähigkeit, mit unvollständigen Informationen zu entscheiden.
Die meisten werden in den ersten Berufsjahren damit gar nicht richtig konfrontiert. Sie müssen keine wirklich harten Entscheidungen mit realen Konsequenzen treffen. Erst wenn du echte Führungsverantwortung übernimmst, merkst du, wie viel Unsicherheit dazugehört. Mit dieser Unsicherheit geht oft der Wunsch nach Feedback, Austausch und Sparring einher. Viele Ingenieure und Führungskräfte sind genau in dieser Situation und haben das Gefühl, mit so viel Unsicherheit und Struggle konfrontiert zu sein und niemanden zum Austauschen zu haben.
Ein wichtiger Satz an dieser Stelle: Wenn du die falsche Entscheidung treffen willst, frag jeden. Das ist eine große Gefahr in Phasen, in denen du viel Unsicherheit spürst. Dann hast du das Verlangen, mit Menschen zu sprechen und Feedback zu holen, und viele machen den Fehler, in Anführungsstrichen jeden zu fragen. Sie fragen nicht objektiv, sondern einfach die falschen Leute. Nur weil dir jemand sagt, das klinge nach einer guten Idee, gibt dir das vielleicht ein gutes Gefühl, heißt aber noch lange nicht, dass diese Person die Expertise hat und wirklich ein guter Ratgeber ist. Wenn du die falsche Entscheidung treffen willst, frag jeden. Sei also selektiv.
Ich habe einmal einen schönen Satz gelesen: Die meisten akzeptieren eher Unzufriedenheit als Unsicherheit. Das ist Normalität. Die meisten bleiben lieber unzufrieden in ihrem Job, als zu kündigen und sich der Unsicherheit für den nächsten Schritt zu stellen. Das Gleiche gilt für die Geschäftsführung und höhere Führungsrollen. Du bist ständig mit Unsicherheit und Entscheidungen konfrontiert. Das ist strategisches Arbeiten: an der Vorfront des Unternehmens zu stehen, in die Zukunft zu blicken und nicht zu wissen, wie es weitergeht. Du weißt nicht, welche Entscheidungen sich als gut und welche sich als schlecht herausstellen. Eine Vision zu kreieren ist hochgradig unsicher, weil du viele Annahmen und Hypothesen über die Zukunft treffen musst. Keiner kann in die Glaskugel schauen. Genau das ist der strategische Muskel: der Umgang mit Unsicherheit und das Verlängern des Zeithorizonts in die Zukunft. Damit können die meisten am Anfang ihres Berufslebens nicht umgehen. Sie wollen strategisch arbeiten, sind dann aber in so einer Rolle maßlos überfordert, weil sie unterschätzen, wie es sich anfühlt, dauerhaft keine Information zu haben und mit dauerhafter Unsicherheit konfrontiert zu sein.
Stell dir vor, du würdest jetzt einfach deinen Job kündigen und wüsstest nicht, was als Nächstes kommt. Für einige ist das unvorstellbar, sie wünschen sich sehr hohe Sicherheit und Stabilität. Dann ist die Geschäftsführung wahrscheinlich eher nichts für dich, weil dort Chaos, Veränderung und Probleme an der Tagesordnung sind. Unsicherheit ist vollkommen normal, und das ist kein Problem, denn man kann es lernen. Die meisten Menschen, mich eingeschlossen, kommen aus einer Welt sicherer, klar prognostizierbarer Pfade: vom Elternhaus über die Schule bis zum Studium. Erst im Berufsleben kommen die meisten mit einer gewissen Unsicherheit in Berührung, etwa wenn sie sich fragen, was ihr nächster Schritt ist und sie nicht gefördert werden. In der Geschäftsführung ist das Ganze noch einmal um ein Vielfaches größer. Wenn du ein größeres Unternehmen führst, gibt es massive Unsicherheit. Das ist nicht zwangsläufig ein Problem, du musst dich nur mental darauf vorbereiten und die richtige Erwartungshaltung haben. Man kann das lernen. Eine Growth Community oder ein Personal Board of Directors sind Instrumente, über die ich auch in „No Zero Days“ spreche und mit denen man dieser Unsicherheit entgegenwirken kann. Mit dem richtigen Umfeld an Gleichgesinnten zusammenzuarbeiten ist ein wichtiger Punkt. Stelle dich der Unsicherheit, und wenn du Verantwortung übernehmen möchtest, sei gedanklich darauf vorbereitet, dass sie kommt.
