Lange hielt ich künstliche Intelligenz für ein nettes Science-Fiction-Konzept. Nach intensiver Recherche denke ich radikal anders – ausgelöst vor allem durch Tim Urbans Artikel „The AI Revolution“ auf Wait But Why, geschrieben 2015 und aktueller denn je. Wir stehen vor dem größten technologischen Wandel in der Geschichte der Menschheit.
In dieser Folge ordne ich die KI-Revolution historisch ein – von der neolithischen über die industrielle bis zur digitalen Revolution –, erkläre Ray Kurzweils „Law of Accelerating Returns“ und warum gerade ambitionierte, optimistische Ingenieure diese Zukunft gestalten werden.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- Vier Revolutionen: neolithische (Landwirtschaft), industrielle (1750), digitale (1989, World Wide Web) – und jetzt die KI-Revolution.
- Fortschritt beschleunigt sich: Jede Epoche brachte mehr Fortschritt in kürzerer Zeit – heute ist die Welt extrem vernetzt.
- Law of Accelerating Returns (Ray Kurzweil): Im 21. Jahrhundert erleben wir ~1000-mal mehr technologischen Fortschritt als im 20.
- Wir unterschätzen exponentielles Wachstum – unser Gehirn denkt linear, die Realität verläuft exponentiell.
- Unzählige Chancen: neue Geschäftsmodelle, Berufe (z. B. Prompt Engineering) und Anwendungen, die wir uns heute kaum vorstellen können.
- Die Zukunft ist kein passives Erlebnis: Sie wird von optimistischen Intrapreneuren mit technischem und unternehmerischem Denken gestaltet.
KI-Revolution: die Kernidee
Vier Revolutionen in der Geschichte des Fortschritts
Tim Urban zeigt den Fortschritt der Menschheit als lange, fast flache Kurve mit einem steilen Knick am Ende – genau dort, wo wir heute stehen. In der Steinzeit passierte über Jahrtausende kaum etwas. Vor rund 12.000 Jahren kam die neolithische Revolution: Nomaden wurden sesshaft, und innerhalb weniger Jahrzehnte explodierten die Innovationen. Danach stagnierte der Fortschritt wieder – ein Bauer im Jahr 880 lebte technologisch kaum anders als einer im Jahr 1500. Um 1750 folgte die industrielle Revolution (Dampfmaschine, Massenproduktion, Auto, Flugzeug) – die Grundlage des heutigen Wohlstands. Und 1989 leitete das World Wide Web (Tim Berners-Lee, CERN) die digitale Revolution ein, an deren Anfang wir noch stehen.
Das Gesetz der beschleunigten Erträge
Fällt dir etwas auf? Der Fortschritt wird immer schneller. Die Menschheit des 19. Jahrhunderts wusste mehr und hatte bessere Werkzeuge als die des 15. – und konnte deshalb viel mehr bewegen. Heute ist die Welt extrem vernetzt, jeder Mensch hat unzählige Tools, um Fortschritt voranzutreiben. Der Zukunftsforscher Ray Kurzweil nennt das die Law of Accelerating Returns und leitet daraus eine verblüffende These ab: Im 21. Jahrhundert werden wir rund 1000-mal mehr technologischen Fortschritt erleben als im 20. Selbst wenn das nur ansatzweise stimmt, wird sich weit mehr verändern, als wir intuitiv erwarten – denn unser Gehirn tut sich enorm schwer damit, exponentielles Wachstum zu greifen.
Ein Vorgeschmack – und was kommt
Was wir mit ChatGPT erleben, ist erst der Anfang. Automatisierung von Routineaufgaben, komplexere Entscheidungen, autonome Mobilität und Logistik, neue Geschäftsmodelle und ganze Berufe, die es vorher nicht gab (etwa Prompt Engineering), bessere medizinische Diagnostik – KI wird in nahezu jedem Lebensbereich eine entscheidende Rolle spielen. Wichtig: Es geht nicht um Industrie 4.0 (die Digitalisierung der Produktion), sondern um eine Revolution, die den Fortschritt der Menschheit insgesamt vorantreibt. Wie frühere Revolutionen löst sie das Vorherige nicht ab, sondern durchdringt es – Landwirtschaft und Industrie existieren weiter, nur effizienter.
Warum Ingenieure diese Zukunft gestalten
Es waren Ingenieure – im Herzen, auch ohne Abschluss –, die Landwirtschaft und Industrie revolutioniert haben. Auch die Welt von morgen werden Ingenieure gestalten: aber nicht irgendwelche, sondern die optimistischen, die den Mut haben, anders zu denken, Initiative ergreifen und kalkulierte Risiken eingehen – kurz: die Intrapreneure. Der Schlüssel liegt in der Kombination aus technischem Wissen, analytischem Denken, unternehmerischem Mindset und einer optimistischen, zukunftsweisenden Einstellung. Du musst kein KI-Experte werden; entscheidend ist, ein Verständnis für die großen Entwicklungen zu entwickeln. Die Zukunft ist kein passives Erlebnis, das uns widerfährt – sie wird von Menschen wie dir gestaltet.
