Wer ambitioniert ist, erlebt im Berufsleben zwangsläufig nicht nur gute Momente, sondern auch Rückschläge. Verpasste Chancen, Absagen, Fehler, Pech. Das gehört dazu.
Aus der Arbeit mit Hunderten ambitionierten Ingenieuren lässt sich eines lernen: Wer aus etwas Negativem etwas Positives gewinnen kann, ist nicht nur ausgeglichener und zufriedener, sondern in der Regel auch erfolgreicher. Diese Folge zeigt dir mit einer alten Fabel und drei wahren Geschichten, warum ein Rückschlag oft das Beste sein kann, was dir je passiert ist.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Wer aus Negativem Positives macht, ist erfolgreicher. Der Umgang mit Rückschlägen entscheidet mehr über deinen Weg als der Rückschlag selbst.
- „Wer weiß, was gut oder schlecht ist.“ Die Fabel vom alten Farmer zeigt: Kurzfristig lässt sich leicht urteilen – ob ein Ereignis gut oder schlecht ist, erkennst du oft erst viel später.
- Was heute schlecht wirkt, kann sich morgen als Glücksfall herausstellen. Und umgekehrt. Du kannst im Moment nicht wissen, wohin sich ein Ereignis langfristig dreht.
- Drei Geschichten belegen es: der schwache Klebstoff, der zum Post-it wurde; eine abgelehnte Bewerbung, aus der WhatsApp entstand; eine Entlassung wegen „fehlender Kreativität“, aus der Disney wurde.
- Eine Kurve der Emotionen ist normal. Es geht nicht darum, Rückschläge nicht zu fühlen, sondern darum, kurzfristige Urteile nicht zu verabsolutieren.
- Das richtige Mindset macht den Unterschied. Halte nicht zu sehr daran fest, einen negativen Moment als endgültig negativ anzusehen.
Umgang mit Rückschlägen im Detail
Die Fabel vom alten Farmer. Ein alter Farmer lebt mit seinem Sohn in einem kleinen Dorf. Eines Tages läuft sein einziges Pferd weg, das er für die Feldarbeit braucht. Die Nachbarn kommen und bedauern ihn: „Was für ein Pech, wie willst du jetzt dein Feld bearbeiten?“ Der Farmer bleibt ruhig und antwortet: „Wer weiß, was gut oder schlecht ist.“ Wenige Tage später kehrt das Pferd zurück und bringt ein wildes Pferd mit. Die Nachbarn jubeln: „Was für ein Glück, jetzt hast du zwei Pferde!“ Wieder sagt der Farmer nur: „Wer weiß, was gut oder schlecht ist.“ Am nächsten Tag will der Sohn das wilde Pferd zähmen, wird abgeworfen und bricht sich ein Bein. „Was für ein Pech“, sagen die Nachbarn. Der Farmer bleibt ruhig. Eine Woche später kommt das Militär ins Dorf und zwingt alle jungen Männer in den Krieg – nur den Sohn nicht, wegen seines gebrochenen Beins. „Was für ein Glück!“ Und auch da antwortet der Farmer wieder: „Wer weiß, was gut oder schlecht ist.“
Die Kernidee. Kurzfristig ist es sehr leicht, auf etwas zu schauen und zu sagen: Das ist schlecht. Aber es ist unmöglich, sofort zu erkennen, ob sich dieses Negative langfristig zu etwas Positivem dreht. Manchmal sind die Dinge, die kurzfristig schlecht wirken, langfristig das Beste, was dir passieren konnte. Was heute als schlecht erscheint, kann sich morgen als Glücksfall herausstellen – und umgekehrt.
Geschichte 1: Das Post-it. In den 1960er-Jahren arbeitet der Wissenschaftler Dr. Spencer Silver bei 3M daran, einen besonders starken Klebstoff zu entwickeln. Stattdessen schafft er einen sehr schwachen Klebstoff, der sich leicht wieder ablösen lässt. Im Unternehmen gilt das als Misserfolg: „Was sollen wir mit einem Klebstoff anfangen, der nicht richtig klebt?“ Das Ganze landet in der Schublade. 20 Jahre später erkennt sein Kollege Art Fry das Potenzial – fast zufällig, als er ein Lesezeichen in seinem Gesangbuch fixieren will, ohne die Seiten zu beschädigen. Daraus entstehen in den 80er-Jahren die Post-its, heute eines der bekanntesten Produkte von 3M. Alles aus einem vermeintlichen Misserfolg.
