Alles begann 1902 in Minnesota: fünf Gründer, eine unspektakuläre Idee – Schleifpapier. Gut 120 Jahre später ist daraus ein Konzern mit rund 95.000 Mitarbeitern und über 100.000 Patenten geworden. Die Rede ist von 3M.
Hinter diesem Erfolg steckt kein Zufall, sondern eine bewusst gebaute Innovationskultur – und ein Mann, der sie über 60 Jahre geprägt hat. Seine zwei wichtigsten Ideen sind so wirksam, dass Google, Apple und LinkedIn sie bis heute kopieren.
Die wichtigsten Erkenntnisse
- 3M ist eines der innovativsten Unternehmen der Welt. Aus einer Schleifpapier-Firma von 1902 wurde ein Konzern mit ~95.000 Mitarbeitern und über 100.000 Patenten – der Kern ist eine Innovationskultur.
- William McKnight prägte diese Kultur. Er arbeitete sich vom Hilfsbuchhalter (1907) bis zum Präsidenten (1929) hoch und formte über 60 Jahre die Werte, die bei 3M bis heute gelten.
- Idee 1 – Gewinnbeteiligung. McKnight führte Profit Sharing 1916 für Schlüsselkräfte und 1937 für alle Mitarbeiter ein – rund 100 Jahre vor dem heutigen „Empowerment“-Trend.
- Idee 2 – die 15-Prozent-Regel. Jeder Mitarbeiter durfte 15 % der Arbeitszeit für eigene Ideen nutzen. Daraus entstand unter anderem das Post-it.
- Das Prinzip dahinter: Freiraum statt Zäune. „If you put fences around people, you get sheep.“ Wer Menschen Raum gibt, bekommt Eigeninitiative statt Schafe.
Innovationskultur bei 3M im Detail
Vom Schleifpapier zum innovativsten Konzern der Welt. 3M – ausgeschrieben Minnesota Mining and Manufacturing – startete 1902 mit fünf Gründern und einer wenig glamourösen Idee: Schleifpapier. Heute ist es ein Milliardenkonzern mit rund 95.000 Mitarbeitern, der 2014 sein 100.000stes Patent anmeldete und über die Jahrzehnte Zehntausende Produkte hervorgebracht hat. Nicht jedes war ein Erfolg – aber die schiere Innovationskraft über ein ganzes Jahrhundert ist das eigentliche Erfolgsrezept.
William McKnight: der Mann hinter der Kultur. McKnight begann 1907 als Hilfsbuchhalter – ein einfacher Assistent, fünf Jahre nach der Gründung. Er brachte sich stark und proaktiv ein, wurde Verkaufsleiter, General Manager, 1929 Präsident und später Aufsichtsratsvorsitzender. Über 60 Jahre prägte er 3M wie kein anderer und legte Mitte des 20. Jahrhunderts die Werte und Leitlinien fest, die bis heute gelten. Genau deshalb taucht 3M in Jim Collins‘ Buch „Built to Last“ auf. McKnight war der Prototyp des Intrapreneurs: jemand, der im Unternehmen dachte und handelte wie ein Unternehmer.
Idee 1: Gewinnbeteiligung. Man muss sich das auf der Zunge zergehen lassen: Schon 1916 führte McKnight – damals noch General Manager – Profit Sharing für seine wichtigsten Mitarbeiter ein. 1937, inzwischen Präsident, rollte er die Gewinnbeteiligung flächendeckend für alle aus. Für viele Unternehmen klingt das bis heute wie moderne Mitarbeiterführung. McKnight hat vor 100 Jahren bewiesen, dass es funktioniert.
Idee 2: die 15-Prozent-Regel. Jeder 3M-Mitarbeiter sollte 15 % seiner Arbeitszeit für eigene innovative Ideen und Projekte verwenden – nicht für die normalen Aufgaben. In einer Zeit, in der Henry Fords getaktete Fließbandarbeit das Maß aller Dinge war, klang das absurd. McKnight ging es nicht um noch mehr Effizienz, sondern darum, die Innovationskraft aller anzuzapfen. Aus dieser freien Zeit entstand das Post-it (von Arthur Fry). Heute heißt das Prinzip „Side Project Time“ und ist bei Google (so entstand Gmail), Apple und LinkedIn verbreitet.
Das Prinzip dahinter: Freiraum statt Zäune. McKnights Grundüberzeugung bringt ein Zitat auf den Punkt: „Good people want to do the job in their own way. If you put fences around people, you get sheep.“ Gute Leute wollen ihren Job selbst gestalten. Wer Zäune um seine Mitarbeiter baut, bekommt Schafe – wer ihnen Raum gibt, bekommt Eigeninitiative. Richard Branson hat den Gedanken ergänzt: Der Unternehmer bringt eine Firma in Gang, aber für gesundes Wachstum braucht es viele Menschen, die von innen heraus neue Projekte anstoßen.
