Digitalisierung der Produktion: Warum die Fabrik der Zukunft deine Chance ist

Die Produktion verändert sich schneller als je zuvor. Automatisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit greifen ineinander und schreiben ganze Fabriken neu. Für ambitionierte Ingenieure entsteht dadurch ein Feld voller Chancen.

Die Impulse in dieser Folge stammen aus einem Gespräch mit einem Experten für die Fabrik der Zukunft. Es geht um die Frage, wo in der Produktion gerade die größten Umbrüche passieren und wie du dich als Ingenieur genau dort einbringst, wo Neues entsteht.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Die Fabrik hat immer eine Zukunft. Digitalisierung und Automatisierung betreffen jedes produzierende Unternehmen, doch längst rücken Nachhaltigkeit, Flexibilität und Geschwindigkeit gleichberechtigt daneben.
  • Konservativ ist der Normalzustand. Werkleiter werden zuerst an Stückzahl und Qualität gemessen. Genau deshalb sind die Menschen, die trotzdem Innovation vorantreiben, so wertvoll.
  • Führung entscheidet über den Fortschritt. Komplexe Veränderung gelingt nur, wenn Experten nah am Prozess wirklich mitentscheiden dürfen, statt alles zentral zu verordnen.
  • Die Arbeitsplätze verändern sich in beide Richtungen. Manche Tätigkeiten werden stärker getaktet, andere werden kreativer, weil Mitarbeiter zu Gestaltern der Systeme werden.
  • Wo Probleme entstehen, entstehen Chancen. Wer nach den größten Problemen sucht statt nach der einen Idee, findet in der Produktion mehr Ansatzpunkte, als er lösen kann.

Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit im Detail

Digitalisierung und Automatisierung als Doppelmotor. Zwei Fragen beschäftigen fast jedes produzierende Unternehmen: Wie kann ich die Produktion stärker automatisieren? Und wie gestalte ich die Prozesse in und rund um die Produktion digitaler? Historisch gewachsene IT-Systeme, alte Maschinen und fehlende Schnittstellen bremsen dabei oft. Wer diese alte Welt in die neue überführen kann, trifft auf einen enormen Bedarf.

Nachhaltigkeit als neuer Standard. Nachhaltigkeit ist kein bloßer Trend mehr, sondern erfasst die Fabriken selbst. CO2-neutral produzieren, Abfall vermeiden, den Einfluss auf die Umgebung reduzieren: Diese Fragen stehen heute neben der reinen Effizienz.

Nicht nur Effizienz, sondern Flexibilität und Geschwindigkeit. Viele Unternehmen haben aktuell weniger die letzte Effizienzsteigerung im Blick als die Frage, wie sie flexibler und schneller produzieren und wie sie neue Geschäftsfelder aufbauen. Wer sich als Ingenieur positionieren will, sollte diese Ziele mitdenken.

Führung gehört zur Fabrik der Zukunft. Ein Werkleiter allein kann die Komplexität nicht überblicken. Erfolg entsteht, wenn Experten in ihrem Verantwortungsbereich Entscheidungen nicht nur vorbereiten, sondern wirklich treffen dürfen. Ein Werkleiter beschrieb es so: Man muss beides im Blick haben, die Technologie und den Menschen. Firmen, die alles zentral entscheiden, sind selten agil und treffen am Ende oft die schlechteren Entscheidungen.

Neue Rollen für Ingenieure und Mitarbeiter. Die klassische Trennung zwischen Blue Collar und White Collar löst sich auf. Mitarbeiter in der Produktion tragen wertvolles Wissen über die Prozesse und werden zu Mitgestaltern. Wer früher Teile bearbeitet hat, konfiguriert heute vielleicht den Roboter neu. Damit ändert sich nicht nur der Arbeitsplatz, sondern auch, wie in Strukturen zusammengearbeitet wird.

Wo Innovation wirklich stattfindet. In großen Konzernen entstehen eigene Teams und Gesellschaften jenseits der klassischen IT, um neue Marktfelder zu erschließen. Im Mittelstand gibt es solche Einheiten selten, dafür lässt sich dort meist leichter Verantwortung übernehmen. Die ehrliche Frage lautet: Wird in meinem Unternehmen Innovation gefördert, und bekommen auch junge Leute Verantwortung? Innovationspotenzial gibt es in jedem Unternehmen, doch die Freiheit dafür muss man sich oft erarbeiten.

Wer in der Produktion Neues durchsetzen will, denkt am besten von Grund auf. First Principles Thinking hilft dabei, ein Problem auf seinen Kern zu zerlegen, statt bestehende Lösungen fortzuschreiben. Die Technologien selbst entwickeln sich rasant weiter, allen voran die KI-Revolution, die mit ersten Anwendungsfällen längst in den Fabriken angekommen ist. Und ob eine Idee überhaupt Fuß fasst, hängt am Ende weniger vom Titel ab als von der Innovationskultur, die ein Unternehmen zulässt.

Häufige Fragen zur Digitalisierung der Produktion

Was bedeutet Digitalisierung der Produktion konkret? Sie umfasst zwei Stoßrichtungen: die Produktion stärker zu automatisieren und die Prozesse in und um die Produktion digitaler zu gestalten. Dazu gehört auch, alte Maschinen und historisch gewachsene IT-Systeme über Schnittstellen an moderne Software anzubinden.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der Fabrik der Zukunft? Nachhaltigkeit ist zum festen Bestandteil geworden. Fabriken arbeiten daran, CO2-neutral zu produzieren, Abfall zu vermeiden und ihren Einfluss auf die Umgebung zu reduzieren. Sie steht damit gleichberechtigt neben Effizienz, Flexibilität und Geschwindigkeit.

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitsplätze in der Produktion? In beide Richtungen. Manche Tätigkeiten werden durch Automatisierung stärker getaktet und auf einzelne Handgriffe reduziert. Andere werden kreativer, weil Mitarbeiter zu Gestaltern der Systeme werden und Aufgaben übernehmen, die eine Maschine nicht kann.

Wo liegen für Ingenieure die größten Chancen? Dort, wo Probleme entstehen. Veränderungsprozesse in Automatisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit schaffen ständig neue Herausforderungen. Wer nach den größten Problemen sucht statt nach der einen Idee, findet zahlreiche Ansatzpunkte, um sich zum Experten zu entwickeln oder etwas Eigenes aufzubauen.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

Weitere Titel dazu findest du in meinen Buchempfehlungen zur Unternehmensführung.

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Diese Folge gehört zum Thema Business.

Transkript

Tim: Mein Gast heute ist Tobias Herwig. Tobias, deinen Namen hast du vielleicht schon gehört, falls du podcastaffin bist. Tobias ist Host des Podcasts „Fabrik der Zukunft“ mit unglaublich vielen spannenden Gästen aus Wirtschaft und Forschung rund um dieses Thema: alles, was mit hineinspielt, also Digitalisierung, Smart Factory, Industrie 4.0 und so weiter. Er macht das nicht in Vollzeit, ist aber auch auf LinkedIn sehr aktiv und hat sich dort mittlerweile eine beachtliche Präsenz aufgebaut. Beruflich arbeitet er als Prokurist bei einem Unternehmen, das Software zur Optimierung von Produktion, Logistik und Montage entwickelt, und bringt einiges an Führungserfahrung mit. Er hat spannende Einblicke in viele Projekte rund um die Fabrikplanung. Tobias, herzlich willkommen im Podcast.

Tobias: Vielen Dank, schön, dass ich dabei sein darf.

Tim: Sehr gern. Ich habe überlegt, wo wir am besten starten, und mir kam ein kleiner Fun Fact in den Sinn. Ich weiß nicht, ob du die Serie kennst: „Megafabriken“, auf Englisch „Megafactories“, von National Geographic. Die eine oder andere Folge habe ich auf YouTube gesehen. In meiner Studentenzeit war ich richtig Feuer und Flamme für das Thema. Da war viel Automotive dabei, Maserati und Co., aber auch Coca-Cola oder Lego. Kann ich sehr empfehlen. Fabrik der Zukunft: Was verstehst du eigentlich darunter?

Tobias: „Fabrik der Zukunft“ ist der Titel meines Podcasts, und ich finde ihn deshalb so gut, weil er nicht veraltet. Die Fabrik hat aus meiner Sicht immer eine Zukunft, und gleichzeitig verändern sich die Themen ständig. Ein ganz großes Thema ist natürlich Industrie 4.0, Digitalisierung, Automatisierung. Das beschäftigt eigentlich jedes produzierende Unternehmen: Wie kann ich die Produktion stärker automatisieren, aber auch die gesamten Prozesse in und rund um die Produktion digitaler gestalten? Man merkt jetzt aber, dass immer mehr andere Themen dazukommen. Nachhaltigkeit ist längst kein neuer Trend mehr und erfasst nun auch die Fabriken: Wie kann ich CO2-neutral produzieren, wie Abfall vermeiden oder den Einfluss auf die Umgebung reduzieren? Und zur Fabrik der Zukunft gehört für mich auch das Thema Führung. In meinen Podcasts ist das immer wieder Thema, gerade im Rahmen dieser Veränderung: Wie führe ich gut, wie gestalte ich das Miteinander mit den Mitarbeitern in der Produktion und in den Bereichen drumherum? Die Fabrik ist ja kein Selbstzweck.