Geschichte 2: WhatsApp. Der Software-Ingenieur Jan Koum verlässt 2007 zusammen mit seinem Kollegen Brian Acton das Unternehmen Yahoo. Die Arbeit langweilt sie, der Drive fehlt. Als Erstes bewerben sie sich bei Facebook, dem heißesten Unternehmen im Silicon Valley – und werden abgelehnt. Eine herbe Enttäuschung, denn dort zu arbeiten war ihr Traum. Koum ist begeistert von der Entwicklung des Smartphones, also gründen die beiden ein eigenes Unternehmen: WhatsApp. 2014 wird WhatsApp für 19 Milliarden US-Dollar an Facebook verkauft. Die Pointe: Durch den Verkauf arbeiten beide am Ende doch bei Facebook – und gehören zu den reichsten Menschen der Welt. Wären sie eingestellt worden, hätte es WhatsApp wohl nie gegeben.
Geschichte 3: Walt Disney. In den 1920er-Jahren wird Walt Disney bei der Kansas City Film Ad Company entlassen – angeblich, weil ihm die Kreativität fehlte. Kurzfristig empfindet er das als Pech und als Sackgasse. Er gründet daraufhin sein eigenes Animationsstudio. Heute gehört Disney nicht nur zu den größten Medienunternehmen der Welt, sondern gilt geradezu als Inbegriff der Kreativität.
Was alle drei verbindet. Es sind negative Momente, die kurzfristig als sehr negativ erscheinen. Doch mit dem richtigen Mindset und der richtigen Herangehensweise weiß niemand, was langfristig daraus wird. Genau deshalb ist es so wichtig, nicht zu sehr darauf zu beharren, einen Rückschlag als endgültig schlecht zu bewerten. Eine Kurve der Emotionen zu durchlaufen, ist völlig normal – das ist menschliche Psychologie, dagegen kannst du dich kaum wehren. Aber bei jedem Pech-Moment hilft der Gedanke an den alten Farmer: Wer weiß, was gut oder schlecht ist.
Rückschläge zu verkraften gehört zur Persönlichkeitsentwicklung – mehr dazu im Hub Persönlichkeit. Wie du grundsätzlich widerstandsfähiger wirst, vertieft die Folge zu Resilienz. Warum du in turbulenten Momenten ruhig bleiben kannst, zeigt Gelassenheit lernen und innere Ruhe finden. Und dass ein optimistischer Blick trainierbar ist, hörst du in Optimismus lernen.
Häufige Fragen zum Umgang mit Rückschlägen
Wie geht man am besten mit Rückschlägen um? Entscheidend ist, kurzfristige Urteile nicht zu verabsolutieren. Du kannst im Moment eines Rückschlags nicht wissen, wohin er sich langfristig entwickelt. Was heute schlecht wirkt, stellt sich oft später als Glücksfall heraus. Lass die Emotionen zu, aber halte nicht daran fest, das Ereignis als endgültig negativ zu bewerten.
Was bedeutet „Wer weiß, was gut oder schlecht ist“? Es ist die Kernaussage aus der Fabel vom alten Farmer. Sie besagt: Im Moment lässt sich ein Ereignis leicht als gut oder schlecht einordnen – ob es das wirklich war, zeigt sich oft erst viel später. Deshalb lohnt es sich, mit dem Urteil zurückhaltend zu bleiben.
Warum kann ein Rückschlag ein Glücksfall sein? Weil sich aus einem vermeintlichen Misserfolg oft erst die eigentliche Chance ergibt. Der schwache Klebstoff wurde zum Post-it, eine abgelehnte Bewerbung führte zu WhatsApp, eine Entlassung zu Disney. In keinem dieser Fälle war im Moment erkennbar, dass das Negative langfristig der bessere Weg war.
Ist es normal, einen Rückschlag erst einmal als schlimm zu empfinden? Ja. Eine Kurve der Emotionen zu durchlaufen, ist menschlich und sinnvoll – dagegen kannst du dich kaum wehren. Es geht nicht darum, nichts zu fühlen, sondern darum, den negativen Moment nicht zum endgültigen Urteil über deine Situation zu machen.
Diese Folge gehört zum Thema Persönlichkeit.
Transkript
Wer ambitioniert ist, erlebt im Berufsleben zwangsläufig nicht nur gute Momente, sondern auch Rückschläge. Aus der Zusammenarbeit mit Hunderten ambitionierten Ingenieuren lässt sich eines lernen: Ingenieure, die aus etwas Negativem etwas Positives gewinnen können, sind nicht nur besonders ausgeglichen und zufrieden, sondern in der Regel auch erfolgreicher.