Der letzte Punkt ist sehr wichtig. Idee Nummer 4: Die Fähigkeit, hypersensibel für Probleme zu sein, macht dich beruflich erfolgreich. Konstruktive Unzufriedenheit bringt Resultate. Doch jetzt kommt der Gegenpol: Sie raubt dir innere Gelassenheit, wenn du sie mit nach Hause nimmst. Unglück entsteht, wenn du überall nur noch Probleme siehst. Im Business ist dieser Fokus auf Probleme wichtig, ständig verbessern zu wollen und konstruktiv unzufrieden zu sein. Im Privatleben ist das maßlos gefährlich. Business bedeutet Problemerkennung. Leben bedeutet, Probleme zu akzeptieren. Es geht nicht darum, jedes Problem zu lösen, denn das Leben ist kein Problem, das man lösen muss, sondern es hat viele Probleme und Herausforderungen, die man managen muss. Verwechselst du beides, wirst du vielleicht vermögend, aber auch unglücklich.
Das ist das typische Phänomen: Man kommt in die Geschäftsführung oder in höhere Führungsrollen, wird dadurch sehr stark in konstruktiver Unzufriedenheit und löst so dauerhaft Probleme im Unternehmen. Das ist eine gute Eigenschaft, kann aber sehr gefährlich sein, wenn du sie ins Privatleben mitträgst. Eine wichtige Aufgabe mit mehr Führungsverantwortung ist es deshalb, dein Privatleben davor zu schützen. Das fällt den meisten nicht leicht, und es kommt immer wieder zu Konflikten zu Hause, weil diese konstruktive Unzufriedenheit dir keine Gelassenheit, keine innere Ruhe und keine Zufriedenheit im Leben bringt. Sie mag dich zu beruflichem Erfolg und Vermögen bringen, aber im Zweifel macht sie dich unglücklich. Das ist ein zweischneidiges Schwert, bei dem man aufpassen muss. Im Privaten kann es sehr gefährlich sein, und das unterschätzen die meisten. Sie sagen: Ich bin jetzt beruflich erfolgreich, lerne viel, wieso bin ich plötzlich so unzufrieden, wo kommt diese grundsätzliche Unzufriedenheit her? Wie ich anfangs überspitzt gesagt habe: Erfolg bedeutet, mit dauerhafter Unzufriedenheit zu arbeiten, unterbrochen von kurzen Momenten echter Zufriedenheit, wenn etwas besonders gut gelungen ist. Das ist typisch für High Performer: Sie sind beruflich erfolgreich und entwickeln irgendwann eine latente Unzufriedenheit. Wer ständig im beruflichen Kontext Gas gibt, lernt diese Eigenschaft, und sie bringt dir gleichzeitig Unzufriedenheit zu Hause. Das muss man entsprechend managen. Erfolg bedeutet, begeistert zur Arbeit zu gehen und begeistert nach Hause zu kommen. Das ist das Ziel. Denn es ist kein erfolgreiches Leben, wenn du beruflich erfolgreich bist und viel Geld verdienst, privat aber vielleicht allein bist und dich dauerhaft unzufrieden fühlst. Das bringt niemandem etwas. Das ist nicht meine Definition von Erfolg.