Diese Folge ist die große Zukunfts-Perspektive – wie du generell „upstream“ und in großen Zusammenhängen denkst, vertieft Big Picture Thinking. Wie ein Pionier wie Tesla daraus eine langfristige Strategie macht, zeigt Tesla Masterplan. Und warum kontinuierliches Lernen dein bester Schutz gegen exponentiellen Wandel ist, hörst du in In sich selbst investieren.
Häufige Fragen zur KI-Revolution
Was ist die KI-Revolution? Die nächste große Welle des technologischen Fortschritts nach der neolithischen, industriellen und digitalen Revolution. Künstliche Intelligenz durchdringt nahezu jeden Lebensbereich und treibt den Fortschritt der Menschheit insgesamt voran – wir stehen erst am Anfang.
Warum ist die KI-Revolution eine Chance und keine Bedrohung? Weil sie unzählige neue Geschäftsmodelle, Berufe und Anwendungen schafft. Pessimisten gab es in jeder Epoche; faktisch ist die Welt heute sicherer und wohlhabender als je zuvor (siehe „Factfulness“). Wer optimistisch und unternehmerisch denkt, kann diese Zukunft aktiv mitgestalten.
Was bedeutet das Law of Accelerating Returns? Ray Kurzweils These, dass sich der technologische Fortschritt selbst beschleunigt: Im 21. Jahrhundert erleben wir rund 1000-mal mehr Fortschritt als im 20. Wir unterschätzen das massiv, weil unser Gehirn linear statt exponentiell denkt.
Muss ich als Ingenieur KI-Experte werden? Nein. Entscheidend ist nicht tiefes Spezialwissen, sondern ein Verständnis für die großen Entwicklungen plus die Kombination aus technischem, analytischem und unternehmerischem Denken und einer optimistischen Haltung. So nutzt du die Chancen, die sich aus der KI-Revolution ergeben.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- Tim Urban – „The AI Revolution“ (Wait But Why, 2015): die Visualisierung des exponentiellen Fortschritts.
- Ray Kurzweil – Law of Accelerating Returns: warum sich technologischer Fortschritt selbst beschleunigt.
- Hans Rosling – Factfulness: faktenbasierter Optimismus über den Zustand der Welt.
Diese Folge gehört zum Thema Strategie für Ingenieure und Business für Ingenieure.
Transkript
Herzlich willkommen zu dieser Folge über die Chancen der KI-Revolution. Ich weiß nicht, wie es dir geht – ich hielt das Thema künstliche Intelligenz lange für ein nettes Science-Fiction-Konzept. Klar, mit der Veröffentlichung von ChatGPT ist viel passiert, aber nach ein paar Tagen intensiver Recherche denke ich radikal anders darüber. Besonders ans Herz legen möchte ich dir den Artikel „The AI Revolution“ von Tim Urban auf dem Blog Wait But Why – aus dem Jahr 2015, also acht Jahre alt, und er könnte aktueller nicht sein. Diese Entwicklung ist nicht von heute auf morgen passiert; im Hintergrund lief jahrelang sehr viel.
Ein Bild aus diesem Artikel hat meine Sicht auf die Welt grundlegend verändert. Stell dir eine Kurve vor: auf der einen Achse der Fortschritt der Menschheit, auf der anderen die Zeit. Über Jahrtausende verläuft die Kurve fast flach und leicht steigend – und ganz am Ende, wo ein kleines Männchen steht, gibt es einen Knick, einen extrem steilen Anstieg nach oben. Genau dort stehen wir. Tim Urban will damit sagen: Wir stehen vor der bislang größten technologischen Entwicklung in der Geschichte der Menschheit.
Dazu ein Blick in die Vergangenheit, in die Steinzeit. Menschen zogen als Nomaden in kleinen Gruppen umher, jagten und sammelten. Technologischer Fortschritt: über Jahrtausende fast Fehlanzeige – abgesehen von Feuer und banalen Werkzeugen. Vor knapp 12.000 Jahren änderte sich das schlagartig durch die neolithische Revolution: Nomaden wurden sesshaft, legten Äcker an und züchteten Vieh. Innerhalb weniger Jahrzehnte entstanden tausende Innovationen – eine Explosion des Fortschritts für damalige Verhältnisse. Danach flachte der Fortschritt wieder ab: Ein Bauer im Jahr 880 nach Christus hatte im Grunde dieselben Technologien wie einer im Jahr 1500 – 620 Jahre fast Stillstand. Um 1750 kam die nächste Explosion: die industrielle Revolution. Dampfmaschine, Dampflokomotive, Massenproduktion, später Auto, Flugzeug, Fernseher, Raketen – der Wohlstand der gesamten westlichen Welt hat hier seinen Ursprung. Und 1989 erfanden Tim Berners-Lee und Robert Cailliau am CERN in Genf das World Wide Web und leiteten damit die digitale Revolution ein – an deren Anfang wir noch stehen.