Tim: Gib uns doch einen kurzen Abriss. Du hast schon einiges an Erfahrung gesammelt und viele Einblicke in verschiedene Fabriken und Rollen bekommen. Ein kurzer Überblick über deine Stationen?

Tobias: Ich habe wirklich im Bereich Fabrikplanung angefangen, noch als Student, und bin dann immer mehr in die Rolle des Projektleiters hineingerutscht. Das war spannend, weil ich mit teils sehr erfahrenen Mitarbeitern zusammengearbeitet habe. Auch wenn ich offiziell nicht die Verantwortung hatte, bin ich hineingewachsen. Ich hatte das Glück, in einem kleinen Unternehmen früh viel Verantwortung zu bekommen. Dann habe ich Fabrikplanungsprojekte geleitet und bin zu einer Firma gekommen, die nicht nur Fabrikplanung macht, sondern auch im Bereich der Digitalisierung sehr weit vorangeht. Es gab die Idee, eine Software für die Fabrikplanung zu entwickeln. Ich habe schnell die Chance bekommen, nicht nur diese Idee weiterzudenken, sondern den Vertrieb dafür aufzubauen. So kam ich von der Planungsberatung zum Vertrieb für eine Planungssoftware. Diese Software ist mittlerweile ein Produkt, das bei nahezu allen deutschen Automobilherstellern und vielen anderen produzierenden Unternehmen erfolgreich im Einsatz ist. Ich durfte den Vertrieb aufbauen, habe später das Marketing mitgeleitet und leite mittlerweile sogar unser Serviceteam mit, also alles mit Kundenbezug, von der frühen Phase bis in die Begleitung der Projekte. So bin ich auch Prokurist der Firma geworden.

Tim: Das ist hoch spannend und vielleicht nicht der ganz klassische Weg. Was hat dich dazu gebracht, in Richtung Vertrieb zu denken und ihn aufzubauen?

Tobias: Guter Punkt. Ich hätte mir das selbst kaum vorstellen können. Nach einem Jahr als Ingenieur in der Fabrikplanung und Projektleitung gefragt zu werden, das zu machen, damit hatte ich nicht gerechnet. An Produktmanagement hatte ich gedacht, weil ich dazu während des Studiums Projekte gemacht hatte. Ich wusste aber auch, dass ich das kann: Ich war immer darauf angewiesen, meine Projekte zu verkaufen, beim Kunden oder intern, und das hat mir Spaß gemacht. Ich bin jemand, der gern auf Menschen zugeht. Was am Ende ausschlaggebend war: Ich habe mich gefreut, mehr Verantwortung zu übernehmen, und wollte das auch. Ich habe es einfach gemacht und bin so von einem ins andere gekommen, auch wenn Vertrieb nicht von Anfang an mein erklärtes Ziel war.

Tim: Du hast am Rande einmal spannende Begegnungen erwähnt, unter anderem einen inspirierenden Werkleiter. Was hat es damit auf sich?

Tobias: Wer in der Welt der Fabriken unterwegs ist, lernt viele inspirierende Persönlichkeiten kennen. Eine Geschichte war bei einem Automobilhersteller mit vielen Standorten, wo wir Projekte gemacht haben. Nach dem ersten Projekt ging es um ein Folgeprojekt, und wieder musste ich mein eigenes Projekt verkaufen. Ich war nicht der offizielle Projektleiter, hatte aber die Aufgabe, das im Top-Management zu präsentieren. Dort war auch der Werkleiter. Bei so einer Runde geht es oft um größere Summen, die investiert werden sollen. Für mich war die Frage: Wie überzeuge ich diese Runde, weiterzumachen? Ich habe unter anderem argumentiert, dass sie mit diesem Projekt zum Innovationsvorreiter werden können. Der Werkleiter hat wirklich das Potenzial gesehen. Er war jemand, der den Blick nach vorn hatte und Innovation gefördert hat, und er hat erkannt, dass das Projekt am Ende Mehrwert für die gesamte Belegschaft schafft. So wurde entschieden, es weiterzutreiben. Am Ende hat dieses Projekt mit dafür gesorgt, dass das Werk einen Innovationspreis im Konzern gewonnen hat, und nicht viel später war dieser Werkleiter im Vorstand des Konzerns. Es ist interessant, wie einzelne Leute so einen Werdegang gehen und sich auf dem Weg dorthin positionieren.

Tim: Du hast einige Werkleiter kennengelernt, nicht zuletzt durch den Podcast. Worin unterschied sich die Haltung dieses Werkleiters von der anderer?

Tobias: Es zieht sich fast komplett durchs produzierende Gewerbe: Es ist relativ einfach, konservativ zu sein, und das ist erst einmal verständlich. Die meisten Werkleiter müssen effizient sein und gleichzeitig gut planbar die richtige Stückzahl in guter Qualität produzieren. Daran werden sie zuerst gemessen. Erst danach geht es um Effizienzsteigerung. Bei vielen Planungsprojekten, auch bei komplett neuen Fabriken, macht man vieles nicht, weil es das Risiko birgt, die Qualität oder die Stückzahl nicht sicher zu erreichen. Dieses konservative Verhalten liegt in der Natur der Sache und ist nicht per se negativ. Gleichzeitig verhindert es enorm viele Innovationen, weil man tendenziell vorsichtig ist. Das Faszinierende an diesem Werkleiter und an vielen im Podcast war, dass sie ein echtes Anliegen hatten, ihre Fabrik nicht nur ein paar Prozent effizienter zu gestalten, sondern wirklich nennenswert nach vorn zu bringen und selbst Vorreiter zu sein. Das steckt in der persönlichen Motivation dahinter. Denn in der Digitalisierung und Automatisierung ist nicht alles bis aufs Letzte erprobt. Man muss Dinge machen, erst im Kleinen, dann im Größeren, die vorher so noch keiner gemacht hat. Dafür braucht es Leute, die Mut und den Antrieb haben, Vorreiter zu werden.

Tim: Ein toller Satz: Es ist einfach, konservativ zu sein. Für viele ist das der Status quo. Es braucht Leute mit Antrieb und persönlicher Motivation. Was, glaubst du, treibt solche Menschen an, alles zu geben?

Tobias: Da kann ich nur vermuten und ein bisschen von mir selbst schließen. Was man sieht: Die Produktion ist einer der komplexesten Orte, die wir haben. Es kommen viele verschiedene Menschen zusammen, und es herrscht enorme Komplexität. Die Produkte selbst sind oft schon komplex, und dann muss ich sie hundert- oder tausendfach herstellen. Dazu kommt der Wandel durch Digitalisierung, Automatisierung, Nachhaltigkeit. Das wirklich zu meistern, ist nicht leicht. In so einem komplexen, sich wandelnden Umfeld vorn mit dabei zu sein, das motiviert die Leute. Darauf kann man stolz sein, wenn man es als Werkleiter schafft, sich als Vorreiter zu positionieren.

Tim: Wenn du diesen Werkleiter mit anderen Personen vergleichst, welche Eigenschaften haben dich noch beeindruckt?

Tobias: Ein entscheidender Punkt ist die Führung, und das gilt nicht nur für Werkleiter. Wenn man etwas voranbringen will, braucht man Mitarbeiter, auf die man sich verlassen kann. Ein Manager allein kann solche Entscheidungen heute kaum treffen, dafür ist es zu komplex. Am Ende brauche ich Experten, die sich besser auskennen als ich und die Dinge besser bewerten können. Das ist stark eine Frage der Führung: Wer entscheidet wirklich? Formal ist es oft der Werkleiter, der den Kopf hinhält, aber eigentlich ist die Entscheidung lange vorbereitet von Leuten, die tiefer drin sind und echte Expertise in ihrem Verantwortungsbereich haben. Sie gut zu führen bedeutet, ihnen zu sagen: Ihr seid für euren Bereich verantwortlich, ihr bereitet solche Entscheidungen nicht nur vor, ihr entscheidet sie eigentlich. Eine Firma, in der alles zentral entschieden wird, ist definitiv nicht agil und schnell, und ich würde sogar sagen, dort werden am Ende die schlechteren Entscheidungen getroffen.

Tim: Zur Fabrik der Zukunft gehört also die Frage der modernen Führung, der Arbeitsweise, agiles Arbeiten und so weiter. Bezogen auf einen Werkleiter mit starker Innovationsbrille: Hast du das Gefühl, dass dieses Thema flächendeckend und ganzheitlich betrachtet wird, oder ist es eher technisch getrieben, Industrie 4.0 und Co.? Welche Rolle spielt der Führungsaspekt?

Tobias: Der ist auf jeden Fall da. Eines meiner ersten Interviews war mit Wolfgang Sitz, der auch im Vorstand von Magna Steyr war und als Werkleiter für sehr viele Mitarbeiter verantwortlich war. Er hat es klar beschrieben: Um als Werkleiter erfolgreich zu sein, muss man beides im Blick haben, die Technologie und den Menschen. Mit Menschen allein funktioniert es in unserem Feld nicht, deshalb sitzen oft Ingenieure in solchen Rollen, aber nicht immer. Und man muss die Menschen im Blick haben. Er hat zum Beispiel Mentoring-Konzepte in seinem Werk eingeführt und selbst junge Führungskräfte begleitet. Das fand ich stark, und ich glaube, das ist bei Weitem noch nicht Standard.