Ich fasse noch einmal zusammen. Idee Nummer 1: Chaos ist normal. Wenn du Führungsverantwortung übernimmst, solltest du deine Erwartungen anpassen. Jedes Unternehmen ist ein halbwegs funktionierendes Chaos, und einige sind dabei profitabel. Größe und Erfolg ändern daran nichts, egal ob Konzern oder Startup. Unternehmen sind hochgradig dysfunktional, einfach weil Menschen darin arbeiten. Menschen sind chaotisch und widersprüchlich, und gerade in Gruppen verstärkt sich das. Ein perfektes Unternehmen gibt es nicht. Chaos, Krisen und Probleme sind normal. Erfolg bedeutet, mit dauerhafter Unzufriedenheit zu arbeiten, unterbrochen von kurzen Momenten echter Zufriedenheit. Wenn ich mit Gründern, Unternehmern und Geschäftsführern spreche, müssen die bei so einem Satz immer schmunzeln, weil sie genau wissen, dass es die Realität ist. Viele haben unrealistische Erwartungen, weil Erfolgsgeschichten, etwa Silicon-Valley-Stories, immer nur das Ergebnis zeigen und nie den Weg und die Alltagsrealität.
Idee Nummer 2: Sei konstruktiv. Jammern ist eine miserable Strategie. Probleme zu erkennen ist wichtig, aber die Haltung „die Welt sollte anders sein“ ändert nichts. Verschwende deine Energie nicht mit Jammern, sondern mit der Frage, wie du innerhalb der Realität erfolgreich handeln kannst. Ich habe über den Circle of Influence von Stephen Covey gesprochen: Was kann ich beeinflussen, worüber habe ich Kontrolle, und was nicht? Setze deinen Fokus auf die Dinge, wo du wirklich etwas bewegen kannst, also auf das, was du tust, sagst und denkst. Wenn in Hamburg das Schneechaos ausbricht, kann ich daran nichts ändern, und Jammern bringt nichts. Das Gleiche gilt beruflich: Wenn Krisen kommen, sich der Markt ändert oder neue Tools deine Positionierung angreifen, musst du reagieren. Zu sagen „früher war alles besser“ hilft dir nicht. Stell dich mit konstruktiver Unzufriedenheit der Realität.
Idee Nummer 3: Stelle dich der Unsicherheit. Je mehr strategische Verantwortung du übernimmst, desto mehr bist du mit Unsicherheit konfrontiert. Die erfolgreichsten Menschen, die ich kenne, können Entscheidungen auf Basis unvollständiger Informationen treffen. Wer auf vollständige Informationen wartet, entscheidet zu spät. Zeit und Timing sind wichtiger als Informationen. Es gibt den schönen Unterschied zwischen Maximizern und Satisficern. Maximizer versuchen, die optimale Entscheidung zu treffen, sind meist unzufrieden, suchen endlos Optionen und Informationen und prokrastinieren die Entscheidung. Satisficer treffen schnelle Entscheidungen und suchen sich nur die nötigen Informationen zusammen. Wenn du die falsche Entscheidung treffen willst, frag jeden. Wichtig ist deshalb: Wer sind deine Ratgeber, und wie gehst du mit Unsicherheit um? Baue dir einen entsprechenden Kreis an Ratgebern auf.
Der letzte Punkt: Schütze dein Privatleben. Die Fähigkeit, hypersensibel für Probleme zu sein, macht dich im Business und gerade in der Geschäftsführung erfolgreich. Konstruktive Unzufriedenheit bringt Resultate, aber sie raubt dir innere Gelassenheit und Ruhe, wenn du sie mit ins Privatleben nimmst. Unglück entsteht, wenn du überall nur noch Probleme siehst. Im Business ist konstruktive Unzufriedenheit das Alltagsgeschäft und wichtig. Im Privatleben ist sie gefährlich. Business besteht aus Problemerkennung und Problemlösung, das ist ein Teil deiner Aufgabe als Führungskraft. Im Leben ist das kontraproduktiv, weil es die innere Ruhe raubt. Verwechselst du beides, wirst du im schlechtesten Fall vermögend und erfolgreich im Business, aber sehr unzufrieden. Das ist nicht das Ziel. Erfolg bedeutet, begeistert zur Arbeit zu gehen und begeistert nach Hause zu kommen. Das war es für diese Folge. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.