Was Ingenieure daraus mitnehmen. Innovationskultur ist kein Zufall, sondern eine Entscheidung: Freiräume schaffen, Eigeninitiative belohnen, Menschen an Ergebnissen beteiligen. Auch ohne Konzern-Mandat kannst du in deinem Team einen kleinen 3M-Effekt erzeugen – indem du dir und anderen bewusst Zeit für eigene Ideen freihältst.
Wie sich Kultur systematisch bauen lässt, vertiefe ich in Unternehmenskultur. Ein weiteres Beispiel für radikale Freiräume beschreibe ich in Unternehmen ohne Hierarchien. Welche Denkweise hinter dem 3M-Erfolg steckt, zeige ich in Unternehmerisch denken. Und warum manche Firmen über Jahrzehnte Spitze bleiben, hörst du in Hidden Champion.
Häufige Fragen zur Innovationskultur
Was ist eine Innovationskultur? Eine Innovationskultur ist ein Arbeitsumfeld, das Eigeninitiative und neue Ideen systematisch fördert – durch Freiräume, Beteiligung und Vertrauen statt enger Kontrolle. 3M gilt als Paradebeispiel: Die Kultur trägt das Unternehmen seit über 100 Jahren.
Was ist die 15-Prozent-Regel von 3M? Bei 3M darf jeder Mitarbeiter rund 15 % der Arbeitszeit für eigene innovative Projekte statt für die regulären Aufgaben nutzen. Aus dieser freien Zeit entstand unter anderem das Post-it. Google, Apple und LinkedIn haben das Prinzip als „Side Project Time“ übernommen.
Wer war William McKnight? William McKnight begann 1907 als Hilfsbuchhalter bei 3M und wurde 1929 Präsident. Über 60 Jahre prägte er das Unternehmen und legte die Werte fest, die bis heute gelten – darunter Gewinnbeteiligung und die 15-Prozent-Regel. Er gilt als einer der prägendsten Intrapreneure des 20. Jahrhunderts.
Welches Unternehmen gilt als das innovativste der Welt? 3M wird häufig so genannt – mit über 100.000 Patenten und Zehntausenden Produkten aus mehr als 120 Jahren. Grund ist die tief verankerte Innovationskultur, nicht ein einzelnes Produkt.
Bücher & Ressourcen aus der Folge
- Jim Collins – Built to Last: untersucht, warum manche Unternehmen über Generationen Spitze bleiben – 3M ist eines der zentralen Beispiele, und das „Vision Framework“ liefert den Rahmen dazu.
Weitere Titel dazu findest du in meinen Buchempfehlungen zur Unternehmensführung.
Diese Folge gehört zum Thema Business.
Transkript
Herzlich willkommen zur Folge Nummer 147: 95.000 Intrapreneure und das innovativste Unternehmen der Welt. Alles fing 1902 im US-Bundesstaat Minnesota an. Fünf ambitionierte Gründer und eine unspektakuläre Idee, nicht gerade sexy: Schleifpapier. Über 120 Jahre später ist aus diesem unbedeutenden Kleinunternehmen ein Konzern mit 35 Milliarden US-Dollar Umsatz und 95.000 Mitarbeitern gewachsen.
Bevor ich dir verrate, um welches Unternehmen es sich handelt, eine kurze Backstory. Ich habe gerade das Buch „Built to Last“ von Jim Collins gelesen. Es ist ziemlich erfrischend, es stecken einige gute Gedanken drin. Das eine oder andere ist vielleicht nicht ganz so praktisch umsetzbar. Es handelt sich um das sogenannte Vision Framework, wie er es nennt. Sehr viel geht in die Richtung Leitbild, Vision, Mission, Werte eines Unternehmens. Das kann sehr spannend sein, wenn man in der richtigen Rolle ist, um das zu beeinflussen. Ansonsten kann es auch sehr trocken und theoretisch sein. Aber es waren, wie gesagt, einige gute Stories darin. Jim Collins ist bekannt als guter Storyteller, und eine dieser Storys möchte ich heute mit dir teilen.