Tim: Wenn sich die Technologie verändert, verändert sich ja auch das ganze Umfeld der Menschen. Ist das deine Wahrnehmung, dass die Technik die Arbeitsweise in der Produktion zwangsläufig verändert, und in welche Richtung geht das?

Tobias: Auf jeden Fall. Durch die technologischen Möglichkeiten verändern sich zuerst die Arbeitsplätze, manchmal auf zwei fast gegensätzliche Weisen. Einerseits gibt es Arbeitsplätze, die durch Automatisierung und Digitalisierung noch stärker durchgetaktet und auf einzelne Handgriffe minimiert sind. Andererseits sorgt genau das dafür, dass Mitarbeiter viel mehr zu Gestaltern dieser Systeme werden und kreativere Rollen einnehmen müssen, die die Maschine am Ende nicht kann. Damit verändert sich auch die Organisation der Arbeit. Ein spannendes Gespräch hatte ich mit einem Werkleiter von Siemens in Berlin, der beschrieben hat, dass sie darüber nachdenken, die klassische Teilung aus Blue Collar und White Collar aufzuheben. Die Mitarbeiter in der Produktion haben so viel Wissen über die Prozesse, dass es Unsinn wäre, sie nicht an deren Gestaltung teilhaben zu lassen. Durch die Digitalisierung wird es immer notwendiger, ganzheitlich zu denken, und zugleich einfacher: Ein Mitarbeiter, der sonst ein Produkt bearbeitet hat, programmiert auf einmal den Roboter um oder verändert den Prozess. Damit ändern sich nicht nur die Arbeitsplätze, sondern auch die Frage, wie ich in den Strukturen zusammenarbeite und welche Rolle ein Ingenieur oder ein Mitarbeiter im Shopfloor überhaupt hat.

Tim: Wir haben jetzt einen Überblick über die Fabrik der Zukunft und einen Einblick in deine Historie. Ich würde gern auf die Chancen zu sprechen kommen. In diesem Podcast geht es viel um ambitionierte Ingenieure, die sich proaktiv einbringen wollen. Du hast viele Veränderungen genannt, die gerade in Bewegung sind. Daraus entstehen viele Chancen. Wo siehst du Potenziale für ambitionierte Ingenieurinnen und Ingenieure, die noch nicht in der Werkleiterrolle sind, aber dorthin wollen?

Tobias: Ein super Ansatz. Es ist genau richtig zu schauen, wo es Felder gibt, in denen ich mich zum Experten entwickeln, Expertise aufbauen und mich profilieren kann. Es gibt gerade sehr viele Felder, in denen durch neue Technologien oder deren Auswirkungen Potenziale entstehen: Automatisierung und Digitalisierung auf hoher Ebene, aber auch Nachhaltigkeit. Wichtig ist: Bei den Potenzialen geht es nicht immer nur um Effizienz. Bei den meisten produzierenden Unternehmen stehen aktuell sogar Flexibilität und Geschwindigkeit stärker im Fokus. Wie kann ich flexibler produzieren, wie mich schlanker und schneller aufstellen, wie neue Geschäftsfelder aufbauen? Das sollte man grundsätzlich im Blick haben, wenn man überlegt, wie und mit welchen Themen man sich positioniert. Dann gibt es verschiedene Technologien, die im Trend sind. Ein riesiges Thema ist KI in der Produktion. Da sind gerade viele Fördergelder da, was das Ganze pusht. Viele Firmen setzen KI-Projekte auf und schauen, was geht. Oft sind es noch Pilotstadien, aber es gibt auch KI-Anwendungen, die schon sinnvoll und praktisch in vielen Firmen im Einsatz sind. Es geht also nicht nur um Forschung, sondern um die reale Umsetzung in der Fabrik.

Tim: Das passt zu etwas, das ich kürzlich gelesen habe: Die wichtigste Karriereentscheidung ist die Wahl der Branche. Es gibt auch das Konzept der Innovationsgrenze: Große Innovationen bewegen sich oft an mehreren Orten der Welt gleichzeitig, weil sich gewisse Felder so weit entwickeln, dass der nächste Entwicklungsschritt auf der Hand liegt. Wachstum kann also auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Gerade bei der Positionierung ist dieses Branchen- und Themenwachstum enorm wichtig. Was wären erste Schritte, um so ein Feld für sich zu erschließen?

Tobias: Gerade bei größeren Unternehmen werden extra Teams aufgesetzt, bis hin zu eigenen Gesellschaften, die sich mit IT und Digitalisierung beschäftigen, abseits der klassischen IT-Abteilungen. Oft versuchen die Firmen darüber, neue Marktfelder und Geschäftsfelder zu erschließen. Das sind die Orte, die besonders innovativ sind. In großen Unternehmen läuft das klassische Geschäft eher konservativ, weil es dort zunächst um Effizienz und darum geht, dass die Produktion läuft. Aber es gibt oft kleinere, sehr innovative Einheiten, innerhalb eines Werks oder als eigene Gesellschaft, die solche Innovationen vorantreiben. Aus meiner Sicht ist das ein super Ort für Ingenieure, um schnell verschiedene Technologien und Anwendungsfälle kennenzulernen, statt in einem Werk zu sein, in dem es vielleicht nur um den Einsatz einer Technologie oder um Effizienzsteigerung geht. Der Tipp ist, zu schauen, wo im Unternehmen die Innovation stattfindet, denn das ist nicht überall gleich.

Tim: Im Konzern gibt es solche Abteilungen. Im kleinen Unternehmen macht sich der Geschäftsführer selbst Gedanken. Welche Impulse hast du für jemanden im Mittelstand, Mitte zwanzig, super ambitioniert?

Tobias: Im Mittelstand ist es anders. Da gibt es selten ein eigenes Team, geschweige denn eine eigene Gesellschaft. Gleichzeitig ist aus meiner Erfahrung und der bei unseren mittelständischen Kunden die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, dort meist deutlich einfacher. Wie sehr Innovation gefördert wird, ist unterschiedlich: Manche Mittelständler sind eher konservativ und wollen dafür kein Geld ausgeben, andere sind sogar schneller als Großunternehmen, tun sich aber manchmal schwer, es ganzheitlich umzusetzen. Ich glaube, die ehrliche Frage ist: In welchem Unternehmen bin ich, wird dort Innovation gefördert, und wird gefördert, dass auch junge Leute Verantwortung übernehmen? Innovationspotenzial gibt es in jedem Unternehmen, auch im kleinen. Welche Freiheiten man bekommt, das kann und muss man sich zum Teil erarbeiten, aber das Klima, das dort herrscht, ist ein wichtiger Punkt.

Tim: Proaktives Verhalten, Innovationen vorantreiben, und das Umfeld muss passen. Das Thema Vertrieb hatten wir eingangs. Worauf muss sich jemand gefasst machen, der im Mittelstand Vorreiter werden möchte?

Tobias: Sehr wichtig ist, immer im Blick zu haben, wozu das Ganze dient. Das gehört zu gutem Vertrieb: Alles, was man macht, muss am Ende Mehrwert haben. In der Produktion muss man aufpassen, nicht nur Effizienz im Fokus zu haben, sondern auch Flexibilität, Geschwindigkeit oder den Aufbau neuer Marktchancen. Das muss man verkaufen, denn kein Inhaber eines mittelständischen Unternehmens gibt Geld für ein Forschungsprojekt aus, nur weil es toll ist. Am Ende braucht es Nutzen und Mehrwert. Oft gibt es schon bekannte Themen, wo man weiß: Hier sind wir nicht effizient oder flexibel genug, hier müssten wir etwas tun, vielleicht ein neues Angebot für Kunden schaffen. Das sind Bereiche, in denen man relativ einfach vorschlagen kann, etwas anders oder innovativer zu machen, und dann schnell die Möglichkeit bekommt, sich zu beweisen. Natürlich gibt es immer Leute, die vorsichtiger sind und bremsen. Aber wenn man argumentieren kann, warum man etwas macht und was der Nutzen ist, steht man in der Regel gut da.

Tim: Unabhängig davon, wie innovationsaffin ein Unternehmen ist, unterscheidet sich das natürlich. Eine hypothetische Frage: Wenn ich mir die IT-Branche ansehe, mit ihrer unglaublich schnellen Entwicklung, kann es passieren, dass das, was man vor zehn Jahren gelernt hat, kaum noch relevant ist. Siehst du Ähnliches in der Produktion, oder ist das dort anders?

Tobias: Da muss man schon aufpassen. Wenn man sich nicht weiterbildet und in Bereichen ist, die sich stark verändern, wundert man sich in ein paar Jahren, wie schnell sich die Welt gedreht hat. Das wird sich wahrscheinlich noch verstärken, abhängig von Branche und Technologie. Es gibt massive Unterschiede zwischen produzierenden Unternehmen und einzelnen Werken. Da muss man als ganze Firma aufpassen, nicht abgehängt zu werden. Gerade im kleineren und mittelständischen Raum sehen viele das Thema noch stark unter Effizienzsteigerung und Digitalisierung. Aber die Themen, die wir angesprochen haben, sind viel bewegender und umfangreicher.

Tim: Ich kenne viele ambitionierte Ingenieurinnen und Ingenieure, die im Hinterkopf haben: Wenn ich eine Idee hätte, würde ich mich selbstständig machen. Siehst du gerade heiße Themenfelder, bei denen wir in zehn Jahren zurückblicken und sagen: Da sind spannende Unternehmen entstanden?