Bei jedem schlechten Ereignis, bei jedem Rückschlag oder Pech-Moment muss ich an die folgende Geschichte denken. Ich habe sie vor Ewigkeiten einmal gehört – leider weiß ich nicht mehr, woher und was die ursprüngliche Quelle war. Es ist eigentlich eine Fabel, und sie geht wie folgt:
Es war einmal ein alter Farmer, der zusammen mit seinem Sohn in einem kleinen Dorf lebte. Eines Tages lief sein einziges Pferd weg, das er für die Arbeit auf dem Feld benötigte. Alle Nachbarn aus dem Dorf kamen zu ihm, um ihr Mitleid auszudrücken. Sie sagten so etwas wie: „Oh, das ist so schlecht, so ein Pech – wie wirst du denn jetzt dein Feld bearbeiten?“ Der Farmer schaute sie an und antwortete ruhig: „Wer weiß, was gut oder schlecht ist.“
Einige Tage später kehrte sein Pferd zu ihm und seinem Sohn zurück – und es brachte ein wildes Pferd mit sich. Alle Nachbarn kamen wieder und sagten: „Was für ein Glück, jetzt hast du zwei Pferde!“ Auch da blieb der Farmer ruhig und sagte: „Wer weiß, was gut oder schlecht ist.“
Am nächsten Tag versuchte der Sohn des Farmers, das wilde Pferd zu zähmen. Er setzte sich darauf – und was passierte? Er wurde abgeworfen und brach sich ein Bein. Da kamen die Nachbarn wieder und sagten: „Was für ein Pech, jetzt hat sich auch noch dein Sohn das Bein gebrochen.“ Der Farmer antwortete wie zuvor: „Wer weiß, was gut oder schlecht ist.“
Eine Woche später kam das Militär in das Dorf und zwang alle jungen Männer, in den Krieg zu ziehen. Der Sohn des Farmers wurde aufgrund seines gebrochenen Beins verschont. Die Nachbarn kamen zu ihm und sagten: „Was für ein Glück, dass dein Sohn nicht in den Krieg ziehen muss.“ Und auch da sagte der Farmer erneut: „Wer weiß, was gut oder schlecht ist.“
Ich kann mich gar nicht dagegen wehren: Jedes Mal, wenn ein schlechtes Ereignis passiert, muss ich an diese Geschichte denken. Denn kurzfristig gesehen ist es sehr leicht, auf etwas zu schauen und zu sagen: Das ist schlecht. Aber es ist unmöglich, sofort zu erkennen, ob sich dieses Negative langfristig zu etwas Positivem dreht. Manchmal sind die Dinge, die kurzfristig schlecht wirken, langfristig das Beste, was dir passieren konnte. Das, was heute als schlecht erscheint, kann sich morgen als Glücksfall herausstellen – und auch umgekehrt.
Ich habe drei Geschichten mitgebracht. Eine Story lasse ich bewusst außen vor – sie wäre eigentlich die vierte, und die kennst du mit Sicherheit: Steve Jobs wird bei Apple rausgeworfen, geht zu Pixar, gründet NeXT und kommt zu Apple zurück. Was dann mit Apple, dem iPhone und der ganzen Innovation passiert ist, ist bekannt. Ich habe jetzt aber drei Geschichten mitgebracht, die du vielleicht noch nicht gehört hast.
Die erste ist die Entstehung der Post-its. Ein Wissenschaftler bei 3M, Dr. Spencer Silver, arbeitet in den 1960er-Jahren daran, einen superstarken Klebstoff zu entwickeln. Was schuf er stattdessen? Einen sehr schwachen Klebstoff, der dafür sehr leicht ablösbar war. Das Ganze landete in der Schublade, die Reaktion im Unternehmen war sehr negativ. Für ihn war es ein Misserfolg, und so wurde es auch generell betrachtet – klar, die ursprünglichen Anforderungen wurden bei Weitem nicht erfüllt. Deswegen fragten sich die Leute im Unternehmen: Was zum Teufel sollen wir mit einem Klebstoff anfangen, der nicht klebt? Das war die Botschaft in den 60er-Jahren.