Es handelt sich um das Unternehmen 3M, ausgeschrieben Minnesota Mining and Manufacturing Company. 3M ist nicht nur eines der innovativsten Unternehmen der Welt. 2014 hat 3M das hunderttausendste Patent angemeldet. Für diese Folge besonders relevant: 3M hat auch einen der größten Intrapreneure des 20. Jahrhunderts hervorgebracht, nämlich William McKnight. Den kennst du wahrscheinlich nicht, ich hatte zu der Zeit auch noch nie von ihm gehört. Aber ich habe mich ein bisschen eingelesen und festgestellt: William McKnight war eine ziemlich bemerkenswerte, beeindruckende Persönlichkeit.
Ich fange mal ganz vorne an. McKnight startete 1907 als Hilfsbuchhalter bei 3M, ganze fünf Jahre nach der Gründung des Unternehmens. Es war also noch in den Anfängen. Als Hilfsbuchhalter war er wirklich nur ein Assistent. Doch dann hat er sich relativ schnell gemausert, sehr proaktiv. Er hat sich stark eingebracht und war schon bald Leiter eines Verkaufsbüros in Chicago. Dann hat er richtig den Turbo gezündet. 1914 war er General Manager, 1916 bereits Vizepräsident des Unternehmens. 1929 wurde er Präsident, also derjenige, der im Managementkreis das meiste zu sagen hatte. Gerade als Intrapreneur hat er das Unternehmen über 64 Jahre lang so stark geprägt wie kein anderer. Mitte des 20. Jahrhunderts, etwa 1948 oder 1949, hat er die grundlegenden Werte und Leitlinien des Unternehmens festgehalten. Das ist unter anderem der Grund, warum Jim Collins ihn in seinem Buch „Built to Last“ erwähnt. Und diese Werte gelten noch heute. Der Grundstein wurde vor 50, 60, 70 Jahren gelegt.
Ich möchte zwei Ideen mit dir teilen, die McKnight umgesetzt hat. Man darf nicht vergessen: Das Ganze ist knapp hundert Jahre her. Idee Nummer eins ist von 1916. Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Damals war er noch in der Funktion des General Managers und hat das Thema Profit Sharing für einige seiner wichtigsten Mitarbeiter eingeführt. 1937, als er Präsident des gesamten Unternehmens war, hat er das Profit Sharing, also die Gewinnbeteiligung, flächendeckend für alle Mitarbeiter ausgerollt. Heute, knapp hundert Jahre nachdem McKnight das Profit Sharing eingeführt hat, ist das für viele Unternehmen immer noch ein Fremdwort. Oder es klingt wie eine ganz moderne Form der Mitarbeiterführung, ein Empowerment-Thema, das ganz modern daherkommt. McKnight hat schon vor hundert Jahren bewiesen, dass dieses Konzept sehr gut funktionieren kann, denn 3M hat entsprechend viele Erfolge zu verzeichnen.
Falls du 3M nicht so auf dem Schirm hast: 3M ist natürlich sehr stark in der Industrie verzahnt, wie gesagt, Schleifpapier und Co. Darum hat sich vieles entwickelt. Ich habe schon gesagt: hunderttausend Patente. 3M hat zehntausende Produkte, die sie über die Jahrzehnte hinweg verkauft haben. Da gab es natürlich immer Kassenschlager und andere Produkte, die nicht funktioniert haben. Aber diese extreme Innovationskraft, die über ein Jahrhundert hinweg für dieses krasse Wachstum gesorgt hat, das ist am Ende das Erfolgsrezept von 3M.
Die zweite Idee, die auch sehr innovativ war und die heute viele kopieren, ist die sogenannte 15-Prozent-Regel. Auch sie kam aus der Zeit von William McKnight und ist ganz fest in der Innovationskultur von 3M verankert. Alle 3M-Mitarbeiter sollen 15 Prozent ihrer Arbeitszeit mit innovativen Ideen und Projekten verbringen und nicht mit ihren normalen Aufgaben. Damals klang das für viele Zweifler natürlich vollkommen absurd. Gerade wenn man sich an diese Zeit zurückerinnert: Bei Henry Ford war alles in der Produktion mit dem Ford Model T sehr klar getaktet. Da ging es um Produktivitätsthemen, um extreme Effizienzsteigerungen. Wie kann man noch mehr aus der Arbeitsleistung des Arbeitnehmers herausholen? Das stand bei vielen Unternehmern auf der Agenda. Bei William McKnight nicht. Ihm ging es viel um Empowerment, darum, die Innovationskraft aller Mitarbeiter anzuzapfen und anzukurbeln, und eben diese 15-Prozent-Regel einzuführen.