Tobias: In meinem Fahrwasser der Selbstständigkeit ist der Gedanke „Ich brauche eine Idee“ eigentlich irreführend. Viel wichtiger ist die Frage: Wo liegen die größten Probleme, und wie löse ich sie? Das ist der Kern. Die Idee ist nur das, was das Problem löst. Ganz praktisch: Schaut man auf die IT, findet sie sich in den Fabriken massiv. Es gibt historische Systeme, die schon vor zehn Jahren genutzt wurden und nicht auf dem heutigen Stand sind. So etwas in die neue Welt zu bringen, nicht nur neue Software zu entwickeln, sondern alte Maschinen anzubinden, Schnittstellen zu alten Systemen zu schaffen oder umzuziehen, dafür gibt es riesigen Bedarf. Überall, wo Veränderungsprozesse laufen, braucht es Leute, die sich in der neuen Welt auskennen und den Transfer schaffen.

Tim: Mir wird durch unser Gespräch bewusst: Durch diese großflächigen Veränderungen entstehen unheimlich viele neue Probleme und damit Chancen. Die Unternehmen versuchen zwar, diese Probleme zu lösen, aber bessere Problemlösungen zu erarbeiten und anzubieten, ist der Ansatzpunkt.

Tobias: Aus meiner Sicht gibt es sehr viele Anknüpfungspunkte, auch wenn es schwer ist, aus dem Stegreif konkrete Ideen auf den Tisch zu legen. Für alle Hörer: Wer Interesse an diesem Thema hat, dem bieten sich tausend Chancen. Ich finde an dieser Stelle die Gründerstory von Fritz-Kola passend. Die Gründer haben ein Ideenbuch gestartet und gesagt: Wir wollen uns unbedingt selbstständig machen, wissen aber noch nicht womit. Sie haben angefangen, Probleme und Ideen zu notieren, zu sammeln und zu besprechen. So etwas kannst du in diesem Kontext auch machen. Dann hättest du relativ zügig eine ganze Handvoll ehrlicher Geschäftsideen, denn Probleme und Herausforderungen gibt es im Produktionskontext gerade sehr viele, und damit auch viele Chancen für Leute, die etwas gründen wollen. Dazu kommt, dass die Strukturen immer mehr im Wandel sind: Was ein produzierendes Unternehmen wirklich selbst macht und was nicht, verändert sich. Lohnfertiger etwa müssen sich neu erfinden, weil es immer mehr Plattformen gibt, über die solche Teile für die Produktion gehandelt werden. Das verändert Geschäftsmodelle und schafft Raum für neue Player, für Großunternehmen ebenso wie für Start-ups oder Selbstständige. Manchmal sind es auch kleine Ideen. Mit dem Podcast ist es ähnlich: Es gibt große Komplexität und Unsicherheit, viele haben kaum noch den Überblick über die Technologien. Da war meine Idee, mich mit dem Podcast als persönliches Projekt selbstständig zu machen, um Transparenz zu schaffen: produzierenden Unternehmen zu zeigen, welche Technologien und smarten Konzepte es gibt, und von anderen Werkleitern zu hören, was Best Practices sind, wie man das in so einer volatilen Welt gut macht.

Tim: Für alle Zuhörer, die sich im produzierenden Kontext bewegen, ist dein Podcast wahrscheinlich ein hervorragender Anlaufpunkt, um in diese Welt einzusteigen. Die Komplexität ist gigantisch, und sie erst einmal zu verstehen und die eigenen mentalen Landkarten sukzessive größer werden zu lassen, ist eine der größten ersten Herausforderungen. Das gilt auch für das, was du zum Werkleiter gesagt hast: proaktiv ein Projekt als Mitarbeiter ins Leben rufen. Das geht nur, wenn man nicht aus den Augen verliert, inwieweit es dem Unternehmen hilft und welche Möglichkeiten wir haben, diese Komplexität zu entzerren. Eine allgemeine Frage noch: Was würdest du deinem früheren Ich in den ersten drei Jahren des Berufseinstiegs empfehlen?

Tobias: Ich würde mir empfehlen, mutig zu sein und mir etwas zuzutrauen. Wie gesagt hätte ich mir nicht vorstellen können, gleich eine Vertriebsleitung zu übernehmen, und hatte großen Respekt davor. Je mehr man selbst wächst und Leute kennenlernt, die Geschäftsführer sind, in allen möglichen Unternehmen, desto mehr merkt man: Die kochen alle nur mit Wasser. Man verliert die Scheu und fragt sich, warum man immer so viel Respekt davor hatte. Respekt ist grundsätzlich gut, aber man darf sich viel mehr zutrauen, als man denkt. Man überschätzt die Titel und die Namen großer Firmen und das, was dahintersteckt. Das würde ich mir raten. Und ich würde sagen: Mach auf jeden Fall das duale Studium. Es ist super, wenn du viel Praxiserfahrung sammelst, nicht nur in der Theorie bleibst, sondern ausprobierst und viele verschiedene produzierende Unternehmen kennenlernst. Für mich war es eine große Frage, ob ich zu einem großen Namen gehe oder zum kleinen Ingenieurbüro, das erst unattraktiver wirkte, aber am Ende die richtige Entscheidung war.

Tim: Dieser praktische Fokus, direkt in die Praxis zu springen, geht für mich Hand in Hand mit dem Thema Mut: Mut zum Gestalten, Mut zur Selbstständigkeit oder einfach, ein Projekt voranzutreiben und sich vor seine Vorgesetzten zu stellen mit einer Idee und dem Risiko, dass sie abgelehnt wird. Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Tobias: Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo ich in zehn Jahren bin, ich habe keinen festen Fahrplan. Ich weiß, was mir wichtig ist und welcher Job mir Spaß macht. Ganz praktisch mache ich zum Jahreswechsel einen beruflichen Schritt, verbunden mit einem Unternehmenswechsel, mehr Verantwortung und einem anderen Bereich. Ich werde ganz andere Fabriken kennenlernen, in denen ich heute weniger unterwegs bin. Im Fabrikkontext bin ich ziemlich sicher auch in zehn Jahren noch unterwegs, das wird eine Konstante sein. Und ich werde weiter einen großen Schwerpunkt auf Networking legen, Beziehungen aufbauen, Leute zusammenbringen, gemeinsam Fabriken nach vorn bringen. Ob ich in zehn Jahren noch einen Podcast mache oder ein anderes Format, weiß ich nicht, aber das Anliegen, etwas nicht nur für mich, sondern für eine breitere Öffentlichkeit voranzutreiben, das bleibt. Stand heute macht mir das viel Spaß.

Tim: Was bei deinem Werdegang durchklingt, ist dieses Thema Verkaufen beziehungsweise Kontakt suchen, auch der Austausch im Podcast. Mut nicht nur zum Gestalten, sondern auch zum Austausch. Das ist ein wichtiger Aspekt, den ich auch aus der Selbstständigkeit gelernt habe: den Mut aufzubringen, Gleichgesinnte um sich zu scharen, um gemeinsam zu gestalten. Tobias, wo und wie kann man mit dir Kontakt aufnehmen?

Tobias: Am besten vernetzt man sich mit mir auf LinkedIn. Wenn du reingehört hast, schreib mir einfach eine Kontaktanfrage und dazu: Hey, ich habe dich beim Podcast gehört und möchte mich gern vernetzen. Darüber freue ich mich sehr, und ich freue mich auch auf den Austausch. Mir ist wichtig, dass wir nicht nur vernetzt sind, sondern wirklich ins Gespräch kommen. Das Thema Fabrik der Zukunft kann keine Person allein bewältigen, auch nicht hundert. Wir brauchen jeden, der Lust hat mitzugestalten. Wenn das ein Thema für dich ist oder du Fragen hast oder einen konkreten Tipp möchtest, schreib mich gern an. Wenn ich dich voranbringen kann, freut mich das.

Tim: Zum Abschluss: Wer sollte jetzt gleich in den „Fabrik der Zukunft“-Podcast reinhören?

Tobias: Alle Ingenieure, die im Produktions- oder Logistikumfeld unterwegs sind. Ich formuliere es jedes Mal so: Die Zielgruppe meines Podcasts sind Verantwortungsträger, Leute, die Verantwortung übernehmen und die Fabrik nach vorn bringen wollen. Das ist für mich nicht an einen Titel geknüpft, sondern eine Frage der Haltung. Ob das eine Montagelinie ist, ein kleines Team im Qualitätsbereich, ein Digitalisierungsprojekt oder die komplette Verantwortung für viele Werke als COO eines Konzerns, diese ganze Bandbreite ist dabei und findet sich im Podcast wieder.

Tim: Sehr gut, das kann ich wirklich empfehlen. Spannende Interviews, spannendes Team. Vielen Dank, Tobias, das hat Spaß gemacht.

Tobias: Vielen Dank für das interessante Gespräch, es hat auch mir viel Spaß gemacht.

Danke fürs Lesen. Mehr praktische Ideen erhältst du in meinem beliebten Newsletter. Jede Woche versende ich 3 Ideen an über 3.500 ambitionierte Ingenieure. Trage dich jetzt ein und schließ dich uns an.

Digitalisierung der Produktion: Warum die Fabrik der Zukunft deine Chance ist

Die Produktion verändert sich schneller als je zuvor. Automatisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit greifen ineinander und schreiben ganze Fabriken neu. Für ambitionierte Ingenieure entsteht dadurch ein Feld voller Chancen.