Fällt dir etwas auf? Der technologische Fortschritt wird immer schneller. Die Menschheit des 19. Jahrhunderts hatte bessere Technologien als die des 15. und machte deshalb weitaus mehr Fortschritte. Heute ist die Welt extrem vernetzt, und jeder Mensch hat unzählige Tools, um Fortschritt voranzutreiben – ganz anders als vor 1000 Jahren. Der Zukunftsforscher Ray Kurzweil nennt dieses Phänomen die Law of Accelerating Returns, das Gesetz der beschleunigten Erträge. Daraus leitet er eine verblüffende These ab: Wir werden im 21. Jahrhundert rund 1000-mal mehr technologischen Fortschritt erleben als im 20. Jahrhundert. Selbst wenn diese Prognose nur ansatzweise stimmt, wird sich viel mehr verändern, als du und ich intuitiv erwarten – denn unser Gehirn tut sich unheimlich schwer damit, exponentielles Wachstum zu greifen. Blickt man auf das erste Viertel dieses Jahrhunderts zurück, war der Fortschritt schon beeindruckend; der gleiche Fortschritt der letzten 25 Jahre wird sich in den nächsten 10 wiederholen.
Wichtig: Mit digitaler Revolution meine ich nicht Industrie 4.0. Industrie 4.0 bedeutet die Digitalisierung der Industrie und Produktion – Robotik, Vernetzung, die Fabrik der Zukunft. Worüber ich spreche, ist die übergreifende Revolution, die den technologischen Fortschritt der Menschheit insgesamt vorantreibt. Wie frühere Revolutionen löst sie das Vorherige nicht ab: Es gibt weiter Landwirtschaft und Industrie, nur durchdrungen von neuen Technologien und dadurch effizienter. Was wir mit ChatGPT erleben, ist nur ein Vorgeschmack: Automatisierung von Routineaufgaben, komplexere Entscheidungen, autonome Mobilität und Logistik, neue Geschäftsmodelle und Arbeitsplätze. Allein durch ChatGPT ist ein neues Feld entstanden – Prompt Engineering, die Kunst, einer KI den richtigen Befehl (Prompt) zu geben. Dazu bessere medizinische Diagnostik, Nanotechnologie und vieles mehr. KI wird in nahezu jedem Bereich unseres Lebens eine entscheidende Rolle spielen, und wir sind erst am Anfang.
Daraus ergeben sich tausende Möglichkeiten, mitzuwirken und diese Zukunft mitzuprägen. Es waren Ingenieure – im Herzen, auch ohne akademischen Abschluss –, die vor 12.000 Jahren die Landwirtschaft und vor 250 Jahren die Industrie revolutioniert haben. Und es werden Ingenieure sein, die die Welt von morgen gestalten – aber nicht irgendwelche, sondern die optimistischen: die den Mut haben, anders zu denken, Initiative zu ergreifen und gewisse Risiken einzugehen. Kurz: die Intrapreneure. Der Schlüssel liegt in der Kombination aus technischem Wissen, analytischem Denken, unternehmerischem Denken und einer optimistischen, zukunftsweisenden Einstellung. Es gibt viele Pessimisten – die gab es in jedem Zeitalter. Ich glaube nicht an sie. Klar gibt es Risiken, aber faktenbasiert ist die Welt so sicher und wohlhabend, mit so wenig Armut und Krieg wie nie zuvor. Wer daran zweifelt, dem empfehle ich das Buch Factfulness.
Die Zukunft ist kein passives Erlebnis, das uns widerfährt – sie wird von Menschen wie dir und mir gestaltet, von Intrapreneuren. Du musst kein KI-Experte werden; entscheidend ist ein Verständnis für die größten Entwicklungen des technologischen Fortschritts. Übrigens hat es einen Grund, dass viele der erfolgreichsten Unternehmer in jungen Jahren viel Science-Fiction gelesen haben – von Elon Musk bis Jeff Bezos: Menschen, die gespannt auf die Zukunft sind und aktiv daran mitarbeiten, dass der Fortschritt uns allen zugutekommt. Ich bin gespannt, was da auf uns zukommt – gerade als Mensch mit Ingenieurs-Background ist das eine aufregende Zeit. Liebe Grüße aus Hamburg, dein Tim.