Heute gibt es tatsächlich auch einen Wikipedia-Artikel dazu. Das Ganze nennt sich Side Project Time, also Zeit für Nebenprojekte, und ist bei Unternehmen wie Google, Apple, LinkedIn und Co sehr weit verbreitet. Und ein Beispiel wirst du garantiert kennen: Während einer solchen freien Zeit hat Arthur Fry das Post-it entwickelt. Das Post-it ist genau in so einer Zeit entstanden, es kommt ursprünglich von 3M. Man kann sich kaum vorstellen, dass sich jemand ein Produkt einfach ausgedacht hat, aber genau so war es. Arthur Fry hat das Post-it in dieser freien Zeit eigenständig entwickelt. Es gibt noch viele weitere Beispiele. Bei Google zum Beispiel gibt es ein ganz ähnliches: Gmail. Auch Gmail ist ein bekanntes Beispiel für ein solches Projekt, das jemand einfach gestartet hat, weil er freie Zeit hatte, um sich mit innovativen Ideen und Projekten auseinanderzusetzen.
Ich habe auch schon eine Folge zum Thema flache Hierarchien veröffentlicht, die Nummer habe ich leider nicht mehr im Kopf. Dort geht es um ein anderes Beispiel eines Unternehmens, in dem es sehr viele Freiheitsgrade gibt. Für viele ist das schwer zu greifen. Aber schon 3M hat mit der 15-Prozent-Regel bewiesen, dass so etwas die Innovationskraft sehr stark fördern kann und dadurch im Umkehrschluss auch den Umsatz ankurbelt. Damals hätte niemand gedacht, dass diese Regel der Kultur von 3M weltweite Bekanntheit verschaffen würde.
McKnight war bekannt für seinen Mut, innovative Ideen umzusetzen. Er war nicht nur selbst ein außergewöhnlicher Unternehmer, sondern glaubte auch zutiefst daran, dass jeder genau so arbeiten sollte. Das ist übrigens auch der Titel dieser Folge: 95.000 Intrapreneure ist ein Hinweis darauf, dass die Kultur bei 3M auf Unternehmertum ausgelegt ist. William McKnights erste Mission bestand darin, selbst als Intrapreneur seine eigene, persönliche und berufliche Entwicklung voranzutreiben. Durch dieses Intrapreneur-Dasein hat er sich sehr proaktiv im Unternehmen eingebracht und rückblickend als bekannteste Persönlichkeit das Unternehmen maßgeblich geformt. Und der zweite Gedanke: Er hat die gesamte Kultur darauf ausgerichtet, weil er so fest daran geglaubt hat, dass Intrapreneurship genau der richtige Weg ist, um ein Unternehmen zum Erfolg zu führen.
Ein Zitat von William McKnight: „Good people want to do the job in their own way. If you put fences around people, you get sheep. Give the people the room they need.“ Gute Leute wollen ihren Job selbst gestalten, Eigeninitiative einbringen und ihre Arbeit wirklich zu ihrer eigenen machen. Und wer einen Zaun um seine Mitarbeiter baut, der hat Schafe. Man sollte also Freiräume geben, denn man braucht Eigeninitiative von allen Beteiligten. Unternehmen brauchen den Intrapreneur, damit sie das Unternehmenswachstum weiter vorantreiben können. Genau aus diesem Grund legte William McKnight den Grundstein für eine Kultur des unternehmerischen Denkens bei 3M, die auch heute noch besteht. Er ebnete den Weg für viele weitere Intrapreneure bei 3M.
Zu guter Letzt möchte ich dir ein Zitat von Sir Richard Branson mitgeben, einem sehr bekannten Unternehmer. Die Überschrift dieses Zitats lautet: Unternehmer wünschen sich kleine Brüder und Schwestern. Er hat gesagt: Viele Millionen Menschen sind stolz auf ihren Titel als Unternehmer. Der kleine Bruder oder die kleine Schwester des Unternehmers, der Intrapreneur, erhält hingegen noch nicht annähernd die Aufmerksamkeit, die er verdient. Es stimmt zwar, dass jedes Unternehmen einen Unternehmer braucht, um es in Gang zu bringen. Aber für ein gesundes Wachstum sind auch zahlreiche Intrapreneure erforderlich, die neue Projekte anstoßen und die Unternehmensentwicklung vorantreiben.
Das passt sehr gut zur Geschichte von 3M. Die Erfolgsgeschichte von 3M ist eine Erfolgsgeschichte des Unternehmertums, sehr eng verbunden mit William McKnight. Ich hoffe, da waren Impulse für dich dabei, aus dieser kurzen, knackigen Story rund um William McKnight. Von hier aus kannst du natürlich tiefer in die ganze Thematik rund um 3M und William McKnight einsteigen.