Die Impulse in dieser Folge stammen aus einem Gespräch mit einem Experten für die Fabrik der Zukunft. Es geht um die Frage, wo in der Produktion gerade die größten Umbrüche passieren und wie du dich als Ingenieur genau dort einbringst, wo Neues entsteht.

Die wichtigsten Erkenntnisse

  • Die Fabrik hat immer eine Zukunft. Digitalisierung und Automatisierung betreffen jedes produzierende Unternehmen, doch längst rücken Nachhaltigkeit, Flexibilität und Geschwindigkeit gleichberechtigt daneben.
  • Konservativ ist der Normalzustand. Werkleiter werden zuerst an Stückzahl und Qualität gemessen. Genau deshalb sind die Menschen, die trotzdem Innovation vorantreiben, so wertvoll.
  • Führung entscheidet über den Fortschritt. Komplexe Veränderung gelingt nur, wenn Experten nah am Prozess wirklich mitentscheiden dürfen, statt alles zentral zu verordnen.
  • Die Arbeitsplätze verändern sich in beide Richtungen. Manche Tätigkeiten werden stärker getaktet, andere werden kreativer, weil Mitarbeiter zu Gestaltern der Systeme werden.
  • Wo Probleme entstehen, entstehen Chancen. Wer nach den größten Problemen sucht statt nach der einen Idee, findet in der Produktion mehr Ansatzpunkte, als er lösen kann.

Digitalisierung, Automatisierung und Nachhaltigkeit im Detail

Digitalisierung und Automatisierung als Doppelmotor. Zwei Fragen beschäftigen fast jedes produzierende Unternehmen: Wie kann ich die Produktion stärker automatisieren? Und wie gestalte ich die Prozesse in und rund um die Produktion digitaler? Historisch gewachsene IT-Systeme, alte Maschinen und fehlende Schnittstellen bremsen dabei oft. Wer diese alte Welt in die neue überführen kann, trifft auf einen enormen Bedarf.

Nachhaltigkeit als neuer Standard. Nachhaltigkeit ist kein bloßer Trend mehr, sondern erfasst die Fabriken selbst. CO2-neutral produzieren, Abfall vermeiden, den Einfluss auf die Umgebung reduzieren: Diese Fragen stehen heute neben der reinen Effizienz.

Nicht nur Effizienz, sondern Flexibilität und Geschwindigkeit. Viele Unternehmen haben aktuell weniger die letzte Effizienzsteigerung im Blick als die Frage, wie sie flexibler und schneller produzieren und wie sie neue Geschäftsfelder aufbauen. Wer sich als Ingenieur positionieren will, sollte diese Ziele mitdenken.

Führung gehört zur Fabrik der Zukunft. Ein Werkleiter allein kann die Komplexität nicht überblicken. Erfolg entsteht, wenn Experten in ihrem Verantwortungsbereich Entscheidungen nicht nur vorbereiten, sondern wirklich treffen dürfen. Ein Werkleiter beschrieb es so: Man muss beides im Blick haben, die Technologie und den Menschen. Firmen, die alles zentral entscheiden, sind selten agil und treffen am Ende oft die schlechteren Entscheidungen.

Neue Rollen für Ingenieure und Mitarbeiter. Die klassische Trennung zwischen Blue Collar und White Collar löst sich auf. Mitarbeiter in der Produktion tragen wertvolles Wissen über die Prozesse und werden zu Mitgestaltern. Wer früher Teile bearbeitet hat, konfiguriert heute vielleicht den Roboter neu. Damit ändert sich nicht nur der Arbeitsplatz, sondern auch, wie in Strukturen zusammengearbeitet wird.

Wo Innovation wirklich stattfindet. In großen Konzernen entstehen eigene Teams und Gesellschaften jenseits der klassischen IT, um neue Marktfelder zu erschließen. Im Mittelstand gibt es solche Einheiten selten, dafür lässt sich dort meist leichter Verantwortung übernehmen. Die ehrliche Frage lautet: Wird in meinem Unternehmen Innovation gefördert, und bekommen auch junge Leute Verantwortung? Innovationspotenzial gibt es in jedem Unternehmen, doch die Freiheit dafür muss man sich oft erarbeiten.

Wer in der Produktion Neues durchsetzen will, denkt am besten von Grund auf. First Principles Thinking hilft dabei, ein Problem auf seinen Kern zu zerlegen, statt bestehende Lösungen fortzuschreiben. Die Technologien selbst entwickeln sich rasant weiter, allen voran die KI-Revolution, die mit ersten Anwendungsfällen längst in den Fabriken angekommen ist. Und ob eine Idee überhaupt Fuß fasst, hängt am Ende weniger vom Titel ab als von der Innovationskultur, die ein Unternehmen zulässt.

Häufige Fragen zur Digitalisierung der Produktion

Was bedeutet Digitalisierung der Produktion konkret? Sie umfasst zwei Stoßrichtungen: die Produktion stärker zu automatisieren und die Prozesse in und um die Produktion digitaler zu gestalten. Dazu gehört auch, alte Maschinen und historisch gewachsene IT-Systeme über Schnittstellen an moderne Software anzubinden.

Welche Rolle spielt Nachhaltigkeit in der Fabrik der Zukunft? Nachhaltigkeit ist zum festen Bestandteil geworden. Fabriken arbeiten daran, CO2-neutral zu produzieren, Abfall zu vermeiden und ihren Einfluss auf die Umgebung zu reduzieren. Sie steht damit gleichberechtigt neben Effizienz, Flexibilität und Geschwindigkeit.

Wie verändert die Digitalisierung die Arbeitsplätze in der Produktion? In beide Richtungen. Manche Tätigkeiten werden durch Automatisierung stärker getaktet und auf einzelne Handgriffe reduziert. Andere werden kreativer, weil Mitarbeiter zu Gestaltern der Systeme werden und Aufgaben übernehmen, die eine Maschine nicht kann.

Wo liegen für Ingenieure die größten Chancen? Dort, wo Probleme entstehen. Veränderungsprozesse in Automatisierung, Digitalisierung und Nachhaltigkeit schaffen ständig neue Herausforderungen. Wer nach den größten Problemen sucht statt nach der einen Idee, findet zahlreiche Ansatzpunkte, um sich zum Experten zu entwickeln oder etwas Eigenes aufzubauen.

Bücher & Ressourcen aus der Folge

Weitere Titel dazu findest du in meinen Buchempfehlungen zur Unternehmensführung.

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Transkript

Tim: Mein Gast heute ist Tobias Herwig. Tobias, deinen Namen hast du vielleicht schon gehört, falls du podcastaffin bist. Tobias ist Host des Podcasts „Fabrik der Zukunft“ mit unglaublich vielen spannenden Gästen aus Wirtschaft und Forschung rund um dieses Thema: alles, was mit hineinspielt, also Digitalisierung, Smart Factory, Industrie 4.0 und so weiter. Er macht das nicht in Vollzeit, ist aber auch auf LinkedIn sehr aktiv und hat sich dort mittlerweile eine beachtliche Präsenz aufgebaut. Beruflich arbeitet er als Prokurist bei einem Unternehmen, das Software zur Optimierung von Produktion, Logistik und Montage entwickelt, und bringt einiges an Führungserfahrung mit. Er hat spannende Einblicke in viele Projekte rund um die Fabrikplanung. Tobias, herzlich willkommen im Podcast.

Tobias: Vielen Dank, schön, dass ich dabei sein darf.

Tim: Sehr gern. Ich habe überlegt, wo wir am besten starten, und mir kam ein kleiner Fun Fact in den Sinn. Ich weiß nicht, ob du die Serie kennst: „Megafabriken“, auf Englisch „Megafactories“, von National Geographic. Die eine oder andere Folge habe ich auf YouTube gesehen. In meiner Studentenzeit war ich richtig Feuer und Flamme für das Thema. Da war viel Automotive dabei, Maserati und Co., aber auch Coca-Cola oder Lego. Kann ich sehr empfehlen. Fabrik der Zukunft: Was verstehst du eigentlich darunter?

Tobias: „Fabrik der Zukunft“ ist der Titel meines Podcasts, und ich finde ihn deshalb so gut, weil er nicht veraltet. Die Fabrik hat aus meiner Sicht immer eine Zukunft, und gleichzeitig verändern sich die Themen ständig. Ein ganz großes Thema ist natürlich Industrie 4.0, Digitalisierung, Automatisierung. Das beschäftigt eigentlich jedes produzierende Unternehmen: Wie kann ich die Produktion stärker automatisieren, aber auch die gesamten Prozesse in und rund um die Produktion digitaler gestalten? Man merkt jetzt aber, dass immer mehr andere Themen dazukommen. Nachhaltigkeit ist längst kein neuer Trend mehr und erfasst nun auch die Fabriken: Wie kann ich CO2-neutral produzieren, wie Abfall vermeiden oder den Einfluss auf die Umgebung reduzieren? Und zur Fabrik der Zukunft gehört für mich auch das Thema Führung. In meinen Podcasts ist das immer wieder Thema, gerade im Rahmen dieser Veränderung: Wie führe ich gut, wie gestalte ich das Miteinander mit den Mitarbeitern in der Produktion und in den Bereichen drumherum? Die Fabrik ist ja kein Selbstzweck.