20 Jahre später kam ein Kollege von Dr. Silver, Art Fry, und erkannte das Potenzial des schwachen Klebstoffs – eigentlich nur zufällig, als er nach einer Möglichkeit suchte, Lesezeichen in seinem Gesangbuch zu fixieren, ohne die Seiten zu beschädigen. Das führte zur Entwicklung der Post-its. 20 Jahre später, in den 80er-Jahren, kamen sie auf den Markt. Heute ist Post-it nicht mehr wegzudenken – eines der bekanntesten und erfolgreichsten Produkte von 3M. Alles entstanden aus einem vermeintlichen Misserfolg, aus einer schlechten Situation, weil Leute kurzfristig daraufgeschaut und gesagt haben: Was sollen wir damit anfangen, das ist ein Misserfolg. Für ihn war es ein Rückschlag, er ist in ein Loch gefallen – und eigentlich war es ein Erfolg, den nur in dem Moment niemand erkannt hat. Das war Story Nummer eins.
Story Nummer zwei hast du vermutlich noch nie gehört, ich kannte sie vorher auch nicht. Sie dreht sich um den Software-Ingenieur Jan Koum. Koum arbeitete lange bei Yahoo. 2007 verließ er zusammen mit seinem Kumpel Brian Acton das Unternehmen. Die beiden wussten noch nicht genau, was sie machen wollten. Yahoo hatte sie gelangweilt, der Drive fehlte. Sie hatten ein paar Ideen, aber das Allererste, was sie taten: Sie bewarben sich bei Facebook – weil Facebook damals extremes Wachstum hatte und das Thema im Silicon Valley war, ein super spannendes Unternehmen. Und sie wurden abgelehnt. In dem Moment waren beide hochgradig enttäuscht. Eigentlich war es ihr Traum, für Facebook zu arbeiten, und der ging nicht in Erfüllung.
Was haben die beiden gemacht? Jan Koum war absolut begeistert von der Entwicklung des Smartphones, die zur gleichen Zeit stattfand. Also gründeten sie ein Unternehmen, das du heute nicht nur kennst, sondern wahrscheinlich auch nutzt: WhatsApp. Und die Krux der Geschichte: WhatsApp wurde 2014 für 19 Milliarden US-Dollar an Facebook verkauft. Heute gehören die beiden zu den reichsten Menschen der Welt, und WhatsApp ist der meistgenutzte Messenger weltweit. Spannenderweise arbeiteten beide durch den Verkauf am Ende doch bei Facebook. Auch hier: Im ersten Moment war es ein Rückschlag, aber langfristig ein absoluter Erfolg – und ein Glücksfaktor, dass Facebook sie nicht eingestellt hat. Sonst hätte es WhatsApp höchstwahrscheinlich nie gegeben.
Story Nummer drei: Walt Disney. Disney war in den 1920er-Jahren bei der Kansas City Film Ad Company angestellt. Er wurde entlassen, weil ihm angeblich die Kreativität fehlte. Auch in dem Moment war er kurzfristig enttäuscht und hatte das Gefühl: Das ist Pech, jetzt kann ich diesen Weg nicht weitergehen. Was hat er getan? Auch diese Story kennst du: Er gründete sein eigenes Animationsstudio. Das Paradoxe daran: Disney gehört heute nicht nur zu den größten und bekanntesten Medienunternehmen der Welt, sondern gilt auch als der Inbegriff der Kreativität.
Das vereint all diese Geschichten: Es sind negative Momente, die kurzfristig als sehr negativ betrachtet werden können. Aber mit dem richtigen Mindset und der richtigen Herangehensweise weiß man nicht, was langfristig daraus wird. Genau deshalb ist es wichtig, nicht zu sehr darauf zu beharren, kurzfristig negative Momente als negativ anzusehen. Sie wirken vielleicht negativ – aber vielleicht sind sie eigentlich das Beste, was dir je passieren konnte.
Ich denke immer wieder an die Fabel vom alten Farmer, wenn mir negative Ereignisse passieren, Rückschläge oder Pech-Momente. Ich muss zugeben: Es ist nicht immer ganz einfach. Man durchläuft natürlich auch eine Kurve der Emotionen – das ist vernünftig, dagegen kann man sich gar nicht wehren, das ist einfach die Psychologie des Menschen. Aber mir persönlich hilft diese Fabel, immer wieder darüber nachzudenken.
Wenn du sie einmal lesen möchtest, kannst du einfach „Geschichte alter Farmer“ googeln und zwei Begriffe aus der Story ergänzen, dann findest du sie. Das soll es gewesen sein zu dieser Folge. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.