Tim: Gib uns doch einen kurzen Abriss. Du hast schon einiges an Erfahrung gesammelt und viele Einblicke in verschiedene Fabriken und Rollen bekommen. Ein kurzer Überblick über deine Stationen?

Tobias: Ich habe wirklich im Bereich Fabrikplanung angefangen, noch als Student, und bin dann immer mehr in die Rolle des Projektleiters hineingerutscht. Das war spannend, weil ich mit teils sehr erfahrenen Mitarbeitern zusammengearbeitet habe. Auch wenn ich offiziell nicht die Verantwortung hatte, bin ich hineingewachsen. Ich hatte das Glück, in einem kleinen Unternehmen früh viel Verantwortung zu bekommen. Dann habe ich Fabrikplanungsprojekte geleitet und bin zu einer Firma gekommen, die nicht nur Fabrikplanung macht, sondern auch im Bereich der Digitalisierung sehr weit vorangeht. Es gab die Idee, eine Software für die Fabrikplanung zu entwickeln. Ich habe schnell die Chance bekommen, nicht nur diese Idee weiterzudenken, sondern den Vertrieb dafür aufzubauen. So kam ich von der Planungsberatung zum Vertrieb für eine Planungssoftware. Diese Software ist mittlerweile ein Produkt, das bei nahezu allen deutschen Automobilherstellern und vielen anderen produzierenden Unternehmen erfolgreich im Einsatz ist. Ich durfte den Vertrieb aufbauen, habe später das Marketing mitgeleitet und leite mittlerweile sogar unser Serviceteam mit, also alles mit Kundenbezug, von der frühen Phase bis in die Begleitung der Projekte. So bin ich auch Prokurist der Firma geworden.

Tim: Das ist hoch spannend und vielleicht nicht der ganz klassische Weg. Was hat dich dazu gebracht, in Richtung Vertrieb zu denken und ihn aufzubauen?

Tobias: Guter Punkt. Ich hätte mir das selbst kaum vorstellen können. Nach einem Jahr als Ingenieur in der Fabrikplanung und Projektleitung gefragt zu werden, das zu machen, damit hatte ich nicht gerechnet. An Produktmanagement hatte ich gedacht, weil ich dazu während des Studiums Projekte gemacht hatte. Ich wusste aber auch, dass ich das kann: Ich war immer darauf angewiesen, meine Projekte zu verkaufen, beim Kunden oder intern, und das hat mir Spaß gemacht. Ich bin jemand, der gern auf Menschen zugeht. Was am Ende ausschlaggebend war: Ich habe mich gefreut, mehr Verantwortung zu übernehmen, und wollte das auch. Ich habe es einfach gemacht und bin so von einem ins andere gekommen, auch wenn Vertrieb nicht von Anfang an mein erklärtes Ziel war.

Tim: Du hast am Rande einmal spannende Begegnungen erwähnt, unter anderem einen inspirierenden Werkleiter. Was hat es damit auf sich?

Tobias: Wer in der Welt der Fabriken unterwegs ist, lernt viele inspirierende Persönlichkeiten kennen. Eine Geschichte war bei einem Automobilhersteller mit vielen Standorten, wo wir Projekte gemacht haben. Nach dem ersten Projekt ging es um ein Folgeprojekt, und wieder musste ich mein eigenes Projekt verkaufen. Ich war nicht der offizielle Projektleiter, hatte aber die Aufgabe, das im Top-Management zu präsentieren. Dort war auch der Werkleiter. Bei so einer Runde geht es oft um größere Summen, die investiert werden sollen. Für mich war die Frage: Wie überzeuge ich diese Runde, weiterzumachen? Ich habe unter anderem argumentiert, dass sie mit diesem Projekt zum Innovationsvorreiter werden können. Der Werkleiter hat wirklich das Potenzial gesehen. Er war jemand, der den Blick nach vorn hatte und Innovation gefördert hat, und er hat erkannt, dass das Projekt am Ende Mehrwert für die gesamte Belegschaft schafft. So wurde entschieden, es weiterzutreiben. Am Ende hat dieses Projekt mit dafür gesorgt, dass das Werk einen Innovationspreis im Konzern gewonnen hat, und nicht viel später war dieser Werkleiter im Vorstand des Konzerns. Es ist interessant, wie einzelne Leute so einen Werdegang gehen und sich auf dem Weg dorthin positionieren.

Tim: Du hast einige Werkleiter kennengelernt, nicht zuletzt durch den Podcast. Worin unterschied sich die Haltung dieses Werkleiters von der anderer?

Tobias: Es zieht sich fast komplett durchs produzierende Gewerbe: Es ist relativ einfach, konservativ zu sein, und das ist erst einmal verständlich. Die meisten Werkleiter müssen effizient sein und gleichzeitig gut planbar die richtige Stückzahl in guter Qualität produzieren. Daran werden sie zuerst gemessen. Erst danach geht es um Effizienzsteigerung. Bei vielen Planungsprojekten, auch bei komplett neuen Fabriken, macht man vieles nicht, weil es das Risiko birgt, die Qualität oder die Stückzahl nicht sicher zu erreichen. Dieses konservative Verhalten liegt in der Natur der Sache und ist nicht per se negativ. Gleichzeitig verhindert es enorm viele Innovationen, weil man tendenziell vorsichtig ist. Das Faszinierende an diesem Werkleiter und an vielen im Podcast war, dass sie ein echtes Anliegen hatten, ihre Fabrik nicht nur ein paar Prozent effizienter zu gestalten, sondern wirklich nennenswert nach vorn zu bringen und selbst Vorreiter zu sein. Das steckt in der persönlichen Motivation dahinter. Denn in der Digitalisierung und Automatisierung ist nicht alles bis aufs Letzte erprobt. Man muss Dinge machen, erst im Kleinen, dann im Größeren, die vorher so noch keiner gemacht hat. Dafür braucht es Leute, die Mut und den Antrieb haben, Vorreiter zu werden.

Tim: Ein toller Satz: Es ist einfach, konservativ zu sein. Für viele ist das der Status quo. Es braucht Leute mit Antrieb und persönlicher Motivation. Was, glaubst du, treibt solche Menschen an, alles zu geben?

Tobias: Da kann ich nur vermuten und ein bisschen von mir selbst schließen. Was man sieht: Die Produktion ist einer der komplexesten Orte, die wir haben. Es kommen viele verschiedene Menschen zusammen, und es herrscht enorme Komplexität. Die Produkte selbst sind oft schon komplex, und dann muss ich sie hundert- oder tausendfach herstellen. Dazu kommt der Wandel durch Digitalisierung, Automatisierung, Nachhaltigkeit. Das wirklich zu meistern, ist nicht leicht. In so einem komplexen, sich wandelnden Umfeld vorn mit dabei zu sein, das motiviert die Leute. Darauf kann man stolz sein, wenn man es als Werkleiter schafft, sich als Vorreiter zu positionieren.

Tim: Wenn du diesen Werkleiter mit anderen Personen vergleichst, welche Eigenschaften haben dich noch beeindruckt?

Tobias: Ein entscheidender Punkt ist die Führung, und das gilt nicht nur für Werkleiter. Wenn man etwas voranbringen will, braucht man Mitarbeiter, auf die man sich verlassen kann. Ein Manager allein kann solche Entscheidungen heute kaum treffen, dafür ist es zu komplex. Am Ende brauche ich Experten, die sich besser auskennen als ich und die Dinge besser bewerten können. Das ist stark eine Frage der Führung: Wer entscheidet wirklich? Formal ist es oft der Werkleiter, der den Kopf hinhält, aber eigentlich ist die Entscheidung lange vorbereitet von Leuten, die tiefer drin sind und echte Expertise in ihrem Verantwortungsbereich haben. Sie gut zu führen bedeutet, ihnen zu sagen: Ihr seid für euren Bereich verantwortlich, ihr bereitet solche Entscheidungen nicht nur vor, ihr entscheidet sie eigentlich. Eine Firma, in der alles zentral entschieden wird, ist definitiv nicht agil und schnell, und ich würde sogar sagen, dort werden am Ende die schlechteren Entscheidungen getroffen.

Tim: Zur Fabrik der Zukunft gehört also die Frage der modernen Führung, der Arbeitsweise, agiles Arbeiten und so weiter. Bezogen auf einen Werkleiter mit starker Innovationsbrille: Hast du das Gefühl, dass dieses Thema flächendeckend und ganzheitlich betrachtet wird, oder ist es eher technisch getrieben, Industrie 4.0 und Co.? Welche Rolle spielt der Führungsaspekt?

Tobias: Der ist auf jeden Fall da. Eines meiner ersten Interviews war mit Wolfgang Sitz, der auch im Vorstand von Magna Steyr war und als Werkleiter für sehr viele Mitarbeiter verantwortlich war. Er hat es klar beschrieben: Um als Werkleiter erfolgreich zu sein, muss man beides im Blick haben, die Technologie und den Menschen. Mit Menschen allein funktioniert es in unserem Feld nicht, deshalb sitzen oft Ingenieure in solchen Rollen, aber nicht immer. Und man muss die Menschen im Blick haben. Er hat zum Beispiel Mentoring-Konzepte in seinem Werk eingeführt und selbst junge Führungskräfte begleitet. Das fand ich stark, und ich glaube, das ist bei Weitem noch nicht Standard.

Tim: Wenn sich die Technologie verändert, verändert sich ja auch das ganze Umfeld der Menschen. Ist das deine Wahrnehmung, dass die Technik die Arbeitsweise in der Produktion zwangsläufig verändert, und in welche Richtung geht das?

Tobias: Auf jeden Fall. Durch die technologischen Möglichkeiten verändern sich zuerst die Arbeitsplätze, manchmal auf zwei fast gegensätzliche Weisen. Einerseits gibt es Arbeitsplätze, die durch Automatisierung und Digitalisierung noch stärker durchgetaktet und auf einzelne Handgriffe minimiert sind. Andererseits sorgt genau das dafür, dass Mitarbeiter viel mehr zu Gestaltern dieser Systeme werden und kreativere Rollen einnehmen müssen, die die Maschine am Ende nicht kann. Damit verändert sich auch die Organisation der Arbeit. Ein spannendes Gespräch hatte ich mit einem Werkleiter von Siemens in Berlin, der beschrieben hat, dass sie darüber nachdenken, die klassische Teilung aus Blue Collar und White Collar aufzuheben. Die Mitarbeiter in der Produktion haben so viel Wissen über die Prozesse, dass es Unsinn wäre, sie nicht an deren Gestaltung teilhaben zu lassen. Durch die Digitalisierung wird es immer notwendiger, ganzheitlich zu denken, und zugleich einfacher: Ein Mitarbeiter, der sonst ein Produkt bearbeitet hat, programmiert auf einmal den Roboter um oder verändert den Prozess. Damit ändern sich nicht nur die Arbeitsplätze, sondern auch die Frage, wie ich in den Strukturen zusammenarbeite und welche Rolle ein Ingenieur oder ein Mitarbeiter im Shopfloor überhaupt hat.

Tim: Wir haben jetzt einen Überblick über die Fabrik der Zukunft und einen Einblick in deine Historie. Ich würde gern auf die Chancen zu sprechen kommen. In diesem Podcast geht es viel um ambitionierte Ingenieure, die sich proaktiv einbringen wollen. Du hast viele Veränderungen genannt, die gerade in Bewegung sind. Daraus entstehen viele Chancen. Wo siehst du Potenziale für ambitionierte Ingenieurinnen und Ingenieure, die noch nicht in der Werkleiterrolle sind, aber dorthin wollen?

Tobias: Ein super Ansatz. Es ist genau richtig zu schauen, wo es Felder gibt, in denen ich mich zum Experten entwickeln, Expertise aufbauen und mich profilieren kann. Es gibt gerade sehr viele Felder, in denen durch neue Technologien oder deren Auswirkungen Potenziale entstehen: Automatisierung und Digitalisierung auf hoher Ebene, aber auch Nachhaltigkeit. Wichtig ist: Bei den Potenzialen geht es nicht immer nur um Effizienz. Bei den meisten produzierenden Unternehmen stehen aktuell sogar Flexibilität und Geschwindigkeit stärker im Fokus. Wie kann ich flexibler produzieren, wie mich schlanker und schneller aufstellen, wie neue Geschäftsfelder aufbauen? Das sollte man grundsätzlich im Blick haben, wenn man überlegt, wie und mit welchen Themen man sich positioniert. Dann gibt es verschiedene Technologien, die im Trend sind. Ein riesiges Thema ist KI in der Produktion. Da sind gerade viele Fördergelder da, was das Ganze pusht. Viele Firmen setzen KI-Projekte auf und schauen, was geht. Oft sind es noch Pilotstadien, aber es gibt auch KI-Anwendungen, die schon sinnvoll und praktisch in vielen Firmen im Einsatz sind. Es geht also nicht nur um Forschung, sondern um die reale Umsetzung in der Fabrik.

Tim: Das passt zu etwas, das ich kürzlich gelesen habe: Die wichtigste Karriereentscheidung ist die Wahl der Branche. Es gibt auch das Konzept der Innovationsgrenze: Große Innovationen bewegen sich oft an mehreren Orten der Welt gleichzeitig, weil sich gewisse Felder so weit entwickeln, dass der nächste Entwicklungsschritt auf der Hand liegt. Wachstum kann also auf verschiedenen Ebenen stattfinden. Gerade bei der Positionierung ist dieses Branchen- und Themenwachstum enorm wichtig. Was wären erste Schritte, um so ein Feld für sich zu erschließen?

Tobias: Gerade bei größeren Unternehmen werden extra Teams aufgesetzt, bis hin zu eigenen Gesellschaften, die sich mit IT und Digitalisierung beschäftigen, abseits der klassischen IT-Abteilungen. Oft versuchen die Firmen darüber, neue Marktfelder und Geschäftsfelder zu erschließen. Das sind die Orte, die besonders innovativ sind. In großen Unternehmen läuft das klassische Geschäft eher konservativ, weil es dort zunächst um Effizienz und darum geht, dass die Produktion läuft. Aber es gibt oft kleinere, sehr innovative Einheiten, innerhalb eines Werks oder als eigene Gesellschaft, die solche Innovationen vorantreiben. Aus meiner Sicht ist das ein super Ort für Ingenieure, um schnell verschiedene Technologien und Anwendungsfälle kennenzulernen, statt in einem Werk zu sein, in dem es vielleicht nur um den Einsatz einer Technologie oder um Effizienzsteigerung geht. Der Tipp ist, zu schauen, wo im Unternehmen die Innovation stattfindet, denn das ist nicht überall gleich.

Tim: Im Konzern gibt es solche Abteilungen. Im kleinen Unternehmen macht sich der Geschäftsführer selbst Gedanken. Welche Impulse hast du für jemanden im Mittelstand, Mitte zwanzig, super ambitioniert?

Tobias: Im Mittelstand ist es anders. Da gibt es selten ein eigenes Team, geschweige denn eine eigene Gesellschaft. Gleichzeitig ist aus meiner Erfahrung und der bei unseren mittelständischen Kunden die Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, dort meist deutlich einfacher. Wie sehr Innovation gefördert wird, ist unterschiedlich: Manche Mittelständler sind eher konservativ und wollen dafür kein Geld ausgeben, andere sind sogar schneller als Großunternehmen, tun sich aber manchmal schwer, es ganzheitlich umzusetzen. Ich glaube, die ehrliche Frage ist: In welchem Unternehmen bin ich, wird dort Innovation gefördert, und wird gefördert, dass auch junge Leute Verantwortung übernehmen? Innovationspotenzial gibt es in jedem Unternehmen, auch im kleinen. Welche Freiheiten man bekommt, das kann und muss man sich zum Teil erarbeiten, aber das Klima, das dort herrscht, ist ein wichtiger Punkt.

Tim: Proaktives Verhalten, Innovationen vorantreiben, und das Umfeld muss passen. Das Thema Vertrieb hatten wir eingangs. Worauf muss sich jemand gefasst machen, der im Mittelstand Vorreiter werden möchte?

Tobias: Sehr wichtig ist, immer im Blick zu haben, wozu das Ganze dient. Das gehört zu gutem Vertrieb: Alles, was man macht, muss am Ende Mehrwert haben. In der Produktion muss man aufpassen, nicht nur Effizienz im Fokus zu haben, sondern auch Flexibilität, Geschwindigkeit oder den Aufbau neuer Marktchancen. Das muss man verkaufen, denn kein Inhaber eines mittelständischen Unternehmens gibt Geld für ein Forschungsprojekt aus, nur weil es toll ist. Am Ende braucht es Nutzen und Mehrwert. Oft gibt es schon bekannte Themen, wo man weiß: Hier sind wir nicht effizient oder flexibel genug, hier müssten wir etwas tun, vielleicht ein neues Angebot für Kunden schaffen. Das sind Bereiche, in denen man relativ einfach vorschlagen kann, etwas anders oder innovativer zu machen, und dann schnell die Möglichkeit bekommt, sich zu beweisen. Natürlich gibt es immer Leute, die vorsichtiger sind und bremsen. Aber wenn man argumentieren kann, warum man etwas macht und was der Nutzen ist, steht man in der Regel gut da.

Tim: Unabhängig davon, wie innovationsaffin ein Unternehmen ist, unterscheidet sich das natürlich. Eine hypothetische Frage: Wenn ich mir die IT-Branche ansehe, mit ihrer unglaublich schnellen Entwicklung, kann es passieren, dass das, was man vor zehn Jahren gelernt hat, kaum noch relevant ist. Siehst du Ähnliches in der Produktion, oder ist das dort anders?

Tobias: Da muss man schon aufpassen. Wenn man sich nicht weiterbildet und in Bereichen ist, die sich stark verändern, wundert man sich in ein paar Jahren, wie schnell sich die Welt gedreht hat. Das wird sich wahrscheinlich noch verstärken, abhängig von Branche und Technologie. Es gibt massive Unterschiede zwischen produzierenden Unternehmen und einzelnen Werken. Da muss man als ganze Firma aufpassen, nicht abgehängt zu werden. Gerade im kleineren und mittelständischen Raum sehen viele das Thema noch stark unter Effizienzsteigerung und Digitalisierung. Aber die Themen, die wir angesprochen haben, sind viel bewegender und umfangreicher.

Tim: Ich kenne viele ambitionierte Ingenieurinnen und Ingenieure, die im Hinterkopf haben: Wenn ich eine Idee hätte, würde ich mich selbstständig machen. Siehst du gerade heiße Themenfelder, bei denen wir in zehn Jahren zurückblicken und sagen: Da sind spannende Unternehmen entstanden?

Tobias: In meinem Fahrwasser der Selbstständigkeit ist der Gedanke „Ich brauche eine Idee“ eigentlich irreführend. Viel wichtiger ist die Frage: Wo liegen die größten Probleme, und wie löse ich sie? Das ist der Kern. Die Idee ist nur das, was das Problem löst. Ganz praktisch: Schaut man auf die IT, findet sie sich in den Fabriken massiv. Es gibt historische Systeme, die schon vor zehn Jahren genutzt wurden und nicht auf dem heutigen Stand sind. So etwas in die neue Welt zu bringen, nicht nur neue Software zu entwickeln, sondern alte Maschinen anzubinden, Schnittstellen zu alten Systemen zu schaffen oder umzuziehen, dafür gibt es riesigen Bedarf. Überall, wo Veränderungsprozesse laufen, braucht es Leute, die sich in der neuen Welt auskennen und den Transfer schaffen.

Tim: Mir wird durch unser Gespräch bewusst: Durch diese großflächigen Veränderungen entstehen unheimlich viele neue Probleme und damit Chancen. Die Unternehmen versuchen zwar, diese Probleme zu lösen, aber bessere Problemlösungen zu erarbeiten und anzubieten, ist der Ansatzpunkt.

Tobias: Aus meiner Sicht gibt es sehr viele Anknüpfungspunkte, auch wenn es schwer ist, aus dem Stegreif konkrete Ideen auf den Tisch zu legen. Für alle Hörer: Wer Interesse an diesem Thema hat, dem bieten sich tausend Chancen. Ich finde an dieser Stelle die Gründerstory von Fritz-Kola passend. Die Gründer haben ein Ideenbuch gestartet und gesagt: Wir wollen uns unbedingt selbstständig machen, wissen aber noch nicht womit. Sie haben angefangen, Probleme und Ideen zu notieren, zu sammeln und zu besprechen. So etwas kannst du in diesem Kontext auch machen. Dann hättest du relativ zügig eine ganze Handvoll ehrlicher Geschäftsideen, denn Probleme und Herausforderungen gibt es im Produktionskontext gerade sehr viele, und damit auch viele Chancen für Leute, die etwas gründen wollen. Dazu kommt, dass die Strukturen immer mehr im Wandel sind: Was ein produzierendes Unternehmen wirklich selbst macht und was nicht, verändert sich. Lohnfertiger etwa müssen sich neu erfinden, weil es immer mehr Plattformen gibt, über die solche Teile für die Produktion gehandelt werden. Das verändert Geschäftsmodelle und schafft Raum für neue Player, für Großunternehmen ebenso wie für Start-ups oder Selbstständige. Manchmal sind es auch kleine Ideen. Mit dem Podcast ist es ähnlich: Es gibt große Komplexität und Unsicherheit, viele haben kaum noch den Überblick über die Technologien. Da war meine Idee, mich mit dem Podcast als persönliches Projekt selbstständig zu machen, um Transparenz zu schaffen: produzierenden Unternehmen zu zeigen, welche Technologien und smarten Konzepte es gibt, und von anderen Werkleitern zu hören, was Best Practices sind, wie man das in so einer volatilen Welt gut macht.

Tim: Für alle Zuhörer, die sich im produzierenden Kontext bewegen, ist dein Podcast wahrscheinlich ein hervorragender Anlaufpunkt, um in diese Welt einzusteigen. Die Komplexität ist gigantisch, und sie erst einmal zu verstehen und die eigenen mentalen Landkarten sukzessive größer werden zu lassen, ist eine der größten ersten Herausforderungen. Das gilt auch für das, was du zum Werkleiter gesagt hast: proaktiv ein Projekt als Mitarbeiter ins Leben rufen. Das geht nur, wenn man nicht aus den Augen verliert, inwieweit es dem Unternehmen hilft und welche Möglichkeiten wir haben, diese Komplexität zu entzerren. Eine allgemeine Frage noch: Was würdest du deinem früheren Ich in den ersten drei Jahren des Berufseinstiegs empfehlen?

Tobias: Ich würde mir empfehlen, mutig zu sein und mir etwas zuzutrauen. Wie gesagt hätte ich mir nicht vorstellen können, gleich eine Vertriebsleitung zu übernehmen, und hatte großen Respekt davor. Je mehr man selbst wächst und Leute kennenlernt, die Geschäftsführer sind, in allen möglichen Unternehmen, desto mehr merkt man: Die kochen alle nur mit Wasser. Man verliert die Scheu und fragt sich, warum man immer so viel Respekt davor hatte. Respekt ist grundsätzlich gut, aber man darf sich viel mehr zutrauen, als man denkt. Man überschätzt die Titel und die Namen großer Firmen und das, was dahintersteckt. Das würde ich mir raten. Und ich würde sagen: Mach auf jeden Fall das duale Studium. Es ist super, wenn du viel Praxiserfahrung sammelst, nicht nur in der Theorie bleibst, sondern ausprobierst und viele verschiedene produzierende Unternehmen kennenlernst. Für mich war es eine große Frage, ob ich zu einem großen Namen gehe oder zum kleinen Ingenieurbüro, das erst unattraktiver wirkte, aber am Ende die richtige Entscheidung war.

Tim: Dieser praktische Fokus, direkt in die Praxis zu springen, geht für mich Hand in Hand mit dem Thema Mut: Mut zum Gestalten, Mut zur Selbstständigkeit oder einfach, ein Projekt voranzutreiben und sich vor seine Vorgesetzten zu stellen mit einer Idee und dem Risiko, dass sie abgelehnt wird. Wo siehst du dich in zehn Jahren?

Tobias: Ehrlich gesagt weiß ich nicht, wo ich in zehn Jahren bin, ich habe keinen festen Fahrplan. Ich weiß, was mir wichtig ist und welcher Job mir Spaß macht. Ganz praktisch mache ich zum Jahreswechsel einen beruflichen Schritt, verbunden mit einem Unternehmenswechsel, mehr Verantwortung und einem anderen Bereich. Ich werde ganz andere Fabriken kennenlernen, in denen ich heute weniger unterwegs bin. Im Fabrikkontext bin ich ziemlich sicher auch in zehn Jahren noch unterwegs, das wird eine Konstante sein. Und ich werde weiter einen großen Schwerpunkt auf Networking legen, Beziehungen aufbauen, Leute zusammenbringen, gemeinsam Fabriken nach vorn bringen. Ob ich in zehn Jahren noch einen Podcast mache oder ein anderes Format, weiß ich nicht, aber das Anliegen, etwas nicht nur für mich, sondern für eine breitere Öffentlichkeit voranzutreiben, das bleibt. Stand heute macht mir das viel Spaß.

Tim: Was bei deinem Werdegang durchklingt, ist dieses Thema Verkaufen beziehungsweise Kontakt suchen, auch der Austausch im Podcast. Mut nicht nur zum Gestalten, sondern auch zum Austausch. Das ist ein wichtiger Aspekt, den ich auch aus der Selbstständigkeit gelernt habe: den Mut aufzubringen, Gleichgesinnte um sich zu scharen, um gemeinsam zu gestalten. Tobias, wo und wie kann man mit dir Kontakt aufnehmen?

Tobias: Am besten vernetzt man sich mit mir auf LinkedIn. Wenn du reingehört hast, schreib mir einfach eine Kontaktanfrage und dazu: Hey, ich habe dich beim Podcast gehört und möchte mich gern vernetzen. Darüber freue ich mich sehr, und ich freue mich auch auf den Austausch. Mir ist wichtig, dass wir nicht nur vernetzt sind, sondern wirklich ins Gespräch kommen. Das Thema Fabrik der Zukunft kann keine Person allein bewältigen, auch nicht hundert. Wir brauchen jeden, der Lust hat mitzugestalten. Wenn das ein Thema für dich ist oder du Fragen hast oder einen konkreten Tipp möchtest, schreib mich gern an. Wenn ich dich voranbringen kann, freut mich das.

Tim: Zum Abschluss: Wer sollte jetzt gleich in den „Fabrik der Zukunft“-Podcast reinhören?

Tobias: Alle Ingenieure, die im Produktions- oder Logistikumfeld unterwegs sind. Ich formuliere es jedes Mal so: Die Zielgruppe meines Podcasts sind Verantwortungsträger, Leute, die Verantwortung übernehmen und die Fabrik nach vorn bringen wollen. Das ist für mich nicht an einen Titel geknüpft, sondern eine Frage der Haltung. Ob das eine Montagelinie ist, ein kleines Team im Qualitätsbereich, ein Digitalisierungsprojekt oder die komplette Verantwortung für viele Werke als COO eines Konzerns, diese ganze Bandbreite ist dabei und findet sich im Podcast wieder.

Tim: Sehr gut, das kann ich wirklich empfehlen. Spannende Interviews, spannendes Team. Vielen Dank, Tobias, das hat Spaß gemacht.

Tobias: Vielen Dank für das interessante Gespräch, es hat auch mir viel Spaß gemacht.

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Über den Host

Tim Schmaddebeck entwickelt ambitionierte Ingenieure zu strategischen Leadern. Er ist Autor von No Zero Days und schreibt über Karriere, Führung und Strategie.

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